Suche nach Titel, AutorIn, RezensentIn, Verlag, ISBN/EAN, Schlagwort
socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Ulrich Pfeiffer (Hrsg.): Eine neosoziale Zukunft

Rezensiert von Andreas Ploog, 30.04.2010

Cover Ulrich  Pfeiffer (Hrsg.): Eine neosoziale Zukunft ISBN 978-3-531-17043-5

Ulrich Pfeiffer (Hrsg.): Eine neosoziale Zukunft. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2010. 242 Seiten. ISBN 978-3-531-17043-5. D: 24,90 EUR, A: 25,60 EUR, CH: 42,50 sFr.
Weitere Informationen bei DNB KVK GVK.

Kaufen beim socialnet Buchversand

Herausgeber

Herausgeber ist der Ökonom Ulrich Pfeiffer. 1989 hat Ulrich Pfeiffer das Beratungsunternehmen empirica in Bonn, dessen Geschäftsführer er heute ist, mitbegründet.

Thema

In den letzten Jahren deutet sich ein Trend an, die Zukunft des Sozial- und Wohlfahrtsstaates eher kritisch zu betrachten. Dieser Band nimmt dabei nicht nur kritisch in den Blick was einen Sozialstaat auszeichnet, sondern auch wie er möglich wird und gestaltet werden kann. Das Buch kreist folglich um das Thema Reform und Zukunft des Sozialstaats. Zentrale Fragestellung lautet: Welche Reformen sind nötig und notwendig, um auch zukünftig, in 20 oder 30 Jahren soziale Sicherheit anzubieten.

Der Herausgeber und die Mitautoren „sind skeptisch gegenüber vielen Erscheinungsformen des alten zu bürokratischen und in weiten Teilen zu wenig effektiven Sozial- und Bildungsstaats“. Es darf nicht einfach so weiter gehen wie bisher, sondern ein Umdenken in nahezu allen Lebensbereichen ist notwendig, um die knappen Ressourcen sinnvoll und effizient zu nutzen. Um Anregungen und Ideen für eine ‚wertvollere Zukunft‘ zu präsentieren, entstand dieser Sammelband.

Aufbau

Der Sammelband umfasst insgesamt 14 Einzelbeiträge zu den Themen Zukunft der Demokratie, Sozialstaat, Umverteilung, Arbeitsmarkt, Demographischer Wandel, Wohnungspolitik, Familie, Jugend, Schule und Klimapolitik. Alle Autoren haben eine „gemeinsame Grundposition“. Jeder Artikel beruht auf umfassender Erfahrung und jeder Verfasser möchte gern dringend nötige Impulse für die Politik liefern, um zu einer erfolgreichen Erneuerung sozialer Werte und Gedanken beizutragen.

Nach dem Vorwort und der Einleitung des Herausgebers folgt ein knapper, aber äußerst hilfreicher und präziser Überblick der einzelnen Beiträge. Nach den Beiträgen findet der Leser ein Verzeichnis der Autoren mit einigen biografischen Daten, ein Schlagwortregister beendet den Sammelband.

Inhalt

Am Anfang steht ein kritischer Beitrag von Robert Leicht „Zur Krise und Zukunft der Demokratie“. Leicht stellt die Demokratie als äußerst fehleranfällig und labil dar. Zentrale Frage ist in seinem Beitrag wie der jahrzehntelang anhaltende Problemstau überwunden werden kann. In gewohnt lässiger Weise legt er dar, dass etwa die Hartz IV Pläne so neu gar nicht sind, sondern schon bereits Jahrzehnte zuvor im sog. Lambsdorff-Papier aus dem Jahr 1982 formuliert wurden. Die bisherige Parlamentarismuskritik beschränkt sich oft auf der Ebene der kollektiven und individuellen Tugendlehren und klammert gern die strukturellen Defizite des politischen Handelns aus. Am Ende seines Beitrags fordert er ein national-föderales Plebiszit als Gegengift zur sog. „classe politique“.

Ein Beitrag des Herausgebers Ulrich Pfeiffer mit der Kapitelüberschrift „Sozialstaat und Wirtschaftsentwicklung“ schließt sich an. Zunächst skizziert Pfeiffer die Entwicklung des modernen Sozialstaats, die er in drei Phasen unterteilt:

  1. Wachstums- und Modernisierungsphase: Einführung der Renten- und Krankenversicherung im ausgehenden 19. Jahrhundert.
  2. Novemberreformen 1919: Start einer sozialeren Wirtschaftsordnung aufgrund eines gestiegenen demokratischen Selbstbewusstseins der Bevölkerung
  3. Der Nachkriegswohlfahrtsstaat als Kind des Wirtschaftswunders: Herausragende Wegmarken hier die Rentenreform Adenauers 1957 und später die umfassende Gesundheitsversorgung.

Insgesamt jedoch sind aus Pfeiffers Sicht Sozialstaaten nicht effektiv genug und zu „einkommensorientiert“. Einkommensverluste etwa werden durch Transferleistungen kompensiert. Zukunftsfähig sind aus seiner Sicht effektivere Staaten. Dabei wünscht er sich nicht einen Ausbau der Verwaltungseffizienz, sondern mehr Mut und Fantasie bei der Geldbeschaffung, etwa durch Änderung der Immobilienbesteuerung und der besseren Nutzung von Quasimärkten, etwa bei den Einnahmen aus der Straßennutzung oder der Finanzierung universitärer Ausbildung.

Es folgt ein Beitrag von Warnfried Dettling zu „Sicherheit und Anerkennung – Der Sozialstaat an den Grenzen der Umverteilung“. Er nennt damit in seiner Überschrift die beiden für ihn dominanten Wertziele des Sozialstaats: Sicherheit und Anerkennung. Das Fundament der Deutschen Gesellschaft – in den USA etwa ist es das Versprechen der individuellen Freiheit – ist nach Dettling der Sozialstaat. Der moderne Sozialstaat steht vor großen Herausforderungen. Anpassungen und Änderungen sind notwendig, um auch zukünftigen Generationen ein lebenswertes Dasein zu ermöglichen. Eine Möglichkeit sieht Dettling in der Erweiterung zur Wohlfahrtsgesellschaft, d. h. für ihn die Gesellschaft als Quelle sozialer Ressourcen wahrzunehmen und nicht immer nach dem Staat als Problemlöser rufen. Die Wohlfahrtsgesellschaft solle eine Ergänzung des Sozialstaates sein, kein Ersatz. Dettling definiert die neosoziale Position als eine an der Würde ausgerichtete, die davon ausgeht, dass jeder Mensch Fähigkeiten hat und diese zu entwickeln, bereit ist einen Beitrag zur Gesellschaft zu leisten und von der Gesellschaft gebraucht wird.

Axel Börsch-Supan diskutiert Alternativen zum Thema „Die Finanzierung des Sozialstaates bei alternder Bevölkerung“ und unternimmt eine Verortung neosozialer Positionen. Der Autor bezieht in seinen Überlegungen den demografischen Wandel ein, stellt kurz die sozialen Sicherungssysteme im Gesundheitswesen und in der Altersvorsorge dar, skizziert die Probleme und liefert Ideenansätze zu deren Lösung. Aus seiner Sicht ist der demografische Wandel der entscheidende Faktor, „der den Spielraum für sozialpolitische Großzügigkeiten einengen wird“. Lösungen sind nach Börsch-Supan etwa eine Verlängerung der Lebensarbeitszeit und ein früherer Eintritt ins Erwerbsleben. Das Thema „Arbeitslosenversicherung“ wird leider ausgeklammert. Schwerpunkt des Beitrages ist und bleibt Generationengerechtigkeit.

Heik Ahlfeldt liefert einen Beitrag zur Gesundheitsökonomie und fragt: „Gesundheitssystem: Modell Schweiz – Vorbild oder Irrweg?“ Das Schweizer Modell ist weniger auf Umverteilung ausgerichtet, als das Gesundheitssystem in Deutschland, weil es sich stärker am Äquivalenzprinzip orientiert und somit weniger Einkommensabhängig organisiert ist. Aufgrund der Disparitäten jedoch ist eine Übertragung des Schweizer Modells auf Deutschland eins zu eins nach Ahlfeldt undenkbar, die Übernahme einzelner Elemente jedoch könnte eine Bereicherung darstellen.

Thilo Sarrazin fordert in seinem Beitrag „Ein anderer Fiskus“ ein Umdenken und das Beschreiten neuer Wege. Auf den Punkt gebracht fordert der Autor eine Umstellung des Sozialsystems, speziell der Krankenversicherung sowie der Alterssicherung. Um den Herausforderungen des demografischen Wandels zu begegnen schlägt er vor, vom bisherigen System auf ein steuerbasiertes zu wechseln. Der Beitrag ist mit entsprechenden Datenmaterial, Grafiken und Schaubildern angereichert, im Anhang des Aufsatzes findet sich ein tabellarischer Überblick mit Prognosen bis ins Jahr 2050.

Im Beitrag „Soziale Verantwortung am Arbeitsmarkt“ von Hilmar Schneider ist die eingeschränkte Funktion des Arbeitsmarktes Thema. Der Autor unterscheidet zwischen Arbeit, die der Gesellschaft niemals ausgehen wird, und Erwerbsarbeit. Damit es genügend Erwerbsarbeiter gibt, sollten die Rahmenbedingungen so geschaffen sein, dass Erwerbsarbeit für möglichst viele Menschen attraktiv ist und sich vor allem lohnt. Mindestlöhne lehnt Schneider ab und liefert dafür passende Belege und Zahlen. Stattdessen favorisiert der Autor das Workfare-Konzept. Dieses Konzept ermögliche es, das bestehende (hohe) Niveau der Grundsicherung beizubehalten und sei sozial gerechter. Soziale Gerechtigkeit bedeutet für Schneider in erster Linie Chancengleichheit.

Der Beitrag „Wohnungspolitik und Wohnungsmärkte in der Bundesrepublik“ von Rainer Braun analysiert kritisch Trends und Perspektiven des deutschen Wohnungsmarktes. Durch Subventionen sei die Funktionsweise der Märkte und Effektivität des Produktionssystems im Wohnungsbausektor beeinträchtigt. Wohnungen sind am Bedarf vorbei zu teuer gebaut worden, Ergebnis ist ein einseitiger, wenig familienfreundlicher Wohnungsbestand. Den größten Reformbedarf sieht Braun bei der Grundsteuer, er fordert hier insbesondere eine drastische Anhebung der Grundsteuer, insbesondere auf die Verkehrswerte des Bodens.

Ulrich Pfeiffer beschäftigt sich mit der Familie, der aktuellen Situation sowie Entwicklungsmöglichkeiten in seinem Beitrag „Familienpolitik – weniger Ungleichheit, mehr Geburten.“ Sichtbarstes Zeichen der Krise der Familie ist nach Pfeiffer der Rückgang an Geburten. Zwar müsse die Gesellschaft akzeptieren, dass eine breite Bevölkerungsschicht keine Kinder wolle, aber auf der anderen Seite die Bedingungen für Mütter und Väter verbessern, um dem Geburtenrückgang entgegenzuwirken. „Das“ Instrument schlechthin sieht der Autor nicht. Er zeigt viele, kleine aber wirksame Möglichkeiten auf, um zu einem Ausgleich zu kommen.

Harald Simons plädiert in seinem Beitrag „Klimapolitik: Auf der Suche nach globaler Wirksamkeit“ für eine andere Klimaschutzpolitik. Die Lösung des Klimaproblems besteht nach Simons Ansicht in der Entwicklung und Bereitstellung preisgünstigerer und klimaverträglicher Energien. Erdöl und Kohle dürften nicht verbrannt werden, statt desser sollten diese Energieträger im Boden bleiben. Ein Innovationsruck müsste kommen, die Alternativen Solar und Windkraft allein sind nicht genug.

Der Beitrag „Junge Menschen im Abseits“ ist ein Gesprächsmitschnitt. Christian Pfeiffer legt in einem Gespräch mit zwei Zeitredakteuren seine Forschungsergebnisse und Erkenntnisse im Jugend- und Schulbereich offen. Nach Pfeiffer ist die Zusammenlegung von Haupt- und Realschulen ein Schritt in die richtige Richtung. Als zentrale Erkenntnis fällt weiterhin auf, dass Bewegungsmangel zu abweichendem Verhalten führt. Deswegen würde Christian Pfeiffer die Umsetzung einer Schule ähnlich der in Naperville in der Nähe von Chicago befürworten: dort bemühen sich Lehrerinnen und Lehrer täglich aufs Neue ihre Schülerinnen und Schüler zur Bewegung und zum Fitnesstraining anzuregen. Mit Erfolg offensichtlich, denn die Region schneidet bei nationalen und internationalen Leistungsvergleichen durchweg gut ab.

Der folgende Artikel „Eine gute Schule“ stellt zunächst kurz den Arbeitsplatz der Autorin, Gisela Schultebraucks-Burgkart, vor: Eine Schule im Norden Dortmunds, die Grundschule Kleine Kielstraße. Auf den folgenden Seiten ist ein Gespräch zwischen der Autorin und Ulrich Pfeiffer wieder gegeben, das die besonderen Aspekte und Herausforderungen für Grundschulen herausstellt.

Rolf Böhme befasst sich in seinem Beitrag „Für die Stadt von morgen – Kommune 2030“ mit den Strukturveränderungen der Kommunen und Verwaltung. Aufgrund der demographischen Entwicklung – insbesondere der Bevölkerungszusammensatzung – sieht Böhme nicht nur die Notwendigkeit zum Stadtumbau, sondern erwartet vielmehr eine Stadtumwandlung. Er meint damit insbesondere neue Wohnformen, die sich etablieren werden. Um die Handlungsfähigkeit der Kommunen zu erhalten sieht auch Böhme einen großen Reformbedarf, insbesondere hält er eine Anpassung der Grundsteuer für notwendig.

Im letzten Beitrag von Volker Riegger „Demokratische Mehrheiten für neosoziale Politik – wie man die Paradoxie des Politischen dafür nutzen könnte“ geht es um den schon von Aristoteles formulierten Konflikt des politischen Subjekts am Herrschen und beherrscht werden. Anhand ausgewählter Beispiele des vorliegenden Sammelbandes diskutiert der Autor, wie dieses Paradoxon in der Praxis wirken könnte. Gerade weil neosoziale Politik das Soziale als das, was die Gesellschaft zusammenhält, und Solidarität in den Mittelpunkt stellt, ist es eine Herausforderung dafür entsprechende Zustimmung zu finden bzw. Mehrheiten zu schaffen. Riegger bezieht sich weiterhin auf die Unterscheidung zwischen Herstellungs- und Darstellungspolitik und bezieht sich auch dabei resümierend auf die vorangegangen Beiträge. Insgesamt ein interessantes, gelungenes Schlusswort.

Fazit

Die vorliegende Publikation gibt einen Überblick über die akuten Probleme und Defizite des Sozialstaats und versucht Zukunftsmodelle zu skizzieren. Der Sammelband zeichnet sich dadurch aus, dass er überwiegend methodisch hoch reflektiert ist, skeptisch stimmt jedoch, dass sich einige Beiträge ideologisch gefärbt zeigen. Die hier vorgestellten Ideen und Reformvorschläge sind nicht unbedingt neu. Ich wünsche diesem Buch viele kritische, interessierte und aktive Leser!

Rezension von
Andreas Ploog
Politikwissenschaftler, M.A.
Mailformular

Es gibt 29 Rezensionen von Andreas Ploog.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Andreas Ploog. Rezension vom 30.04.2010 zu: Ulrich Pfeiffer (Hrsg.): Eine neosoziale Zukunft. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2010. ISBN 978-3-531-17043-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/9047.php, Datum des Zugriffs 08.08.2022.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht