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Steven Beller: Antisemitismus

Cover Steven Beller: Antisemitismus. Philipp Reclam jun. Verlag GmbH (Stuttgart) 2009. 188 Seiten. ISBN 978-3-15-018643-5. D: 5,00 EUR, A: 5,20 EUR, CH: 9,30 sFr.

Reihe: Reclams Universal-Bibliothek - 18643 - Reclam-Sachbuch.
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Thema und Zielgruppe

Das Buch stellt eine Einführung in die Ideologie des Antisemitismus und dessen historischer genese dar. Die Einführung ist allgemeinverständlich verfasst und wendet sich – wie bei Einführungen üblich – an einen breiten, fachübergreifenden Leserkreis. Die Anzahl der Veröffentlichungen zum Thema Antisemitismus ist unüberschaubar – das betrifft sowohl die Beleuchtung einzelner historischer wie inhaltlicher Aspekte des Themas wie auch Gesamtdarstellungen. Zudem stellt das Thema Antisemitismus und dessen Deutung ein konfliktreiches Unterfangen dar, da Deutungen diesbezüglich oftmals nicht frei von politischen Instrumentalisierungen sind. Mit der Neuerscheinung in der Reclam-Reihe stellt sich der Autor daher einem schwierigen Unterfangen mit dem Wissen, „dass das Unterfangen, eine solche Einführung über ein so heikles Thema zu schreiben wie dem Antisemitismus, einen nur in Schwierigkeiten bringen kann.“ (7)

Autor

Steven Beller ist in London geboren und hat neben der britischen die US-amerikanische Staatsbürgerschaft. Er lebt als freischaffender Historiker in den USA und hat viele Werke zur jüdischen und mitteleuropäischen Geschichte verfasst, von denen seine Arbeiten zur österreichischen Geschichte die größte Aufmerksamkeit erreicht haben. Einem breiteren Lesepublikum ist er zudem durch seine Kontroverse mit dem Kunsthistoriker Ernst H. Gombrich über die Frage der Verwendungsfähigkeit des Begriffs der „jüdischen Kultur“ im Wiener Kulturleben des frühen 20. Jahrhunderts, welche letzterer infrage stellte. In seiner Einführung zum Thema Antisemitismus betont der Autor hingegen die Relevanz der realen Entwicklungen im Judentum für Deutungen des modernen Antisemitismus (12) und verweist dabei auf Arbeiten von Jakob Katz und Peter Pulzer hierzu.

Inhalt

In der Einführung werden die unterschiedlichen Ausprägungen des Antisemitismus –vom frühen religiös geprägten Antijudaismus bis zum rassistisch-nationalistisch geprägten „modernen Antisemitismus“ – historisch-analytisch dargestellt und erläutert. Eingangs widmet sich der Autor dem Begriff des Antisemitismus. Er stellt heraus, dass dieser Begriff irreführend sei, weil dessen Inhalt – der Judenhass – wesentlich älter als die sich Ende des 19. Jahrhunderts etablierende Wortschöpfung ist. In jener „modernen“ Variante stelle der Antisemitismus eine „selbst ernannte politische Ideologie und Bewegung“ (9) dar, wie sie in Deutschland 1879 in der von Wilhelm Marr gegründeten „Antisemiten-Liga“ zum Ausdruck kam. Beller erörtert die unterschiedlichen Deutungen des Antisemitismus und betont die Notwendigkeit einer gesellschaftshistorischen Kontextanalyse. Deshalb greift Beller bei seiner Beschreibung der historischen Entwicklung des Antisemitismus den christlich-theologischen Antijudaismus auf und skizziert dessen historische Auswirkungen auf das jüdische Leben in der Diaspora. Der deutliche Schwerpunkt der Einführung liegt jedoch in der Skizzierung und Diskussion über die Ausprägungen des „modernen Antisemitismus“ und in der Epoche des ‚Katastrophen-Zeitalters‘ der beiden Weltkriege und deren Genese. Beller versucht zu verdeutlichen, dass die Shoa, die industriell organisierte Massenvernichtung der Juden, als ein Ergebnis von „Verkettungen“ – so ein Kapitel in dem Buch – zu deuten sei. Demnach stellte der im frühen 20. Jahrhundert blühende religiöse Antisemitismus eine „Fortsetzung des christlichen Antijudaismus“ dar, der begleitet wurde von einem „wirtschaftlichen Antisemitismus“, der die Juden zum personifizierten Urheber der „Verwüstung der traditionellen Wirtschaft durch den Kapitalismus“ erkor. Dem einher ging die Entfaltung eines „kulturellen Antisemitismus“, der ebenfalls die Juden für Rationalismus, Sozialismus, Universalismus und die Zerstörung traditioneller Lebenszusammenhänge verantwortlich machte (105). Abschließend behandelt der Autor den „Antisemitismus nach Auschwitz“ und stellt sich dabei auch aktuellen politisch aufgeladenen Diskussionen über das Verhältnis vom Antisemitismus

Diskussion

Beller erhebt in seiner Einführung den Anspruch, „Elemente der Erscheinung des Antisemitismus“ (20) und deren Wechselwirkungen zu umreißen. Anstelle einer narrativen Herangehensweise wird eine historisch-diskursive Kontextanalyse zur Erörterung herangezogen. Besonders Bellers Ausführungen zu aktuellen Diskussionen um den Antisemitismus sind es, die zum Widerspruch reizen. So etwa seine Schlussthese, dass der Antisemitismus „in unserer globalisierten Welt keine besondere Bedeutung mehr“ (171) habe. Beller verweist zwar auf die teilweise zutreffende Entwicklung im politischen Rechtsaußenrand in Europa, dass dort ein früher deutlich artikulierter Antisemitismus mit einem mehr öffentlichkeitswirksamen antimuslimischen Rassismus ausgetauscht worden sei (154). Doch damit ist real der Antisemitismus weder bei der extremen Rechten (besonders nicht in Osteuropa) verschwunden, noch im Einstellungsverhalten der Mehrheitsbevölkerungen, wie Umfragen regelmäßig erweisen. In einer Rezension in der English Historical Review kritisiert der Historiker William D. Rubinstein an Bellers Einführung zudem dessen angeblich relativierende Deutung antisemitischer Tönungen einer sich antizionistisch artikulierenden Israel-Kritik von links sowie seiner angeblich relativierenden Beschreibungen eines muslimischen Antisemitismus. Damit sind zugleich die eingangs vom Autor selbst erwähnten „Fallstricke“ benannt, die sich bei der Beschäftigung mit diesem politisch aufgeladenen Thema auftun. Nun ist in der Tat Antizionismus „nicht notwendigerweise mit Antisemitismus gleichzusetzen, wie Beller richtig ausführt (164). Wenn Beller behauptet, die Israel-Feindschaft in der arabischen Welt und auch die Angriffe von arabisch stämmigen Zugewanderten auf Juden in Europa seien „ganz klar (!) nicht auf den Antisemitismus als solchen zurückzuführen, sondern auf den Widerstand (…) von Arabern und Muslimen gegenüber der zionistischen Errungenschaft eines jüdischen Staates in Israel“ (163), dann ist Kritik angebracht. Denn real verzahnen sich in den erwähnten Ereignissen von antijüdischer Gewalt im Kontext des Nahost-Konflikts antizionistische mit antisemitischen Ressentiments.

Fazit

Der Einführung wäre es zugute gekommen, wenn der Autor mit den erwähnten „Fallstricken“ argumentativ etwas sachlicher und ausgewogener umgegangen wäre. Insgesamt ist diese kurze Einführung trotz der erwähnten Mängel hilfreich, um sich einen Überblick zum Thema zu verschaffen. Sie ist gut und leicht verständlich geschrieben, enthält gute Hinweise zur vertiefenden Lektüre und darüber hinaus zahlreiche klug formulierte Anregungen zur weiteren spezifischen Teilbereichen dieses breiten wie brisanten Themas.


Rezension von
Dipl.-Soz.wiss. Alexander Häusler
Wissenschaftlicher Mitarbeiter der Arbeitsstelle Neonazismus der Hochschule Düsseldorf. Forschungsschwerpunkt Rechtsextremismus / Neonazismus.
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Zitiervorschlag
Alexander Häusler. Rezension vom 21.07.2010 zu: Steven Beller: Antisemitismus. Philipp Reclam jun. Verlag GmbH (Stuttgart) 2009. ISBN 978-3-15-018643-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/9073.php, Datum des Zugriffs 29.11.2021.


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