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Stefan Busse, Gudrun Ehlert (Hrsg.): Soziale Arbeit und Region

Cover Stefan Busse, Gudrun Ehlert (Hrsg.): Soziale Arbeit und Region. Lebenslagen, Institutionen, Professionalität. RabenStück Verlag (Berlin) 2009. 480 Seiten. ISBN 978-3-935607-34-6. 24,90 EUR, CH: 37,94 sFr.
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Thematischer Rahmen

Region und Regionalität haben als Schlagworte im Rahmen von Wirtschaft, Politik, Ökologie und Kultur seit einiger Zeit „Konjunktur“. In die Praxis und Theorie Sozialer Arbeit hat Region bislang kaum Eingang gefunden. So hat sich zum Beispiel in der Praxis der Kinder- und Jugendhilfe – und dort vor allem in der Jugendarbeit – ein weitgehend sozialräumliches (und damit auch: kleinräumigeres) Verständnis etabliert, das Jugendliche in ihrer sozialräumlichen Kundigkeit und Aneignungspraxis aufgreift und die Leistungen der Jugendarbeit in vielfältiger Form als Unterstützung in den alltäglichen Lebensbewältigungsprozessen der Jugendlichen einbringt, z. B. ihren Prozessen alltäglicher Selbstorganisation (in Cliquen, der Bewältigung alltäglicher, schulischer oder beruflicher Aufgaben, bei der Planung kollektiver, raum- und regionsumspannender Freizeitaktivitäten). Zugleich kann beobachtet werden, wie der Mobilitätsdruck die Suchbewegungen und Orientierungsprozesse Jugendlicher verändert, ihre sozialen Räume erweitert und regionalisiert. Erwartungen von Wirtschaft und Politik an eine erhöhte (auch regionale) Mobilität vor allem auf dem Arbeitsmarkt erreichen zunehmend mehr Jugendliche (insbesondere aus ländlichen Räumen): Jugendliche, die z. B. Ostthüringen verlassen, um in den Zentren der „alten“ Bundesländer oder in der Tourismusbranche Österreichs „ihr Glück zu versuchen“, sind keine Seltenheit mehr. Nicht nur Prozesse beruflicher Orientierung in der Region spielen eine dabei eine Rolle, sondern auch die Gestaltung der sog. „freien Zeit“ löst sich zunehmend vom Sozialraum des Wohnortes und verlagert sich in größere regionale Zusammenhänge. Regional mobil zu sein versuchen Jugendliche aus ländlichen Städten und Gemeinden zudem auch schon deshalb zu sein, um an den (meist an größere Städte, Zentren und Metropolen gekoppelten) jugendkulturellen Entwicklungen und Events teilhaben zu können, die sich so vor Ort jedenfalls nicht „ereignen“. Wer Jugendliche aus dem ländlichen Raum Südniedersachsens hierbei begleitet, der weiß, dass sich der Bewegungs- und Aneignungsraum solcher Jugendlichen längst auf 150 bis 200 Kilometer sowohl in Nord-Süd- als auch Ost-West-Richtung ausgedehnt hat.

Das Regionale markiert damit „den ‚Raum‘, in dem sich allgemeine Modernisierungs- und Globalisierungseffekte auf je spezifische Weise realisieren und durchsetzen. Das macht Regionen zu Konkurrenten um Alleinstellung, zu ‚Gewinnern‘ und ‚Verlierern‘ der Globalisierung. Darüber hinaus sind Regionen auch ‚Räume des Besonderen‘, in denen Gegenstrategien zu Globalisierung und Modernisierung entworfen, Eigensinn und Identität produziert werden“ (S. 7). Dass Region als Bezugspunkt zu begreifen ist (vgl. Kolhoff/Wendt/Bothe: Regionale Jugendarbeit. Wege in die Zukunft, vgl. die Rezension), beginnt sich – vor dem Hintergrund dieser Einschätzung – allmählich auch in der Kinder- und Jugendhilfe allgemein und den Handlungsfeldern der Sozialen Arbeit insgesamt durchzusetzen. Die Fragen, dies unter anderem zu klären gilt, lauten: Welchen Stellenwert der regionale Bezug für Handeln im Kontext Sozialer Arbeit hat und welche Relevanz hat dieses wiederum für die Region? Der von Stefan Busse und Gudrun Ehlert herausgegebene Band, der die Ergebnisse eines Kongresses „Soziale Arbeit und Region" in Sachsen zusammen führt, illustriert dies anschaulich.

Herausgeber/Herausgeberin

Dr. Stefan Busse lehrt als Professor für Psychologie seit 1995 und Dr. Gudrun Ehlert als Professorin für Sozialarbeitswissenschaft seit 1996 an der Fakultät Soziale Arbeit der Hochschule Mittweida. Gemeinsam mit Robert Becker-Lenz und Silke Müller haben sie 2010 den Band „Professionelles Handeln in der Sozialen Arbeit“ (vgl. die Rezension) herausgegeben.

Entstehungshintergrund

Vom 17. bis 18. Oktober 2008 fand an der Hochschule Mittweida der Kongress „Soziale Arbeit und Region“ statt – eine von insgesamt 320 Teilnehmer/inne/n besuchte Gemeinschaftsveranstaltung der sechs sächsischen Universitäten bzw. Hochschulen (Evangelischen Hochschule Dresden, der Technischen Universität Dresden, der Hochschule für Technik, Wirtschaft und Kultur Leipzig, der Universität Leipzig, der Hochschule Mittweida und der Hochschule Zittau/Görlitz), an denen Soziale Arbeit gelehrt wird. Das Kooperationsprojekt verstand sich, schreiben Busse und Ehlert in ihrem Vorwort, dabei als „Auftakt zu einem intensiveren Dialog mit der Praxis Sozialer Arbeit in Sachsen … Was lag daher für eine derart regional ausgerichtete Veranstaltung näher, als dies selbst zum Thema machen? ‚Soziale Arbeit und Region‘ intendierte demnach eine doppelte Programmatik – Region als thematischer Fokus und als Signal in die Region hinein“ (S. 7).

Die Beiträge des vorliegenden Bandes stellen Überarbeitungen der Vorträge und (erweiterte) Ausarbeitungen von Überlegungen dar, die in die Beratungen und Klärungen des Kongresses eingeflossen sind.

Aufbau und Inhalt

Zunächst wird im zweiten Kapitel („Lebenslagen und regionale Herausforderungen an die Soziale Arbeit“) den spezifischen regionalen Bedingungen in Sachsen nachgegangen: Hier berichtet zum Beispiel Wolfgang Scherer (Hochschule Mittweida) ausführlich über „Armut und Sachsen“ (und präsentiert dabei regionalisierte Daten zur Armut und schwierigen Lebenslagen), während Matthias Pfüller (Hochschule Mittweida) Interdependenzen und gegenläufige Trends zwischen Regionalentwicklung und Rechtsextremismus untersucht.

Die Beiträge des dritten Kapitels („Konsequenzen für die Träger und Institutionen Sozialer Arbeit“) richten den Blick auf die Akteure in Sachsen: Hier fällt insbesondere ein weiterer Beitrag von Wolfgang Scherer auf, der im Vorfeld des Kongresses (im Mai/Juni 2008) eine breit angelegte Befragung der Träger Sozialen Arbeit durchgeführt und „nach ihrer Sicht auf die sozialen Problemlagen … (und) auch auf ihre eigene Situation als regionale Akteure“ (S. 191) befragt hat. Deutlich wird dabei unter anderem die Situation am Scheideweg, die zahlreiche Träger in den Diskussion um Globalisierung, den Praxen einer globalisierten Politik und den Versuchen regionalisierter Konzepte erleben, wobei zugleich auch erkennbar wird, dass die Fragestellung nach den Relevanzen von Regionalisierung für Soziale Arbeit noch längst nicht in den Vordergrund drängt, angesichts der „alten“ Themen (politische Instrumentalisierung, „Konsolidierung“, „Qualität“ etc.), die die Akteure beschäftigen (bzw.: belasten).

Sodann (4. Kapitel: „Professionsanforderungen und Professionalität“) werden die Hochschulen und ihre Akteursrolle reflektiert, wobei doch auffällt, dass die an dieser Stelle diskutierten Fragen (z. B. „Qualifikationsbedarfe im Kontext der Erziehungshilfen“ von Kathi Neudert und Diana Hein [beide von der Universität Leipzig] oder „Bildung im 21. Jahrhundert im Spektrum gesellschaftlicher, professionspädagogischer und forschungsmethodischer Herausforderungen“ von Sabine Mertel [Hochschule Zittau/Görlitz]) auch ohne den spezifischen Zugang von Region bzw. Regionalisierung – quasi „überzeitlich“ bzw. „überthematisch“ – geklärt werden.

Diese drei (zentralen) Aspekte des Kongresses werden im ersten Kapitel (unter dem Titel „Soziale Arbeit im Spannungsfeld von Globalisierung und Regionalisierung“) durch einleitende Beiträge (z. B. von Lothar Böhnisch: Soziale Arbeit im Sog der Globalisierung, oder von Stephan Beetz (Hochschule Mittweida): Soziale Arbeit in der Region – sozialräumliche Bedingung und Handlungsfeld) gerahmt. Dies bietet sich an, begreift sich doch der Freistaat Sachsen als Region, „die sich im Spannungsfeld von prosperierenden großstädtischen Wachstumszentren und wirtschaftlich und sozial abgekoppelten ländlichen Räumen entwickelt“, wie es Busse und Ehlert formulieren.

Schließlich kommen (im fünften Kapitel) auch einige Vertreter/innen der Praxis zu Wort: Es berichten Björn Redmann (Bildungsreferent bei der Sächsischen Landjugend) über die Strukturen, Merkmale und Bedingungen der Jugendsozialarbeit im ländlichen Raum, Simone Kruschwitz und Katrin Schröter-Hüttich (LAG „Mädchen und junge Frauen in Sachsen“) über Mädchenarbeit in Regionen Sachsens (Untertitel: Eine widersprüchliche Entwicklung im Wechselspiel von politischem Willen, Finanzflüssen, der Qualitätsdebatte und dem tatsächlichen Bedarf), Tom Küchler und Daniela Skrbek (Bildungsreferent und -referentin der Mobilen Jugendarbeit Sachsen) über Mobile Jugendarbeit im Freistaat, während Kristin Kobylinski und Kathleen Javlasch (vom Christlichen Jugenddorf/CJD Heidenau) Alternativen der Berufsförderung vorstellen, Sybill Radig (Geschäftsführerin von Plan 1 e. V. Leipzig) integrative Familienhilfen in der Arbeit mit „Multiproblemfamilien“ (dies schon ein an sich problematischer Begriff) als „Innovation“ präsentieren will, die Arbeit mit Tätern häuslicher Gewalt in einem Aufsatz von Annett Engelmann und Wolfram Schmidt (TRIADE GbR Leipzig) sowie Gabriele Gabriel (Universität Leipzig) reflektiert wird und die Arbeitsgemeinschaft Jugendfreizeitstätten (AGJF) Sachsen e. V. kollektiv Hinweise zur Entwicklung einer Professionalisierung der Fachkräfte (der Jugendarbeit) in Sachsen beiträgt.

Eine Kongressbeobachtung von Lothar Stock (Hochschule Leipzig), Gabriele Gabriel (Universität Leipzig), Herbert Effinger (Ev. Hochschule Dresden), Peter Schütt (Hochschule Mittweida) und Ulrike Gräßel (Hochschule Zittau/Görlitz) – den inhaltlichen Beiträgen vorangestellt – rundet den Band ab.

Zielgruppen

Der Verlag selbst sagt nicht, an wen sich der Band (vorrangig) wendet. Es liegt nahe, zunächst die Tagungsteilnehmer/innen im Blick zu haben, sodann die ganze Breite der Fachpraxis des Freistaates Sachsen. Für Lehrende an Hochschulen, die Aspekten ihres regionalen Rückbezugs thematisieren wollen, ist die Veröffentlichung allemal gut geeignet.

Diskussion

Es muss vermutet werden, dass die Publikation eher als Tagungsdokumentation denn als Sammlung gelesen wird, und dies zudem mit dezidiert sächsischem Zuschnitt. Daraus leitet sich womöglich ein geringerer Aktualitätsgrad und eine begrenzte Verallgemeinerbarkeit jenseits der Grenzen des Freistaates ab. Verstärkt mag dies noch werden durch den Umstand, dass sich der RabenStück-Verlag als „Kind“ der Arbeitsgemeinschaft Jugendfreizeitstätten Sachsen e. V. eher als Regionalverlag einen Namen gemacht hat. Insoweit muss dieser für das Reflektieren über die Zusammenhänge von Sozialer Arbeit und Region doch in weiten Teilen interessante Band womöglich den Sprung in den bundesweiten Diskurs erst noch gelingen. Dann mag die Veröffentlichung auch für die Fachpraxis an anderer Stelle noch aussagefähiger sein. Andererseits mögen sich Fachpraxis und Hochschulen anderer Bundesländer animiert sehen, ähnlichen Fragestellungen nachzugehen und den Diskurs damit niveauvoll verbreitern helfen.

Dazu würde auch beitragen, die Fachpraxis selbst (noch) stärker einzubinden (z. B. auch bei der Tagungsbeobachtung, die so ausschließlich von Vertreter/inne/n der Hochschule erfolgte), insbesondere auch dann, wenn die „grundlegende(n) Fragen“, nicht nur „nach theoretischer Verständigung verlangen“, sondern auch „die praktische Vergewisserung brauchen“ (S. 7). Im vorliegenden Band muss man die praktische Vergewisserung in Form von Selbstäußerungen und Positionierungen der Praxis zwar nicht gerade suchen (zumal sie im fünften Kapitel versammelt sind), wohl aber kann man sie sich noch breiter vorstellen und wünschen (so wären zum Beispiel komplexerer Hinweise der Fachpraxis zur Rolle der Hochschulen – auch, aber nicht allein „nur“ im Kontext von Region –sicher „spannend“ zu lesen). Dies alles mag auf eine Sprachlosigkeit der Praxis verweisen, die nur zu selten ihren Alltag und ihre Ansprüche selbst reflektiert und ihre Schlussfolgerungen einer breiteren Öffentlichkeit präsentieren will. Vielleicht ist es aber auch ein Hinweis auf mundtote (bzw. mundtot gemachte) Praxis, die im aufreibenden Alltag zwischen Bewältigung der komplexen Anforderungen ihrer Zielgruppen einerseits und den (oft als überbordend beschriebenen) Anforderungen der Geldgeber andererseits zu einer niveauvollen Selbstreflexion nicht mehr in der Lage zu sein scheint.

Fazit

Zweifellos werden zunächst alle in der sächsischen Kinder- und Jugendhilfe Tätigen von diesem Band profitieren können, nimmt die Publikation doch eine breite Präsentation von praxisrelevanten Gedanken und Projekten vor. Doch auch für Akteure jenseits der sächsischen Landesgrenzen birgt der Band aufschlußreiche Hinweise für (künftige) Debatten zur Entwicklung Sozialer Arbeit in regionalen Zusammenhängen.


Rezensent
Prof. Dr. Peter-Ulrich Wendt
Hochschule Magdeburg/Stendal
Homepage www.PUWendt.de
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Zitiervorschlag
Peter-Ulrich Wendt. Rezension vom 19.08.2010 zu: Stefan Busse, Gudrun Ehlert (Hrsg.): Soziale Arbeit und Region. Lebenslagen, Institutionen, Professionalität. RabenStück Verlag (Berlin) 2009. ISBN 978-3-935607-34-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/9074.php, Datum des Zugriffs 21.07.2017.


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