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Wolf-Dietrich Bukow: Urbanes Zusammenleben

Cover Wolf-Dietrich Bukow: Urbanes Zusammenleben. Zum Umgang mit Migration und Mobilität in europäischen Stadtgesellschaften. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2010. 261 Seiten. ISBN 978-3-531-17054-1. 29,90 EUR.

Reihe: Interkulturelle Studien - Band 20.
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Thema

Gerade die europäische Stadt kannte schon immer den Fremden, den Anderen. In ihr war schon immer jeder jedem anderen fremd. Die Migrationsdebatte hat möglicherweise dieses Charakteristikum nie als Chance begriffen, sondern eher als Gefährdung des Urbanen. Der Migrant wird erst dann zum Migranten, wenn er als solcher identifiziert wird. Es ist - in Anlehnung an Georg Simmel - soziologisch unerheblich, ob man fremd ist in einer Stadt, als Fremder in einem anderen Land lebt. Soziologisch erheblich ist aber, wenn eine Gesellschaft dazu übergeht, dem Fremden einen bestimmten Status zuzuweisen.

Die Mobilität im Zuge der Globalisierung macht aus den europäischen Großstädten und Metropolen grundsätzlich nichts anderes, als das, was sie vorher auch waren: Sie waren immer schon gekennzeichnet durch kulturelle Vielfalt, Heterogenität, Fremdheit, Überraschendem, Unerwartetem und das in verdichteter und komplexer Form des Urbanen. Was ist also passiert, dass die Orte kultureller Vielfalt zu Orten kultureller Konflikte und sozialer Integrationsprobleme geworden sind? Verändert Mobilität als Paradigma globalisierten Lebens auch die Migrationsdebatte und die Muster und Erwartungen, die wir an Migration anlegen?

Autor

Dr. Wolf-Dietrich Bukow ist Professor für Erziehungs- und Kultursoziologie und Geschäftsführender Direktor der Forschungsstelle für interkulturelle Studien (FiSt) an der Humanwissenschaftlichen Fakultät der Universität zu Köln.

Aufbau und Inhalt

Migrationsspezifische Mobilität muss neu überdacht werden, es ist Zeit für einen Perspektivenwechsel, fordert Bukow zu Beginn seiner Auseinandersetzung mit seinem Thema im ersten Kapitel. Es geht bei der Frage eines gedeihlichen Zusammenlebens nicht mehr nur um die Grad der Integration oder Assimilation, sondern um die Frage eines angemessenen Umgangs mit migrationsspezifischer Mobilität. Zwar gehören negative Bewertungen zum festen Bestandteil jedes Diskurses um Migration. Das wird dem Charakter der europäischen Stadt aber nicht gerecht. Zwar wird immer wieder die Bedeutung der Einwanderung im Rahmen der Industrialisierung und des industriellen Wachstums der Nachkriegszeit hervorgehoben; und dennoch bleiben die wissenschaftlichen Diskurse weit hinter dem zurück, was wir heute in Stadtgesellschaften an Entwicklungsdynamik kennen.

Der Paradigmenwechsel in der Diskussion um migrationsspezifische Mobilität wird unterstützt - so Bukow - von der Umkehrung der Argumentation. Es geht um die Stadt als Erfolgsgeschichte, an der anzufangen wäre und weniger darum, die Migrationsgeschichte als nationale Katastrophe zu beschreiben. (21)

Der Autor plädiert für die Betrachtung des Alltagslebens als Handlungsebene und Konstruktionsebene für die urbane Wirklichkeit. Aber auch dem wissenschaftlichen Diskurs kann man sich nicht entziehen.

Wenn der Autor meint, dass die Zeit nationaler Erzählungen vorbei ist, dann rekurriert er auf verschiedene Phänomene.

  • Sinnfremder Reduktionismus, also der Verweis auf sinnfremde Argumentationslinien, die ausgebildet werden, um die eigene Kultur von der fremden zu schützen;
  • familistische Fehlinterpretationen, die vom einem europäischen bürgerlichen Modell der Kleinfamilie ausgehen;
  • methodologischer Nationalismus, der Staat und Gesellschaft eins setzt und gesellschaftliche Fragestellungen mit staatspolitischen Imperativen zu beantworten versucht;
  • kulturalistischer Fehlschluss, der dazu führt, dass die Bedeutung expliziter kultureller und religiöser Deutungsmuster in ihrer Funktion für die Steuerung einer Gesellschaft immer wieder überschätzt werden;
  • der Sesshaftigkeitsmythos, der davon ausgeht, dass man grundsätzlich auch immobil ist, zumindest nicht ständig mobil bleibt.

Zum Abschluss seines ersten Kapitels formuliert Bukow zwei Dinge, die besonders wichtig sind:

  1. Wenn migrationsspezifische Mobilität zu den zentralen Basiseigenschaften der Stadtgesellschaft gehört, dann muss der Städter einige Kompetenzen entwickelt haben und die Stadt einige Strukturbedingungen geschaffen haben, damit urbanes Zusammenleben gelingen kann.
  2. Wenn unzureichende Integration immer wieder öffentlich eingeklagt wird, hat der Städter - und auch das Mitglied komplexer Gesellschaften - vergessen, dass man seit H. P. Bahrdt in der Stadt immer nur unvollständig integriert ist, so, wie man in funktional differenzierten modernen Gesellschaften auch nur immer unvollständig integriert sein kann.

In einem zweiten Kapitel beschäftigt sich der Autor mit dem Bedeutungsgewinn, der Mobilität im Übergang zur Postmoderne hat.

Werden die Karten neu gemischt, löst die Postmoderne das Projekt der zweiten Moderne ab, die wir seit Habermas als reflexive Moderne kennen? fragt Bukow in Anschluss an Albrow. Ist nicht die Postmoderne auch dadurch gekennzeichnet, dass etwa in der Stadt migrationsspezifische Mobilität nicht mehr als Sonderfall, sondern als ein für die moderne Stadt typischer Regelfall interpretiert werden muss?

Um zu zeigen, wie man sich in der Stadtgesellschaft mit Mobilität arrangiert, geht Bukow in folgenden Schritten vor.

  • Zunächst gilt es, sich von überkommenen Kulturprogrammen zu verabschieden. Es geht darum, dass diese Kulturprogramme migrationsspezifische Mobilität in ihrer Bedeutung nicht einzuschätzen vermögen, zumal diese Programme vom Typus des Einwanderungslandes ausgehen.
  • Dann stellt Bukow einige empirische Befunde vor, die im Rahmen eines Forschungsprojektes in Köln-Ehrenfeld gewonnen wurden. Diese belegen, dass die europäische Stadt schon immer diese Form der migrationsspezifischen Mobilität kannte und mit Routine darauf auch reagiert. Erst wenn die gewohnte Vielfalt und die gewohnten Diversifiziertheit die gewohnten Konflikte überschreiten, entstehen Probleme.

Es geht also um die integrationspotentiale einer Stadtgesellschaft und ihre Gefährdungen im Zeichen migrationsspezifischer Mobilität.

Wie man lebenspraktisch mit Fremdheit umgeht, macht Bukow an zwei Beispielen aus dem Kölner Raum deutlich. Beide Beispiele zeigen, wie sehr unterschiedliche Menschen sich im Alltag arrangieren und stabile Lebens- und Umgangsformen entwickeln.

Im dritten Kapitel berichtet Bukow von der Beharrlichkeit nationaler Erzählungen. Wenn sich Menschen im Alltag durchaus in ihrer Verschiedenheit respektieren können und daraus auch eine alltägliche Routine des Zusammenlebens entfalten, dann ist das noch lange nicht das, was hinter den Zielen von Kulturprogrammen steckt. Auf dieser Ebene werden alltägliche Inklusionserfahrungen auch für die so Inkludierten zum Problem, wenn sie nicht den Integrationsanforderungen der Kulturprogramme entsprechen. Routinen sind dann nicht immer "reflexionsfähig". Spätestens, wenn die Routine durchbrochen wird und Auseinandersetzungen drohen, wird das Verhältnis von praktischer Vernunft und theoretischen Erklärungsmustern zum Problem. Bukow setzt sich sehr differenziert mit den interaktionistischen Bedingungen des Alltagslebens auseinander, um deutlich zu machen, wie breit der Spannungsbogen zwischen den Erfahrungen und Erklärungsmustern liegen, die im Alltag Zusammenleben ermöglichen und den theoretischen Erklärungsmustern liegen. Er macht dies an zwei Beispielen fest: dem Moschee-Projekt in Köln-Ehrenfeld und am Beispiel der "Parallelgesellschaft".

Wie reagiert der Kölner Alteingesessene, wenn die Routinen des Alltags ins Stocken geraten (157)? Ist die Moschee vielleicht "nur" eine verkappte Form eines islamischen Brückenkopfes, wie Bukow es formuliert?

Oder: gibt es Quartiere, die sich als "Klein-Istanbul", also als Parallelgesellschaft gerieren? Welche Ängste gegenüber den Einheimischen werden dort freigesetzt und wer kann sich leisten, diesen konstruktiv zu begegnen? Eine deutsche Bevölkerung, die selbst nach Anerkennung ringt, bestimmt nicht! Funktioniert also wirklich diese Routine, die ein Zusammenleben garantiert oder bedarf es dazu auch spezifischer Voraussetzungen, die diese Quartiere in der Regel strukturell nicht aufweisen? Entstehen also solche Mythen, wie Bukow sie beschreibt, also nur unter ganz spezifischen Bedingungen der Prekarität der eigenen Möglichkeiten?

Bukow räumt ist diesem Kapitel den beiden Themen - Moscheebau und Parallelgesellschaft - einen breiten Raum ein, und es ist wichtig, seine differenzierte Argumentation nachvollziehen zu können, um zu verstehen, dass die Stadtgesellschaft - also die Stadt - einerseits viel aushalten kann, andererseits aber auch an ihre Grenzen gerät.

Im vierten Kapitel führt Bukow seine Argumentationslinien zusammen. Stadtgesellschaften basieren von jeher auf einer spezifischen Integrationslogik der unvollständigen Integration von Fremden, die sich gleichzeitig auch fremd bleiben. Die Stadt war immer schon eine "Integrationsmaschine" (Simmel) besonderer Art. Anders als nationale Muster der Integration sind Stadtgesellschaften geradezu darauf angewiesen, dass ihre Integrationslogik offen bleibt und dass sich öffentliche und private Räume in ihrem Integrations- und Ausgrenzungsmodus unterscheiden.

Unter diesen Bedingungen sagt Bukow, ist Zusammenleben eine Frage wohlverstandener Routine, in der sich die unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen ihrer Differenzen und der Diversität ihres Zusammenlebens bewusst sind. Unter dieser Bedingung von Heterogenität bedeutet eine wohlverstandene Routine "eine aktive Einstellung, die dazu dient, einen sich kontinuierlich verändernden Alltag zu bewältigen" (226). Unabhängig davon, wie schnell sich ein Quartier verändert; es kommt darauf an, dass diese Veränderungen in ihren gewohnten Bahnen ablaufen - quasi strukturimmanenter Wandel.

Aber was passiert, wenn positionelle Selbstbehauptung der einheimischen Gesellschaft zu Diskursen führt, die sich der kritischen Reflexion entziehen? Denn solche Diskursgemeinschaften besetzen Ökonomie und Politik gleichermaßen, also die zentralen Steuerungsmechanismen einer Stadt. Dann droht das im Rahmen der "sozialen Grammatik" (Bukow) geförderte Soziale an der positionellen Selbstbehauptung der Alteingesessenen immer wieder zu scheitern.

Was festzuhalten bleibt, fasst Bukow in einem grau unterlegten Kasten zusammen - wie überhaupt er im Schlusskapitel die wichtigsten Fakten resümierend grau unterlegt hat:

  • Eine zivilgesellschaftliche Debatte ist wichtig, um die Interessen der Vielen zu artikulieren und zu sichern;
  • diese Interessen müssen gleichrangig und fair ausgehandelt werden;
  • das setzt voraus, dass die formalen Systeme, die Institutionen und die strukturellen Bedingungen Mobilität und Vielfalt ökonomisch, sozialräumlich und kulturell ermöglichen;
  • eine wohlverstandene Routine muss Bedingungen von Anerkennung, Zugehörigkeit und Vertrauen in den Alltag ermöglichen und darüber Integration und soziale Verortung sichern.

Eine umfangreiche Literaturliste schließt das Buch ab.

Diskussion

Kulturelle Heterogenität und gesellschaftliche Integration unter den Bedingungen der Aufrechterhaltung der Differenz und des Aushaltens von Fremdheit waren schon immer Themen der europäischen Stadt. Die Eigenart der Stadt war daher nie, Migration zu betrachten unter den Bedingungen von Integration und Ausgrenzung.

Migrationsspezifische Mobilität gehörte immer auch zur Dynamik des Urbanen.

Das macht das Buch deutlich und Bukow macht zu Recht geltend, dass urbanes Zusammenleben auf einem alltagspragmatischen Respekt des jeweils Anderen beruhen kann. Und wenn er von einer wohlverstandenen Routine spricht, dann weist er auch darauf hin, dass manches im Alltag sich der rationalen Reflexion entzieht und Routine macht auch deutlich, dass man dies nicht immer braucht, um vernünftig mit einander umzugehen.

Das Buch ist auch eine Ermahnung, den Integrationsbegriff nicht zu überfrachten, den wir an Migration anlegen und die Kritik an den nationalen Kulturprogrammen macht dies auch deutlich.

Und das Buch ist auch ein Loblied auf die europäische Stadt, in der es immer typisch war, mit dem Fremden als dem Anderen aber Gleichen umzugehen. Nun hat sich diese europäische Großstadt und Metropole insofern verändert, als dass sich deutlicher als je zuvor die soziale Schichtung einer Gesellschaft in der sozialräumlichen Verteilung der Bevölkerung widerspiegelt. Insofern wäre dieser Debatte auch hinzufügen, dass sich Migration in den Städten hauptsächlich unter den Bedingungen sozialräumlicher Ausgrenzung, sozialer und ökonomischer Prekarität sowohl der Migranten als auch der Einheimischen abspielt. Da werden kulturelle Differenzen sehr schnell auch zu sozialen Differenzen und zu Konflikten. Denn wohlverstandene Routine setzt ein gewisses Maß von sozialer Sicherheit und sozialer Verortung, auch sozialräumlicher Zugehörigkeit voraus. Das wird zwar nicht explizit diskutiert, schwingt aber in Bukows Argumentationslinien immer mit.

Fazit

Das Buch ist eine Bereicherung für alle diejenigen, die dem klassischen Migrationsdiskurs immer schon kritisch gegenübergestanden haben. Und es bereichert die stadtsoziologische Diskussion um die Bedeutung und die Eigenarten der europäischen Stadt, die viele bereits als vernachlässigbar betrachten.


Rezensent
Prof. Dr. Detlef Baum
Professor für Soziologie mit den Schwerpunkten Soziale Probleme, Kommunale Sozialpolitik, Stadtsoziologie, insbesondere Soziale Probleme der Stadtentwicklung, Segregationsprozesse, Stadtumbau
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Zitiervorschlag
Detlef Baum. Rezension vom 08.03.2010 zu: Wolf-Dietrich Bukow: Urbanes Zusammenleben. Zum Umgang mit Migration und Mobilität in europäischen Stadtgesellschaften. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2010. ISBN 978-3-531-17054-1. Reihe: Interkulturelle Studien - Band 20. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/9077.php, Datum des Zugriffs 17.12.2018.


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