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Markus Biedermann: Essen als basale Stimulation

Cover Markus Biedermann: Essen als basale Stimulation. Neue Wege bei der Ernährung demenzkranker Menschen. Vincentz Verlag (Hannover) 2003. 96 Seiten. ISBN 978-3-87870-656-4. 13,80 EUR.
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Einführung

Wir müssen uns ja damit konfrontiert sehen, dass in Einrichtungen der Altenpflege, der Gerontopsychiatrie ein Großteil der Menschen nach objektiven Maßstäben als unterernährt und mit Flüssigkeit unterversorgt zu gelten hat. Die schnelle Lösung der PEG-Sonde ist häufig genug kein Ausweis für die Schwere der Beeinträchtigung der Patientinnen und Bewohner, sondern für die Reduktion aufs rein Funktionelle durch die Institution und ihre Mitarbeiter selbst.

Inhalt

Auf etwa 60 Seiten plus Rezeptanhang beschäftigt sich Markus Biedermann mit dem Essen als basale Stimulation für Menschen mit erheblichen Wahrnehmungs-, Kommunikations- und Aktivitätseinschränkungen. Essen stellt für ihn einen der zentralen Aktivitätsbereiche des Menschen dar, der darüber hinaus aufs Engste mit Lust, mit Erleben, mit Anregung und natürlich auch mit zwischenmenschlicher Kommunikation verbunden ist. Das Essen als kultureller Akt stellt für Markus Biedermann einen wichtigen Bereich im Leben dar, der durch die Versorgung im Heim oder in anderen vollstationären Einrichtungen gefährdet ist. "Essen dient aber nicht bloß dem Zweck der Selbsterhaltung. Die Nahrungsaufnahme ist ein wichtiger Bestandteil sämtlicher Kulturen. So ist Essen nicht nur ein lebenserhaltender, sondern auch ein sozialer Akt."

In seiner Schrift führt der Autor seine Leserinnen und Leser Schritt für Schritt in die Thematik ein, er baut gewissermaßen die einzelnen Bausteine seiner Argumentation klar und logisch zu einem Gebäude zusammen. Man kann ihm gut folgen, dass Buch liest sich überzeugend und ohne vorzeitige Ermüdungserscheinungen.

Die Bausteine: was ist eine Essbiographie, was will Basale Stimulation, was hat sie mit dem Essen zu tun? Dann beschäftigt er sich mit dem Erscheinungsbild und den Auswirkungen von Seniler Demenz und führt seine Leserschaft zu den Problemstellungen von Fehlernährung (Malnutrition) und Riech - und Schmeckstörungen. Überlegungen zum "Essen reichen" statt "Füttern" schließen sich an. Trinkkultur mit den wichtigen Aspekten der ausreichenden Flüssigkeitszufuhr, des veränderten Trinkverhaltens im Alter und die Idee eines Trinkplanes werden dargestellt.

"Fingerfood" oder die Frage "darf man mit den Händen essen" leiten zum praktischen Teil des Buches über. In diesem zweiten Teil beschreibt er sein Koch- und Essprojekt mit vielen systematischen Beobachtungshilfen, praktischen Erwägungen und Vorschlägen sowie (selbst-) kritischen Anmerkungen.

In einem ausführlichen Anhang bietet er weitere wichtige Informationen an: Literatur zum Thema, Fortbildungsangebote, Beobachtungsbögen, einen Interviewleitfaden zur Erstellung einer individuellen Essbiographie sowie eine Menge appetitanregender Rezepte.

Diskussion

Ein ganz praktisches Buch, das sich in seiner Theorie wesentlich auf das Konzept der Basalen Stimulation bezieht, und direkte Umsetzungen vorstellt. An vielen Punkten, so wird man wehmütig erkennen müssen, ist eine Umsetzungsmöglichkeit entsprechend den Vorschlägen von Markus Biedermann sicherlich sehr eingeschränkt. Das allfällige Klagen über Personalknappheit, Zeitdruck und ständige Belastung am Arbeitsplatz wird manche Pflegerin routiniert wiederholen, um sich möglicherweise erst gar nicht mit Biedermanns Vorschlägen auseinander zu setzen. Aber: In diesem Buch wird deutlich, was Nahrungsaufnahme wirklich bedeutet, wie wichtig sie auch für Menschen mit eingeschränkten Möglichkeiten ist und wo sich doch Möglichkeiten ergeben, etwas an der desolaten gegenwärtigen Situation zu ändern.

Der Autor macht sich mit viel Liebe an sein Thema, man merkt, wie es ihm am Herzen liegt und dass dies sein Thema ist.

Als der "Erfinder" des Konzeptes der Basalen Stimulation kann ich Herrn Biedermann bestätigen, dass er die Grundzüge und die zentralen Ideen sehr gut aufgenommen und verarbeitet hat. Wäre ich Lektor des Buches gewesen, so hätte ich an einigen Stellen ein paar Anmerkungen gemacht, die ich jetzt hier mache. Auf Seite 9 unter "Zielsetzung" schreibt der Autor: "Die Basale Stimulation ist ein Konzept, welches versucht, mit einfachen Anregungen schwerbehinderte Menschen zu Reaktionen zu stimulieren." Diese Sicht ist mittlerweile ein bisschen überholt, es geht nicht so sehr um Reiz und Reaktion, sondern vielmehr um eine umfassende zwischenmenschliche Einladung aktiv zu werden, sich zu öffnen, in eine Beziehung mit sich selbst, mit der Umwelt und mit anderen Menschen zu treten. Es ist eine Einladung und weniger eine "Bereizung". So haben wir in den neueren Publikationen das Wort "Reiz" weitestgehend vermieden, um keine falschen Assoziationen aufkommen zu lassen. Eine solche Textstelle findet sich dann auch noch einmal auf Seite 63 "die Reize von Dementen zu stimulieren." Hier liegt sowohl grammatikalisch eine Unstimmigkeit vor, als auch noch einmal dieses Denken in Reiz und Reaktion, dass als überholt zu gelten hat.

Als Freund des Kochens und der Schweiz muss ich mit einem leisen Schmunzeln wieder einmal konstatieren, dass sich die Schweizer in der Regel gar nicht bewusst sind, dass sie eine z. T. eigene Sprache entwickelt haben. Wer Schweizer Kochrezepte liest, sei es von der berühmten Marianne Kaltenbach oder eben in Betty Bossi, der wird feststellen, dass gerade im Küchendeutsch sich einiges wirklich voneinander unterscheidet und der Bundesrepublikaner aufs erste gar nicht weiß, von was da die Rede ist. Der Sbrinz, ein wunderbarer Hartkäse, ist sicherlich nur in einigen ganz wenigen Delikatess-Geschäften in Deutschland überhaupt bekannt, dass Rahm süße Sahne ist, muss man auch wissen und dass die tomates concassés sehr fein, fast zu einer Soße gehackte Tomaten sind. Rivella, ein sehr spezielles Schweizer Getränk, gibt es in der Bundesrepublik auch nicht, und Süßmost ist natürlich ohne Alkohol. Auch ein Rechaud ist oft nur eingefleischten Fondue-Liebhabern bekannt. Ansonsten machen die Rezepte Appetit und man kann sich ja heutzutage durchaus gut vorstellen, wieder mit den Fingern zu essen, denn manche Bar oder Lounge bietet heute Fingerfood zum Cocktail an.

Fazit

"Von der Hand in den Mund" ist also kein Hinweis auf sorglos-nachlässiges Verhalten, sondern ein Ansatz, Essen für Menschen mit Aktivitätseinschränkungen wieder attraktiv zu machen, das ursprüngliche sinnliche Erlebnis wieder erstehen zu lassen. Im Ganzen also trotz einiger Verbesserungsvorschläge ein deutliches "empfehlenswert".


Rezensent
Prof. Dr. Andreas Fröhlich
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Zitiervorschlag
Andreas Fröhlich. Rezension vom 09.12.2003 zu: Markus Biedermann: Essen als basale Stimulation. Neue Wege bei der Ernährung demenzkranker Menschen. Vincentz Verlag (Hannover) 2003. ISBN 978-3-87870-656-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/908.php, Datum des Zugriffs 20.10.2019.


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