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Konrad Bundschuh, Johannes Bach (Hrsg.): Prävention und Intervention über die Lebensspanne

Cover Konrad Bundschuh, Johannes Bach (Hrsg.): Prävention und Intervention über die Lebensspanne. Schulische und außerschulische Handlungsfelder. Julius Klinkhardt Verlagsbuchhandlung (Bad Heilbrunn) 2009. 203 Seiten. ISBN 978-3-7815-1716-5. 18,90 EUR.
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Thema

Das zu besprechende Buch befasst sich mit präventiven Konzepten bei sozialen und emotionalen Störungen in unterschiedlichen Lebensphasen und Institutionen.

Herausgeber

Konrad Bundschuh, Jahrgang 1944, ist Diplompsychologe und Pädagoge. Er lehrt Pädagogik bei geistiger Behinderung und Pädagogik bei Verhaltensstörungen am Institut für Sonderpädagogik der Ludwig-Maximilians-Universität München. 1974 wurde Bundschuh mit einer empirischen Arbeit zum Problem der Pseudodebilität an der Universität Würzburg zum Dr. phil. promoviert.

Der 1972 geborene Diplompsychologe Johannes Bach wurde 2003 mit einer Dissertation zu Ängsten im Jugendalter an der Ludwig-Maximilians-Universität München promoviert. Gegenwärtig ist Bach wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Psychologie der Universität Augsburg.

Entstehungshintergrund

Die zu besprechende Publikation hat Beiträge des Kongresses Prävention und Intervention über die Lebensspanne vom 23. und 24.03.2007 zum Inhalt.

Aufbau und Inhalt

Die Publikation ist in zwei Teilen strukturiert. Der erste Teil beinhaltet zwei Beiträge, welche die grundlegenden bzw. übergreifenden Aspekte der Prävention und der Intervention behandeln.

  1. Konrad Bundschuh betrachtet Prävention und Intervention über die Lebensspanne basierend auf einer sich sehr verändernden Sonder- bzw. Heilpädagogik zu Beginn des 21. Jahrhunderts. Die gegenwärtige gesellschaftliche Situation ist durch rasante Veränderungen und Umbrüche in vielen Lebensbereichen charakterisiert. Mit Bezug auf den Soziologen Ulrich Beck spricht Bundschuh von einer Risikogesellschaft Die zuvor genannten Wissenschaften, samt ihrer Nachbardisziplinen, sind auf den Prüfstand zu stellen.
    Aus der Nachbarschaft greift der Verfasser die politisch geforderte Präventionsarbeit auf. „Krankenkassen geben sich den Beinamen ‚Präventionskasse‘, da ihnen die Gesundheitsvorsorge ihrer Klienten besonders am Herzen liegt“ (S. 13).
    Bundschuhs Beitrag versteht sich als eine Tagungseinführung. In ihm „wird ein Überblick über die verschiedenen intervenierenden bzw. präventiven Herangehensweisen von unterschiedlichen Forschungs- und Anwendungsdisziplinen, basierend auf Erkenntnissen der Emotions- und Lernpsychologie, Neurobiologie, Hirn- und Lernforschung, gegeben. Diese Ansätze werden hinsichtlich ihrer Brauchbarkeit hinterfragt und anschließend auf pädagogische Aspekte im Kontext früher Entwicklung transferiert“ (S. 15 f.).
  2. Im zweiten Grundlagenbeitrag widmet sich Michael Wagner den Interventionen bei Menschen mit schwerer Behinderung. Mit dem Begriff schwere Behinderung werden Kinder, Jugendliche und Erwachsene bezeichnet, „die sowohl in ihren motorischen als auch in ihren kognitiven Fähigkeiten schwer beeinträchtigt sind, die bei alltäglichen Verrichtungen meist der Hilfe anderer bedürfen (u. U. dann also als Beitragszahler doch eine Last für die Pflegeversicherung darstellen – CR), sich meist nicht durch aktive Sprache ausdrücken können und sich häufig auf Kontakt- und Lernangebote nicht erwartungsgemäß verhalten“ (S. 35).

Der zweite Teil der Publikation enthält Aufsätze, welche praktische Möglichkeiten der Prävention und Intervention aufzeigen.

  • Für den Bereich der vorschulischen Prävention thematisiert der Zweitherausgeber die Prävention sozial-emotionaler Störungen bei Kindern im Vorschulalter.
  • Mit ihrem Beitrag über Möglichkeiten der Prävention durch Integration im Schulkontext - und damit befinden wir uns auf dem Feld der schulischen Prävention und Intervention - stellen Sabine Müller und Christian Albrecht das KUSS-Projekt (Kinder, Unterricht und Systeme für Schulerfolg) der Hauptschule an der Bernaystraße in München vor.
  • Über den Behandlungsansatz mit dem TEACCH-Programm (Treatment and Education of Autistic and related Communication Handicapped Children) befassen sich Michele Notderdame und Rita Wagner mit Autismus Spektrum Störungen.
  • Robert Brickmann befasst sich mit dem außerschulischen Feld der Prävention und Intervention. Er stellt in seinem Beitrag das Training zur Aggressionsverminderung (TAV), ein Kompetenztraining für aggressive Jugendliche und junge Erwachsene, vor.
  • Alain Kathola befasst sich mit der interkulturellen Toleranz und Integration von Migrantenkindern.
  • Über die Möglichkeiten des Einsatzes von Yoga bei Kindern informiert Anna Kunde.
  • Die Möglichkeiten der Prävention und Intervention über die Unterstützte Kommunikation beleuchtet Dorothea Lage. Die Autorin geht davon aus das es ein großes menschliches Bedürfnis ist mit anderen Menschen kommunizieren zu wollen und zu können. Die Unterstützte Kommunikation „will die kommunikative Situation für Menschen mit Beeinträchtigungen und ihre(r – CR) Gesprächspartnerinnen normalisieren, indem ihnen Zeichen, Kommunikationshilfen, Techniken und Strategien zur Verfügung gestellt werden, die ihre Laut- und/oder Schriftsprache ergänzen bzw. ersetzen“ (S. 158 f.).
  • Das Feld Elternarbeit wird thematisch von Johannes Streif behandelt. Mit Eltern von verhaltensauffälligen Kindern übt er außer Haus Zuhause. „‘Außer Haus Zuhause üben‘ meint nur das Haus von Eltern und Kindern. Im ‚Haus‘ des Therapeuten mutieren […] nicht selten die Eltern ihrerseits zu widerspenstigen Schülern und trotzigen Oppositionellen“ (S. 197).

Diskussion

Bundschuh schreibt das die Sonder- und Heilpädagogik zum Ziel hat, „jedem Menschen Kompetenzen zu vermitteln, die er benötigt, um zunehmenden Einfluss auf seine Lebensgestaltung, auf seine soziale und dingliche Umwelt zu nehmen“ (S. 14). Es bleibt zu Wünschen das dieses Ziel nicht nur von der aussondernden Sonder- und Heilpädagogik so verstanden wird. Gegenwärtig ist es in der universitären Ausbildung ja so das die Sonderpädagogik ihre Ressourcen (Verteilung der Ressource Bildung, des kulturellen Kapitals sensu Buttner/Knecht (2009, 100)) u. a. auch der Allgemeinen Pädagogik und hier besonders in der Lehrerinnen- und Lehrerausbildung für das Allgemeine Schulsystem zur Verfügung stellt. Lernen die Studierenden also etwas Neues, wenn sie derartiges lesen? Wenn es etwas Neues ist, dann muss anders herum gefragt werden, was die Allgemeine Pädagogik und die Lehrerinnen- und Lehrerschaft des Allgemeinen Schulsystems macht. Womit verbringen die ihre Schulzeit in ihrem Lehrerinnen- und Lehrerdasein?

Für das vergangene Jahrtausend hebt Bundschuh hervor das die Sonderpädagogik eine defizitäre Diagnostik an ihrer Kundschaft betrieben hat und das sei der medizinisch psychiatrischen Betrachtungsweise geschuldet. Die Einstellungen haben sich aber wohl verändert. „Neuwahrnehmung heißt hier Möglichkeiten, Fähigkeiten, Eigenaktivitäten und Kompetenzen kognitiver, sozialer, emotionaler und motorischer Art – trotz möglicher Beeinträchtigung und behindernder Bedingungen – in den Vordergrund der Wahrnehmung einer Person zu stellen (interessanterweise wird an dieser Stelle nicht von Diagnostik gesprochen sondern der weichere Wahrnehmungsbegriff verwendet – CR) […] und den individuellen Förderbedarf unter Einbezug der Umfeldbedingungen multidisziplinär zu erkennen“ (S. 15). Da wurde aber wohl ein recht alter Wein durch neue Schläuche gegossen, denn von einer Abkehr von der Defizitorientierung hat ja bereits 1988 Hans Grewel gesprochen.

Aber – während Grewel von einer Kompetenzorientierung spricht, erweitert Bundschuh den Horizont – und versteht darunter „die Wahrnehmung und Fokussierung der Ressourcen (vgl. die Diskussion zum Kompetenzbegriff im Hinblick auf Ressourcenorientierung von Buttner/Knecht (2009, 107)), Fähigkeiten, Möglichkeiten und des Könnens einer Person“ (S. 17).

Die von Wagner so definierten Menschen mit einer schweren Behinderung (politisch korrekt darf man ja behindert nicht mehr sagen (vgl. Rensinghoff 2010) – CR) benötigen zur Verwirklichung ihrer Wünsche und Bedürfnisse in besonderer Weise das Verstandenwerden durch ihre Interaktions- und Kommunikationspartner. Sie benötigen also wohl – und jetzt verstehe ich die Stellenausschreibung der Technischen Universität Dortmund in DIE ZEIT vom 11.02.2010 – eine differenzielle Didaktik in Rehabilitation und Pädagogik. In dieser Stellenausschreibung heißt es: „Differenzielle Didaktik beschäftigt sich mit der Differenzierung und Individualisierung des Unterrichts sowie mit der Gestaltung von Bildungsangeboten für heterogene Lerngruppen. Sie betreibt praxisnahe Evaluationsforschung im inklusiven Unterricht an Förderschulen (wie geht das? – CR) mit den Zielen der Unterrichtsentwicklung und Qualitätssicherung sowie an Lernorten im lebenslangen Bildungsprozess“ (DIE ZEIT 2010).

Fazit

Die aufmerksame Leserin und der aufmerksame Leser meiner Buchbesprechungen wird bis hierher spätestens gemerkt haben, dass ich der Sonderpädagogik nicht unkritisch gegenüberstehe. Das ist einmal meiner eigenen Sonderschulerfahrung geschuldet und zum anderen rührt das aus dem Umstand das zu viele der über Behinderung nur Halbinformierten, weil ihnen halt die administrative Zuschreibung und das Gefühl des Behindertseins fehlt, meinen zu wissen was wir Behinderten so dringend nötig haben und uns den Zutritt in das eigentlich uns zugeschriebene Feld der Macht verwehren. Die Halbinformierten sprechen uns dann die volle Kompetenz für unseren Bereich ab und degradieren uns. Aus diesem Grund empfehle ich als Experte in eigener Sache, der ich über eine erlebte und erlernte Kompetenz verfüge, eine kritische Lektüre. Vielleicht kann ja für Anfängerinnen und Anfänger präventiv einem weiteren Studium dieses Sonderfaches begegnet werden.

Literatur

  • Buttner, Peter/Knecht, Alban: Wege der Ressourcendiagnostik in der Sozialen Arbeit. Ein ressourcentheoretisch fundierter Überblick: In: Pantucek, Peter/Röh, Dieter (Hgg.): Perspektiven Sozialer Diagnostik. Über den Stand der Entwicklung von Verfahren und Standards. Berlin 2009, 99-110.
  • DIE ZEIT Nr. 6 2010: Stellenanzeige der Technischen Universität Dortmund [Download: 12.02.2010].
  • Grewel, Hans: Defizitäre Lebenserfahrungen als Herausforderung an eine religiöse Didaktik. In: Zeitschrift für Heilpädagogik 39(1988)433-442.
  • Rensinghoff, Carsten: Wie man so redet. URL: http://awan.awan.de/mondkalb2/index.php?id=30 [Download: 12.02.2010].

Rezensent
Dr. Carsten Rensinghoff
Dr. Carsten Rensinghoff Institut - Institut für Praxisforschung, Beratung und Training bei Hirnschädigung, Leitung: Dr. phil. Carsten Rensinghoff, Witten
Homepage www.rensinghoff.org
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Zitiervorschlag
Carsten Rensinghoff. Rezension vom 03.03.2010 zu: Konrad Bundschuh, Johannes Bach (Hrsg.): Prävention und Intervention über die Lebensspanne. Schulische und außerschulische Handlungsfelder. Julius Klinkhardt Verlagsbuchhandlung (Bad Heilbrunn) 2009. ISBN 978-3-7815-1716-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/9087.php, Datum des Zugriffs 19.11.2018.


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