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Helmut Johach: Von Freud zur humanistischen Psychologie

Rezensiert von Prof. Dr. Manfred Gerspach, 07.04.2010

Cover Helmut Johach: Von Freud zur humanistischen Psychologie ISBN 978-3-8376-1294-3

Helmut Johach: Von Freud zur humanistischen Psychologie. Therapeutisch-biographische Profile. transcript (Bielefeld) 2009. 336 Seiten. ISBN 978-3-8376-1294-3. 29,80 EUR. CH: 49,90 sFr.
Reihe: Der Mensch im Netz der Kulturen - Band 4
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Thema

Das Buch befasst sich mit dem eher schwierig zu nennenden Verhältnis von Psychoanalyse und Humanistischer Psychologie und arbeitet differenziert und präzise die methodischen Unterschiede wie haltungsgebundenen Gemeinsamkeiten heraus. Im Mittelpunkt stehen – beginnend bei „godfather“ Freud, über Lou Andreas-Salomé, Sándor Ferenczi, Georg Groddeck, Wilhelm Reich, Erich Fromm, Fritz und Laura Perls bis hin zu Ruth C. Cohn – die Biographien namhafter Vertreter/innen beider Disziplinen, deren theoretischen wie psychotherapeutischen Wurzeln ausnahmslos in der Psychoanalyse liegen und die sich allesamt von einstmals als klassisch angesehenen Positionen verabschiedet haben.

Aufbau und Inhalt

Es beginnt mit einer einleitenden Erörterung über die ursprünglich (natur-)wissenschaftliche Verortung der Psychoanalyse und ihrer danach allmählich erfolgenden Öffnung hin zu einem sozialwissenschaftlich-gesellschaftskritischen Selbstverständnis. Dabei ist der Konflikt zwischen Triebstruktur und gesellschaftlicher Anpassung ins Zentrum der Debatte gerückt. Während aus Sicht der Humanistischen Psychologie Freuds Lehre als reduktionistisch erscheint, weil sie sich einem bürgerlichen Materialismus des 19. Jahrhunderts andient, bestehen „linke“ Psychoanalytiker, allen voran Erich Fromm, aber auch Wilhelm Reich, auf der Dialektik von somato-psychischen und gesellschaftlichen Wirkmechanismen. Weitere Streitpunkte sind die Bedeutung der Vergangenheit für das aktuelle Erleben, die Aufforderung zur strikten Beachtung der Abstinenzregel an den Psychoanalytiker oder das Konzept des Unbewussten, einschließlich der Dynamik von Übertragungs- und Gegenübertragungsprozessen. Anhand der Aufbereitung biographischer Linien und daraus resultierender wissenschaftstheoretischer Ausrichtungen oben genannter Persönlichkeiten erhält der Leser einen fundierten Einblick in einen höchst spannend zu nennenden Disput.

Zunächst werden entscheidende Momente aus dem Leben Sigmund Freuds referiert, die vor allem sein Verhältnis zu Vater und Mutter einschließlich seiner Selbstanalyse beleuchten. Auch der Streit um die Frage realer Missbrauchserfahrungen oder ‚reiner‘ infantiler Phantasien als Motiv neurotischer Störungen wird aufgenommen, ohne zu vorschnellen Fehlschlüssen zu gelangen. Die Darlegung seines persönlichen Werdegangs wie vor allem seines herausragenden Wirkens als Psychoanalytiker kommt in der hier vorliegenden komprimierten Form der Wirklichkeit mit Sicherheit sehr nahe.

Lou Andreas-Salomé war eine der ersten Frauen, die sich der Psychoanalyse mit Begeisterung annäherten. Freud nannte sie einmal eine „Versteherin par excellence“. Zeitlebens blieb ihre Beziehung zu Männern schwierig – zu ihrem Bekanntenkreis zählten Rilke und Nietzsche –, und offenbar konnte sie Nähe und Distanz nur mühsam vereinbaren. Aber sie war auch eine der ersten Psychoanalytiker/innen, die sich theoretisch mit dem Thema Weiblichkeit auseinander setzte. Es steht zu vermuten, dass Freud selbst bei der Formulierung seiner Thesen zum weiblichen Narzissmus an sie gedacht hat.

Das folgende Kapitel über Sándor Ferenczi ist eines der stärksten überhaupt. Er wird uns als ein Mann von großer Einfühlsamkeit und scharfem Verstand geschildert, aber auch als einer, der lebensgeschichtlich motiviert zu Frauen ein nicht unproblematisches Verhältnis unterhielt. So hatte er zeitweilig eine Beziehung zur Tochter seiner Frau aus erster Ehe, die gleichzeitig seine Patientin gewesen war. Ferenczi hat die Rolle der Gegenübertragung für das Gelingen oder Misslingen des psychoanalytischen Prozesses sicher besser verstanden als Freud, und dies war der Entwicklung seiner „aktiven Technik“ geschuldet, die körperliche Nähe zu den Patient/innen zuließ – was zur allmählichen Entfremdung von Freud führte. Allerdings sollte dessen Warnung vor der Gefahr eines damit forcierten Agierens anstelle des Reflektierens nicht unterschätzt werden. Aus heutiger Sicht kann man indessen zweifellos festhalten, dass die Betonung der therapeutischen Beziehung durch Ferenczi einen großen Gewinn für die Psychoanalyse markierte. Seine menschliche und liebevolle Einstellung zum Patienten ist bahnbrechend zu nennen. Und kaum eine der existierenden psychoanalytischen Schulen würde dem mehr widersprechen, was doch einen gravierenden Vorbehalt der Humanistischen Psychologie an die Adresse der Psychoanalyse entkräftet.

Georg Groddeck wird als Wegbereiter der Humanistischen Psychologie bezeichnet, zumal er keine klare Grenze zwischen rein somatischer und psychischer Behandlung zog. Und wahrscheinlich hatte ihn Fromm vor Augen, als er in den 40er Jahren das Wort „humanistisch“ in den psychoanalytischen Sprachgebrauch einführte. Auch Grundbegriffe der Humanistischen Psychologie wie Wertschätzung und Authentizität sind bereits in Groddecks Schriften aufzufinden. Beinahe erschreckend ist, dass jene, die von der ‚reinen‘ Lehre abwichen – wie Ferenczi, Groddeck und später Reich – von Bibliographen der Psychoanalyse wie Ernest Jones, aber auch Freud selbst, für geistig unzurechnungsfähig erklärt wurden.

Damit zu Wilhelm Reich, der wohl wie kein zweiter Psychoanalytiker zu polarisieren weiß. Er war einer der am deutlichsten politisch positionierten Vertreter und engagierte sich in Wien und später in Berlin in Bewegungen, die der Kommunistischen Partei nahe standen. Eines seiner Anliegen war, die Psychoanalyse auch jenen ärmeren Kreisen zukommen zu lassen, die sich eine Kur nicht leisten konnten. Hier sei darauf hingewiesen, dass auch Freud, obzwar er zuweilen von „Gesindel“ sprach, ein Gespür für die elende sozialpolitische Situation hatte und in Wien eine kostenlose psychoanalytische Poliklinik für Angehörige der Unterschicht einrichtete, an der Reich zeitweilig Assistenzarzt war. Über die sowohl politische wie klinische Dimension des Wirkens von Wilhelm Reich gehen die Meinungen noch immer auseinander, wiewohl eine diskrete Rehabilitierung spürbar geworden ist. Auch an dieser Stelle wird vom Autor der vorliegenden Schrift sehr behutsam argumentiert. Reichs später Ausschluss aus der Internationalen Psychoanalytischen Vereinigung wird zusammenfassend bewertet als eine Wechselwirkung von politischer Distanzierung, theoretischen Vorbehalten gegen seine Abkehr von der Todestriebhypothese und durchaus in seiner Persönlichkeit ruhenden Momenten. Reichs Ausführungen zur Charakteranalyse, insbesondere zur Notwendigkeit einer eingehenden Widerstandsanalyse, erscheinen aus heutiger Sicht allerdings überaus interessant und weisen weit über die Rezeption seiner Verknüpfung von Psychoanalyse und Dialektischem Materialismus durch die Studentenbewegung von 1968 hinaus.

Es folgt eine hoch interessante Debatte über Erich Fromm, der seine theoretischen Ausführungen zur Psychoanalyse als einem Paradigma gesellschaftskritischer (Selbst-)Aufklärung in der Formel von der „humanistischen Psychoanalyse“ zusammenfasste. Seine Verwurzelung in der Kritischen Theorie, seine Gedanken zum autoritären Sozialcharakter wiesen früh in eine dialektisch fundierte Richtung einer sozialpsychologischen Verortung der Psychoanalyse diesseits der Couch. 1918 legte er in Frankfurt sein Abitur ab und wandte sich danach in seine Studien zunächst der Nationalökonomie und Soziologie zu, bevor er auf die Psychoanalyse stieß. Am Rande sei erwähnt, dass der Rezensent gut ein halbes Jahrhundert später an der gleichen Schule sein Abitur bestand und sich erinnert, wie in dieser Zeit davon die Rede war, dass sich Fromm bitterböse über den dort gepflegten Antisemitismus beklagt hatte. Bis auf Groddeck, der Hitlers Machtergreifung zunächst stürmisch begrüßt hatte, waren übrigens alle anderen Protagonist/innen des Buches von jüdischer Abstammung und mussten emigrieren. Fromm war Mitarbeiter am berühmten Frankfurter Institut für Sozialforschung und an dessen – später in den USA fortgesetzten – Forschungen zum autoritären Charakter maßgeblich beteiligt. Im Zuge dieser Arbeiten distanzierte er sich zusehends von der Triebtheorie – was eine bestimmte Nähe zur Humanistischen Psychologie markiert –, und ihm die Abneigung der übrigen Institutsmitglieder, allen voran Adorno und Marcuse, eintrug. So lässt sich festhalten, dass Fromm eine mittlere Position zwischen der klassischen Psychoanalyse und der Humanistischen Psychologie einnimmt.

Die beiden abschließenden Abschnitte wenden sich zunächst Fritz und Laura Perls und schließlich Ruth Cohn zu. Vor allem die schillernde Persönlichkeit von Fritz Perls wird eingehend nachgezeichnet. Er erscheint dem Leser als Mensch von ebenso großer Sensibilität wie durchgehender Unverbindlichkeit seiner Herkunftsfamilie sowie Frauen und Freunden gegenüber. Ausgangspunkt der mit seiner Frau Laura sowie Paul Goodman begründeten Gestalttherapie stellen Studienerfahrungen beim großen Gestaltpsychologen Wertheimer dar. Nicht zuletzt Ruth Cohn ging auf Distanz zu einer überzogenen individualistischen Auslegung von Selbstverwirklichung, die in den Schlussworten „Und wenn wir uns zufällig finden – wunderbar. Wenn nicht, kann man auch nichts machen“ seines bekannten Gestalt-Prayers gipfelten. Sicherlich war Laura Perls in dieser Hinsicht wissenschaftlich gesehen weitaus gründlicher und offenbar persönlich gefestigter.

Auch Ruth Cohn erscheint im Vergleich zu Fritz Perlsstrukturierter und vor allem reflektierter. Sie hat ihre Nähe zur Psychoanalyse zeitlebens nicht verleugnet und es so gekonnt zu vermeiden gewusst, sich in ideologisch geführte Grabenkriegen zu verrennen. Ihre Themenzentrierte Interaktion (TZI) beruht auf dem gleichseitigen Dreieck von Thema, Gruppe und dem Einzelnen, wodurch sie ein probates Mittel gefunden hatte, nicht in einer symbiotisch-therapeutischen Beziehung mit ihren Patient/innen zu verschmelzen. Vor allem ließ sich diese Methode professions- bzw. sachgebunden ausgesprochen sinnvoll verwenden, was von Lehrer/innen und Sozialarbeiter/innen bis heute mit großem Erfolg zu nutzen gewusst wird.

Am Ende des Buches werden punktgenaue Fragen zum Humanismus von Psychoanalyse und Humanistischer Psychologie gestellt. Es geht ums Menschenbild, um interpersonelle Beziehung, um Selbstverwirklichung, kulturelle Einbindung und die schichtspezifische Perspektive. Der Autor resümiert, dass der Begriff „humanistisch“ kein feststehendes Etikett ist und vor allem an Hand der vorgestellten Portraits der generellen Abgrenzung von Psychoanalyse und Humanistischer Psychologie eine klare Absage erteilt werden muss.

Diskussion

Das Buch wirft umspannende Fragen auf, ohne vorgestanzte Antworten zu präsentieren. Meine Skepsis vor der Lektüre, inwieweit der oft vorherrschenden seichten Form der Argumentation aus der Richtung der Humanistischen Psychologie hier zu viel Raum gegeben werden könnte, wurde schnell ausgeräumt. Die Darlegung der verschiedenen biographischen Hintergründe wie vor allem die sich anschließende Erörterung im Hinblick auf die professionstheoretischen Ausformulierungen der einzelnen Persönlichkeiten halten sich glücklicherweise nicht mit einem alten Schulenstreit auf, sondern belegen auf privater wie wissenschaftlicher Ebene differenziert Höhen und Tiefen. So bekommt der Leser einen ebenso ungeschminkten wie nachdenklich machenden Eindruck in das Lebenswerk faszinierender Repräsentant/innen einer jeweils neuen und im Fluss befindlichen Sicht auf den Menschen. Die Relevanz der Revision von ‚alten‘ psychoanalytischen Theoremen und Positionen wird sowohl psychoanalyseimmanent als auch aus der Perspektive der Humanistischen Psychologie diskutiert und begründet. Dass etwa Fritz Perls auf das Konzept von Übertragung und Gegenübertragung zugunsten der Konzentration aufs Hier und Jetzt verzichtete, kann einerseits im Nachhinein durchaus als eine Abwehrleistung verstanden werden, sich lieber den narzisstischen Befriedigungsmöglichkeiten als Guru hingeben und seine sexuellen Gelüste ungehemmt ausleben zu dürfen. So bleibt als offene Frage, ob nicht vor allem narzisstisch gewebte Menschen durch das Credo von Wertschätzung und Authentizität von der Humanistischen Psychologie angezogen werden – so wie man Anhängern der Systemtheorie gerne nachsagt, sie seien eher zwanghaft strukturiert.

Andererseits hat die dezidierte Bezugnahme auf die Dialektik des Menschen als einem Natur- wie Kulturwesen – so bei Fromm, Reich und Ferenczi mehr oder weniger explizit zu finden – eine notwendige, um nicht zu sagen längst überfällige Perspektivenausweitung mit sich gebracht, auch oder gerade, weil dies auf den heftigen Widerstand der orthodoxen Psychoanalyse traf. Folglich gilt, jedes Für und Wider vorsichtig abzuwägen.

Fazit

In einer historisch gehaltenen Betrachtung der Entwicklung der ursprünglichen Freudschen Psychoanalyse – welche selbst nie aus einem Guss war – wird an Hand von verschiedenen Portraits namhafter Protagonist/innen in eine überaus interessante Debatte um den Wandel ihres theoretisch verorteten Menschenbildes und die sich daraus ergebenden methodischen Konsequenzen für die klinische Haltung eingeführt. Beinahe zwingend ergibt sich aus dieser Darlegung das Aufkommen der Humanistischen Psychologie mit der Formulierung ihrer alternativen Positionen. Aufzuzeigen, dass beide nicht vor Irrtümern gefeit sind und, was noch schwerer wiegt, viel mehr Gemeinsamkeiten aufweisen als ihnen womöglich liebt ist, ist das Verdienst dieses Buches.

Rezension von
Prof. Dr. Manfred Gerspach
lehrte bis 2014 am Fachbereich Gesellschaftswissenschaften und Soziale Arbeit der Hochschule Darmstadt. Schwerpunkte: Behinderten- und Heilpädagogik, Psychoanalyti­sche Pädagogik sowie die Arbeit mit so genannten verhaltensauffälligen Kindern und Jugendlichen. Seit 2015 lehrt er als Seniorprofessor am Institut für Sonderpädagogik der Goethe-Universität Frankfurt.
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Es gibt 35 Rezensionen von Manfred Gerspach.

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Zitiervorschlag
Manfred Gerspach. Rezension vom 07.04.2010 zu: Helmut Johach: Von Freud zur humanistischen Psychologie. Therapeutisch-biographische Profile. transcript (Bielefeld) 2009. ISBN 978-3-8376-1294-3. Reihe: Der Mensch im Netz der Kulturen - Band 4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/9090.php, Datum des Zugriffs 16.05.2022.


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