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Manuela Röthke: "Gewaltfreie Kommunikation" in Beratungsgesprächen

Cover Manuela Röthke: "Gewaltfreie Kommunikation" in Beratungsgesprächen. Studie zu einem konflikthemmenden Sprachhandlungsmodell für das pädagogische Arbeitsfeld des Beratungsgesprächs (Einzelgesprächs). Verlag Dr. Kovač GmbH (Hamburg) 2009. 323 Seiten. ISBN 978-3-8300-4461-1. 88,00 EUR.

Schriftenreihe Studien zur Germanistik - Band 32.
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Thema und Autorin

Der Begriff „Gewaltfreie Kommunikation“ bezeichnet ein Kommunikationskonzept, das Marshall B. Rosenberg unter Rückgriff auf Arbeiten von Watzlawick, Gordon und Rogers in den 60er Jahren des vergangenen Jahrhunderts entwickelt hat. Rosenberg sieht sein Konzept durchaus in einem globalen Horizont, er schreibt: „Die GFK liefert einen Rahmen für die Entwicklung von Fähigkeiten, die bei der Lösung menschlicher Probleme von Nutzen sind, angefangen von Problemen, die in engen persönlichen Beziehungen auftraten, bis hin zu weltweiten politischen Konflikten.“ (Zitiert bei Röthke S. 81) Rosenbergs Konzept hat mittlerweile in vielen Bereichen psychosozialer Beratung Einzug gehalten und hat sich besonders in der Mediation bewährt. In der vorliegenden Arbeit geht es vor allem um Beratungsgespräche im pädagogischen Feld. Manuela Röthke geht davon aus, dass konfliktreiche Verläufe pädagogischer Gespräche vor allem von den sprachlichen Mittel abhängen, die Pädagogen im Gespräch verwenden. Sie versteht Sprache als das vorrangige Arbeitsinstrument von Pädagogen. Da Konflikte die Beziehungsqualität zwischen Berater und Klient gefährden, ist es wichtig, dass das Arbeitsinstrument so zweckdienlich wie möglich eingesetzt wird. Röthke selbst nennt als Ziel ihrer Arbeit: „Die vorliegende Arbeit hat es sich nun zum Ziel, mögliche Gründe (…) für konflikthaltige Gesprächsverläufe zu ermitteln und hieraus jene Kompetenzen abzuleiten, die gegeben sein müssen, um eine konfliktärmere und somit konsensorientierte Gesprächsführung im Arbeitsfeld der Beratung zu wahren.“ (S. 10)

Die Autorin hat diese Arbeit im Jahr 2009 als Dissertation an der Philosophischen Fakultät der Universität Greifswald vorgelegt.

Aufbau und Inhalt

Röthke erarbeitet ihr Thema in acht Kapiteln. In einer Einleitung skizziert sie ihre Grundannahmen und ihren Arbeitsansatz.

Im zweiten Kapitel stellt sie einige „theoretische Vorüberlegungen“ an: Sie gibt eine Definition von „Konflikt“ und konzentriert sich dann auf Konflikte, wie sie in der zwischenmenschlichen Kommunikation auftreten. Konflikte erscheinen dann als „kommunikative Hindernisse“, als „Austauschbarrieren“, die dem Sinn von Kommunikation, nämlich dem Verstehen, im Wege stehen.

Im dritten Kapitel stellt die Autorin verschiedene kommunikationstheoretische Ansätze vor, um aus ihnen grundlegende Einsichten zur Vermeidung von Konflikten in Beratungsgesprächen zu gewinnen. In einem ersten Abschnitt wird „Beratung“ definiert, um dann in einem zweiten Abschnitt in der Tradition von Rogers als grundlegende „Beratervariablen“ Akzeptanz, Empathie und Kongruenz vorzustellen. Der dritte Abschnitt referiert die Kommunikationstheorie von Watzlawick/Beavin/Jackson und zeigt die zentrale Funktion von Rückkopplungsprozessen in kommunikativen Prozessen auf. Der Abschnitt enthält auch einen wichtigen Exkurs über die Sprechakttheorie von Austin und Searle, die vor allem nach dem performativen Anteil sprachlicher Äußerungen fragt und zwischen dem lokutionären, illokutionären und perlokutionären Akt unterscheidet. Der illokutionäre Gehalt einer Äußerung kann explizit, aber auch implizit ausgeführt werden, wobei es für den Empfänger einer Botschaft problematisch ist, den illokutionären Gehalt in der impliziten Form korrekt zu „dechiffrieren“. Die Konsequenz lautet: „Die Ausprägung eines Bewusstseins für die Rückkopplung der vermittelten Illokution gilt als gilt als konflikthemmender Indikator für die zwischenmenschliche Interaktion.“ (S. 46) Ein vierter Abschnitt ist der Methode des „aktiven Zuhörens“ von Thomas Gordon, wie er es in seiner „Familienkonferenz“ entwickelt hat, gewidmet. Zugleich wird hier der für die vorliegende Arbeit zentrale Begriff der „Ich-Botschaft“ eingeführt. Ich-Aussagen enthalten, wie der fünfte Abschnitt darstellt, neben dem Sachaspekt auch einen Appell-, einen Beziehungs- und einen Selbstkundgabeaspekt (vgl. die Arbeiten von Schulz von Thun).

Das vierte Kapitel stellt auf gut siebzig Seiten das Konzept der „Gewaltfreien Kommunikation“ von Marshall B. Rosenberg vor. Bereits Rogers hatte die wichtige Rolle einer empathischen Gesprächshaltung betont. Ein solcher empathischer Umgang mit dem Gesprächspartner kann aber durch verschiedene sprachliche Mittel, in der Sprache Rosenbergs „lebensentfremdende Kommunikation“, gehemmt werden. Dazu zählen moralische Urteile, das Leugnen von Verantwortung und Forderungen. Auf der anderen Seite stehen konflikthemmende sprachliche Mittel wie bewertungsfreie Beobachtungen, klar kommunizierte Gefühle, Übernahme von Verantwortung für die eigenen Gefühle sowie die Erfüllung von Intentionen durch Bitten. Als „weitere konflikthemmende Instrumente nennt die Autorin: Vertrauen und Empathie.

Auf der Basis dieser Vorarbeiten bietet dann das fünfte Kapitel eine „Evaluation der Kommunikationssituation zwischen Pädagoge und Klient – Ist- vs. Soll-Zustand“. Mit empirischen Methoden untersucht die Autorin die Frage: „Führt mangelnde Sprachkompetenz im pädagogischen Arbeitsfeld zur Konfliktevozierung?“ (S. 155) Die Auswertung der Fragebögen und Gesprächsprotokolle zeigt: Die Gespräche waren selten klar strukturiert. Die Sachlichkeit litt häufig unter wertenden Aussagen. Es fehlte an Empathie und an kooperativem Verhalten der Pädagogen. Stattdessen nahmen sie eine fordernde, vergleichende und vorwurfsvolle Haltung ein, was eine konfliktreiche Kommunikation förderte. Damit ist der „Bedarf nach einem konflikthemmenden Sprachhandlungsmodell“ (S. 261) nachgewiesen.

Das sechste Kapitel skizziert eben dieses Sprachhandlungsmodell in groben Zügen: Ich-Botschaften vs. Du-Botschaften, Werturteile vs. moralische Urteile, Übernahme von Verantwortung vs. Leugnen der Verantwortung, Beobachtungen vs. Bewertungen, Wahrnehmung und Ausdruck von Gefühlen vs. Ausdruck von Meinungen, Bitten vs. Forderungen, Vertrauen und Empathie. Die Prinzipien der „Gewaltfreien Kommunikation“ erweisen sich so als hilfreiches Instrument, um Kommunikationsbarrieren (nicht nur) in pädagogischen Gesprächen zu vermeiden.

Diskussion

In einer Rezension eine Dissertation zu beurteilen ist nicht einfach, weil die Kriterien nicht klar sind. Eine Dissertation dient dem Nachweis wissenschaftlicher Fähigkeiten im akademischen Kontext. Sie wird von Professoren beurteilt. Ein Rezensent dagegen liest ein Buch mit den Augen eines fachlich interessierten Lesers nicht zuletzt mit der Frage, wie informativ und lesbar es ist und welchen Gedankenfortschritt es für das Fach mit sich bringt. Die vorliegende Arbeit ist eine Dissertation und ist also mit wissenschaftlichen Standards zu messen, nicht mit publizistischen.

Das Anliegen der Autorin ist gleichwohl ein sehr praktisches: Sie möchte untersuchen, welche konfliktproduzierenden Sprachmuster in pädagogischen Gesprächen wirksam werden und wie sie vermeiden werden können. Die Untersuchung zielt auf die Steigerung pädagogischer Professionalität. Das ist allemal wertvoll und praxisrelevant. Und gewiss ist das Konzept der „Gewaltfreien Kommunikation“ ein hilfreiches Instrument, die Sensibilität für Kommunikationsbarrieren zu steigern. Allerdings habe ich (ich mag ignorant sein) noch nie wirklich verstanden, worin der Mehrwert des Konzeptes von Rosenberg gegenüber den Vor-Arbeiten von Watzlawick, Gordon, Rogers und anderen besteht. Die „klientenzentrierte Gesprächsführung“ von Rogers arbeitet mit denselben Haltungen und Aufmerksamkeitsrichtungen. Dennoch ist und bleibt es eine durch umfangreiche Erfahrung begründete Tatsache, dass das Sprachhandlungsmodell, das Röthke nachzeichnet, konflikthemmend und damit verständigungsfördernd wirkt. Der Begründung durch Beratungserfahrung fügt die Autorin nun eine Begründung durch empirische Sozialwissenschaft hinzu. Das bringt wenig zusätzliche Informationen, ist aber für das Fach dennoch nicht unwesentlich.

Als LeserInnen kommen daher wohl vor allem wissenschaftlich interessierte Fachleute in Frage, im Beraterbücherschrank wird es wohl kaum zu finden sein – und das liegt nicht nur an dem Preis von 88,00 €. Ich kann mir allerdings vorstellen, dass die Analyse pädagogischer Gespräche und die Identifizierung verdeckter Kommunikationsstörungen auch für SupervisorInnen spannend sind, weil genau das in der Supervisionsarbeit mit PädagogInnen ein häufiges Thema ist.

Fazit

Ein interessantes Buch für einen eng umrissenen LeserInnenkreis – eben eine (meines Erachtens) gut gelungene Dissertation!


Rezensent
Peter Schröder
Pfarrer
(Lehr-)Supervisor (DGSv), Seniorcoach (DGfC)
Homepage www.resonanzraeume.de
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Zitiervorschlag
Peter Schröder. Rezension vom 21.06.2010 zu: Manuela Röthke: "Gewaltfreie Kommunikation" in Beratungsgesprächen. Studie zu einem konflikthemmenden Sprachhandlungsmodell für das pädagogische Arbeitsfeld des Beratungsgesprächs (Einzelgesprächs). Verlag Dr. Kovač GmbH (Hamburg) 2009. ISBN 978-3-8300-4461-1. Schriftenreihe Studien zur Germanistik - Band 32. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/9092.php, Datum des Zugriffs 22.07.2019.


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