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Carmen Gransee, Jürgen Lorenz u.a. (Hrsg.): Diversitymanagement (Pflege- und Gesundheits­wissenschaften)

Cover Carmen Gransee, Jürgen Lorenz, Christiane Deneke, Annette Seibt, Petra Weber (Hrsg.): Diversitymanagement in den Pflege- und Gesundheitswissenschaften. Strategien der Implementierung nachhaltiger Konzepte im Gesundheitswesen. Lit Verlag (Berlin, Münster, Wien, Zürich, London) 2009. 193 Seiten. ISBN 978-3-8258-1900-2. 19,90 EUR, CH: 31,90 sFr.

Reihe: Gender studies in den angewandten Wissenschaften - Band 6.
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Thema

Diversity und Diversity Management sind in den letzten Jahren zu Schlüsselbegriffen der Sozialwissenschaften geworden. Ausgehend von Struktur-, Sozial- und Wertewandel, einer Pluralisierung der Lebensentwürfe, durch Migrationsbewegungen veränderte kulturelle Regelsysteme und einer vor allem europapolitisch gesteuerten Policy-Ausrichtung auf Diversity stehen „Vielfalt“ und „Differenz“ in unterschiedlichen wissenschaftlichen Kontexten zunehmend zur Diskussion. Das Konzept des Diversity Management hat seinen Ursprung in den Wirtschaftswissenschaften: Es geht – verkürzt formuliert – um die Anerkennung und Förderung personaler Vielfalt. Zur Disposition stehen alle denkbaren, für das jeweilige Setting relevanten Heterogenitätsdimensionen wie Alter, Geschlecht, Ethnie, aber auch z.B. Wohnsituation und Einkommensverhältnis. Zielleitend ist die Hoffnung, durch eine auf diese Weise effizienter arbeitende Organisation an Wettbewerbsvorteilen auf den jeweiligen Märkten zu gewinnen.

Mit dem vorliegenden Sammelband wird der Versuch unternommen, Diversity-Strategien für das Pflege- und Gesundheitswesen zu entwickeln.

HerausgeberInnen

Carmen Gransee hat den Sammelband gemeinsam mit vier KollegInnen herausgegeben. Sie ist Sozialwissenschaftlerin und Kriminologin und seit April 2007 Vertretungsprofessorin an der Fakultät Wirtschaft und Soziales der Hochschule für Angewandte Wissenschaften (HAW) Hamburg.

Entstehungshintergrund

Die überwiegende Zahl der Beiträge geht auf Vorträge des im November 2007 von Carmen Gransee organisierten Workshops „Gender- und Diversitymanagement in den Pflege- und Gesundheitswissenschaften“ an der HAW Hamburg zurück.

Aufbau

Neben einer thematischen Einführung durch die HerausgeberInnen Carmen Gransee und Jürgen Lorenz vereint der Band insgesamt zehn Beiträge, die den Rubriken

  1. „Gender- und Diversitymanagement im Pflege- und Gesundheitsbereich“,
  2. „Inter- und transkulturelle Kompetenzen im Gesundheits- und Pflegebereich“ sowie
  3. „Kultur- und gendersensible Schmerzforschung“

zugeordnet sind.

1. Gender- und Diversitymanagement im Pflege- und Gesundheitsbereich

Carmen Gransee eröffnet das erste Kapitel mit ihrem Beitrag „Gender und Diversity als theoretische Konzepte – Potenziale für Anwendungsfelder in der Pflege und im Gesundheitswesen“. Darin untersucht sie in Bezugnahme auf Differenztheorien den Stellenwert von Gender- und Ethnicity-Dimensionen für „gendersensible und transkulturelle Kompetenzen“ im Gesundheitsbereich.

Im Anschluss diskutieren Eva Herrmann und Sandra Kätker „Aspekte der Einführung von Diversity Management als Querschnittsaufgabe in Gesundheitseinrichtungen“. Die Schlüsselbegriffe Diversity und Diversity Management werden knapp, aber präzise hergeleitet, die Autorinnen beschränken sich allerdings auf eine Reproduktion

sprachlicher – vor allem inhaltsloser – Beiwerke aus dem Bereich der Organisationsentwicklung: So sollen die „KundInnen-Orientierung“ und die „MitarbeiterInnenorientierung“ verbessert und das „Qualitätsmanagement“ möglichst „effektiv genutzt“ werden (S. 37 ff.). Eine „kritische“ Positionierung liest sich am Ende des Beitrages wie folgt: „Sicherlich gibt es viele offene Frage (sic!), die sich auf die Einführung, Umsetzung und den Nutzen von DiM (Anm. Thiesen: Diversity Management) beziehen. Neue Erfahrungen, Impulse und Initiativen aus Wissenschaft und Praxis können dazu beitragen, Good-Practice in den unterschiedlichen Versorgungsbereichen zu beschreiben und die Wirksamkeit von DiM-Maßnahmen zu evaluieren.“ (S. 47) Jene „Impulse aus der Wissenschaft“, wie sie in jüngster Vergangenheit in der Sozialen Arbeit unter anderem von Albert Scherr, Rudolf Leibrecht und insbesondere dem Berliner Netzwerk „Diversity Studies“ gesetzt wurden, finden in dem Beitrag keine Erwähnung.

Sebastian Scheele widmet sich in seinem Aufsatz den Effekten und „Paradoxien der Männergesundheitsförderung“ und fragt im Titel, ob diese „um jeden Preis“ anzusprechen seien. Der Autor plädiert für einen reflexiven Umgang mit dem Thema „Männergesundheit“ und grenzt sich pointiert von Geschlechterklischees ab.

Im Schlusskapitel der ersten Rubrik „Gender- und Diversitymanagement im Pflege- und Gesundheitsbereich“ setzt sich Julia Willrodt mit der „Bedeutung von Geschlechteraspekten in der ÄrztInnen-PatientInnen-Interaktion am Beispiel der Herzinfarkt-Versorgung im Krankenhaus“ auseinander. Willrodt stellt unter anderem den Einfluss der Kategorie „Geschlecht“ auf die professionelle Haltung, das Kommunikations- und Untersuchungsverhalten von ÄrztInnen heraus (S. 74).

2. Inter- und transkulturelle Kompetenzen im Gesundheits- und Pflegebereich

In der zweiten Rubrik des Bandes werden „Inter- und transkulturelle Kompetenzen im Gesundheits- und Pflegebereich“ thematisiert. Die Überschrift irritiert, da der Fokus an keiner Stelle dieses Kapitels auf das Konzept der Transkulturalität gerichtet wird.

Einleitend beschäftigen sich Helen Kohlen und Andrea Wernecke mit „Barrieren in der Gesundheitsförderung von MigrantInnen“. Dabei machen sie deutlich, dass die Wahrnehmung und Interpretation jener Barrieren vor allem eine Frage der Sichtweise ist: So stellen sich MigrantInnen unter anderem strukturelle Hürden in Form politischer und sozioökonomischer Rahmenbedingungen beim Zugang zu Angeboten der Gesundheitsförderung. Aus Sicht der GesundheitsdienstleisterInnen wird hingegen auf „traditionelle Rollenmuster“, „sprachliche Barrieren“ oder „Informationsdefizite“ auf Seiten der MigrantInnen verwiesen (S. 95).

Andrea Zielke-Nadkarni beleuchtet in ihrem Beitrag „Interkulturelle Aspekte in der Pflege ethnischer Minoritäten“. Das viel versprechende Konzept der „kultursensiblen Pflege“ steht dabei im Mittelpunkt der Untersuchung. Zielke-Nadkarni bezieht sich auf die Konzepte „Fremdheit“, „Verstehen“ und „Empowerment“. Auf diese Weise soll die Perspektive gleichermaßen auf Subjektivität und Gemeinsamkeiten von Pflegepersonen und PatientInnen bei der Bewältigung der Pflegesituation gelenkt werden (S. 105 f.). „Das Fremde“, so die Autorin, würde den Pflegenden im Pflegealltag häufig erst bewusst, wenn PatientInnen über eine Migrationsgeschichte verfügten (S. 106).

Der Kulturbegriff bleibt in ihrem Beitrag bedauerlicherweise ungeklärt. Es entsteht vielmehr der Eindruck, die Kultur müsse einmal mehr als Synonym für „Ethnie“ oder „Nationalität“ herhalten. Durch unglückliche stereotype Formulierungen wie „Heimatverlust“ (S. 105), „Kulturgruppe“ oder „Völker“ (S. 113) sowie einen positiven Bezug auf die eigene nationale Herkunft („bei uns“, S. 105) verhärtet sich dieser Verdacht.

Mit dem darauf folgenden Titel „Beratung für pflegende Angehörige demenzerkrankter Migranten und Migrantinnen: Probleme, Angebote und Inanspruchnahme in einem Hamburger Stadtteil“ verbindet der stadtsoziologisch interessierte Rezensent einen exemplarischen Einblick in die Eigenlogik suchender und bietender Stadtteilakteure im Bereich der Pflegeversorgung. Zumal, so Marit Friedrich, „die Lebenssituation von dementiell erkrankten MigrantInnen in Deutschland als noch nahezu unerforscht gelten“ müsse (S. 119). Durchaus fragwürdig ist jedoch die hier gewählte methodologische Anlage. Von 22 ermittelten Einrichtungen, kann die Autorin drei (!) für die Teilnahme an nicht-standardisierten Leitfadeninterviews akquirieren. Selbst jene drei wurden noch über unterschiedliche Zugänge – telefonisch oder persönlich – befragt (S. 125). Als Pretest wäre dieses Verfahren womöglich ein gangbarer erster Schritt. Mehr ist es nicht; vor allem lässt es keine Schlussfolgerungen, wie hier unternommen, zu.

Kapitel 2 schließt mit einem Beitrag von Günter Davids, der „Interkulturelle Aspekte in der Sterbebegleitung“ thematisiert.

3. Kultur- und gendersensible Schmerzforschung

Die dritte und letzte Rubrik behandelt Perspektiven „Kultur- und gendersensibler Schmerzforschung“. Jürgen Lorenz, Michael Hauck und Kenneth L. Casey identifizieren den Schmerzaspekt als „geschlechtsspezifisches Gesundheitsproblem“, während Dominique Schirmer unter dem Stichwort „Schmerzkulturen“ abschließend „Vorschläge zu einer soziologischen Schmerzanalyse“ unterbreitet.

Diskussion

Der vorliegende Sammelband enthält eine Vielzahl reflektierter Vorschläge, Diversity-Ansätze in Organisationen des Gesundheitswesens zu implementieren. Das Insistieren auf Kultursensibilität sticht dabei in mehreren Beiträgen aus ersichtlichen Gründen zu Recht positiv hervor. Wenn allerdings die „Interkulturelle Öffnung“ der Institutionen, wie bei Helen Kohlen und Andrea Wernecke zu lesen, vor allem durch die Erweiterung bestehender Teams um MitarbeiterInnen mit Migrationsgeschichte erfolgen soll (S. 99), werden die oft zitierten „Potentiale der Vielfalt“ verkürzt als demographische Antwort auf die Nachfrage nach Fachkräften verhandelt. Der häufig mitklingende Pragmatismus in der Praxisforschung droht mitunter die kritische Perspektive zu verschleiern: Gehört es wirklich zu den Charakteristika einer Einwanderungsgesellschaft, die Potentiale von MigrantInnen vorsätzlich zu beschneiden, indem sie lediglich in bestimmte, nicht selten stigmatisierte Arbeitsmarktbereiche wie den Pflegesektor gedrängt werden, auf dass sie sich der Konfliktbewältigung in Form bezahlter peer-to-peer education widmen mögen?

Die Rede vom „Potential“ des Menschen birgt stets die Gefahr einer Fokussierung bzw. Reduzierung auf seinen Nutzwert: „DiM dient dem Erkennen des verborgenen Potentials in Menschen und Strukturen“ heißt es an einer Stelle bei Eva Herrmann und Sandra Kätker (S. 37). Eine solche Definition unterstellt nicht nur einen Nutzwert menschlicher Schaffenskraft, etwa im Hinblick auf die „Potentiale“ älterer und/oder mehrsprachiger MitarbeiterInnen. Da es sich bei Diversity Management um ein Konzept der Personal- bzw. Organisationsentwicklung handelt, impliziert der Glaube an das „verborgene Potential in Strukturen“ im Fall des Pflege- und Gesundheitswesens vor allem ein grundsätzliches Vertrauen in die Logik institutioneller Strukturen. Dieses Vertrauen ist aus herrschaftskritischer Perspektive zumindest bedenklich.

Letzten Endes geht es allen AutorInnen um das berechtigte Anliegen der Partizipation von MigrantInnen an den Angeboten des deutschen Pflege- und Gesundheitswesens einerseits, am individuellen Pflegeprozess andererseits. Anzumerken bleibt in diesem Zusammenhang, dass die faktische Exklusion vieler MigrantInnen von den Leistungen des Gesundheitswesens immer wieder mit den gleichen, meist unhinterfragten Indikatoren erklärt wird: „Mangelnde Kennnisse und Fertigkeiten in Bezug auf die deutsche Sprache“, „unterschiedliche Wertvorstellungen“, „Informationsdefizite“, gar ein „ausgeprägtes Gruppenzugehörigkeitsgefühl“ (vgl. exemplarisch Marit Friedrich, S. 121 f.) lesen sich auf diese Weise wie Stereotype, die durch ihre bloße Wiedergabe als „gesetzt“ gelten.

Fazit

In einer Zeit, in der das Gesundheitssystem der Logik ökonomischer Sachzwänge unterworfen ist, eröffnen Carmen Gransee et al. mit dem vorliegenden Sammelband Praktizierenden, Lehrenden und Forschenden der Pflege- und Gesundheitswissenschaften das verlockende Angebot, über Inhalte zu diskutieren. Seltsam „fremd“ lesen sich Termini wie „Kultursensible Pflege“ oder „Pflegekunst“ im Fahrwasser einer durch und durch ökonomisierten Branche. Umso mehr gebührt das Formulieren solcher Ansätze in einer ebenso ökonomisierten Wissenschaftslandschaft Respekt. Bedauerlicherweise muss einschränkend ergänzt werden, dass in mehreren Beiträgen immer dann, wenn sich ambivalenten Differenztheorien genähert wird und auf diese Weise Alternativen zu bloßen Operationalierungsvorschlägen von Managementkonzepten formulierbar scheinen, reflexartig „Links“ in die triste Alltagspraxis der Pflegewirtschaft gesetzt werden. Der dortige „Effizienzjargon“ wird in der Konsequenz lediglich theoretisch untermalt; am Ende steht so die Forderung nach „transkulturellen Kompetenzbedarfen“ (Carmen Gransee, S. 25). Mit Verlaub: Nichts spricht gegen eine kritische Verquickung von elaborierten Theorien und beruflicher Praxis im Sozialsektor. Praxisforschung sollte allerdings über die Reproduktion von Praxisstrukturen hinausweisen.


Rezension von
Verw.-Prof. Dr. Andreas Thiesen
HAWK - Hochschule für angewandte Wissenschaft und Kunst Hildesheim/Holzminden/Göttingen Fakultät Management, Soziale Arbeit, Bauen
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Zitiervorschlag
Andreas Thiesen. Rezension vom 29.05.2010 zu: Carmen Gransee, Jürgen Lorenz, Christiane Deneke, Annette Seibt, Petra Weber (Hrsg.): Diversitymanagement in den Pflege- und Gesundheitswissenschaften. Strategien der Implementierung nachhaltiger Konzepte im Gesundheitswesen. Lit Verlag (Berlin, Münster, Wien, Zürich, London) 2009. ISBN 978-3-8258-1900-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/9094.php, Datum des Zugriffs 05.07.2020.


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