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Anton Hergenhan: Aggressive Kinder?

Cover Anton Hergenhan: Aggressive Kinder? Systemisch heilpädagogische Lösungen. verlag modernes lernen Borgmann (Dortmund) 2010. 128 Seiten. ISBN 978-3-8080-0656-6. 16,80 EUR, CH: 27,20 sFr.
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Thema

Kinder, die ein herausforderndes Verhalten zeigen und damit Erwachsene, die mit ihnen zu tun haben, an ihre Grenzen bringen, gibt es in allen Lebens- und Arbeitsbereichen. Was kann ich tun, wenn ich in einer solchen Situation nicht mehr weiter weiß? Diese Frage wird häufig formuliert. Der Autor versucht die Beantwortung mit „Was haben wir in ähnlichen Situationen getan.“ aus systemischer und heilpädagogischer Sicht zu geben.

Autor

Anton Hergenhan arbeitet seit seinem Studium der Psychologie mit den Schwerpunkten Klinische Psychologie und Verhaltenstherapie mit verhaltensauffälligen Kindern und Jugendlichen. Er leitet seit 1992 eine teilstationäre Einrichtung für Kinder mit Verhaltensauffälligkeiten. Seine systemisch-therapeutische Arbeit umfasst die Beratung der Eltern, den kooperativen Austausch mit den Lehrkräften der Kinder und die familientherapeutische Integration aller an der Erziehung der Kinder Beteiligten. Er hat in diesem Zusammenhang ein wirksames Interventionsprogramm entwickelt, das verhaltenstherapeutische und systemische Methoden vereint.

Aufbau

Das Buch gliedert sich in 11 Kapitel auf. In den ersten beiden Kapiteln erklärt der Autor zum einen, seine Absicht, die er mit der Veröffentlichung verbindet, und zum anderen seinen Einstieg nach dem Studium in die praktische Arbeit und seinen Weg, gegen die ersten Ernüchterungen anzugehen.

In Kapitel 3 wird erläutert, was der Autor als systemische Heilpädagogik versteht.

Im 4. Kapitel wird der Begriff der Aggression als Symptom erläutert.

Kapitel 5 widmet sich dann dem systemisch heilpädagogischen Symptommodell.

In Kapitel 6 erläutert der Autor seine Sicht des Arbeitsauftrages in der pädagogischen / psychologischen Praxis.

Das Kapitel 7 widmet sich dann ausführlich zwei Praxisbeispielen und deren Reflexion.

Die letzten vier Kapitel werden vom Autor dazu verwendet, verschiedene Hinweise auf die Umsetzung des systemisch heilpädagogischen Symptommodells in die Praxis zu vermitteln.

Inhalt

Der wichtigste inhaltliche Aspekt dieser Veröffentlichung liegt in dem systemisch heilpädagogischen Symptommedell, dass der Autor vorstellt und anhand zweier Praxisbeispiele nachvollziehbar macht.

Die von Hergenhan sogenannten Basalkriterien und das Symptommodell zeigen eine systemische Möglichkeit mit auffälligen Kindern heilpädagogisch zu arbeiten.

Diese sechs Basalkriterien sind meiner Auffassung nach auch als Haltung zu bezeichnen, die den Kindern in allen Situationen entgegengebracht werden soll.

  1. Persönliche Präsenz. Die Eltern, die Pädagogin, die Erzieherin – im konkreten Fall hat es eine zentrale Bedeutung für das Kind, nicht alleine gelassen zu werden. Es muss erleben dürfen: mit mir wird weiterhin freundlich gesprochen.
  2. Führung, die das Kind mündig sein lässt und respektiert. Kinder müssen erkennen können, dass der Erwachsene sie grundsätzlich respektiert und ihnen ein Angebot macht, die Führung der Situation zu übernehmen. Das Kind kann frei entscheiden, ob es diese Führung annehmen möchte.
  3. Ausdrückliche Identifikation mit den Ressourcen, den Fähigkeiten. In jeder, wirklich jeder schwierigen Situation kann man positive Fähigkeiten des betroffenen Menschen finden. Diese Ressourcen wahrnehmen zu können und sich mit ihnen zu identifizieren hilft den Kindern ungemein, sich aus der Rolle des „Bösen“ lösen zu können. Sie müssen zunächst wahrnehmen können, dass nicht alles an ihnen oder an der schwierigen Situation „schlecht“ ist.
  4. Positive Beachtung des Symptoms. Wenn es gelingt, das Symptom des Problems in den Blick zu nehmen, entlastet das ein Kind. Es kann sich selber wieder besser anschauen, wenn deutlich wird dass z.B. seine Wut berechtigt ist. Grundsätzlich ist die Wut sinnvoll und ein Gefühl, dass alle Menschen kennen.
  5. Lösungsentwurf des Kindes. Erwachsene können durch lösungsorientierte Fragen Kinder dazu bewegen, eigene Lösungen zu finden. Diese Kinder fühlen sich ernst genommen und regeln ihr Problem selber – das bestärkt die Kinder in ihrer Selbstwahrnehmung und zeigt ihnen ihre Selbstregulierungsmöglichkeiten auf.
  6. Einbau des kindlichen Bezugssystems. Die systemische Sicht verdeutlicht sich in diesem Punkt vor allem darin, dass Kinder wahrgenommen werden als in ein Netz eingeflochtene Wesen. Ihr eigenes System wird in die Problematik einbezogen und somit auch als Reflexionsfläche genutzt.

Das systemisch heilpädagogische Symptommodell, nachdem in der Einrichtung des Autors gearbeitet wird, stellt sich folgendermaßen dar: Ausgehend von dem Symptom, unter dem der Autor ein Problem bzw. eine Verhaltensauffälligkeit versteht, finden wir in jedem weiteren Verhalten entweder einem Ressourcenanteil oder in einem Bewältigungsanteil. Unter dem Ressourcenanteil versteht er Verhaltensweisen, die Selbstbehauptung, Selbstschutz oder ein Überlebensmotiv zeigen. Unter den Bewältigungsanteilen versteht er Verhaltensweisen, die verbale Aggressionen, tätliche Aggressionen oder Angst erkennen lassen. Der Ressourcenanteil zeigt also die Selbstkompetenz der Person, während der Bewältigungsanteil die Selbstablehnung verdeutlicht. Beide Aspekte brauchen unbedingte positive Beachtung. Daraus abgeleitet können dann entsprechende "Behandlungsmethoden" angewendet werden, wie z.B. systemisch heilpädagogische Interventionen, Gruppentherapie, Einzelgespräche, systemische Fragen oder systemisch heilpädagogische Basalkriterien.

Wichtig ist dem Autor in Zusammenhang mit diesem Modell, dass es als sein Symptomverständnis wahrgenommen wird. Es kann variabel eingesetzt werden und erkennt in jedem Symptom einen Ressourcen- und einen Bewältigungsanteil.

Mit der Anwendung der sechs Basalkriterien und dem Sympommodell wird in der heilpädagogischen Tagesstätte für verhaltensauffällige Kinder, die der Autor leitet, seit vielen Jahren gearbeitet und es werden damit gute Erfahrungen gemacht.

In der ausführlichen Darstellung zweier Praxisfälle wird die konsequente Anwendung dieser beiden Grundlagen verdeutlicht. Der Autor gibt nicht nur die wichtigsten Gesprächsinhalte dieser beiden Praxissituationen zwischen mehreren Kindern und einer Pädagogin wieder, sondern erläutert dazwischen immer wieder wichtige Momente im Gespräch und zeigt auf, wann wo und wie systemisch und Symptom- und ressourcenorientiert mit den Kindern gearbeitet wird.

Diskussion

Problematisches Verhalten von Kindern und Jugendlichen kennt jeder, der mit Kindern und Jugendlichen zu tun hat. In der heilpädagogischen Praxis kommen häufig Kinder an, die in unseren „normalen“ Systemen nicht mehr tragbar sind – auf deren (oft) provokatives Verhalten Erwachsene keine Antworten mehr haben.

Mit gefällt an der Veröffentlichung von Anton Hergenhan vor allem der konsequent positive Blick, mit dem diese Kinder betrachtet werden. Auch an schwierigen Beispielen, zu denen einem im ersten Moment nichts Positives einfallen mag, zeigt er auf, dass Ressourcen immer zu finden sind. Kinder möchten und mit und durch ihr Verhalten etwas mitteilen. Erwachsene, die mit Kindern Umgang haben dürfen nicht den Blick dafür verlieren, dass Kinder nicht immer einen sinnvollen und guten Weg der Kommunikation wählen – aber immer doch nur etwas mitteilen möchten. Häufig sind sie alleine nicht dazu in der Lage, einen (für unseren Geschmack) vernünftigen Kommunikationsweg zu finden. Diese Sichtweise wird hier deutlich verfolgt und liest sich in jedem Satz mit.

Nach den Erfahrungen des Autors kann mit der Umsetzung der sechs Basalkriterien und des Symptommodells eine systemisch heilpädagogische Praxis angewendet werden, die Kindern neue Wege der Kommunikation aufzeigt und ihnen auch Handlungsalternativen ermöglicht.

Sehr gut gefällt mir auch eine weitere, grundsätzliche Aussage im Buch: Kinder sind keine Erwachsenen und benötigen in bestimmten Situationen respektvolle Führung. Kinder sind zunächst in der heilpädagogischen Praxis keine Klienten, die ein Problem haben und uns nach Hilfe fragen. In aller Regel kommen Erwachsene wegen der Kinder auf uns zu, da diese ein Problem mit dem Verhalten der Kinder haben. Der formulierte Hilfebedarf in diesen Fällen geht also eher selten vom Kind aus – zunächst anfänglich nicht. In diesem Zusammenhang verweist der Autor auch auf das zweite Basalkriterium: Führung, die das Kind mündig sein lässt und respektiert. Auch wenn der Arbeitsauftrag in der Heilpädagogik zumeist von Erwachsenen (Eltern, Jugendämter, Psychiater, …) erteilt wird, müssen und können Kinder und Jugendliche dennoch als respektable Personen wahr- und ernstgenommen werden.

Fazit

Ob es in der Praxis immer gelingen mag, sich an den vorgeschlagenen Wahrnehmungsvarianten und Verhaltensmustern zu orientieren bleibt offen. Ich kenne ausreichend Situationen im praktischen, alltäglichen Umgang mit Kindern, in denen man nicht jederzeit überlegt und der Theorie entsprechend handelt. Ob dies Anspruch des Autors war, wage ich jedoch auch zu bezweifeln.

Ich erkenne in der Veröffentlichung von Anton Hergenhan einen wertvollen Beitrag zum An- und Umdenken. Die Arbeit mit Kindern und Jugendlichen, die aggressives Verhalten zeigen oder verbalisieren, muss immer wieder hinterfragt werden. Die eigene Haltung der Eltern / Pädagogen zu dem Problemverhalten und dem problematischen Kind spielt eine enorm wichtige Rolle. Es muss gelingen ein Kind und sein Verhalten nicht zu verteufeln, sondern gemeinsam zu hinterfragen, wie es dem Kind mit diesem Verhalten geht, wie es den anderen Beteiligten mit dem Verhalten des Kindes geht und gemeinsam Handlungsalternativen zu entwickeln.

Dazu ist das Buch meiner Meinung nach eine sehr gute Anregung und sollte in der pädagogischen Praxis große Beachtung finden.


Rezensentin
Dipl. Soz-Päd. Sonja Alberti
Als Fachberatung und Fortbildnerin im Bereich der Frühpädagogik / Kindertagesstätten tätig. Außerdem Inhaberin von www.kita-campus.de, wo E-Learning-Kurse für Erzieher/innen angeboten werden.
Homepage www.kita-campus.de
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Zitiervorschlag
Sonja Alberti. Rezension vom 13.01.2011 zu: Anton Hergenhan: Aggressive Kinder? Systemisch heilpädagogische Lösungen. verlag modernes lernen Borgmann (Dortmund) 2010. ISBN 978-3-8080-0656-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/9096.php, Datum des Zugriffs 20.10.2018.


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