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Roland Reichenbach: Pädagogische Autorität

Cover Roland Reichenbach: Pädagogische Autorität. Verlag W. Kohlhammer (Stuttgart) 2011. 240 Seiten. ISBN 978-3-17-020530-7. 24,00 EUR, CH: 43,50 sFr.
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Thema

Autorität ist ein Thema verschiedener, im Prinzip aller Humanwissenschaften einschließlich der philosophischen Ethik. In der Erziehungswissenschaft wird es von Anfang an aufgegriffen, prominent schon von Herbart und Schleiermacher und immer schon in Bezug auf die Asymmetrie zwischen Kindern und Erwachsenen und in negativ oder positiv ausgerichteter Abgrenzung zum Freiheitsprinzip der Aufklärung. So ist Autorität stets und nicht nur in der Erziehungswissenschaft „eines dieser Reizthemen, die einen zu veranlassen scheinen, gleich Stellung – für oder gegen sie – zu beziehen“ (S. 5): für oder (antipädagogisch) gegen die Autorität selbst oder für oder (antiautoritär) gegen ihre moralisch, immer gegen ihre rechtlich missbräuchliche Anwendung. Zum Reizthema wird sie schon sprachlich, da das Substantiv „Autorität“ immer wieder mit dem negativ konnotierten Adjektiv “autoritär“ in Verbindung gebracht wird und das eher entsprechende Eigenschaftswort “autoritativ“ alltagssprachlich unbekannt bleibt. Forschungen zum autoritären Verhalten (autoritär tun) und zur autoritären Persönlichkeit (autoritär sein), verbunden insbesondere mit den Namen Kurt Lewin und Theodor W. Adorno und ihrem betont demokratischen Anliegen, sind allseits bekannt geworden, während Autorität als Untersuchungsthema, selbst theoretischer Art, vernachlässigt bleibt und auch erst in dem Moment virulent zu werden schien, in dem die genannten Forschungen bekannt wurden.

Ende der 1960er und Anfang der 1970er Jahre hatten sich im pädagogischen Kontext Erich E. Geißler, Helmut Heiland („Emanzipation und Autorität. Theorien und Modelle pädagogischer Autorität“, 1971), Egon Schütz („Autorität. Ein Traktat“, 1971) und Erich Weber („Autorität im Wandel. Autoritäre, antiautoritäre und emanzipatorische Erziehung“, 1974) um das Thema bemüht und waren entsprechende Textsammlungen erschienen („Autorität und Erziehung“, 1965, hrsg. v. Erich E. Geißler; „Zwang, Autorität, Freiheit in der Erziehung“, 1967, hrsg. v. Karlheinz Rebel) . 1989 reichte Gerda Volmer eine Dissertation („Autorität und Erziehung“) ein. Gegenwärtig liegt noch ein Sammelband (Alfred Schäfer/Christiane Thompson: „Autorität“, 2006) vor.

Reichenbach schreibt: „… pädagogische Autorität [bleibt] in der ein oder anderen Form immer Thema…, weil jeder Pädagoge und jede Pädagogin in der Praxis … die Erfahrung macht, dass ‚es‘ ganz ‚ohne Autorität‘ eben doch ‚nicht geht‘.“ (S. 24)

Autor

Der Schweizer Roland Reichenbach, 1962 geboren, ist nach einem Lehramtsstudium und einem Studium der Psychologie und Philosophischen Ethik 1993 erziehungswissenschaftlich promoviert, 2000 habilitiert worden und seit 2001 an verschiedenen Universitäten Professor für Pädagogik, seit 2008 an der Universität Basel. Er hat auch das Stichwort „Autorität“ für das neueste pädagogische Wörterbuch („Lexikon Pädagogik“, 2010) bearbeitet.

Aufbau

Das Buch stellt keine systematische Abhandlung zum Begriff der (pädagogischen) Autorität dar, sondern umkreist sein Thema inhaltlich und formal von verschiedenen Seiten aus. Inhaltlich widmet sich der Autor, nachdem er in die Virulenz des Thema eingeführt hat (Kap. 1: “Gerne zeitlebens unmündig…?„; Kap. 2: “Früher waren die Verhältnisse autoritär…“), komplementären Aktionen im Kontext von Autorität (Kap. 3: Befehlen und Gehorchen; Kap. 7: Führen und sich führen lassen), geht der “Frage der Autorität in den pädagogischen Debatten“ (Kap. 4) und der “empirischen Erforschung der Autorität“ (Kap. 5) nach und stellt in “Affirmierte Autorität“ (Kap. 6) die positiven und in “Die unpersönliche Kultur der Autorität“ (Kap. 8) die kulturellen Aspekte des Themas in den Vordergrund.

Zur „Frage der Autorität in den pädagogischen Debatten“ (Kap. 4) erinnert Reichenbach exemplarisch an die „libertäre Pädagogik“ des russischen Schriftstellers Leo Tolstoj (4.1), die “anti-autoritäre Pädagogik und Anti-Pädagogik“ (4.2) der 1970er und 1980er Jahre, autoritative pädagogische Positionen jener Zeit (Bonner Forum “Mut zur Erziehung“) und der Gegenwart (“Lob der Disziplin“ von Bernhard Bueb, „Erziehung als Verhaltensmodifikation“ nach Katharina Saalfrank alias „Super Nanny“ und das australische „Positive Parenting Program“ alias „Triple P“) (4.3). Für die „empirische Erforschung der Autorität“ (Kap. 5) greift der Autor beispielhaft die “Autoritarismusforschung nach 1945“ (5.1), die “Erziehungsstilforschung“ seit den 1930er Jahren (5.2), die ‚‚Führungsstilforschung“ auf Schulklassen bezogen (5.3) und eine entwicklungspsychologische Studie zu Autoritätsvorstellungen (5.4) auf.

Formal bereichert der Autor den wissenschaftlichen Zugang zum Thema mit zwei Exkursen zu persönlichen Texten zur Autorität. Im „Exkurs I“ verfolgt er “die autoritäre Erziehung im Spiegel der Belletristik“ (u.a. Franz Kafka, Hermann Hesse, Robert Walser, Albert Camus) und im „Exkurs II“ die “Autorität in französischen und deutschen Schulen“ im Spiegel des Erfahrungsberichts einer Lehrerin.

Inhalt

Da der Autor, wie gesagt, sein Thema mehr umkreist als durchschreitet, ist es schwierig, den Inhalt des Buches wiederzugeben, ohne in eine Aufzählung von Einzelinhalten zu verfallen. Darum möchte ich nicht referieren, was Reichenbach schon seinerseits referiert, sondern versuchen, seinen eigenen Gedankengang zur Autorität aus verschiedenen Kapiteln herauszulesen:

Auch wenn „Autorität" wie „‚Gehorsam‘, ‚Macht‘, ‚Disziplin‘, ‚Strafe‘, ‚Frontalunterricht‘, teilweise auch etwa ‚Tugend‘, manchmal auch ‚Leistung‘, ‚Üben‘ und für viele Pädagoginnen und Pädagogen selbst ‚Erziehung‘“ im pädagogischen Diskurs zu den „‚bösen‘ Wörtern“ gehört (S. 121), kann und muss sie auch wertfrei bzw. kann und sollte sie nicht mit „politisch-korrekten“, d.h. „symmetrischen Vokabeln“ wie „‚demokratisch“, ‚partnerschaftlich“, ‚gleichberechtigt„“ (S. 119) thematisiert werden.

Zunächst gilt es, den Kontext zu identifizieren, in dem Reichenbach von „Autorität“ schreibt. Sie ist für ihn kein Merkmal der Persönlichkeit (Autoritarismusforschung) oder des Verhaltens (Erziehungsstilforschung), sondern “Merkmal einer Beziehung zwischen Einzelpersonen oder zwischen Personen und kulturellen Entitäten“ (S. 16). Genauer handelt es sich um asymmetrische Beziehungen der Über- und Unterordnung und Fremdbestimmung, nicht um nebengeordnete symmetrische und selbstbestimmte Beziehungen. Autorität ist nicht individuell gegeben, sondern wird sozial zugeschrieben.

Eine der beiden Seiten der Beziehung (A) hat Autorität oder ist eine Autorität. Sie hat in den Augen anderer (B) Ansehen: Sie ist anerkannt und gilt als vertrauenswürdig. Das führt dazu, dass A für B „irgendwie ‚maßgebend‘ ist – dass … [A] anderen ‚etwas zu sagen‘ hat?“ (S. 27) und damit, weil A Vertrauen genießt, über Macht verfügt. Darum fallen im Untertitel des Buches die Stichwörter “Macht und Vertrauen“. B lässt sich freiwillig etwas sagen und ‚nimmt‘ Maß. Autorität besteht, weil und solange vertraut wird. Umgekehrt wird vertraut, weil und solange Autorität vorliegt. Ebenso entsprechen sich Macht (als ‚Recht‘ von A) und Gehorsam (als ‚Pflicht‘ von B).

Macht durch Autorität bzw. “Ansehensmacht“ (Theodor Geiger) – „das Autoritätsverhältnis [ist] eine Form des Machtverhältnisses“ bzw. eine „Quelle der Macht“ (S. 156) – ist gleich weit von der Macht durch Zwang (Fremdbestimmung, Heteronomie) und der Ohnmacht aufgrund von Freiheit (Selbstbestimmung, Autonomie) anderer entfernt. Sie ist selbstgewählte Fremdbestimmung bzw. freiwilliger Zwang. Seit Kants Diktum zur Aufklärung hat sich eingebürgert, die Heteronomie als Alternative von Autonomie nur auf „Faulheit und Feigheit“ zurückzuführen. Aber: „Gibt es … neben dem dumpfen Gehorsam, der in die Barbarei geführt hat, nicht auch eine Kultur des Gehorchens, die nichts Barbarisches oder Kriecherisches an sich hat? (…) Könnte es nicht gerade ein Ausdruck von Autonomie sein, bestimmte Autoritäten als die richtigen und legitimen anzuerkennen…?“ Das sind für Reichenbach rhetorische Fragen. Denn es können auch „Gründe der Klugheit, der Bescheidenheit und womöglich sogar der Selbsterkenntnis“ (S. 17) für Heteronomie sprechen. Autorität ist Fremdbestimmung in Selbstbestimmung und insofern kein Gegenbegriff zur Autonomie.

Autorität ist in bestimmten sozialen Zusammenhängen notwendig oder, anders gesagt, ein anthropologisches Faktum. Zumindest ist es „fundamental für das Kindsein“ und „elementar für die pädagogische Situation“ (S. 20). Versuche, Autorität zu diffamieren oder zu kaschieren, werden dieses Faktum nicht aus der Welt schaffen können. Darum gilt es, sich dem Phänomen zu stellen. Zudem entscheidet erst der Gebrauch der Autorität darüber, ob sie in moralischer oder pathologischer Hinsicht negativ als Missbrauch oder positiv als korrekt aufzufassen ist und könnte ihre prinzipiell negative Bewertung psychoanalytisch einer „Ablehnungsbindung“ unterliegen, die Autorität durch deren Ablehnung erst bestätigt. Reichenbach möchte, was seine eigene Stellungnahme betrifft, „zur dritten Gruppe gehören…, die sich weder pro noch contra, aber sowohl pro als auch contra verhält“ (S. 8).

„Die Anerkennung einer Autorität kann im intellektuellen bzw. kognitiven Bereich als Glauben begriffen werden, im voluntativen Bereich führt die Anerkennung einer Autorität in der Regel zu Gehorsam… Den Alten ist zu glauben und zu gehorchen.“ (S. 27). In der sprachanalytischen Philosophie, z.B. bei Joseph Maria Bochenski, wird analog epistemische von deontischer Autorität unterschieden. Maßgebend ist die Autorität kognitiv, was die Wahrheit von Aussagen, voluntativ, was die Güte bzw. den Wert von Dingen und Geschehnissen betrifft.

Der bisher vorgestellte Begriff der Autorität ist noch allgemeiner Natur. Die Frage, was die pädagogische Autorität gegenüber anderen Autoritäten auszeichnet, beantwortet Reichenbach, soweit ich es sehe, in zweierlei Weise: Erstens handelt es sich bei der pädagogische Beziehung um eine dreistellige Relation mit zwei Autoritäten und zweitens müssen sich die Autoritäten erst entwickeln, um dann abgebaut werden zu können und zu müssen.

„Es ist wohl ein Fehler, pädagogische Autorität auf den personalen oder persönlichen Aspekt zu reduzieren, d.h. die bloße soziale Interaktionsform, wiewohl der personale Bezug für Pädagogik zentral ist. Doch ebenso zentral ist das Wissen, sind die Inhalte, ist die Sache, die pädagogisch vermittelt werden soll, kurz: die Kultur (im weitesten Sinne), in die es einzuführen bzw. die es weiterzugeben gilt. Ohne zu vermittelnde Kultur ist das pädagogische ein wahrlich sinnloses Geschäft; immer steht das Dritte zwischen den Menschen – zwischen Alt und Jung, erfahrenen und unerfahrenen Personen, Wissenden und Un- oder Wenigerwissenden –, d.h. die Sache, das, was man tut oder zu tun ist, was zu bereden ist, worauf gezeigt wird.“ (194) „Pädagogische Autoritäten sind personale Autoritäten, die wiederum von der Autorität der Kultur getragen werden.“ (162) Die Pädagogen tragen eine zweifache Verantwortung bzw. verfügen über ein doppeltes Mandat. „Verantwortung sei einerseits für das Leben und Werden des Kindes, andererseits ebenso für den Fortbestand der Welt unabdingbar. (…) So übernehmen Eltern bzw. die an der Erziehung … beteiligten Personen ein doppeltes und manchmal widersprüchliches Mandat: Vom Kind aus betrachtet sind sie Anwältinnen und Anwälte der Welt, von ‚der Welt aus‘ betrachtet Anwältinnen und Anwälte des Kindes.“ (S. 205f.)

Der zweite Unterschied zu nichtpädagogischen Autoritäten besteht in der zeitlichen Dimension. „Der Mensch kommt nicht autoritätsgläubig zur Welt…“ „Die Frage nach der Genese der Autorität … führt zur Antwort, dass Autorität während einer ersten Erziehungsphase eine zunehmende Größe ist…, dass sie aber in einer zweiten Phase abnimmt. Aus pädagogischer Sicht bestünde die zeitlich erste Aufgabe des Erziehers, überhaupt ‚Autorität zu werden‘, die zweite aber sei es, ‚sich selber überflüssig zu machen, sich nicht lange an das Verhältnis sozialer Macht zu klammern‘“. (S. 142)

Diskussion

Autorität als Merkmal einer Beziehung zu verstehen, leuchtet auf den ersten Blick ein. Trotzdem bleibt der Sachverhalt bestehen, dass Autorität selbst dann doch auf nur einer Seite der Beziehung zu verorten ist: als ein zwar abhängiges und befristetes Merkmal, aber eben Merkmal nur eines Elements der Relation. Da „Beziehung“ vielleicht nur interpersonal verstanden wird, ist zweitens trotz pädagogischer Engführung zumindest in Erinnerung zu behalten, dass ein Element der Relation oder beide auch Institutionen sein können. Autorität gilt nicht nur für (natürliche) Personen, sondern auch für Institutionen (bzw. juristische Personen).

Zwei Differenzierungen der Autorität werden zwar thematisiert, angesichts ihrer zentralen Bedeutung aber nicht konsequent genug: die Unterscheidungen zwischen persönlicher (voluntativ) und Sachautorität (kognitiv) auf der einen, zwischen personaler und positioneller Autorität auf der anderen Seite.

Die Differenz zwischen Gehorsam (voluntativ) und Glaube (kognitiv) wird zwar immer wieder einmal erwähnt, aber doch meist in einer vermeintlichen Einheit der Gedankengänge zur Autorität aufgehoben. „Macht und Vertrauen“ haben aber für beide Formen der Autorität ein unterschiedliches Gesicht. Mit dem Gehorsam korrespondieren die Entscheidungsmacht der autoritativen Person und das Vertrauen in ihre Haltung, klassisch „Tugend“ genannt, mit dem Glauben die Definitionsmacht der Autorität und das Vertrauen in ihr Wissen. Gerade für die Pädagogik ist die Differenz zwischen persönlicher und sachlicher Autorität, damit zwischen (voluntativer) Entscheidung und (kognitiver) Definition, Gehorsam und Glaube, Tugend und Wissen entscheidend und entspricht den pädagogischen Begriffspaaren von Erziehung (im engeren Sinne) und Unterricht, den pädagogischen Rollen der Eltern (in der Familie) und Lehrer (in der Schule): „Man glaubt – eher – den Lehrpersonen, aber man gehorcht – eher – den Eltern“ (S. 165). Die „Autorität der Kultur“, die Reichenbach pädagogisch reklamiert, gilt nicht nur für den Unterricht durch die Lehrer in der Schule über das Wissen, sondern auch für die Erziehung durch die Eltern in der Familie durch die Haltungen der Kultur.

Kaum Erwähnung findet die Unterscheidung zwischen personaler und positionaler Autorität. Reichenbach referiert nur an einer Stelle die entsprechende Differenz von Wolfgang Sofsky und Rainer Paris („Figurationen sozialer Macht“, 1991) zwischen „personaler Autorität“ („Sachautorität“, „Organisationsautorität“ und „persönliches Charisma“) und „formaler Autorität“ („Amtsautorität“ und „Funktionsautorität“), fügt sie aber nicht in seine weiteren Überlegungen ein.

Personale Autorität (lat. “auctoritas“) beruht auf der Anerkennung einer Person durch eine andere aufgrund ihres Wissens und Könnens (Sachautorität) und ihrer (Wert-) Haltungen und Absichten (persönliche Autorität), vielleicht auch schon aufgrund ihrer physischen Größe und Stärke. Diese Form von Autorität ist so eng an die Person gebunden, dass oft gesagt wird, jemand sei eine Autorität. Positionale Autorität (lat. “potestas“) entsteht durch die Anerkennung der Gesellschaft oder einer Organisation und wird sozialen Positionen zugeschrieben: öffentlichen, d.h. politischen, judikativen und administrativen Ämtern (Amtsautorität) und betrieblichen (Leitungs- und Stabs-) Stellen (Funktionsautorität), aber auch Professionen (Anwalt, Arzt, Psychotherapeut, Sozialarbeiter) und, last, but not least, den Eltern. Personen haben in diesem Sinne Autorität. Die Anerkennung und entsprechende Zuschreibung ihrer Klienten ist gegenüber der kollektiven Anerkennung abgeleitet bzw. sekundär. Schon Schleiermacher betonte in seiner pädagogischen Vorlesung von 1826: „Das Verhältnis der Ungleichheit ist ein zweifaches; nämlich ich kann einen Einzelnen über mich stellen rein als Einzelnen; dann aber auch nicht als Einzelnen, sondern in Beziehung auf die Stelle, die er im gemeinsamen Leben einnimmt; im ersten Fall ordne ich mich der persönlichen Autorität eines Einzelnen unter, im zweiten Fall sehe ich das Urteil des Einzelnen als Urteil des Ganzen, als gemeinsames Urteil an…“

Lehrer in öffentlichen und öffentlich anerkannten Schulen besitzen mindestens, qua Amt und Profession, positionale Autorität, während Privatlehrer jedweder Art (Klavier-, Reit-, Sport-, spiritueller Lehrer) nur über personale Autorität verfügen (vgl. S. 166). Personen mit positionaler Autorität können, aber müssen nicht zugleich über personale Autorität verfügen und umgekehrt. Vereint eine Person positionale und personale Autorität auf sich, genießt sie doppelte Anerkennung: seitens einzelner Individuen und der Gesellschaft. Autorität wird dann zum Merkmal einer dreistelligen Relation.

Zu kurz kommt die moralische, im Falle der positionalen Autorität ggf. auch rechtliche Dimension der Autorität. Autorität als eine Form der Macht ist auf beiden Seiten der Beziehung mit Rechten und Pflichten verbunden. Dem Recht zur bzw. der Legitimität der Macht der Autorität über jemanden korrespondiert die Verantwortung als „Pflicht der Macht“ (Hans Jonas) für jemanden. Der Pflicht zur Folgsamkeit entspricht das Recht auf Widerspruch, der vorübergehend oder dauerhaft als Zögern den Gehorsam und als Zweifel den Glauben ablösen kann.

Fazit

Das Buch Roland Reichenbachs zur „pädagogischen Autorität“ ist eine lohnende Lektüre zu einem nach wie vor spannenden und strittigen Thema. Es enthält eine Vielzahl von Materialien und Einsichten zur Autorität, lässt aber einen roten Faden und einen engen pädagogischen Bezug vermissen.


Rezension von
Prof. Dr. Ulrich Papenkort
Professur für Pädagogik an der Katholischen Hochschule Mainz
Homepage www.kh-mz.de/hochschule/ansprechpartner-innen/lehre ...
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Zitiervorschlag
Ulrich Papenkort. Rezension vom 12.10.2011 zu: Roland Reichenbach: Pädagogische Autorität. Verlag W. Kohlhammer (Stuttgart) 2011. ISBN 978-3-17-020530-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/9097.php, Datum des Zugriffs 22.01.2021.


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