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Andreas Peter: Stadtquartiere auf Zeit

Cover Andreas Peter: Stadtquartiere auf Zeit. Lebensqualität im Alter in schrumpfenden Städten. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2009. 266 Seiten. ISBN 978-3-531-16654-4. 34,90 EUR.

Reihe: VS research - Quartiersforschung.
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Thema

Zwei Dimensionen des demographischen Wandels beschäftigen heute die Kommunen besonders: Die immer älter werdende Gesellschaft und der Bevölkerungsrückgang, der in den Kommunen zur Schrumpfung ihrer jeweiligen Bevölkerung führt. Es ist ja nicht nur damit getan, in schrumpfenden Städten rück zu bauen und es ist auch nicht einfach, die kollektive Daseinsvorsorge unter den Bedingungen aufrecht zu erhalten, dass sie eine geringere Zahl von Menschen in Anspruch nimmt. Auch eine älter werdende Bevölkerung bedarf einer anderen Infrastruktur, anderer sozialer und sonstiger Unterstützungssysteme, bis hin, dass absehbar ist, wie lange sie einen Stadtteil bevölkern werden. Und eine ältere Bevölkerungsschicht in einem Quartier, wird zwar immobiler, aber sie ist auch nicht mehr die tragende Bevölkerungsgruppe, die sich mit einem Stadtteil derart identifiziert, dass sie sich in die Gestaltung des Quartiers einmischt.

Zunehmend werden Kommunen mit dem Dilemma konfrontiert, dass eine Bevölkerung schrumpft, Wohnungsleerstand droht und sie gleichzeitig attraktiv bleiben wollen, für die dort noch lebende älter werdende Bevölkerung.

Autor

Andreas Peter ist wissenschaftlicher Mitarbeiter in der Hauptabteilung Stadtentwicklungsplanung des Referates für Stadtplanung und Bauordnung der Landeshauptstadt München. Zuvor war er am Department Stadt- und Umweltsoziologie des Helmholtz-Zentrums für Umweltforschung tätig.

Entstehungshintergrund

Das Buch beruht auf einer Untersuchung von zwei Städten, die besonders aufgrund von Deindustrialisierungsprozessen und anderen ökonomischen Veränderungen von Alterung und Schrumpfung geprägt sind: Hoyerswerda und Wolfen. Die Abwanderung einer jungen Bevölkerung und die rasche Entleerung ganzer Wohnblöcke zwangen zum Stadtumbau; zurück bleibt in der Regel eine nicht mehr mobile ältere Bevölkerung in den von der Abwicklung bedrohten Stadtteilen.

Das Untersuchungsgebiet Wolfen-Nord profitierte zunächst vom Rückbau in anderen Stadtteilen und es entstand eine neue Dynamik in diesem Quartier durch den Zuzug junger Bevölkerungsgruppen. Inzwischen macht sich aber auch der Bevölkerungsrückgang bemerkbar, der durch den Wegzug einer eher mobilen Bevölkerung gekennzeichnet ist und der eine eher ältere Bevölkerung zurücklässt.

Das Buch lag als Dissertation der Universität Leipzig vor.

Aufbau und Inhalt

Zentrales Anliegen des Buches ist eine Antwort auf die Frage, wie Schrumpfungsprozesse in Städten so gestaltet werden können, dass die Lebensqualität einer älteren Bevölkerung nicht darunter leidet. Die Arbeit wird im Bereich geographischer Altersforschung angesiedelt.

Mit dem Begriff des Stadtquartiers auf Zeit wird ein Prozess beschrieben, an dessen Ende der Rückzug aus der Fläche steht und ein Rückbau dann auch das Ende des Quartiers bedeutet. Es ist ein Prozess, der zwar relativ lange dauern kann, aber dessen Ende antizipierbar ist, dessen Ende also die Schatten bereits voraus wirft. Ein heute noch durchaus als konsolidiertes Wohngebiet angesehenes Quartier verliert Schritt für Schritt seine Bedeutung als Wohnort - bis es endlich dann leer steht und abgerissen wird. Andreas Peter behauptet, dass dies die Stadtentwicklungspolitik vieler Städte in Zukunft bestimmen wird.

Das Buch ist in neun Kapitel untergliedert.

Im ersten Kapitel wird der demographische Wandel und seine Bedeutung für die Stadtentwicklung analysiert. Neben den bekannten bevölkerungstheoretischen Prämissen und politischen Szenarien geht Peter auf die besondere Situation in Ostdeutschland ein, die er als Extremfall charakterisiert. Wenn Bevölkerungsrückgang und Alterung als die bestimmenden Determinanten der Stadtentwicklung gesehen werden, dann auch deshalb, weil auch die beschränkten kommunalen Ressourcen eine Anpassung an diese Situation schwer machen und ein massenhafter Wohnungsleerstand eine wohnungswirtschaftliche und städtebauliche Herausforderung ist, die auch Kommunen strukturell überfordert.

Die politische Antwort war das Programm Stadtumbau Ost.

Die strategische Antwort der Kommunen ist eine Abkehr von einem Stadtentwicklungskonzept, dass auf Wachstum als Kriterium der Attraktivität einer Stadt setzt.

Was aber bedeutet dies für die Philosophie einer Stadtplanung, wenn diese die Attraktivität einer Stadt als Wohnstandort nicht mehr von der Frage abhängig macht, wie man bestimmte Bevölkerungsgruppen und soziale Schichten dazu bringen kann, in dieser Stadt zu wohnen, sondern die Attraktivität der Stadt darin sieht, eine Struktur zu schaffen, die es einer verbleibenden (älteren) Bevölkerung ermöglicht, ein "gutes Leben" in dieser Stadt zu führen? Was bedeutet es für eine Stadtentwicklung, die im Kern zu einer Stadt(rück)entwicklung wird, die darauf achtet, dass in ein bestimmtes Quartier keine Ressourcen mehr fließen sollen, die weiß, dass ein Quartier stirbt und dazu beiträgt, dass es langsam aber sicher abgewickelt wird. Peter gibt hierauf nur rudimentär und vermittelt eine Antwort, in dem er lediglich konstatiert, dass diese Prozesse unabdingbar ablaufen werden.

Im zweiten Kapitel wird das Verhältnis des Menschen zu ihrer Umwelt abgehandelt, wobei der Theoriebestand der ökologischen Gerontologie bemüht wird. Außerdem werden Studien herangezogen, die sich mit dem Wohnen im Alter beschäftigen. Dieses Kapitel leitet dann auch über zum dritten Kapitel, in dem Schrumpfungsprozesse und Stadtumbau als zentrale Beeinflussungsfaktoren der Lebensbedingungen und der Lebensstilführung älterer Menschen diskutiert werden. Aus diesem Kapitel werden dann auch die zentralen Forschungsfragen abgeleitet.

Die forschungsleitenden Fragekomplexe sind (S. 88):

  1. Welche Auswirkungen haben Stadtschrumpfung und Stadtumbau auf die ältere Bewohnerschaft? Wie wird die Qualität des Alterns beeinflusst?
  2. Welche Anforderungen haben ältere Menschen an die Gestaltung von städtischen Schrumpfungsprozessen und die Umsetzung des Stadtumbaus? Wie kann diesen Anforderungen Rechnung getragen werden?

Im vierten Kapitel beschreibt und analysiert Peter die beiden Fallbeispielkommunen, die nach mehreren Kriterien ausgesucht wurden:

  • drastischer Bevölkerungsrückgang,
  • hoher Anteil älterer und älter werdender Bewohner,
  • Wohnungsleerstand,
  • Stadtumbaumaßnahmen (realisiert und geplant),
  • Stadtquartiere sind bereits in den Stadtentwicklungskonzepten verortet oder entstehen erst noch.

Die Charakteristik der beiden Städte und deren Quartiere wird mit Bildern und Plänen untermauert.

Kapitel 5 beschreibt das Forschungsdesign und die damit zusammenhängenden Methoden. Es geht um eine standardisierte schriftliche Bewohnerbefragung, um qualitative Interviews mit Älteren und um Experteninterviews.

In den Kapiteln 6 und 7 werden die Ergebnisse dargestellt und analysiert.

Kapitel 6 reflektiert die Ergebnisse in Bezug auf das Wohnen und Leben im Stadtquartier auf Zeit. Zentrale Punkte sind dabei

  • die Qualität der Wohnung - zwischen Aufwertung und Investitionsstillstand,
  • das Wohnumfeld im gravierenden Wandel,
  • Soziales Leben zwischen Stabilität und Krise.

Für die Einschätzung der Qualität der Wohnung kann festgehalten werden, dass bei aller Vielschichtigkeit in den Wohnungsbeständen eine Reihe von Risiken für ein selbstbestimmtes Leben im Alter bestehen, deren Perspektive begrenzt und unsicher ist.

Für das Wohnumfeld reklamiert der Autor Forschungsbedarf für den Zusammenhang Sicherheitsempfinden, abweichendes Verhalten und Schrumpfung. Immerhin wird festgestellt, dass der Zusammenhang zwischen objektiver und subjektiv empfundener Sicherheit im Zusammenhang mit Schrumpfung und ihren Folgen höchst evident ist.

Das soziale Leben ist im höchsten Maße beeinträchtigt, sowohl was die Nachbarschaftsbeziehungen als auch was die sozialen Integrationspotentiale angeht, die bedroht sind (Vereine, Netzwerke etc.).

Was passiert, wenn man als alter Mensch selbst unmittelbar vom Stadtumbau betroffen ist, also die eigene Wohnung zum Abriss ansteht? (Kapitel 7) "Der Abriss ist o. k. aber…", "Es tut weh!" oder "Die Unsicherheit macht mich kaputt" sind die Wahrnehmungsmuster in diesem Zusammenhang. "Wo soll ich hin?" drückt die Sorgen um die Zukunft aus, die alte Menschen haben und: "Einen alten Baum verpflanzt man nicht!" ist auch mit Angst besetzt.

Hier ist auch eine Kommune herausgefordert, angemessene Integrationsbedingungen im neuen Quartier unter diesen Bedingungen zu schaffen - eine besondere Herausforderung für lokale Akteure. Das ist Gegenstand von Kapitel 8, indem dann auch Orientierungsmöglichkeiten für Kommunen angeboten werden.

Was ist laut Peter zu tun?

  • Schaffung verlässlicher Rahmenbedingungen für den Stadtumbau,
  • Halten von Mindeststandards im Wohnumfeld,
  • Anpassung an Kriterien für das altergerechte Wohnen in die Realität,
  • Entwicklung individueller und innovativer Lösungen für das Wohnen Hochbetagter,
  • Initiierung und Gestaltung sozialer Netzwerke,
  • Entwicklung und Förderung der Generationensolidarität,
  • Netzwerkorientiertes Handeln lokaler Akteure.

Das abschließende 9. Kapitel beschäftigt sich mit Perspektiven der raumbezogenen Altersforschung infolge des demographischen Wandels. Neben den allenthalten immer wieder geforderten interdisziplinären Zugängen zu diesem Thema und der auch immer wieder reklamierten Auseinandersetzung der Wissenschaft mit der Praxis sieht Peter die Hauptaufgabe der raumbezogenen Altersforschung in der Problementwicklung im Rahmen von Schrumpfung der Städte und der raumspezifischen Fragen des Alters und des Alterns in urbanen Kontexten.

Das Buch schließt mit einer umfangreichen Literaturliste ab. Im Anfang befindet sich der Fragebogen der schriftlichen Befragung in Hoyerswerda.

Diskussion

Das Buch bringt zwei Prozesse zusammen, die jeweils für sich schon brisante Themen der Stadtentwicklung sind. Das Besondere diese Buches ist sicher, dass diese Beziehung zwischen Schrumpfung einerseits und Alterung der Städte andererseits auf eindringliche Weise deutlich macht, wie sich Stadtteile in dem Auenblick verändern können, wenn sie allmählich abgewickelt werden und wie der Prozess der Abwicklung das Leben in diesen Stadtteilen gravierend verändert. Diese Ansätze stoßen an die Grenzen der Denktraditionen der Stadtentwicklung und verändern auch die Philosophie der Stadtplanung. Es geht letztlich um die Erkenntnis, dass die Kommunen nicht länger nur reagieren können auf diesen Wandel, sondern aktiv diesen Wandel im Vorfeld steuern müssen.

Bei allen Spezifika dieser Wandlungsprozesse in ostdeutschen Städten - einiges ist auch übertragbar auf die westdeutschen Städte, die diese Prozesse zum Teil eher schleichend als deutlich hervortretend erleben.

Fazit

Das Buch ist vor allem Stadtentwicklern dringend zu empfehlen. Aber auch diejenigen, die sich vor allem mit dem Leben von alten Menschen in den Städten beschäftigen, finden dort viele Erkenntnisse, die ihnen in vielen Fragestellungen weiterhelfen könnten.


Rezension von
Prof. Dr. Detlef Baum
Professor em. Arbeits- u. Praxisschwerpunkte: Gemeinwesenarbeit, stadtteilorientierte Sozialarbeit, Soziale Stadt, Armut in der Stadt Forschungsgebiete: Stadtsoziologie, Stadt- und Gemeindeforschung, soziale Probleme und soziale Ungleichheit in der Stadt
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Zitiervorschlag
Detlef Baum. Rezension vom 06.05.2010 zu: Andreas Peter: Stadtquartiere auf Zeit. Lebensqualität im Alter in schrumpfenden Städten. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2009. ISBN 978-3-531-16654-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/9106.php, Datum des Zugriffs 12.07.2020.


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