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Michail Krausnick: Behinderung. Wer behindert wen?

Cover Michail Krausnick: Behinderung. Wer behindert wen? Horlemann Verlag (Unkel) 2009. 143 Seiten. ISBN 978-3-89502-288-3. D: 12,90 EUR, A: 13,40 EUR.

Reihe: Edition Menschenrechte.
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Thema

Das zu besprechende Buch befasst sich mit dem Thema Behinderung in drei Teilen, wobei der erste und der dritte Teil Geschichten sind, wie sie täglich geschehen oder geschehen können, in der Begegnung zwischen den jeweils Anderen. Der mittlere Teil liefert Fakten und Argumente.

Autor

Der Autor wurde im Jahre 1943 in Berlin geboren. Aufgewachsen ist er in Hannover. Sein wissenschaftliches Studium widmete Krausnick der Literaturwissenschaft und der Soziologie. An der Universität Heidelberg promovierte er 1974 mit einer Arbeit über Paul Heyse und dem Münchener Dichterkreis.

Entstehungshintergrund

Die Publikation ist wohl vor dem umfangreichen Wandel in der Behindertenpolitik entstanden. Als hervorstechendstes Merkmal ist hier die UN-Behindertenrechtskonvention, die im Januar 2009 von Bundestag und Bundesrat ratifiziert wurde, zu nennen.

Aufbau und Inhalt

Der Aufbau überrascht den eiligen Leser, der sich zunächst einmal über das Inhaltsverzeichnis einen Überblick verschaffen will. Das Inhaltsverzeichnis fehlt nämlich.

Im Vorwort macht sich der Autor u. a. Gedanken über den Begriff Mitleid.

Im ersten Teil wird von Mirko berichtet. Mirko hat Downsyndrom und wird von einer dreiköpfigen Familie aufgenommen. Die leibliche Mutter von Mirko ist mit ihren 14 Jahren mit der Erziehungsaufgabe eines behinderten Kindes überfordert. In dieser Erzählung werden die alltäglichen Probleme mit Freunden, Verwandten, Rechtsextremisten u. a. erzählt. Eine Geschichte, bei der ich, aufgrund meiner erlebten Kompetenz, an manchen Stellen schon mit den Tränen kämpfen musste.

Der zweite Teil, der Fakten und Argumente zum Inhalt hat, beginnt mit einem Kapitel, das mit „Behindert ist man nicht – behindert wird man“ überschrieben ist. Hier wird danach gefragt was Behinderung denn ist. Behindert sind nach dem bayrischen Behindertenplan „‘Personen, die aufgrund körperlicher, geistiger oder seelischer Schäden in einem existenzwichtigen sozialen Bereich, insbesondere in den Bereichen Erziehung, Schulbildung, Berufsbildung, Erwerbstätigkeit, Kommunikation, Wohnen und Freizeitgestaltung durch wesentliche Funktionsausfälle nicht nur vorübergehend erheblich beeinträchtigt sind und deshalb besonderer Hilfe durch die Gesellschaft bedürfen‘“ (S. 42). Ein weiterer Abschnitt befasst sich mit der Häufigkeit von Behinderungen, die Krausnick zu dem Schluss kommen lässt, dass die Behinderten die größte Minderheit auf der Erde sind. Es folgt eine m. E unvollständige Darstellung der Behinderungsformen, als da wären Blindheit/Sehbehinderung, zerebrale Bewegungsstörung, Downsyndrom, Epilepsie, Hörbehinderung/Gehörlosigkeit, Glasknochenkrankheit, Kleinwuchs, Multiple Sklerose, Muskelschwund, Kinderlähmung, Querschnittslähmung, Spina bifida und Spastik. Behinderung als Kollateralschaden erfährt eine gesonderte Betrachtung. Weil Menschen immer höhere Risiken des technischen und industriellen Fortschritts in Kauf nehmen, kommt es auch in vom Krieg verschonten Regionen zu vermeidbaren Behinderungen“ (S. 51).

Ein weiteres Kapitel befasst sich mit dem nationalsozialistischen Massenmord. Ich erlaube mir – und hierbei handelt es sich um meine eigene Meinung und nicht um eine Behauptung tatsächlicher Art – anzuführen das die seinerzeit verwendeten Termini auch heute noch – und dann in etwas aufgeweichter und politisch korrekter Form – Verwendung finden. Die Aufgaben der früheren Erbgesundheitsgerichte nehmen heute Institutionen wahr, die die Behinderten in Anstalten stecken und sie somit von der gesellschaftlichen Teilhabe ausschließen, um den Schaden am Volkskörper so gering wie möglich zu halten und nicht unnötigen finanziellen Ballast zu erzeugen. Die Deportation erfolgt in stationäre Einrichtungen der Behindertenhilfe, aus denen ein Entkommen der Betroffenen unmöglich ist. Es wird keine praktische Euthanasie mehr betrieben. Sie geschieht auf soziale Art, etwa durch paternalistische Gewaltausübung in der Behindertenpädagogik (Jantzen 2001).

Die Entstehung und Arbeit der Behindertenbewegung erfährt eine Betrachtung im dritten Kapitel dieses Teils. Es wird aufgezeigt wie sich diese, mit den Sorgenkinden befassenden, Organisationen nach dem zweiten Weltkrieg und im Zuge der Contergankatastophe entwickelten. Im Laufe der Zeit bemerkte man dann auch, dass aus den Sorgenkindern zu umsorgende Erwachsene werden, weshalb die so genannte Aktion Sorgenkind in die Aktion Mensch umbenannt wurde.

Das vierte Kapitel befasst sich mit der Konvention der Vereinten Nationen über die Rechte von Mensachen mit Behinderungen. Als wichtigste Artikel der UN-Konvention werden herausgestellt:

  • Barrierefreiheit;
  • gleiche Anerkennung vor Recht und Gesetz;
  • Kampf gegen Freiheitsentziehung, Ausbeutung, Gewalt und Missbrauch;
  • selbstbestimmt leben: „Die Vertragsstaaten werden verpflichtet, auf die vollstationäre Versorgung von Menschen mit Behinderungen zu verzichten, soweit diese nicht dem ausdrücklichen Wunsch dieser Menschen entspricht“ (S. 71);
  • Recht auf Bildung und Erziehung;
  • Recht auf Gesundheit, Rehabilitation und Arbeit: „Menschen mit Behinderungen haben ein gleiches Recht auf Arbeit, als Möglichkeit, den Lebensunterhalt selbst zu verdienen und in einem offenen Arbeitsmarkt tätig zu sein, der für Menschen mit Behinderungen zugänglich ist und sie mit einschließt“ (S. 71). Es verwundert sehr, wenn Menschen in der heutigen Zeit anführen das das Thema Erwerbsarbeit doch gar nicht der Mittelpunkt sein kann. Wichtig sei doch auch das Ehrenamt. Hier könne man sich als Behinderter doch betätigen. Zu fragen wäre hier dann, ob die diese Aussage treffende Person ihre derzeitige Erwerbsarbeit auch ehrenamtlich ausführen würde.

Das fünfte Kapitel befasst sich mit Inklusion statt Aussonderung. „Während Integration darauf abzielt, vorhandene Ausgrenzung zu beseitigen (und in diesem Prozess befinden wir uns gegenwärtig – CR), findet diese Ausgrenzung beim Konzept der Inklusion gar nicht erst statt“ (S. 73). Gegenwärtig sind wir von der Inklusion noch meilenweit entfernt – und eine Meile sind 1,6093 Kilometer.

Kapitel sechs benennt die Behinderer – und das sind u. a. Arbeitgeber, die nicht wahrnehmen und erkennen, dass „für Menschen mit Behinderungen […] Arbeit mindestens genauso wichtig (ist – CR) wie für andere Menschen. Für alle ist der Beruf eine Möglichkeit, Selbstbewusstsein zu entwickeln, Selbstständigkeit zu beweisen und sich ein Stück Unabhängigkeit zu erobern. Wenn Menschen mit Behinderungen ihren Fähigkeiten entsprechend arbeiten können, sind sie überdurchschnittlich motiviert“ (S. 78).

In Kapitel sieben wird eine schöne neue Welt gezeichnet. „Die neue ‚positive Eugenik‘ gibt sich menschenfreundlich und behauptet, allein der Gesundheit zu dienen. Sie argumentiert mit der ‚Freiheit der Forschung‘ und dem Wirtschaftsstandort Deutschland‘. Skeptiker und Kritiker (und die Behindertenszene gehört dazu – CR) befürchten, dass es dabei eher um Macht und Gewinnstreben geht. Doch sie haben einen schweren Stand. Global konkurrierende Wissenschaftler (u. a. auch aus der die Teilhabe verhindernden Sonder-, Behinderten-, Heil-, Integrations- und Inklusionspädagogik – CR) und Wirtschaftsinteressen bestimmen das Tempo, brechen nahezu täglich Tabus und Gesetze und täuschen vor, es gehe dabei nur um die Entwicklung neuer Medikamente und besserer Diagnose- und Heilverfahren“ (S. 83f.).

Armut und Behinderung ist das Thema, mit dem das achte Kapitel überschrieben ist.

Den Krieg nach dem Krieg behandelt Kapitel neun am Beispiel des Nahen Ostens.

Die brasilianische Situation nimmt das zehnte Kapitel in den Blick, über die Darstellung des von Handicap International und der Organisation Vida Brasil unterstützen Projekts Bucapé.

Am Schluss des zweiten Teils wird die Organisation Hasndicap International, die sich seit 1982 international für die Rechte und Bedürfnisse von Menschen mit Behinderungen einsetzt, vorgestellt. Für die Vertiefung zum Thema findet man noch Internetadressen von Organisationen, die sich mit Behinderten befassen.

Im dritten Teil befasst sich die Geschichte mit einem Jugendlichen aus einer brasilianischen Favela, der nach einer Unterschenkelamputation seinen Traum, ein Fußballstar zu werden, begraben muss.

Diskussion

Zur Aktion Grundgesetz, die unter dem Motto „Behindert ist man nicht – behindert wird man“ praktische Maßnahmen fordert führt Krausnick u. a. an, dass die Gentests mit unzureichendem Datenschutz, Forschung an Embryonen und an nicht einwilligungsfähigen Menschen abzulehnen sind. Dies erinnert mich an die im Folgenden dargestellte Begebenheit: Im Rahmen einer Zukunftswerkstatt hat im Februar 2010 eine Studierende der Sozialen Arbeit geäußert das im Jahr 2100, also in 90 Jahren, die Menschen mit einer erworbenen Behinderung, etwa nach einer Erkrankung oder einem Straßenverkehrsunfall, für die Soziale Arbeit sehr begehrt sind. Sie sind so begehrt, weil es in 90 Jahren – und die bis 2000 Geborenen dürften dieses Lebensalter leicht erreichen, denn nach Erik Händeler (2009, 46) reicht die genetische Ausstattung des Menschen theoretisch für das biblische Alter von 120 Jahren (nach Deut. 34,7 hat Moses dieses Lebensalter bei voller Gesundheit erreicht) – keine mit Behinderung geborenen Menschen mehr gibt. Die Pränataldiagnostik und der medizinische Fortschritt würde das zu verhindern wissen.

Zur UN-Behindertenrechtskonvention schreibt der Autor, dass Deutschland die selbige ohne Vorbehalt ratifiziert und sich damit verpflichtet hat, sie in deutsches Recht umzuwandeln. „Die Organisationen von Menschen mit Behinderungen sollen in den Überwachungsprozess einbezogen werden“ (S. 72). Für den Bereich der Sozialen Arbeit und besonders für die Sonder-, Behinderten-, Heil-, Integrations- und Inklusionspädagogik ist hier noch sehr viel zu tun. Wenn man sich beispielsweise die Hochschullandschaft anschaut, dann überwiegt hier die Zahl der Lehrenden und Ausbilderinnen und Ausbilder, die nicht über eine Behinderung verfügen. Hierbei handelt es sich also um Menschen, die über ihre erlernte Kompetenz meinen zu wissen was den Behinderten gut tut. Die Behinderten, die im Bereich der Sozialen Arbeit, über die erlernte Kompetenz dann auch noch über eine erlebte Kompetenz verfügen und somit als Experten in eigener Sache ihre Ressourcen – und nach Buttner/Knecht (2009, 102) sprechen Argumente dafür, „Ressourcen als wesentliches Element in die soziale Diagnostik einzubetten“ - in den Prozess mit einbringen können, werden nicht gehört. Letzteres sind Erfahrungen des Rezensenten, die aus den Sitzungen der Arbeitsgemeinschaft behinderter Akademiker herrühren. Die Frage ist, ob der Ausschluss der Behinderten aus der Lehr-, Ausbilderinnen- und Ausbilderlandschaft von den nicht behinderten Lehrenden, Ausbilderinnen und Ausbildern auf dem Feld der Sozial Arbeitenden so gewollt ist. Anzunehmen ist das die Teilhabe der Behinderten hier ihre Grenze findet, weil die nicht behinderten Sozial Arbeitenden anderenfalls Macht, in Form von symbolischem Kapital, einbüßen würden.

Fazit

Die Lektüre dieser Publikation kann zum Einstieg in die Thematik empfohlen werden. Zu denken ist da vor allem an die unentschlossene Schulabgängerin oder den unentschlossenen Schulabgänger, die oder der gar nicht wissen auf was sie sich bei der Beschäftigung mit Behinderung einlassen. Nützlich kann die Lektüre auch für diejenigen sein, die nach einem Thema für die Abschlussarbeit suchen.

Literatur:

Buttner, Peter/Knecht, Alban: Wege der Ressourcendiagnostik in der Sozialen Arbeit. Ein ressourcentheoretisch fundierter Überblick. In: Pantucek, Peter/Röh, Dieter (Hg.): Perspektiven Sozialer Diagnostik. Über den Stand der Entwicklung von Verfahren und Standards. Berlin 2009, 99-110.

Händeler, Erik: Die echte Gesundheitsreform. In: Berghaus, C. Helmut/Bermond, Heike/Milz, Heike (Hg.): Behinderung und Alter. „Gesellschaftliche Teilhabe 2030.“ Vorträge und Arbeitskreise der 17. Fachtagung „Behinderung und Alter“ 2008 an der Humanwissenschaftlichen Fakultät der Universität zu Köln. Köln 2009, 43-54.

Jantzen, Wolfgang: Unterdrückung in Samthandschuhen – Über paternalistische Gewaltausübung (in) der Behindertenpädagogik. In: Muller, Armin (Hg.):Sonderpädagogik provokant. Luzern 2001, 57-68.


Rezensent
Dr. Carsten Rensinghoff
Dr. Carsten Rensinghoff Institut - Institut für Praxisforschung, Beratung und Training bei Hirnschädigung, Leitung: Dr. phil. Carsten Rensinghoff, Witten
Homepage www.rensinghoff.org
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Zitiervorschlag
Carsten Rensinghoff. Rezension vom 16.02.2010 zu: Michail Krausnick: Behinderung. Wer behindert wen? Horlemann Verlag (Unkel) 2009. ISBN 978-3-89502-288-3. Reihe: Edition Menschenrechte. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/9113.php, Datum des Zugriffs 21.11.2018.


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