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Georg Schultz: [...] in der intensiven sozialpädagogischen Einzelbetreuung

Cover Georg Schultz: Entwicklung, Bedürfnisse und Macht in der intensiven sozialpädagogischen Einzelbetreuung. Ein Beitrag zur Kinder- und Jugendhilfeforschung. Verlag Dr. Kovač GmbH (Hamburg) 2009. 479 Seiten. ISBN 978-3-8300-4462-8. 98,00 EUR.

Schriftenreihe Sozialpädagogik in Forschung und Praxis - Band 23.
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Thema und Kontext

Mit der Einführung des Kinder- und Jugendhilfegesetzes (KJHG, jetzt SGB VIII) wurde die Individualisierung der Hilfeangebote als Handlungsgrundsatz der Jugendhilfe etabliert. Die Akteure werden darauf verpflichtet, die jeweils "notwendige" und "geeignete" Hilfe zu realisieren, das Wunsch- und Wahlrecht der Adressaten dient als Korrektiv, das Hilfeplanverfahren als Instrument, Partizipation und eine individuelle Ausrichtung der Hilfe zu gewährleisten. Dieser "Geist des KJHG" erfährt seine Zuspitzung in der Intensiven Sozialpädagogischen Einzelbetreuung, wie sie in § 35 des Kinder- und Jugendhilfegesetzes festgelegt ist. Intensive Sozialpädagogische Einzelbetreuung soll Jugendlichen gewährt werden, die einer intensiven Unterstützung zur sozialen Integration und zu einer eigenverantwortlichen Lebensführung bedürfen. Seit der Einführung des KJHG vor gut 20 Jahren hat sich die Intensive Sozialpädagogische Einzelfallhilfe als eigenständiges Segment im System der Erziehungshilfen etabliert und an Umfang stetig zugenommen. Dennoch bleibt es ein zahlenmäßig kleines Segment innerhalb der Jugendhilfe. Dies ist sicherlich auch ein Grund dafür, dass es relativ wenige empirische Studien über diese Hilfeform gibt. Die hier vorgelegte qualitative Studie untersucht solche Maßnahmen. Ein gemeinsames Merkmal der untersuchten Betreuungsverläufe ist "zum einen die exklusive Zuständigkeit einer Sozialarbeiterin zu einem einzelnen Jugendlichen und zum anderen die Intensität der Hilfe im Umfang, zumindest zu Beginn der Hilfe von nicht weniger als acht Stunden Face-to-Face." (3)

Hauptfokus der vorliegenden Untersuchung ist einerseits der Prozess der Betreuung, zum anderen das Ergebnis der Intensiven Sozialpädagogischen Einzelbetreuung (ISE). "Damit wird auch versucht, sich dem Zusammenhang von Handlungen und Wirkungen zu widmen. Wir evaluieren damit die unmittelbaren praktischen Leistungen, die in der Beziehung zwischen Produzent und Co-Produzent erbracht werden." (4) "Bezüglich des Ergebnisses der ISE soll die individuelle Entwicklung des Jugendlichen bilanziert werden, indem seine Situation zu Beginn der Hilfe und zum Ende der Hilfe ermittelt wird und die Veränderungen bewertet werden." (37)

Aufbau und Inhalt

Zunächst referiert der Verfasser in seinem ersten Kapitel "Stand der Forschung" vier qualitative Studien zu den Erziehungshilfen der letzten 10 Jahre und deren zentrale Befunde. Das sind zum einen die Jugendhilfestudien JULE (1998) und EVAS (2004), die sich auf ein breites Spektrum der Erziehungshilfen beziehen, intensive individualpädagogische Settings aber nicht untersuchen, sowie zwei Studien (Sladek (2000), Fröhlich-Gildhoff (2003), die eben explizit dieses Segment der erzieherischen Hilfen zum Gegenstand haben.

Sodann entfaltet der Verfasser im zweiten Kapitel die theoretischen Grundlagen für Rahmen, Auswertung und Bewertung seiner Ergebnisse. Ausführlich und prägnant skizziert er das von Mollenhauer und Uhlendorff entwickelte Konzept der "sozialpädagogischen Diagnosen" und die ihnen zugrunde liegenden Ansätze. Kritisch bemerkt er: "Das Konzept von Mollenhauer/Uhlendorff orientiert sich an den mentalen Relevanzstrukturen der Jugendlichen, es hat zum Ziel, die Probleme herauszufinden, die die Jugendlichen für sich selbst sehen. Insofern ist auch die von den Autoren gewählte Bezeichnung "Diagnostik der Lebenslage" irreführend, handelt es sich doch um Deutungsmuster der Lebenslagen, nicht um die Lebenslagen selbst. Deshalb ist es passender, wenn die Autoren davon sprechen "Lebensthemen" der Jugendlichen herauszukristallisieren. Die vorliegende Untersuchung ist nun insofern breiter als der Ansatz von Mollenhauer/Uhlendorff als für die Bewertung einer ISE nicht nur das herangezogen werden soll, was dem Jugendlichen selbst wichtig ist, sondern es soll umfassender untersucht werden, inwiefern sich die Möglichkeiten sozialer Teilhabe am gesellschaftlichen Umfeld und seinen sozioökonomischen und kulturellen Ressourcen für den einzelnen Jugendlichen verändert haben.“ (52 f)

Ein zweiter theoretischer "Anker" sind die Bedürfnistheorien von Obrecht (1995) und Grawe (2004). Obwohl diese Ansätze eher im Kontext psychotherapeutischer Settings entwickelt wurden, gelingt es dem Autor, Teile dieser Theorien für seine Studie nutzbar zu machen.

Während die bislang referierten Theorieansätze vor allem mit Blick auf die in den intensivpädagogischen Settings betreuten Jugendlichen herangezogen werden, zieht Schultz für die Interpretation und Reflexion des professionellen Handelns der Betreuer in den untersuchten Fällen die "allgemeine normative Handlungstheorie" von Staub-Bernasconi (2007) heran und konkretisiert diese für seinen Untersuchungsgegenstand.

Im dritten Kapitel "Theoretische Grundlagen" entwickelt und erläutert der Verfasser das Forschungsdesign seiner qualitativen Evaluationsstudie. Bei der vorliegenden Studie handelt es sich um eine prospektive Längsschnittuntersuchung, bei der die Protagonisten (Jugendliche, Betreuerinnen) zu drei Zeitpunkten befragt werden. Der Autor begründet die Wahl dieses Forschungsdesigns damit, "dass bei einer prospektiven Längsschnittuntersuchung die Selektionen und Verzerrungen in den Schilderungen der Interviewten hinsichtlich des Hilfeprozesses geringer sind als bei einer reinen retrospektiven Untersuchung, wo die Tendenz bestehen könnte, dass die Protagonisten den Verlauf der Hilfe "vom Ende her" bewerten." (86)

Untersucht wurden letztlich sechs Hilfeverläufe, davon drei von Jugendlichen mit Migrationshintergrund. Die Erstinterviews mit den Jugendlichen wurden anhand des leicht modifizierten Leitfadens zum Erstinterview von Uhlendorff (1997) geführt. Für die zweite Interviewphase wurden diese um einen eher narrativen Teil ergänzt, das dritte Interview orientierte sich demgegenüber wieder enger an dem Leitfaden des Erstinterviews. Alle drei Interviews wurden aus forschungsökonomischen Gründen innerhalb von max. zwei Jahren durchgeführt, was im Einzelfall bedeuten konnte, dass die Hilfe zum Zeitpunkt des dritten Interviews noch nicht abgeschlossen war. Die Interviews wurden transkribiert und inhaltsanalytisch ausgewertet.

Den Kern des vorliegenden Buches bilden die ausführlichen, anschaulich und systematisch gut aufbereiteten individuellen Falldarstellungen. Ihre einheitliche, plausible Systematik erleichtert einerseits die Orientierung in Bezug auf den jeweiligen Fall und ermöglicht zugleich vergleichende fallübergreifende Betrachtungen. Jede Falldarstellung enthält

  • ein Selbstportrait des jeweiligen Jugendlichen
  • eine Darstellung der Probleme und Ressourcen zu Beginn der Hilfe
  • Erklärungsmodelle der Betreuerinnen
  • Ziele der Maßnahme
  • das Interventionskonzept der Betreuerinnen
  • die Beziehungsentwicklung zwischen Jugendlichen und Betreuerinnen
  • kritische Momente im Hilfeprozess
  • die Situation des Jugendlichen nach Ablauf von zwei Jahren
  • eine Interpretation des Falles anhand der gewählten theoretischen Ansätze
  • eine abschließende Würdigung des Falles.

Da in den jeweiligen Abschnitten häufig Interviewausschnitte im O-Ton herangezogen werden, gelingt es dem Autor auf hervorragende Weise, zugleich ein anschauliches wie auch sehr differenziertes Bild der einzelnen Hilfeverläufe zu zeichnen und die darauf bezogenen Reflexionen und Deutungen der beteiligten Akteure nachvollziehbar zu machen. Die jeweils abschließenden theoriegeleiteten Reflektionen jedes Falles liefern hierfür ihrerseits einen angemessenen und anspruchsvollen Rahmen.

Das nachfolgende Kapitel "Fallvergleiche" fasst Befunde fallübergreifend entlang der oben genannten Systematik zusammen, bietet aber – abgesehen von dieser Zusammenschau – wenig neue Informationen oder Deutungen. Diese präsentiert der Autor in seinem Kapitel "Ergebnisse der Untersuchung", indem er seine Befunde entlang der eingeführten Qualitätsdimensionen Struktur-, Prozess- und Ergebnisqualität analysiert und bewertet und schließlich Wirkfaktoren intensiver pädagogischer Hilfen benennt. Der Autor kommt zu dem Schluss, "dass ISE eine Möglichkeit darstellt, Jugendliche, die aus extrem belasteten Lebensumständen kommen, dabei biographische, dramatische und traumatische Erfahrungen gemacht haben, bei der Bewältigung ihrer Entwicklungsaufgaben zu unterstützen, sie in der Hilfe und durch die Hilfe bedürfnisbefriedigende Erfahrungen machen zu lassen und ihre Teilhabechancen an der Gesellschaft zu erhöhen. Die Untersuchung hat aber zahlreiche Hinweise darauf ergeben, dass die Effektivität – und damit auch Effizienz – der ISE durch Verbesserungen sowohl in den strukturellen Bedingungen als auch im professionellen Handeln der beteiligten Fachkräfte erhöht werden könnte.“ (435)

Neben einer Reihe konkreter Hinweise auf strukturelle Mängel und entsprechende Verbesserungsmöglichkeiten verdienen drei Aspekte besonderer Erwähnung:

  1. So weist der Autor sehr deutlich darauf hin, dass auch in der intensivpädagogischen Arbeit ein kultursensibler Umgang mit den betreuten Jugendlichen und deren Familien unabdingbar ist. Dies kann einmal gewährleistet werden, indem Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter, die selbst über einen Migrationshintergrund verfügen, für diese Betreuung eingesetzt werden oder aber Betreuerinnen und auch Mitarbeiterinnen im Jugendamt über entsprechend interkulturelle Kompetenzen verfügen.
  2. Der zweite Aspekt bezieht sich auf die Möglichkeiten der Beteiligung. Abgesehen von den im KJHG vorgesehenen Möglichkeiten der Beteiligung am Hilfeplanverfahren verweist der Autor entschieden auf die Notwendigkeit eines entsprechenden Beschwerdemanagements bei dem jeweiligen Jugendhilfeträger, das dem Jugendlichen die Möglichkeit gibt, während des Betreuungsprozesses auftretende Irritationen oder Mängel unmittelbar und unbürokratisch dem Träger weiterzugeben.
  3. Der dritte Aspekt bezieht sich auf den Umgang der Professionellen mit ihrer Macht im Betreuungsprozess. "Sozialarbeiterinnen benötigen ein Bewusstsein über Macht als einem der wichtigsten Aspekte des Sozialen, und zwar mindestens hinsichtlich der Unterscheidung zwischen Behinderungs- und Begrenzungsmacht, ihrer eigenen Machtquellen und Machtausübung, hinsichtlich der Machtquellen und Machtausübung Dritter sowie ein erweitertes Bewusstsein hinsichtlich der Aspekte struktureller Gewalt, auch beim eigenen Träger, aber auch hinsichtlich der Machtquellen und Machtausübung der Jugendlichen. Sie benötigen einen reflektierten Umgang mit der eigenen Machtsausübung gegenüber den Jugendlichen und müssen Abstand nehmen von jeglicher Form behinderter Machtausübung." (439)

Fazit

Die vorliegende Untersuchung ergänzt und bestätigt mittlerweile vorliegende andere Fallstudien und Evaluationsergebnisse. Die außerordentlich anschauliche und systematische Darstellung der Einzelfallverläufe zeigt, dass eine qualitative Studie zugleich empathisch und explorativ wie auch analytisch sauber gestaltet werden kann. Die Herangehensweise und die Prägnanz der Darstellung zeichnen diese Untersuchung in besonderer Weise aus. Der Verfasser ist ein Praktiker, das merkt man in zweierlei Hinsicht: Einerseits ist die Sprache dieser Untersuchung klar und verständlich, unverstellt von wissenschaftlicher Semantik und fachlichem Imponiergehabe. Das macht die Studie sowohl für Studierende als auch für interessierte Praktiker gut les- und nachvollziehbar. Andererseits sind manche Interpretationen sehr alltagstheoretisch geprägt und sind trotz des bemühten wissenschaftlichen, theoretischen Bezugsrahmens nur wenig theoriegeleitet begründet. Hier könnte ein zweiter Blick auf die geschilderten Fachverläufe noch mehr Ergebnisse hervorbringen.

Auf jeden Fall ist die hier vorgelegte Studie eine hilfreiche und sinnvolle Lektüre für diejenigen, die mehr über den Gegenstandsbereich Intensiver Sozialpädagogischer Einzelfallbetreuung erfahren möchten, wie auch für diejenigen, die eine Studie kennen lernen möchten, die als qualitative Evaluationstudie gut strukturiert und systematisch erarbeitet wurde.


Rezensent
Dipl.-Soz. Willy Klawe
war bis März 2015 Hochschullehrer an der Hochschule für Soziale Arbeit & Diakonie Hamburg. Jetzt Wissenschaftlicher Leiter des Hamburger Instituts für Interkulturelle Pädagogik (HIIP)
Homepage www.klawe-sozialepraxis.de
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Zitiervorschlag
Willy Klawe. Rezension vom 24.05.2010 zu: Georg Schultz: Entwicklung, Bedürfnisse und Macht in der intensiven sozialpädagogischen Einzelbetreuung. Ein Beitrag zur Kinder- und Jugendhilfeforschung. Verlag Dr. Kovač GmbH (Hamburg) 2009. ISBN 978-3-8300-4462-8. Schriftenreihe Sozialpädagogik in Forschung und Praxis - Band 23. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/9115.php, Datum des Zugriffs 18.08.2017.


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