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Claudia Gottwald: Lachen über das Andere

Cover Claudia Gottwald: Lachen über das Andere. Eine historische Analyse komischer Repräsentationen von Behinderung. transcript (Bielefeld) 2009. 327 Seiten. ISBN 978-3-8376-1275-2. 29,80 EUR, CH: 49,90 sFr.

Reihe: Disability studies - Band 5.
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Thema

Das vorliegende Werk geht der Frage nach, wie sich die Bewertung des Lachens über Behinderte historisch wandelte. Welche Argumente legitimierten dieses Lachen und welche Versuche gab es Lachverbote zu begründen?

Der zeitliche Rahmen reicht dabei vom Mittelalter bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts, spart aber auch aktuelle Auffassungen Behinderter und Nicht-Behinderter über die (Un)Möglichkeit der Verknüpfung von Komik und Behinderung nicht aus.

Aufbau und Inhalt

Im ersten Kapitel Komik und Behinderung als Thema erläutert Gottwald die Erkenntnismöglichkeiten einer Analyse des Komischen und stellt die Prämissen der Disability Studies vor. Ihre Methode bezeichnet die Autorin, an Foucault angelehnt und um neuere Perspektiven erweitert, als historisch-hermeneutische Diskursanalyse. Ziel ist es, Aussagen über die Konstruktion des sich historisch wandelnden Verlaufs des Lach-Diskurses, also der legitimierten Sprecher und Sprechakte, sowie der Institutionalisierung von Lachanlässen und -verboten zu treffen. Dabei stützt sie sich auf umfangreiches Quellenmaterial (fiktionale und nicht-fiktionale Texte, Bilder und Cartoons) aus verschiedenen Bereichen (z.B. Theologie, Philosophie, Literatur, Theater).

Das zweite Kapitel präsentiert verschiedene Theorien des Komischen. Konsens scheint darin zu bestehen, dass das Komische ein Konflikt von Normen und der Abweichung von diesen darstellt, auf den man mit Lachen reagiert. Wobei nicht sicher ist, ob das Lachen eher als eine Ausgrenzung des Abweichenden oder eine Auflösung der Norm zu deuten ist. Insbesondere die Funktion des Lachens als Reaktion ist umstritten: Lacht man aus Überlegenheit, Angst, zum Zweck der Entlastung? Eine Interpretation dieser Theorien in Bezug auf Behinderung unterbleibt bewusst, da sie als Interpretations- und Analyseinstrumente erst bei der Betrachtung des historischen Materials zum Einsatz kommen.

Spotten und Lachen über Behinderungen und behinderte Menschen vom Mittelalter bis zum Anfang des 20. Jahrhunderts ist Hauptthema des dritten Kapitels.
Festzustellen ist, dass vom Mittelalter bis zur Renaissance hemmungslos über viele Formen der Behinderung gelacht wurde. Neben dem Lachen über Blinde, Bucklige und Personen mit Kropf standen institutionalisierte Formen des Lachens über Behinderte im Vordergrund. Dazu zählten Hofzwerge, insbesondere jedoch Hofnarren. Bei diesen handelte es sich bis zum Spätmittelalter um sogenannte natürliche Narren, zumeist geistig und körperlich Behinderte. Sie sollten der Belustigung dienen, gleichwohl aber die Herrschenden vor Hochmut warnen und an die Vergänglichkeit geistiger und körperlicher Gesundheit sowie weltlicher Macht erinnern. Die untersuchten historischen Quellen stellen behinderte Menschen dabei lediglich als Objekte des Lachens dar. Ob, wie und worüber sie selbst lachten ist undokumentiert.
In der Folgezeit (18. ,19. und 20. Jhd.) ist eine merkliche Abnahme komischer Repräsentation von Behinderung in künstlerischen Werken zu verzeichnen. Kleinwüchsige gelten allerdings weiterhin als „Zirkusnummer“ und Protagonisten sogenannter Freakshows. Insbesondere Kinder und Jugendliche verlachen Behinderte, wie die Autorin anhand (auto-) biographischen Materials beschreibt. Für eine Abnahme des Verlachens behinderter Menschen sorgten die aufkommenden Pflegeanstalten, durch die die Präsenz Behinderter mitten in der Gesellschaft zurückging.

Auseinandersetzungen mit Behinderung als Gegenstand der Komik und Versuche der Begrenzung nahmen in dieser Zeit ebenfalls zu (Kapitel 4). Waren mittelalterliche Lachverbote noch an theologische Überlegungen geknüpft und als Prävention sündhaften Verhaltens gedacht, wird ab dem 18. Jahrhundert Mitleid mit behinderten Menschen als Tugend zunehmend anerkannt. Doch sind ebenfalls Gefühle wie Abscheu und Furcht bekannt. Generell gehen einige Theorien davon aus, dass man nicht über Behinderung lachen könne, wenn andere Gefühle überwiegen.
Gleichfalls beginnt man zwischen dem Lachen Gebildeter und Ungebildeter zu unterscheiden. Der Geistvolle amüsiere sich bei ebensolcher Unterhaltung, Kinder, Jugendliche und der Pöbel jedoch aufgrund ihrer Bildungslosigkeit über derbe, rohe Späße. Die Komiktheorien dieser Zeit gehen davon aus, dass Überlegenheit und Stolz, jedoch auch der Kontrast zu bestehenden Normen bzw. erwartetem Verhalten, zum Lachen anregen. Das Postulat, dass Lachen über Unterlegene Lustgefühle evoziere, führt in der Aufklärung zur Annahme, dass diese Gefühle durch die Vernunft reguliert werden sollten.
Gleichsam wurden Behinderte immer noch verlacht. Ihre Gegenreaktion ist oft eigener Spott, um anderen zuvor zu kommen oder um als soziales Gewissen auf scherzende Art und Weise auf ihre gesellschaftliche Stellung als Lachobjekt hinzuweisen.
Abschließend identifiziert Gottwald als legitime Sprecher über Behinderung und Komik vor allem nicht-behinderte Personen. Insbesondere philosophisch-ästhetisch begründete Aussagen blieben über den Zeitraum vom 18. bis zum 20. Jahrhundert stabil, da sich die beteiligten Sprecher aus einem ähnlichen Textkorpus (Aristoteles, Hobbes, Kant, Jean Paul) bedienten und sich inhaltlich aufeinander bezogen. Ab dem 19. Jahrhundert sind die Medizin, die Psychologie bzw. -analyse und die Pädagogik in die Diskussion involviert. Zu dieser Zeit greifen erstmals behinderte Sprecher in den Diskurs ein und berichten über das Erleben von Spott und Lachen.

Und heute? (Kapitel 5) ist eine grundsätzliche Kontinuität fast aller Argumente gegen das Lachen über Behinderte festzustellen. So geht man weiterhin davon aus, dass das Lachen durch Erziehung verhindert werden müsse und Mitleid die angemessenere Reaktion sei.
Die legitimen Sprecher des Diskurses werden aber immer mehr Betroffene. Mitleidige Reaktionen auf Behinderung werten sie als inadäquat, den Ausschluss aus dem Bereich der Komik als eine weitere Exklusion aus normalen sozialen Umgangsformen. Behinderte wollen diesen Humor indes selbst gestalten und Einfluss darauf nehmen, dass entweder mit ihnen, über gesellschaftliche Barrieren, aber nicht über sie gelacht wird. Komische Darstellungen Behinderter durch Nicht-Behinderte lehnen sie weitestgehend ab. Ihr Fokus liegt somit auf Selbstbestimmung, Gleichberechtigung und -behandlung.

Diskussion

Ganz im Sinne der Disability Studies schafft es Gottwald, behinderte Menschen als Subjekte, nicht lediglich Objekte ihrer Forschung mit einzubeziehen. Sie zeigt, dass ab den 1990ern behinderte Menschen verstärkt die Rolle der legitimierten Sprecher innerhalb dieses Diskurses übernehmen und versuchen selbst zu entscheiden, wie eine angebrachte Haltung zu Komik und Behinderung aussehen könnte.

Weiterhin zeichnet sich die Dissertation durch eine klare Darstellung der Methode der Diskursanalyse und eine überzeugende Anwendung eben dieser aus. Einziges Manko ist die Erklärung zur Verwendung des Bildmaterials. „Bilder (ebenso wie Diskurse) [werden] nicht als Abbilder der Realität verstanden [...], sondern im Hinblick auf ihre Wirklichkeitskonstruktion betrachtet“ (Gottwald 37). Irreführend ist die Gleichsetzung der Wirkung der Bilder mit denjenigen der Diskurse, wobei nachfolgend erläutert wird, dass fiktionale Texte „legitimer und wirkmächtiger Bestandteil des Diskurses“ sind (Gottwald 37). Warum ein Unterschied von bildlicher zu schriftlicher Darstellung bestehe, wobei erstere wie ein Diskurs, letztere jedoch nur dessen Bestandteil sei, erschließt sich in Gottwalds Ausführungen leider nicht.

Fazit

Mit ihrer Dissertation gibt Claudia Gottwald einen groß angelegten Überblick der Sprechweisen über komische Repräsentationen von Behinderung. Sie zeigt historische Veränderungen mittels vielfältigem Material auf und dokumentiert den Wandel des Lachens hin zu einem kritisch bewerteten Akt, der in Bezug auf Behinderung absolute Legitimation im Mittelalter erfuhr, heutzutage jedoch ein vielfach internalisiertes Verbot darstellt. Interessant wäre hier eine weiterführende Untersuchung des Wandels von Außenzwängen (theologischen, moralischen, philosophischen Lachverboten) zu Innen-/Selbstzwängen (internalisiertes Lachtabu).

Dabei dürfte das Buch vornehmlich historisch interessierte LeserInnen aus den Sozial-, Kultur-, Geistes- und Rehabilitationswissenschaften sowie der (Sonder- und Heil-) Pädagogik ansprechen.

Lehrenden an Schule oder Universität dient das Werk als Hintergrundinformation für Diskussionen über Komik und Behinderung. Gedacht ist an Unterrichtsfächer wie Werte und Normen, Ethik und Philosophie. Ebenso für die Ausbildung von ErzieherInnen, Sonder- und HeilpädagogInnen würde sich diese Lektüre als Vorbereitung von Lehreinheiten zu Verhalten gegenüber Behinderten sicherlich lohnen.


Rezension von
David Kreitz
M.A., Mitarbeiter der Zentralen Einrichtung für Qualitätsentwicklung in Studium und Lehre an der Universität Hannover. Freiberuflicher Schreibberater und Schreibtrainer, Mitherausgeber der Zeitschrift JoSch – Journal der Schreibberatung und der Reihe „Theorie und Praxis der Schreibwissenschaft“.
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Zitiervorschlag
David Kreitz. Rezension vom 26.03.2010 zu: Claudia Gottwald: Lachen über das Andere. Eine historische Analyse komischer Repräsentationen von Behinderung. transcript (Bielefeld) 2009. ISBN 978-3-8376-1275-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/9119.php, Datum des Zugriffs 21.10.2020.


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