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Horst Petri: Das Drama der Vaterentbehrung

Cover Horst Petri: Das Drama der Vaterentbehrung. Ernst Reinhardt Verlag (München) 2009. 6. aktualisierte Auflage. 200 Seiten. ISBN 978-3-497-02110-9. D: 14,90 EUR, A: 15,40 EUR, CH: 27,90 sFr.
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Thema

Wenn ein wissenschaftliches Werk in sechster Auflage erscheint, könnte der Eindruck entstehen, als müsse man dafür keine Propaganda mehr machen. Die Botschaft dieses Buches ist indes von so fundamentaler Bedeutung, dass seine Verbreitung mit Sicherheit immer noch unzureichend ist. Es geht ja nicht nur um die vertraute Tatsache, dass viele Kinder und Jugendliche sich wünschen, ihre Väter würden mehr Zeit mit ihnen verbringen, sondern um das „Drama der Vaterentbehrung“ als die Bedrohung von Kultur und Persönlichkeit die seit Jahrzehnten verschwiegen, verleugnet und verdrängt wurde und nun erst allmählich in ihrer Wichtigkeit erkannt wird. Wenn dieser viel zu späte Wandel im Umgang mit dem hier angesprochenen „Drama“ nun endlich eingesetzt hat, dann ist das weitgehend das Verdienst von Horst Petri. Er beschreibt das Thema in seiner Einleitung so: „Es ist eine schlichte Tatsache, dass im Rahmen der Befreiungsbewegung von Frauen und Männern in den letzten Jahrzehnten die Konsequenzen für die Kinder entweder nahezu ausgeblendet oder durch ideologische gefärbte Argumente gerechtfertigt wurden, die sich inzwischen als grobe Täuschungen erweisen“ (S. 10).

Aufbau und Inhalt

Der Einleitung lässt Horst Petri sechs Kapital folgen.

In dem ersten Kapitel „Die ‚Vaterlose Gesellschaft‘ – ein Phantom“ setzt er sich mit Mitscherlich auseinander und führt den Begriff auf die „berühmte Schrift Freuds ‚Totem und Tabu‘ aus dem Jahre 1913“ (S. 12) zurück, wo der Begriff „Vaterlose Gesellschaft“ zum ersten Mal auftaucht.

Das zweite Kapitel heißt „Warum brauchen Kinder einen Vater?“ Hier wird in Kenntnis wichtiger Ergebnisse der Arbeiten von Freud über die neueste klinische und Entwicklungspsychologie bis zur Sozialpsychologie und Mythenforschung unter Hinweis auf empirische Daten dargelegt, wie das Thema theoretisch angegangen werden kann.

Kapitel III „Der Vater kann auf verschiedene Weise verloren gehen“ enthält Fälle aus der Beratungs- und therapeutischen Praxisarbeit des Verfassers, die es dem Leser schwer machen, sein emotionales Engagement an dem Thema in Grenzen zu halten (und das ist als Kompliment gemeint).

In Kapitel IV werden die Chancen untersucht, die bei der Verarbeitung von Vaterlosigkeit von der sozialen Umwelt aus genutzt werden können.

Die beiden verbleibenden Kapitel V und VI gehen von dem Problem des Traumas aus, also von einer seelischen Verletzung durch Reizüberflutung (S. 136), wobei zunächst „Die Folgen der Vaterentbehrung“ (V) und dann „Die Heilung des Traumas“ (VI) bearbeitet werden. Sehr eindrucksvoll ist der „Persönliche Abschluss“ (S. 191-192), in dem Horst Petri in vier Stufen des Erschreckens sich selbst Klarheit darüber verschafft, wie sehr er dem Thema in seiner früheren Arbeit ausgewichen ist: „Nach diesen Erfahrungen ist mir klar geworden, wie tief die Verdrängung des Problems reicht“ (S. 192).

Fazit

Nach der Lektüre dieses Buches hat man den Eindruck, dass Schicksalsfragen unzähliger Personen und vielleicht die Existenzfrage abendländischer Kultur in knappen 200 Seiten so überzeugend behandelt werden, dass von diesen Seiten Hoffnung auf Besserung ausgehen kann. Das setzt allerdings voraus, das die Botschaft Horst Petris gelesen und verstanden wird.


Rezension von
Prof. Dr. Horst Jürgen Helle
Ludwig-Maximilians-Universität München
Institut für Soziologie
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Zitiervorschlag
Horst Jürgen Helle. Rezension vom 20.06.2011 zu: Horst Petri: Das Drama der Vaterentbehrung. Ernst Reinhardt Verlag (München) 2009. 6. aktualisierte Auflage. ISBN 978-3-497-02110-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/9123.php, Datum des Zugriffs 25.09.2021.


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