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Eva Kimminich (Hrsg.): Utopien, Jugendkulturen und Lebenswirklichkeiten

Rezensiert von Prof. Dr. Uwe Rabe, 09.02.2011

Cover Eva  Kimminich (Hrsg.): Utopien, Jugendkulturen und Lebenswirklichkeiten ISBN 978-3-631-59938-9

Eva Kimminich (Hrsg.): Utopien, Jugendkulturen und Lebenswirklichkeiten. Ästhetische Praxis als politisches Handeln. Peter Lang Verlag (Bern · Bruxelles · Frankfurt am Main · New York · Oxford) 2009. 252 Seiten. ISBN 978-3-631-59938-9. 49,80 EUR.
Reihe: Welt - Körper - Sprache. Perspektiven kultureller Wahrnehmungs- und Darstellungsformen - Band 7.

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Thema

Der Titel der vorliegenden Textsammlung macht neugierig und ist gleichzeitig verunsichernd: Worum wird es gehen? Das genaue Thema ist nicht sofort zu bestimmen, auch nicht mit einem zusätzlichen Blick auf den Titel der Reihe, in der dieser Band erschienen ist. Angesichts der hoch aggregierten Symbolik von Reihentitel (Welt – Körper – Sprache. Perspektiven kultureller Wahrnehmungs- und Darstellungsformen) und der Überschrift des Sammelbandes (Utopien, Jugendkulturen und Lebenswirklichkeiten) war sich der Rezensent zunächst unsicher über das zu Erwartende. Nach der Lektüre der Erläuterungen der Einleitung entwickelte er die Erwartungshaltung, dass hier in bestimmten Ausschnitten spezifische Lebenswelten Jugendlicher beschrieben und analysiert werden sollen. Es könnte gehen um einzelne Jugendszenen oder Lebenszusammenhänge, die einen eigenständigen kulturellen Status hätten und denen ein Hang zur Utopie eigne. Mit dieser Erwartung ging der Rezensent an die Lektüre der Texte.

Herausgeberin

Die Herausgeberin ist habilitierte Kulturwissenschaftlerin und Romanistin. Nach zahlreichen Vertretungs- und Gastprofessuren an mehreren deutschen Hochschulen lehrte sie zunächst an der Universität Freiburg. Derzeit hat sie am Romanistischen Institut der Universität Potsdam die Professur für Kulturen Romanischer Länder inne.

Sie selbst gibt an (auf den Homepages über die Universitäten Freiburg und Rostock), dass ihre interdisziplinär orientierte Forschung gerichtet sei auf die Untersuchung jener zentralen gesellschaftlichen Werte, Normen, Orientierungen und hermeneutischen Verstehensprozesse, deren Vermittlungsprozesse sich über Kultur, Literatur und Oratur vollziehen, wobei letzteres eigentlich die Bezeichnung für eine afrikanische Besonderheit mündlicher Kulturweitergabe ist, die am ehesten als Gemenge aus traditioneller Rezitation überlieferter Legenden und Balladen, aus Theater und aus Musikdarbietung zu sehen ist - womöglich ähnlich dem Verfahren von Barden, fahrender Sänger früherer Jahrhunderte in Europa. Weil sich Kimminich aber nicht nur mit senegalesischer Kultur beschäftigt, ist der Hinweis auf die Beschäftigung mit Oratur ein erster Fingerzeig, dass ihr Augenmerk deshalb auf diesem Mündlichen liegen könnte, weil sie es womöglich nicht nur in Afrika gefunden hat, sondern auch in den Lebenszusammenhängen von Jugendlichen entdeckt: Gibt es in europäischer Jugendkultur auch so etwas wie Oratur? Heißt sie da nur nicht Cheddo wie im Senegal (siehe den Beitrag von Dop), sondern HipHop oder Rap?

Ihre zahlreichen Publikationen dokumentieren diese Forschungslinien und liefern Beiträge u.a. zur Jugendkultur, zu kulturellen und interkulturellen Verstehens- und Kommunikationsprozessen, zur HipHop-Kultur und zur Genderperspektive.

Problemhintergrund

Der Sammelband nimmt in seinem Titel die Utopie in den Fokus. Zur Erinnerung: Utopien waren Idealentwürfe vom guten Leben, das in der Wirklichkeit (noch) keinen Ort hat. Utopie heißt übersetzt: Kein Ort. Dabei konstruierten die Utopisten seit der griechischen Klassik (Plato) über die Renaissance (Morus, Campanella, Bacon) bis hin zur bürgerlichen Moderne (Goethe und Hesse – allesamt Männer) immer den großen Entwurf des besten Staates und der idealen Gesellschaft. Nicht erst wir Heutigen wissen vom Hang der Wirklichkeit, solche Vorschläge zum zukünftigen guten Leben zu ignorieren: Aldous Huxley dachte schon 1932 an diese Ignoranz der Realität, als er in seiner vom Kopf auf die Füße gestellten Anti-Utopie die Freiheit im Gelächter des Soma der regulierten Gesellschaft zu Grunde gehen ließ.

Zweifelsohne hatte Huxley nicht nur die amerikanische Gesellschaft vor Augen, als er dreißig Jahre nach ‚Brave New World‘ in seinem Essay ‚Brave New World Revisited‘ die Prognose abgab, dass sich sein Entwurf schneller ‚realisiert‘ hätte als gedacht, weil ‚offenbar das Verlangen des Menschen nach Vergnügen grenzenlos sei‘. Brave New World hatte die Vision einer Menschheit tendenziell am Rande eines Abgrunds stehen, Brave New World Revisited brachte die lakonische Feststellung, dass das keine Vision, sondern der Beginn einer neuen Wirklichkeit sei. Heute sind wir einen Schritt weiter.

Wenn man dem folgt und Christa Wolfs ‚Kein Ort. Nirgends‘ aus seinem literarischen Zusammenhang reißt und der Huxleyschen Dystopie als Resümee anhängt, scheint das Ende der Utopie endgültig. In so weit wirkt es zumindest riskant, affirmativ neue Entwürfe der goldenen Zukunft zu erarbeiten, ohne die Risiken der modernen Gesellschaft zu bedenken: Denn eigentlich ist ‚Soma‘ überall.

Aufbau

Der Band versammelt vierzehn Einzelbeiträge zu heteronomen Themen. Vorher gibt es eine Einleitung, nach deren Beschreibung diese vierzehn Beiträge jeweils einzelne aktuelle gesellschaftliche Tendenzen beschrieben und den Entwurf von Utopien einer besseren Welt lieferten.

In nicht weiter erläuterter Zusammenstellung sind Beiträge von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus Deutschland, Frankreich, Senegal, Polen und Weißrussland versammelt. Neben Beiträgen auf Deutsch finden sich drei englischsprachige und zwei französisch-sprachige Aufsätze. Dabei ist anscheinend die Utopie wesentlich männlich geblieben, denn neben der Herausgeberin liefert nur eine weitere Frau einen Beitrag zum guten und richtigen Leben der Zukunft. In der Einleitung skizziert die Herausgeberin die Einzelbeiträge; eine weitere kurze zweisprachige Skizze findet sich vor jedem Artikel – vermutlich aus der Perspektive des Autors oder der Autorin. Eine Ausnahme bildet der letzte Artikel, zu dem sich keine Zusammenfassung findet.

Eva Kimminich: Utopien, Jugendkulturen und Lebenswirklichkeiten: ästhetische Praxis als politisches Handeln

Zunächst liefert die Einleitung einige Hinweise auf den Verwendungssinn des Bandes:

Kimminich sieht die Jugend von heute als durchaus politisch und bezieht Stellung gegen Hurrelmanns Analyse in der Shell-Studie 2006. Hurrelmann selber hätte 2006 diesen Vorwurf bestimmt zurück gewiesen und angemerkt, dass das pragmatische Vorgehen vieler Jugendlicher nur eine Absage an bestimmtes konventionelles Engagement sei und kein durchgängiges Bekenntnis zur Politikabstinenz. 2009 – in Vorbereitung der Studie 2010 – war er aber mittlerweile explizit der gleichen Ansicht wie die Herausgeberin.

Kimminich beschreibt die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit Musik und Kunst auf der einen und Politik auf der anderen Seite als separiert; Forschung suche nicht nach Zusammenhängen. Dabei fällt auf, dass sie Musik und Kunst ihrerseits als Unterscheidbares ansieht. In der Tat geht der Sammelband auf ‚jugend- und subkulturelle Musikszenen‘, die Kimminich als politische Szenen ansieht und die der Entwurf von ‚Utopien einer besseren Welt auszeichne‘. Andere Szenen kommen nur am Rand vor. Diese Äußerung nimmt der Rezensent auf und stellt die einzelnen Beiträge unter dieser Prämisse vor.

Im Anschluss an diese Einordnung kommentiert die Einleitung sehr genau die einzelnen Beiträge der Reihe nach.

Außerdem gibt es einen Hinweis, dass der vorliegende Band der dritte einer Reihe sei, von der die ersten beiden Bände ‚Kulturschutt und Recycling‘ und ‚Express yourself‘ bereits vorlägen. Bei dem ersten Band spricht sie auf ‚Kulturschutt: Über das Recycling von Theorien und Kulturen‘ an. Das ist etwas verwirrend: Der hier vorliegende Band taucht nämlich als Nummer 7 einer anderen Reihe auf - der in den Eingangsätzen dieser Rezension angesprochenen; die Reihe insgesamt und deren meiste Einzelbände sind von Kimminich herausgegeben worden.

Wojciech Malecki: Popular Art, Youth Culture and Cultural Politics: a pragmatist Perspective

Malecki ist Pole und arbeitet als Wissenschaftler an der Universität Breslau. Den Stellenwert von Jugendkultur will er in seinem Beitrag explizit nicht ansprechen: Er sieht ihn als Beitrag zur Unterscheidung zweier Argumentationslinien der Analyse politischer Relevanz populärer Kulturen. Dazu vergleicht er zwei Vertreter des philosophischen amerikanischen Pragmatismus, Shusterman und Rorty. Er sieht den Pragmatismus auch als Kulturpolitik. Im Rahmen dieser Unterscheidung erläutert er den in Amerika gängigen Terminus ‚popular art‘, also ‚populäre Kunst‘, die nahezu gleich zu setzen ist der Popmusik und anderer Unterhaltung (Fernsehen, Variete-Bühne) ohne expliziten Anspruch jenseits der bloßen einfachen Konsumierbarkeit. Aber auch wenn ‚popular art‘ schnell verstehbar und anwendbar sei und wenn sie politischen Anspruch habe, habe sie dennoch zunächst ästhetische Dimension. Und mit Hilfe populärer Kunst und mit Kulturpolitik sei die Möglichkeit zu politischer Veränderung beschränkt. Mit dieser These bricht der Beitrag gleichsam ab. Bislang ging es nicht um Jugendkultur und auch nicht um Utopie. Malecki hätte die Tauglichkeit des amerikanischen Pragmatismus zur Bestimmung der utopischen und politischen Potenziale der Jugendkulturen bestimmen können oder fragen können, ob eine solche philosophische Tendenz zur gedanklichen Begründung taugt. Dann hätte sein Beitrag eine theoretische Begründung für Jugendkulturen sein können und eine systematische Grundlage des Sammelbandes werden können.

Michael Fuhr: Performing Pop Ästhetik, Identität und Ritual. Ein Fallbeispiel aus der koreanischen Diaspora

Fuhr ist Musikwissenschaftler und nimmt ein einzelnes Konzert einer koreanischen Band in Deutschland zum Anlass, um über ‚musicking‘ zu reflektieren, einen Terminus, der Musik als intersubjektiven Prozess zwischen Machen und Aneignen beschreiben soll.

Die koreanische Yoonband wurde auch in Deutschland bekannt, als sie während der WM nicht nur ein Koreasupportlied schrieb, sondern auch das durch Pete Seeger in den sechziger Jahren bekannt gewordene koreanische Traditional ‚Ariran/Arirang‘ verrockte.

Der Aufsatz nimmt seinen Ausgang mit einem Konzertbesuch des Autors in einem Düsseldorfer Club. Den Club nimmt er wahr als ‚Knotenpunkt urbaner Subkulturen und Jugendszenen‘ wahr - und nicht als Disco; das Konzert kann verstanden werden als gemeinsames und individuelles ‚Ereignis‘ zwischen Produktion und Konsumption mit einer ‚autopoietischen Feedbackschleife‘. Im weiteren Verlauf analysiert Fuhr das Konzert genauer als ‚Inszenierung des Nationalen‘, in dessen Verlauf der Einzelne eine Chance habe, sich zu verändern, auch wenn diese Veränderung nur für die Zeit des Erlebens andauere. Diesen Transformationsprozess nennt er Schwellenerfahrung und vergleicht ihn mit Kants und Schillers Autonomieästhetik - allerdings ohne diesen Vergleich zu erläutern oder zu belegen. Dieser Raum des ‚Zwischen‘ sei ein Raum der Utopie, den er allerdings nicht als politischen Raum eines Noch-Nicht begreift, sondern als Nicht-Ort. Mit diesem plötzlich auftauchenden Gedanken schließt der Aufsatz.

Bartolomae Reszuta: The Eclipse of Christian Socialist Utopia in Polish Rap

Der Autor ist Pole, kommt aus Warschau und arbeitet an der Posener Universität über HipHop und Populärkultur. Der Titel deutet die These des Aufsatzes an, dass sich der als politisch verstehende christliche Sozialismus, dem der polnische Rap als Teilbestand zugehörte, im Rahmen der EU-Orientierung verändert habe und in dem Augenblick seine utopische Dimension verloren habe, in dem der Staat selber christliche Werte an Stelle der kommunistischen Leitideologie in seine Doktrin aufnahm. Die prosperierende polnische Wirtschaft und der sich stabilisierende demokratische Staat hätten für eine politische und kulturelle Beruhigung der Gesellschaft geführt. In diesem Kontext – so Reszuta - verlieren HipHop und Rap ihren politischen Stellenwert, weil der Wohlfahrtsstaat den Protest einlullt und ihn in Nischen zurück drängt. Was bleibt, ist der Rap als Musik – nur Musik.

Almira Ousmanova: Passions over Europe: Eurovision as a political and cultural phenomenon

Die neben der Herausgeberin einzige Frau des Sammelbandes lehrt ‚Cultural Studies‘ - zuerst in Weissrussland und jetzt in Litauen. Ihr Beitrag beleuchtet die Folgen der Eurovision 2007 aus der Perspektive der Rezeption in Osteuropa und kommt zu anderen Ergebnissen als die musikalische Subkultur im Westen (Dazu Wichtiges bei: popkulturjunkie.de), für die die ganze Inszenierung der Eurovision der ‚Trashevent des Jahres‘ war: Wir erinnern uns: Dank ‚E-democracy‘ belegten 16 Staaten östlich des Eisernen Vorhangs die ersten 16 Plätze; wenn man die Türkei und Griechenland abzieht, bleiben 14, die allesamt ehemalige Mitglieder des ehemaligen Warschauer Paktes waren. Oumanova sieht diese Eurovision als Kulturphänomen und nicht als kommerzielle Abzocke. Sie ist verwundert über den Nicht-Stellenwert in den westeuropäischen Medien und sieht einen andauernden Hype in mehreren Ländern im Osten. Die Autorin als Kulturwissenschaftlerin will sich der Kritik an der bodenlosen Niveaulosigkeit des Wettbewerbs nicht anschließen. Sie sieht die Pop-Musik nicht nur als Pop-Kultur, sondern als vorherrschende Form der Kultur schlechthin (Das dürfte Dieter Bohlen freuen.) Das Abstimmungsverhalten des Publikums dokumentiert seine kulturelle Identität. Vom Geschäft ist wenig die Rede. Ousmanova sieht in dem mittlerweile in fast ganz Europa zelebrierten Wettbewerb das utopische Moment einer europäischen Identität mit einer europäischen Kultur – und sieht beides sich in einer Fernsehübertragung spiegeln.

Jörg-Uwe Nieland: Politischer Protest und Charitainment zum G8-Gipfel 2007? Die Rolle der „visionären Avantgarde“ auf dem Prüfstand

Nieland arbeitet an der Universität Duisburg-Essen. Seine Forschungs- und Veröffentlichungsschwerpunkte liegen an der Schnittstelle von Pop und Politik.

Die Zeitschrift ‚Time‘ hatte das Jahr 2005 als das Jahr des Charitainment ausgerufen; in Deutschland bezeichnet der Begriff spätestens seit dem Live 8 – Event von 2007 ein ‘Amalgam aus Charity, Wohltätigkeit und Entertainment‘ (Spiegel 13.08.2007), wobei der Spiegel doppelt moppelt, weil der englische Begriff schon Wohltätigkeit heißt. Der Begriff eines ‚Charity Rock‘ sei – so Nieland – sehr viel älter. Das spielt aber nichts zur Sache, weil es um die Medienpräsenz populärer Musiker nach 2007 geht. Die Rollen der Medienpräsenz anlässlich der Live 8-Konzerte und des G8-Gipfels von Heiligendamm von Bob Geldof (Boomtown Rats), Bono (U2), Herbert Grönemeyer und Campino (Tote Hosen) werden herausgearbeitet. Dabei wird die Frage ventiliert, wie sich politisches und soziales Engagement von ‚Popkünstlern‘ verstehen lässt – als stellvertretenden Aufschrei der Popgeneration oder als feindliche Übernahme der Kultur durch die Politik. Unklar bleibt, ob der Begriff ‚Pop‘ zu Recht benutzt wird – die Vier wären wohl eher Rock-Musiker. Das Risiko einer solchen Instrumentalisierung sei da, und dem könne man nur entgehen, wenn man sich weigere, ‚mit unser Kanzlerin Kaffee zu trinken‘ – wie Grönemeyer zitiert wird. Abgesehen von diesem Statement ist dieser Beitrag mit Sicherheit ein ernst zu nehmender Beitrag zur Bestimmung des Verhältnisses von Mainstream-Pop und Politik, aber er ist nur bedingt geeignet, das Verhältnis der Jugend zur Politik zu bestimmen oder zu überlegen, wo denn die utopische Dimension populärer Musik wäre.

Marcus S. Kleiner: Life is but a memory – Popmusik als Medium biographischer Selbstverständigung

Kleiner arbeitet als Medienwissenschaftler an der Universität Siegen. Den theoretischen Hintergrund seines Aufsatzes zum Autobiographischen in der Popmusik sieht er im Spannungsfeld zwischen Simmels Lebensphilosophie und der Wissenssoziologie von Berger und Luckmann. Das ist schon ein weiter Spannungsbogen. Pop-Kultur brauche spezifische niedrigschwellige ‚Archive‘, damit ihre Inhalte und Botschaften für den Rezipienten abrufbar bleiben. Diese Archive können Zeitschriften oder Clubs sein, und sie müssen gefüllt und verwaltet werden, von den Urhebern der Popkultur oder von ihren Biographen.

Und so untersucht Kleiner autobiographisches Material jeweils eines Vertreters der britischen, der amerikanischen und der deutschen Popkultur - nicht unter dem Gesichtspunkt des Gehaltes einzelner Texte, sondern als Teil eines‚Lebenswerks‘, in das Autobiographisches ebenso mit eingeht wie analysefähiges Material zu den Themenfeldern Sozialisation und Entwicklung des Selbst. Die ‚Texte‘ der Drei werden verstanden als Erzählungen, die in virtuellen Pop-Archiven aufbewahrt werden und so – zum Beispiel dem Autoren des Aufsatzes – zugänglich bleiben. Insoweit sieht Kleiner die Popkultur nicht als unmittelbar politisches Konstrukt, sondern als Medium, in dem sich das Selbst und die Gemeinschaft der Rezipienten wieder finden: ‚Musik ist Speichermedium‘. Zu den drei ‚Archiven‘:

Nick Hornby Jahrgang 1957) ist britischer Biograph des Alltags und gilt als wichtigster Vertreter der englischen Popart, der wichtige Abschnitte aktiv und bewusst wahrgenommen, konsumiert durchlebt und kommentiert hat.

Detlef Holland-Moritz (Jahrgang 1954) ist der Autor autobiographische Notizen als ‚Stimmen aus dem Off‘ aus der Solinger Provinz.

Rob Sheffield (1966) ist Journalist und Romanautor. Er schreibt für den ‚Rolling Stone‘.

Die drei Beispiele von ‚Pop-Geschichte‘ liefern kein einheitliches Bild ‚popkultureller Lebensentwürfe‘. Es gibt bei den Protagonisten der Popkultur keine utopische Leitlinie, sondern höchstens das wirkliche Leben im falschen. Und das läuft entweder so oder anders.

Olaf Sanders: Fluchtlinien in Pop-Biographien

Der Autor ist Bildungstheoretiker und arbeitet an der Universität Köln.

Er nähert sich seinen drei beschriebenen ‚Pop-Biographien‘ des normalen Lebens aus der Perspektive der beiden ‚Anti-Psychiater‘ Gilles Deleuze und Felix Guattari, als deren Interpret er sich sieht, weil die beiden ‚viel zitiert und bekannt, wenn auch nicht immer schon erkannt und begriffen‘ (S.118) seien. Nachdem der Rezensent die ‚Formeln‘: „Rhizomatik = Schizoanalyse = Pragmatik = Mikro-Politik“ und das daraus folgende: „Pop-Analyse = Rhizomatik = Schizoanalyse = Statoanalyse = Pragmatik = Mikro-Politik“(118f.) zu Kenntnis genommen habe, auf die Sanders aufbaut, schließt er sich an: Auch er hat es nicht begriffen.

Es geht um Fluchtlinien von drei alltäglichen Menschen unterschiedlichen Alters aus drei unterschiedlichen Alltagswelten, die mit Hilfe von Pop-Musik den Weg aus der familiären Enge gesucht haben. Sanders lässt die drei aus ihrem Leben erzählen und liefert uns Beispiele dafür, wie unterschiedlich die drei Protagonisten eines normalen Alltags ihre Entwicklung im Umfeld der Pop-Kultur wahrnehmen. Er sieht keine Utopien, sondern Bewegungen; er sieht das Leben, das sich auslebt und keine Figuren, die eine Vision ergäben. So schließt der Aufsatz. Und auch hier reicht das Verstehen des Rezensenten nicht hin, um das Ende zu verstehen.

Ibrahima Diop: Politisches Bewusstsein und Oral Culture in Westafrika – Ceddo-Ethik und Rap

Diop ist Senegalese und lehrt als Germanist in der Hauptstadt Dakar. Sein Aufsatz überspannt den weiten Weg von afrikanischen Traditionen über die Kolonialisierung bis hin zum Rap und enthält eine dem Europäer nicht unmittelbar zugängliche Fülle an westafrikanischen kulturellen Besonderheiten.

Im Zentrum des Aufsatzes steht die Diskussion eines zentralen Kulturphänomens westafrikanischer mündlich überlieferter Tradition: Cheddo. Das muss die senegalesische Form von Oratur sein.

Mit dem Begriff scheint eine besondere Form des schwarzen Selbstverständnisses gemeint zu sein, die den imperialistischen und kolonialen Bestrebungen der westlichen und islamischen Welt entgegengesetzt worden ist, und weil zumindest in Westafrika die kulturellen Traditionen gesprochen gelebt und weitergegeben werden, ist Cheddo auch der Ausdruck einer mündlichen Kultur gegenüber der importierten Schriftlichkeit, die das Mittel der Auseinandersetzung mit Christentum und Islam ist. Diop sieht die philosophischen Cheddo –Vertreter in einem gewagten Vergleich in einer Linie mit Herder, Kant, Lessing, Schiller und Rousseau und deren Streben nach Aufklärung und Bildung. Weil sich diese Oralität mit ihren Heldenepen und Legenden in der regierenden Oberschicht erhalten hat, ist Cheddo heute noch Staatsideologie. Der Rap nimmt die Legenden auf und formuliert kulturellen Widerstand.

Der Abschluss des Aufsatzes ist verwirrend, weil der im Titel versprochene Zusammenhang von Cheddo -Ethik und Rap nur auf einer guten halben Seite mit der Vorstellung einiger bekannter Künstler hergestellt wird. Das überzeugt nicht.

Sébastien Barrio: Le rap underground français et sa reçeption culturelle

Der Autor ist Soziologe und ist durch die Herausgeberin promoviert worden. Er untersucht die Kultur der Vorstädte in Paris. Er benutzt den Begriff ‚underground français‘, um eine Spielart des Rap zu beschreiben, die er als Gegenentwurf zum Rap der kommerziellen Musikindustrie versteht und die diesen ergänze. Ob das wirklich ‚Underground‘ ist, wie er beschreibt, müsste noch erläutert werden. Auf jeden Fall ist es eine musikalische Nische, die geprägt ist von Autonomie der Produzenten/Künstler, die ihre Produkte nicht nur allein im home studio samplen, sondern auch über informelle Kanäle vertreiben. Das stelle eine selbst bestimmte Form des politischen Ausdrucks und eines positiven ästhetischen Ausdrucks der eigenen Befindlichkeit dar. Ihnen gehe es um Ehrlichkeit, Wahrheit, Wirklichkeit und Authentizität. Ob das ein Phänomen der Subkulturen französischer Vorstädte ist oder ein ubiquitäres Phänomen der Nutzbarmachung digitaler Musikproduktion, wird leider nicht erörtert. Ein Jugendphänomen jedenfalls ist es nicht unbedingt.

Leonard Schmieding: „Wir plündern die Musikgeschichte“. Hip Hop und jugendliche Utopien in der DDR

Schmieding ist wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität Leipzig und forscht zum Thema HipHop in der ehemaligen DDR. Er will das Geschichtsbewusstsein Jugendlicher aus der DDR am Beispiel der Rezeptionsgeschichte des HipHop untersuchen – deshalb an diesem Beispiel, weil dieser ‚Style‘ spielerisch mit Musik und Musikgeschichte umgehe und weil diese Form von Auseinandersetzung mit Geschichte dem staatlichen Geschichtsverständnis entgegengestanden hätte.

Der Autor beginnt mit einer Begründung, warum Jugendkulturen utopisch sind. Sie gestalten aktiv eigenständige Lebenswelten, die sie parallel von den Erwachsenenwelten abschotten. Diese Utopien seien aus zwei Gründen Nicht-Orte, nämlich weil sie (nur) in den Vorstellungswelten der Jugendlichen existierten und auch, weil Erwachsene aus ihnen ausgeschlossen seien. Das sei in modernen Jugendkulturen immer so, aber in der ehemaligen DDR habe das ein ganz eigenes Gepräge erhalten.

Jugendliche konnten sich dort durch kreative Gestaltung von Freiräumen und auch wegen mitunter ambivalenter Haltungen von Repräsentanten der Einheitskultur Kommunikationskontexte erschaffen und sich in diesem subkulturellen Kontexten auch vernetzen und so ein kommunikatives Gedächtnis erschaffen – ihre HipHop-Geschichte. Die hatte deshalb utopischen Charakter, weil sie die konkrete Alternative zur einheitlichen FDJ-Kultur gewesen sei und einen anderen spielerischen Umgang mit Geschichte ermöglichte – einen Vorgriff auf Freiheit und Selbstbestimmtheit. Der ist in der friedlichen Übernahme der DDR-Kultur durch die westdeutsche Kulturindustrie verloren gegangen.

Der Aufsatz liefert eine transparente Analyse einer konkreten Utopie, die in der spezifischen Aneignung einer spezifischen Form von Pop-Kultur steckt. Deren Subjekte seien nicht die Produzenten dieser Kultur, sondern tatsächlich die Konsumenten - aber nicht, weil die Inhalte dieser Kultur das Zukunftsweisende sind: Das wahrhaft Utopische seien die Aneignungsweisen der Jugendlichen selbst.

Eva Kimminich: „Nous voulons que ça devient réalité“: Rap – Eine Politik der Wirklichkeiten und Möglichkeiten

Die Überschrift des Aufsatzes entstammt dem Statement eines senegalesischen Rappers, der den Einwand entkräftet, dass ein tugendhaftes Leben doch ‘utopisch‘ und damit unrealsierbar sei, indem er sagt: Wir wollen, dass das wirklich wird. Und damit meint er den Rap. Kimminich nimmt das als Definition von Rap. Weil sich der Rap als weltumspannendes Phänomen etabliert habe, habe er eine gesellschaftspolitische Dimension. Eine konkretere Einschätzung dieses Phänomens erfordere eine Neudefinition des Politischen und eine Analyse des Selbstverständnisses der Rapper.

Ihre Neudefinition des Politischen orientiert sie an Hannah Arendt, die sich ihrerseits am Selbstverständnis der attischen Polis orientiert als Kommunikations- und Austauschprozess zwischen verschiedenen Gleichen. Das erinnere an das Selbstverständnis der Rapper.

Rap sei immer schon politisch gewesen; der US-Rap vertrete von jeher den Grundgedanken des freien Bürgers und auch der französische Rap orientiere sich an Menschen- und Bürgerrechten. Rapper erzählten Geschichten, die jedermann hören will. Diese Rapper seien Propheten und ihre Sprache ähnele den Briefen des Paulus. Sie kommt zum Schluss, dass das Wort im Rap mächtig sei und dass es Tat werden könne, weil es zum Tun auffordert. Weil das aber in globalisierter Umgebung passiert, hat es einen Zug zur greifbaren Vision: ‚I have a dream.‘

Julius Erdmann: Bombardement Vocal: Gewalt und Endzeitvisionen im Street- und Gangsta-Rap

Der Autor ist B.A., Promovend der Herausgeberin und forscht zum Thema virtuelle soziale Räume. Die Apokalypse ist nicht nur das Weltgericht, sondern auch die Enthüllung des Neuen Zeitalters. Sie ist die Schnittstelle zwischen allen Orten, die zu Ende gehen, und dem einen Ort, den es noch nicht gibt. Sie ist die klassische Metapher vom Ende aller Zeiten. Erdmann sieht dieses Motiv in unterschiedlichen afro-amerikanischen Musikstilen immer wieder auftauchen, wobei die Endzeitstimmung immer nur ein einzelner, aber zweifelsohne einschüchternder Impetus ist (‚Rapokalypse‘). Dieser Stil des Gangsta-Rap ist auch in Deutschland angekommen. Hinter der Aggressivität verbirgt sich der Gedanke einer befreienden Erlösung, der durchaus den Charakter des Politischen trägt und den Zug zur Utopie enthält. Das stellt eine Neueinschätzung der oft als oberflächlich angesehenen und Gewalt verherrlichenden Street- und Gangsta-Raps der Neuen Generation dar, die sich als Gesetzlose dem gesellschaftlichen Mainstream widersetzen und dabei gleichzeitig ihre Zuhörerschaft aufklären und zum politischen Handeln auffordern.

Stefan Meier: Graffiti meets Web 2.0 – Politik und Synergie zweier kollaborativer Netzwerke

Meier ist Medienwissenschaftler und arbeitet an der TU Chemnitz.

Die subversiven Texte der Graffiti-Szenen haben seit jeher den Charakter der Buchhaltung einer Gegenöffentlichkeit und gelten zu Recht als ein Archiv des Untergrunds. Die Szenen waren immer lokal und nicht unbedingt politisch, wohl aber unbelehrbar mit einem großen Hang, ungenutzte Flächen vor allem der Metropolen zu gestalten, mit tags, mit Bildern, mit Botschaften – insgesamt mit Zeichen, das da wer ist, der was zu sprühen hat. Die relevanten Chiffren sind ‚fame‘ und ‚style‘. Wenn man dann zu einem schönen Graffito wallfahrtet, wenn man die Bahn ein Bild vorbeifahren lässt oder das eigene ins Netz stellt oder in einem Fanzine featuret, dann wird aus der lokalen Szene ein ubiquitäres Phänomen. In so weit ist es klar, dass die Community das Web 2.0 entdeckt und breitbändig metaphorisch besprüht, dass die Fanzines zu E-zines werden, dass die subversiven Netzwerke sich ausbreiten und virtuelle Communities bilden, die schnell wachsen und die diejenigen vernetzten, die an Ausweitung eines unkontrollierten und damit basisdemokratischen Austauschs jenseits des Mainstream interessiert sind. Das Web liefert eine solche flache Hierarchie als Möglichkeit und vernetzt sich mit allem, auch mit Massenmedialem außerhalb des Netzes. Der Beitrag liefert tatsächlich neue Erkenntnisse zu ‚kommunikativen Praktiken der Szene‘ und definiert ‚Open Source‘ neu. Das hat nicht Utopisches an sich, aber man sieht, wie das Neue in die Welt kommt: Hier wird eine Jugendszene kreativ und erschließt sich neue Welten.

In dem Artikel taucht der Verweis auf einen anderen Aufsatz aus (‚Scharenberg‘), der offen sichtlich nicht den Weg in den Band geschafft hat.

Jean Hurstel: Frontières culturelles, Frontières generationelles

Der letzte Beitrag des Bandes ist auch der kürzeste. Während die meisten anderen allesamt eine Länge von etwa 20 Seiten haben, kommt dieser mit knapp fünf aus und hat auch keine Zusammenfassung. Er liefert sechs Thesen. Hurstel ist der Chef einer französischen NGO; er beginnt seine sechs Thesen mit der Darstellung des Endzeitspektakels einer sich immer schneller und immer radikaler ändernden Welt, deren Transformation alle Werte, Normen, Gewohnheiten und Sozialisationsinstanzen und –agenturen zerbrösele, entzwei reiße und verstreue. Agens dieses Prozesses sei die Globalisierung, die sich Hurstel als Figur gewordene Revolution vorstellt, die nicht nur ihre Kinder, sondern auch ihre Eltern und Großeltern frisst. Ihr folgen zwei kulturelle Hauptströmungen: auf der einen Seite eine fortschreitende Uniformisierung aller Lebensbereiche und auf der anderen Seite das Auftauchen bahnbrechender kultureller Neuerungen. Das will er an seinen sechs Thesen erläutern. Er sieht Grenzen zwischen Kulturen, die Grenzen zwischen den Generationen sind und dabei die Jungen auf der Verliererseite. Bei denen entwickeln sich Subkulturen, die in Kommunikationen mit anderen Metropolen lokale und globale Prozesse in Revueformen ästhetisieren. Die HipHop – und Rap- Szenen entwickeln besondere Ausdrucksformen und eigene Sprachen. Ihre Ausdrucksformen seien das Bild und der Ton, und die Formen einten die eine Generation und trennten sie von der vorherigen. Dabei sei die Kultur individuell und kollektiv zugleich und sei Volkskultur, die im Alltag vollzogen werde.

Damit vergrößere sich die Kluft zwischen Alt und Jung, die auch eine Kluft zwischen gut ausgebildeten Wohlhabenden und Armen sei. In der Folge werde bei der Jugend eine neue Form von demokratischer Kultur gelebt. Jugend sei die Avantgarde bei der Entwicklung einer völlig neuen Kultur.

Die Schlusssätze dieses Aufsatzes, die ja gleichzeitig die Schlusssätze des gesamten Bandes sind, kommen dem Titel dieses Buches schon sehr nahe, auch wenn die Darstellung selber eher holzschnittartig passiert. Die angekündigte Differenzierung zwischen Uniformisierung einerseits und Individualisierung andererseits erreicht lange nicht den Differenzierungsgrad der Analysen Becks von 1995; außerdem wird sie auch nicht wirklich vollzogen.

Diskussion

Nach den einleitenden Bemerkungen als Konkretisierung des komplexen Titels hatte der Rezensent mit einer Darstellung des Phänomens ‚Jugend‘ unter dem Gesichtspunkt einer neuen Zukunft erwartet – Jugendliche als Subjekte der Geschichte, die in ihren Szenen avantgardistische Kulturen entstehen lassen und ausleben und so die Zukunft in ihrer Kultur, in ihrer Musik, aber genau so in ihrem konkreten politischen Gestaltungswillen vorweg nehmen. Aber entweder finden diese Darstellungen nicht oder kaum statt oder der Rezensent hat sie überlesen oder nicht verstanden. Stattdessen hat er viel gelesen über ‚jugendlichen‘ Rap und HipHop und über unterschiedliche Formen dieser beiden Musikrichtungen, die aber als zu nah aneinander beschrieben werden – ihm fehlen Erläuterungen und Definitionen, ihm fehlen Abgrenzungen und Differenzierungen. Was sind die Kennzeichen des HipHop? Was die des Rap? Was ist das Gemeinsame? Was das Besondere? Deutlich wird, dass die Analyse von Produktion und Aneignung populärer Musik ein wichtiger Fingerzeig sein kann, wie die Produzenten und Rezipienten ticken. Dazu braucht man aber auch konkretere Hinweise, wer denn diese Produzenten und Rezipienten denn sind. Ist das die Jugend? Sind das Jugendliche? Ist das notwendig Kultur oder kann das auch Kommerz sein?

Es wirkt so, als sei Rap/HipHop eine konsistente Popkultur und Ausdrucksform der Jugend. Häufig ist die Rede von Jugend- und Subkulturszenen, ohne dass gesagt wird, ob es da Unterschiede gibt. Von wenigen Aufsätzen abgesehen (dem Aufsatz von Meier etwa), ist ausschließlich von Musik als Kultur tragender Instanz die Rede. Und auch da ist die Frage, ob diese Musik von ‚der Jugend‘ oder ‚für die Jugend‘ gemacht wird; dem Rezensenten bleibt unklar, wo der Rap Geschäft ist und ihm bleibt weiterhin unklar, wo die Eurovision etwas anderes ist als Geschäft. Es bleiben Fragen offen: Wer ist die Jugend? Was sind die Kennzeichen für Underground? Ist Pop Kunst? Was ist populäre Kunst? Ist alle populäre Kunst Musik? Wer ist die Avantgarde? In welcher Relation steht eine Jugendkultur zur populären Kultur des Mainstream? Wo ist populäre Kultur etwas anders als das Soma des Unterschichtsfernsehen auf allen Kanälen?

Die Utopie spielt kaum eine Rolle und wird mitunter nur am Rande, am Ende des einen oder des anderen Beitrags erwähnt – aber das wirkt wie eine nachträgliche Rechtfertigung. Ausdrücklich auszunehmen sind die Beiträge der Herausgeberin und die Beiträge von Schmedding, Erdmann und Meier aus, die gut zu lesen sind, die informativ sind und die tatsächlich den Blick auf das Politische und das Utopische von Jugend und ihrer Szenen und Kulturen schärfen. Nach der Dystopie gibt es – wenn man diesen Beiträgen folgt - immerhin noch Hoffnung.

Fazit

Man kann den Sammelband als ein Ergebnis einer Aufforderung der Herausgeberin zu sehen ist, ihre These zu stützen, zu untermauern oder zu illustrieren: Der Rap ist eine spezifische Ausdrucksweise von ‚Jugend‘, die eine besondere Form politischen Engagements sucht und die die Musik als Utopie im Sinne Blochs als Vorschein des richtigen Lebens im falschen findet und somit, der Warnung Huxleys zum Trotz, an ein Fortschreiten glaubt.

Es liegt in der Natur der Sache, dass die Autoren einer solchen Aufforderung in unterschiedlichen Formen und in unterschiedlicher Sprache nachkommen und mit unterschiedlichen Vorstellungen über die Notwendigkeit von Verstehbarkeit. Der Sammelband wendet sich wahrscheinlich auch nicht an eine bestimmte Adressatengruppe, sondern scheint sich als ‚Bouquet von Ideen‘ (Deissler) zu verstehen. Den einen wird dies interessieren, der andere wird einen anderen Teil lesen wollen und den Rest zur Seite legen: Der Weg von der Oralität des Senegal über die Eurovision und U2 bis zum Gangsta-Rap ist doch groß; der Spannungsbogen ist eher ein zu weites Feld.

Rezension von
Prof. Dr. Uwe Rabe
ehemaliger Professor für Erziehungswissenschaft an der FH Münster
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Es gibt 19 Rezensionen von Uwe Rabe.

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Zitiervorschlag
Uwe Rabe. Rezension vom 09.02.2011 zu: Eva Kimminich (Hrsg.): Utopien, Jugendkulturen und Lebenswirklichkeiten. Ästhetische Praxis als politisches Handeln. Peter Lang Verlag (Bern · Bruxelles · Frankfurt am Main · New York · Oxford) 2009. ISBN 978-3-631-59938-9. Reihe: Welt - Körper - Sprache. Perspektiven kultureller Wahrnehmungs- und Darstellungsformen - Band 7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/9127.php, Datum des Zugriffs 29.02.2024.


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