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Daniel Sebastian Schaub: Leben und arbeiten neben und nach der Arbeitsgesellschaft

Rezensiert von Prof. Dr. Brigitte Stolz-Willig, 30.03.2010

Cover Daniel Sebastian Schaub: Leben und arbeiten neben und nach der Arbeitsgesellschaft ISBN 978-3-8288-2064-7

Daniel Sebastian Schaub: Leben und arbeiten neben und nach der Arbeitsgesellschaft. Tectum-Verlag (Marburg) 2009. 148 Seiten. ISBN 978-3-8288-2064-7. D: 24,90 EUR, A: 24,90 EUR, CH: 38,10 sFr.
[Wissenschaftliche Beiträge aus dem Tectum-Verlag / Reihe Sozialwissenschaften]: Wissenschaftliche Beiträge aus dem Tectum-Verlag - Band 23, Reihe Sozialwissenschaften.

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Thema

Ausgehend von der These, dass der Erwerbsarbeit immer weniger die Rolle als zentraler Modus gesellschaftlicher Integration zukommt und Prozesse der Prekarisierung und sozialen Entkoppelung bis weit in die Mitte der Gesellschaft reichen, fragt der Autor nach Möglichkeitsräumen und Gestaltungsoptionen jenseits der Lohnarbeit. Am Beispiel der Workstation Ideenwerkstatt Berlin und des Modellprojektes „aktiv im Kiez – der MAE Kiezpool“ (MAE steht hier für Arbeitsgelegenheiten mit Mehraufwandsentschädigung) sollten Konzeption und Umsetzung einer Verbindung von aktivierender Arbeitsmarktpolitik und sozialer Stadtentwicklung empirisch analysiert und diskutiert werden.

Aufbau und Inhalt

Die Arbeit - es handelt sich um die Magisterarbeit des Autors – beginnt mit einer sehr knappen Skizze der historischen Durchsetzung der Lohnarbeitsgesellschaft. Unter Bezug auf das Zonenmodell der Entkoppelung und Ausgrenzung von Robert Castel und Klaus Dörre werden aktuelle Tendenzen im Arbeitsmarkt- und Beschäftigungssystem referiert. Da Inklusion, Exklusion und soziale Verwundbarkeit eng miteinander verbunden seien und keine definierten sozialen Positionen markierten, wird es nach Auffassung des Autors zur zentralen gesellschaftlichen Herausforderung, die „sozialen Bruchstellen“ auszuloten, „wie sich gerade in Feldern ökonomischer Entbundenheit Nischen ergeben können, in denen eine veränderte Form des Tätigseins entwickelt werden kann“ (112). Neue Handlungswege und Formen der sozialen Integration und Anerkennung sieht der Autor im Modellprojekt „aktiv im Kiez – MAE Kiezpool“ als realisiert an.

Die Grundidee des Kiezpools war es, das Instrument der Arbeitsgelegenheiten mit Mehraufwandsentschädigung (sogen. Ein-Euro-Jobs) für Menschen zugänglich zu machen, die in den Berliner Bezirken Friedrichshain und Kreuzberg arbeitslos, aber ehrenamtlich aktiv waren. Zum einen sollte damit die soziale Arbeit vieler kleiner Vereine und Initiativen in den Bezirken Friedrichshein-Kreuzberg gestärkt werden. Zum anderen sollten Langzeitarbeitslosen, die sich bewusst oder auch unbewusst den Job-Center Strukturen entzogen, weil sie sich davon kaum eine Verbesserung ihrer Arbeits- und Lebenssituation erwarteten, die Möglichkeit einer MAE erhalten. Das Arbeitsangebot beruhte auf Freiwilligkeit und sollte Raum für Eigenverantwortung und inhaltliche Selbstbestimmung lassen. Viele Beteiligte konnten eine Arbeitsgelegenheit in den Einrichtungen und Einsatzstellen aufnehmen, in denen sie schon länger ehrenamtlich engagiert waren. Unterstützt wurde das Projekt vom Berliner Senat aus dem Programm Soziale Stadt.

Diskussion

Anliegen der vorliegenden Arbeit war es, „anschaulich und verstehbar zu machen“, wie es angesichts des Arrangements von Jobcenter, Workstation (als Träger der Maßnahmen) und ALG II EmpfängerInnen zu veränderten Handlungsformen und einem erweiterten Handlungskontext kommt, „der zu Bewegungen und Umbrüchen von Denklogiken führt…Zum einen geht es hier um Modifikationen von geschlechtlichen Zuschreibungen und zum anderen geht es um das Erstellen eines individuellen Tätigkeitsrahmens, der zur Befreiung von der Wirkmächtigkeit objektivierter Statusdefinitionen führt“ (113). Indem ehrenamtlich engagierte Langzeitarbeitslose ihre Tätigkeit nun als Ein-Euro-Jobber/in fortsetzen dürfen, soll es zu einem Bruch mit den Normen der Arbeitsgesellschaft, ja zu einer „symbolischen Revolution“ (114) kommen. Das sind Einschätzungen, die sich mit der vorliegenden Arbeit allerdings nicht belegen lassen. Von einer empirischen Analyse, die wissenschaftlichen Standards genügt, kann keine Rede sein. Das – einzige -Interview mit einer Vertreterin von Kiezpool dient dem Autor lediglich als Steinbruch, um einem Vorurteil die höhere Weihe eines Expertenurteils zu verleihen: dass Ein-Euro-Jobs auch zum Akt der Befreiung von den Zwängen der Lohnarbeit werden können! Teilnehmer und Teilnehmerinnen in den Arbeitsgelegenheiten kommen hier nicht zu Wort, ebenso wenig Vertreter des Job Centers oder des Bezirksamtes. Die „Umbrüche von Denklogiken“ bleiben bloße Behauptung. Ergebnisse der Evaluationsforschung zu den neuen Arbeitsmarktinstrumenten wie auch zum Arbeitsbewusstsein von ALG II Empfängern werden nicht zur Kenntnis genommen. Nur einige der Fragen, die mit der Studie unbeantwortet bleiben:

  • Wie vermitteln sich Freiwilligkeit und Eigeninitiative in den Maßnahmen mit Kontrolle und Sanktion im SGB II?
  • Was geschieht mit den Teilnehmern und Teilnehmerinnen nach dem Auslaufen der Maßnahmen?
  • Wodurch kommt es in den Maßnahmen zur Veränderung und Neubewertung geschlechtlicher Zuschreibungen?
  • Wie verändern sich Profil und Akzeptanz ehrenamtlicher Arbeit?
  • Welche neuen Hierarchiebildungen zwischen bezahlten, unbezahlten und Ein-Euro Kräften entstehen in den sozialen und kulturellen Einrichtungen?
  • Lassen sich Substitutionseffekte in den professionalisierten sozialen und kulturellen Einsatzfeldern vermeiden?
  • Wie vermitteln sich die Widersprüche zwischen Emanzipationsanspruch des sozialen Trägers Kiezpool und der Arbeitsmarktphilosophie des Job-Centers?
  • Welche Anforderung an die Neuausrichtung der Arbeitsmarktinstrumente lassen sich aus der Praxis der MAE ableiten?
  • Welche Umsetzungsbarrieren bestehen hinsichtlich einer Verallgemeinerung und Institutionalisierung des Modellprojektes?

Fazit

Nicht jede Magisterarbeit bereichert die wissenschaftliche Debatte und eignet sich zur Veröffentlichung. Weder theoretisch noch empirisch handelt es sich um eine überzeugende Studie. Auch ist die Lesbarkeit der Arbeit durch eine Reihe sprachlicher Kapriolen, zahlreiche Rechtsschreibfehler und falsche Worttrennungen erschwert, womit sich die Frage stellt, ob der Tectum Verlag ganz ohne Lektorat auskommt.

Rezension von
Prof. Dr. Brigitte Stolz-Willig
Fachhochschule Frankfurt/Main, Fachbereich Soziale Arbeit und Gesundheit
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Es gibt 8 Rezensionen von Brigitte Stolz-Willig.

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Zitiervorschlag
Brigitte Stolz-Willig. Rezension vom 30.03.2010 zu: Daniel Sebastian Schaub: Leben und arbeiten neben und nach der Arbeitsgesellschaft. Tectum-Verlag (Marburg) 2009. ISBN 978-3-8288-2064-7. [Wissenschaftliche Beiträge aus dem Tectum-Verlag / Reihe Sozialwissenschaften]: Wissenschaftliche Beiträge aus dem Tectum-Verlag - Band 23, Reihe Sozialwissenschaften. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/9128.php, Datum des Zugriffs 19.04.2024.


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