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Helmut Remschmidt, Reinhard Walter: Kinderdelinquenz

Cover Helmut Remschmidt, Reinhard Walter: Kinderdelinquenz. Gesetzesverstöße Strafunmündiger und ihre Folgen. Springer (Berlin) 2009. 281 Seiten. ISBN 978-3-642-01136-8. 69,95 EUR, CH: 101,50 sFr.
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Herausgeber und Entstehungshintergrund

Der Seniorautor des Buches, Helmut Remschmidt, war von 1980 bis 2006 Direktor der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie der Philipps-Universität Marburg, an der Reinhard Walter tätig ist. Den Kreis der Kinder- und Jugendpsychiatrie hinaus bekannt geworden ist Helmut Remschmidt als Verbreiter der Idee eines „Multiaxialen Klassifikationsschemas für psychische Störungen des Kindes- und Jugendalters“ (Remschmidt, Schmidt & Poustka, 2006). Weniger bekannt ist, dass er bereits vor seiner Berliner Zeit (1975 – 1980) als Mitarbeiter von Hermann Stutte, dessen Nachfolger er 1980 werden sollte, mit diesem zusammen eine von der DFG geförderte Untersuchung zur Kinderdelinquenz durchgeführt. Und aus dieser Zeit stammen auch die ersten zusammen mit Reinhardt Walter durchgeführten Untersuchungen zur Kinderdelinquenz. Die Marburger Kinderdelinquenzstudie, die den zweiten Teil des vorliegenden Buches ausmacht, greift auf Probanden zurück, die schon 1972 identifiziert worden waren.

Aufbau und Inhalt

Das Buch gliedert sich zwischen Vorwort, Inhalts- und Autorenverzeichnis, jeweils knapp gehalten, und ausführlichem Literatur- bzw. Stichwortverzeichnis in drei inhaltliche Teile:

  • Teil I Hintergrund und Kenntnisstand mit den Kapiteln 1 – 4 behandelt unser derzeitiges Wissen über Vielgestaltigkeit, Verbreitung, Ursachen und Verlauf früh begangener Straftaten. Dabei wird besonderer Wert gelegt auf die Herausarbeitung der komplexen biologischen, psychologischen und sozialen Hintergründe, die der früh beginnenden Delinquenz zugrunde liegen. Teil I bietet auf 123 Seiten mit zahlreichen Tabellen und Abbildungen eine kleinteilige, dichte und vollständige Gesamtübersicht der einschlägigen Forschungsresultate.
  • Teil II Die Marburger Kinderdelinquenzstudie – Eine Längsschnittstudie über 30 Jahre (Kapitel 5 – 9, 60 Seiten) ist der Marburger Kinderdelinquenzstudie, von der Zwischenergebnisse schon früher veröffentlicht wurden, gewidmet. In deren Rahmen konnte eine Zufallsstichprobe (keine Auslesegruppe!) delinquenter Strafunmündiger im Alter von 22 Jahren mit einem umfangreichen Instrumentarium persönlich untersucht werden konnte. Darüber hinaus standen für unsere Auswertungen die Strafregisterauszüge und die Auszüge aus der Erziehungskartei der Probanden bis zum 42. Lebensjahr zur Verfügung. Dies ermöglichte Voraussagen der Delinquenz im Kindesalter bis zum vollendeten 13. Lebensjahr, zwischen dem 14. und 22. Lebensjahr sowie im Lebenslängsschnitt bis zum Alter von 42 Jahren. Die Analysen illustrieren die Bedeutung bestimmter Risikofaktoren: Persönlichkeitsmerkmale (wie etwa Extraversion) auf der einen Seite und soziale sowie familiäre Belastung in Kindheit und früher Jugend auf der anderen.
  • Teil III Prävention und Intervention mit 58 Seiten, verteilt auf die Kapitel 10 – 13 beschäftigt sich mit Präventions- und Interventionsmaßnahmen, ihren theoretischen Hintergründen, ihrer praktischen Durchführung und ihrer Evaluation. Dabei liegt der Schwerpunkt auf Maßnahmen, die bereits im Kindesalter ansetzen und der Zielvorstellung folgen, das Auftreten dissozialen und delinquenten Verhaltens zum frühest möglichen Zeitpunkt zu verhindern oder zu vermindern. Eine wichtige Erkenntnis bei Lektüre des dritten Teiles ist: Interventionen, die mit sehr gut doumentierten positiven Langzeitwirkungen aufwarten können, sind in den USA entwickelt sowie evaluiert und in Deutschland nicht im Einsatz; das betrifft beispielsweise Familien-fokussierte Intervention im aufsuchenden Setting (Heekerens, 2006, 2008), von denen die deutsche Kinder- und Jugendhilfe einiges lernen könnte.

Diskussion

Das Buch enthält in seinem 2. Teil die Ergebnisse der deutschen prospektiven Längsschnittstudie mit dem längsten Beobachtungszeitraum. In ersten bzw. dritten bietet es aktuelle, umfassende kritische Reviews zu Fragen der Klassifikation und Ätiologie bzw. der Intervention. Zusammen mit dem Buch von Andreas Beelmann und Tobias Raabe (2007) über dissoziales Verhalten von Kindern und Jugendlichen (vgl. Heekerens, 2009) haben wir damit zwei jüngere deutschsprachige Publikationen, die auf dem Stand der gegenwärtigen internationalen Forschung über Erscheinungsformen und Entstehungsgründe dissozialer, delinquenter und krimineller Verhaltensweisen sowie möglicher effektiver und effizienter Gegenmaßnahmen sachkundig informieren.

Fazit

Das hier besprochene Buch gehört in jede Bibliothek einer Hochschuleinrichtung, die Studierende in den Fächern Jura, Medizin, Psychologie und Sozialarbeit/Sozialpädagogik ausbildet, ferner in die Pflichtlektüreliste aller (angehenden) Jugendrichter, Kinder- und Jugendpsychiater und Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten sowie in die Handbibliothek aller Dozenten und Supervisoren auf den damit verbundenen Praxisfeldern. Ferner wünscht man sich, dass das Buch zur Kenntnis genommen wird von politischen Entscheidern auf dem Gebiet des Jugendstrafrechts.

Ergänzende Literaturnachweise:

  • Heekerens, H.-P. (2006). Die Multisystemische Therapie. Ein evidenz-basiertes Verfahren zur Rückfallprophylaxe bei Kinder- und Jugendlichendelinquenz. Zeitschrift für Jugendkriminalrecht und Jugendhilfe, 17(2), 163-171.
  • Heekerens, H.-P. (2008). Effektivität aufsuchender Familien-fokussierter Interventionen. Praxis der Kinderpsychologie und Kinderpsychiatrie, 57, 130-146.
  • Heekerens, H.-P. (2009). Rezension vom 01.04.2009 zu: Beelmann, A. & Raabe, T. (2007). Dissoziales Verhalten von Kindern und Jugendlichen. Göttingen: Hogrefe. Datum des Zugriffs 18.04.2010.
  • Remschmidt, H., Schmidt, M. & Poustka, F (2006). Multiaxiales Klassifikationsschema für psychische Störungen des Kindes- und Jugendalters nach ICD-10 der WHO (5. Aufl.). Bern: Huber, Bern.

Rezensent
Prof. Dr. Dr. Hans-Peter Heekerens
Hochschullehrer i.R. für Sozialarbeit/Sozialpädagogik und Pädagogik an der Hochschule München
Homepage de.wikipedia.org/wiki/Hans-Peter_Heekerens
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Zitiervorschlag
Hans-Peter Heekerens. Rezension vom 11.05.2010 zu: Helmut Remschmidt, Reinhard Walter: Kinderdelinquenz. Gesetzesverstöße Strafunmündiger und ihre Folgen. Springer (Berlin) 2009. ISBN 978-3-642-01136-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/9137.php, Datum des Zugriffs 18.10.2019.


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