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Nils C. Bandelow (Hrsg.): Gesundheit 2030

Cover Nils C. Bandelow (Hrsg.): Gesundheit 2030. Qualitätsorientierung im Fokus von Politik, Wirtschaft, Selbstverwaltung und Wissenschaft. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2009. 336 Seiten. ISBN 978-3-531-16804-3. 39,90 EUR.
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Herausgeber

  • Prof. Dr. Nils C. Bandelow ist Dipl. Sozialwissenschaftler und hat einen Lehrstuhl für Innenpolitik an der TU Braunschweig.
  • Dr. Florian Eckert ist Sozialwissenschaftler und Politik- und Kommunikationsberater.
  • Robin Rüsenberg ist Dipl. Politologe.

Sie treten nicht allein als Herausgeber dieser Publikation auf, sondern vor allem auch als Autoren (mit Kristina Viciska), die das Buch einleiten und zum Schluss eine Auswertung der einzelnen Fachbeiträge erstellen.

Den Herausgebern gelang das sicherlich nicht leichte Kunststück, alle wesentlichen Akteure des Gesundheitswesens dafür zu gewinnen, sich zu der im Buchtitel festgehaltenen Programmatik zu äußern.

Entstehungshintergrund

Mit der Themenauswahl „ Gesundheit 2030“ wollten die Herausgeber erreichen, dass die Akteure des Gesundheitswesens angesichts dieser Zeitspanne auf Distanz zum Alltagsgeschäft gehen und - jenseits der aktuellen tagespolitischen Konflikte und Machtkonstellationen - auf ihre langfristigen Ziele und Strategien zu sprechen kommen.

Mit dem Fokus auf Qualitätssicherung wurde bewusst ein Aspekt in den Mittelpunkt gestellt, der zwar bisher in der sozial- und politikwissenschaftlichen Analyse wenig beachtet wurde , aber doch das Zeug dazu hat, in den nächsten Jahren an Bedeutung in der Gesundheitspolitik und damit für deren Akteure zu gewinnen.

Von den vier allgemeinen Zielen, die im Politikfeld Gesundheit miteinander konkurrieren und die sich nicht alle gleichzeitig realisieren lassen:

  • Stabilisierung der Gesundheitsaufgaben/Finanzierbarkeit
  • Hochwertige Gesundheitsversorgung/Qualität
  • Gleichwertige Versorgung unabhängig vom Einkommen/Solidarität
  • Sicherung und Schaffung von Arbeitsplätzen und Gewinnmöglichkeiten für die Leistungserbringer/Wachstum

ist sicherlich die Qualitätsfrage diejenige, die noch nicht allzu festgelegt ist und offene Handlungsmöglichkeiten für alle am Gesundheitswesen Beteiligten eröffnen kann.

Finanzierbarkeit kann den Arbeitgebern, Solidarität den Gewerkschaften, Finanzierbarkeit und Solidarität den Krankenkassen, Wachstum den Anbietern( Kassenärzten, Apothekern, der Pharmaindustrie) als Themenschwerpunkt zugeordnet werden. Wen aber könnten wir aus dem Stand der Qualitätsfrage zuordnen?

Ein systematischer Vergleich der einzelnen Beiträge der wesentlichen Akteure sollte dann den Herausgebern zufolge einen begründeten Ausblick auf neue und zukünftig denkbare Konstellationen in der Gesundheitspolitik eröffnen.

Ein Wort noch zu den hier so genannten wesentlichen Akteuren: Bedenkt man, dass allein 430 der mehr als 2100 auf der öffentlichen Lobbyliste des Deutschen Bundestages eingetragenen Verbände in der Gesundheitsbranche tätig sind, so erkennt man , wie „umkämpft“ und fragmentiert das Politikfeld Gesundheit ist und wie notwendig für die Publikation eine Konzentration auf die wichtigsten Akteure war.

Aufbau und Inhalt

Die von den Herausgebern geschriebene Einleitung fragt nach der Qualitätsorientierung als dem Megathema der Zukunft und begründet die Auswahl der Autorinnen und Autoren. Außerdem enthält die Einleitung auch die drei Kernfragen, die von den Akteuren jeweils beantwortet werden sollten:

  • Wie bewerten Sie den Zustand des deutschen Gesundheitswesens?
  • Welche Rolle wird die Qualitätssicherung zukünftig spielen?
  • Welche Maßnahmen sollen mit Blick auf eine nachhaltige Qualitätssicherung ergriffen werden?

Unter der Rubrik „Positionen der Akteure“ folgen 23 Aufsätze (insgesamt 245 S.), die das Titelthema des Buches aufgreifen und die Fragevorgaben zu beantworten suchen:

Zu diesen Akteuren zählen u. a.: Bundesministerium für Gesundheit, Bundestagsauschuss für Gesundheit( CDU/CSU, SPD, FDP, Bündnis 90/Die Grünen), Verbraucherzentrale Bundesverband, Gemeinsamer Bundesausschuss ( Entscheidungsgremium der gemeinsamen Selbstverwaltung der Ärzte, Zahnärzte, Psychotherapeuten, Krankenhäuser und Krankenkassen), Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen, Spitzenverband der Gesetzlichen Krankenversicherung, Verband der privaten Krankenversicherung, Bundesärztekammer, Krankenhausgesellschaft NRW, Bundesverband der Medizintechnologie, Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände, Bundesverband der Pharmazeutischen Industrie, Verband forschender Arzneimittelhersteller, Deutsche Gesellschaft für Versicherte und Patienten, Gewerkschaften ( ver.di, DGB).

Eine Zwischenbemerkung: Man ist immer wieder erstaunt, wie vielfältig und doch opak sich die parteien- und verbändestaatliche Demokratie im Teilsystem Gesundheit organisiert hat.

Die genannten Institutionen haben jeweils fachlich ausgewiesene Personen benannt und sie veranlasst, einen Diskussionsbeitrag zu schreiben. So gesehen, gelingt es den Herausgebern, einen umfassenden Einblick in die einzelnen Sichtweisen des Qualitätszieles und der gesundheitspolitischen Ziele zu geben.

Eine von den Herausgebern vorgenommene Clusteranalyse und ein Ausblick, der idealtypische Perspektiven und die möglichen Koalitionen für ein Gesundheitswesen 2030 enthält, schließen die Publikation ab.

Die Herausgeber bzw. Autoren kommen aufgrund der sehr sorgfältigen Analyse der Übereinstimmungen und Unterschiede in den Beiträgen sowie deren Zusammenfassung in Gruppen u. a. zu folgenden Einschätzungen hinsichtlich grundlegender politischer Positionen:

Grob gesagt: Es gibt eine „liberale Koalition“, deren Gemeinsamkeit darin liegt, im Wettbewerb die Lösungen für die Probleme des Gesundheitswesens zu sehen.

Es gibt ein „Solidarcluster“ mit der Perspektive auf eine Ausweitung des Solidarprinzips durch eine Bürgerversicherung, deren Finanzierung durch alle Einkommen und durch Steuern finanziert wird.

Es gibt eine „Koalition des Dritten Weges“, deren Akteure in der Qualitätssicherung und der Finanzierbarkeit ihre Ziele sehen und die bei auftauchenden Problemen auf die evidenzbasierte Medizin und die Hilfe der Wissenschaft vertrauen.

Hinsichtlich der thematisch herausgestellten Qualitätsfrage kommen sie aufgrund der Textanalyse zu folgenden idealtypischen Strategien:

  1. Eine Strategie besteht darin, auf den mündigen und informierten Patienten zu vertrauen, der seine Nachfrage nach gesundheitlichen Gütern und Dienstleistungen von deren Qualität abhängig macht. Diese Strategie ist mit der Erhöhung der Transparenz verbunden.
  2. Die zweite Strategie setzt auf eine verstärkte regulative Kontrolle von Qualitätsstandards, wobei die Frage der Zuständigkeit für die Festsetzung umstritten bleibt.
  3. Als dritte Strategie werden die Einbeziehung von Experten und das Instrument der evidenzbasierten Medizin vertreten.

Diese von den Akteuren weitgehend geteilten Qualitätsstrategien -die gemeinsame Schnittmenge-, die sich nicht umstandslos mit den drei gesundheitspolitischen Positionen verbinden lassen, eröffnen grundsätzlich neue Koalitionsmöglichkeiten unter den Akteuren.

Mit dem Leitbild „Qualität“ lassen sich Entscheidungsblockaden des pluralisierten Gesundheitswesens zukünftig reduzieren, Gegensätze der Akteure entschärfen und politische Reformkorridore in den nächsten Jahrzehnten erweitern.

Hingewiesen sei noch auf das in diesem Falle besonders wichtige Abkürzungsverzeichnis und auf die Kurzbeschreibung aller Autoren.

Diskussion

Es hätte nicht schaden können, wenn die Herausgeber ihr Verständnis von Qualität stärker herausgearbeitet hätten. Es ist nicht belanglos, ob bei der Erfüllung von Qualitätsanforderungen die Wünsche der Empfänger des Produkts oder der Dienstleistung eine entscheidende Rolle spielen oder nicht. Auch ist es nicht unerheblich, ob man zu den Qualitätsfragen auch die aktuellen Wissensbestände der Ärzte zählt und z. B. die Prüfung der Frage, ob die erbrachten Leistungen überhaupt notwendig sind. Ferner ist auch eine Qualitätsfrage, ob der Arzneimittelmarkt so aufgebläht und unkontrolliert sein muss. Auf der anderen Seite mag es auch Unterversorgungen geben, die ja nichts anderes als Qualitätsmängel sind. Die gemeinsame Schnittmenge, die es bei der Qualitätsfrage unter den Akteuren gab, mag einen Grund in der fehlenden Konturierung der Qualitätsfrage selbst haben.

Schön wäre es zudem gewesen, wenn die Herausgeber auch auf die große Leerstelle der Partizipation der Nutzer dieses Gesundheitssystems an den gesundheitspolitischen Diskussionen und Entscheidungen hingewiesen hätten. Gehört der Patient oder die Selbsthilfe nicht auch zu den wesentlichen Akteuren, die nicht nur vermittelt über Verbände gehört und beteiligt sein wollen. Sollte es nicht mehr konsumentenzentrierte Ansätze und Strategien im Gesundheitswesen geben?

Fazit

Man kann dieses Buch als pragmatische Einführung in die Gesundheitspolitik lesen und dabei erkennen, wie hochgradig organisiert und zementiert unser Gesundheitswesen ist. Darüber hinaus gibt das Buch einen differenzierten Einblick in die Denk- und Sichtweise der wichtigen Akteure im gesundheitlichen Politikfeld. Es ist kein Fehler, sich mit diesem Buch zu befassen.


Rezension von
Dr. Alexander Brandenburg
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Zitiervorschlag
Alexander Brandenburg. Rezension vom 14.02.2011 zu: Nils C. Bandelow (Hrsg.): Gesundheit 2030. Qualitätsorientierung im Fokus von Politik, Wirtschaft, Selbstverwaltung und Wissenschaft. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2009. ISBN 978-3-531-16804-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/9138.php, Datum des Zugriffs 08.07.2020.


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