socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Rolf Arnold (Hrsg.): Grenzgänge(r) der Pädagogik

Cover Rolf Arnold (Hrsg.): Grenzgänge(r) der Pädagogik. Schneider Verlag Hohengehren (Baltmannsweiler) 2009. 332 Seiten. ISBN 978-3-8340-0639-4. 29,80 EUR, CH: 50,00 sFr.

Reihe: Grundlagen der Berufs- und Erwachsenenbildung - Band 63.
Recherche bei DNB KVK GVK

Besprochenes Werk kaufen
über socialnet Buchversand


Herausgeber und Herausgeberin, Autorinnen und Autoren

Der Herausgeber der Reihe »Grundlagen der Berufs- und Erwachsenenbildung« ist Dr. Rolf Arnold, Professor für Pädagogik, insbesondere Berufs- und Erwachsenenpädagogik und Leiter des Zentrums für Fernstudien und Universitäre Weiterbildung an der Universität Kaiserslautern.

In diesem Sammelband kommen neben dem Herausgeber der Reihe zahlreiche weitere Autoren zu Wort: Horst Albach, Volker Bank, Martin Graßnik, Wolf-Dietrich Greinert, Thilo Harth, Thomas Lachmann & Maria Klatte, Klaus Landfried, Hanna-Renate Laurien, Li Chengyi, Antonius Lipsmeier, Ingrid Lisop, Uwe Andreas Michelsen, Hans-Joachim Müller, Wolfgang Neuser, Bernd Ott, Henning Pätzold, Johannes Sauer, Edgar Sauter, Ingeborg Schüßler, Eckart Stief, Reinhold Weiß, Irit Wyrobnik. Die Mehrzahl der Autoren dürften den in der Berufspädagogik und Bildungspolitik Tätigen gut bekannt sein.

Entstehungshintergrund

Der Band 63 der Reihe Grundlagen der Berufs- und Erwachsenenpädagogik kann als eine Festschrift für Prof. Dr. Joachim Münch zu seinem 90. Geburtstag im September 2009 angesehen werden, auch wenn der Gewürdigte dieses wahrscheinlich selbst nicht so gerne hören wird. Insgesamt haben 24 Wegbegleiter sowie wissenschaftliche Freunde, Mitdiskutanten und Kollegen sich zu einer Theorie einer »entgrenzten« Berufspädagogik geäußert.

Aufbau

Die Zusammenstellung dieser Festschrift ist zumindest ungewöhnlich, aber dem »grenzüberschreitenden Ansatz« geschuldet. Es sind fünf vieldeutige Grenzgänge, die hier abgebildet werden: Grenzgänge mit (1) Wegbegleitern, (2) zwischen Nationen, (3) zwischen Themen, (4) zur Berufsbildung und (5) letztlich zur Bildung.

Inhalte

Die »Grenzgänge mit Wegbegleitern« beginnen ungewöhnlich mit einem Interview, das Rolf Arnold mit Joachim Münch geführt hat. Es endet mit dem Wunsch Joachim Münchs, »dass die mir nahe stehenden Menschen mich in guter Erinnerung behalten.« Martin Graßnick erinnert sich an den »Außenseiter im Labyrinth pädagogischer Gefühle« und Hanna-Renate Laurien, vielen noch als Bildungspolitikerin bekannt, erinnert sich an ihre Zeit mit Joachim Münch, als sie Staatssekretärin in Rheinland-Pfalz war. Den Abschluss bildet der Chinese Li Chengyi, der seine Begegnungen mit ihm in China und Deutschland schildert.

An diese sehr persönlichen Schilderungen schließen sich die »Grenzgänge zwischen Nationen« an, worauf ja bereits hingeführt wurde. Mikiko Eswein berichtet über »Neue Tendenzen bei den Beschäftigungsformen in Japan und ihre Auswirkungen auf die Berufsbildung«. Anschließend setzt sich Antonius Lipsmeier mit den »Problemen und Strategien der Curriculumentwicklung für die berufliche Bildung in der BRD im internationalen Kontext« auseinander. Um einen Kompetenzrahmen für die Ausbildung des Personals in der beruflichen Bildung im europäischen Bildungsraum geht es bei dem Aufsatz von Hans-Joachim Müller. Henning Pätzold geht dann auf die berufliche Lernforschung und Lernkultur in internationaler Perspektive ein. Mit Eckart Stief kommt die Evangelische Studierendengemeinde (ESG-Zentrum) als studienbegleitender Lernort ins Spiel, sicherlich ein etwas ungewöhnlicher Gedanke, aber eben »ein Grenzgang«. Weitgehend geht es hier, trotz des weiteren Anspruchs, um die Reflexion des deutschen Bildungssystems im Vergleich mit und zu anderen Ländern und internationalen Bildungskonzepten.

Die »Grenzgänge zwischen den Themen« beginnen mit beruflichen Lernfeldern und politischer Bildung von Thilo Hart. Auf die akustischen Bedingungen in Klassenräumen gehen Maria Klatte & Tomas Lachmann in »Viel Lärm ums Lernen« ein. Der Technischen Universität Kaiserslautern, an der Joachim Münch viele Jahre gelehrt hat, entsprechend kümmert sich Bern Ott um »Quo vadis Technikdidaktik«. Reinhold Weiß, heute BIBB und früher viele Jahre im Institut der deutschen Wirtschaft nimmt sich einem derzeit beherrschenden Thema der Bildungspolitik an: dem Verhältnis von Berufsbildung und Hochschulstudium. Ganz anders dann das Thema von Irit Wyrobnik: »Das Lesen und das Schreiben – eine Art Glück. Erkundungen in einer Grundschulklasse und in einer autobiographischen Kindheitserinnerung«.

Obwohl bei den »Themen« immer wieder angesprochen, wird den »Grenzgängen zur Berufsbildung« ein eigener Abschnitt gewidmet. Volker Bank beginnt ihn mit »Zum Problem des Lerntransfers in der betrieblichen Weiterbildung. Eine theoretische Analyse zur Begründung didaktischer Maßnahmen.« Wie oft wird sie wohl noch gestellt, die Frage von Wolf-Dietrich Greinert »Duales System – Quo Vadis?« Totgesagte leben bekanntlich länger. Auch Ingrid Lisop wendet sich einem der derzeit brennenden Themen zu »Restschule oder Restsystem? Grenzwerte des Beruflichen Ausbildungs- und Schulwesens.« In den 1970er und 1980er Jahren ein Topthema, heute leider etwas in Vergessenheit geraten: »Kreativität in der beruflichen Aus- und Weiterbildung«. Es ist erfreulich, dass Uwe Andreas Michelsen es wieder aus der Versenkung geholt hat. Mit Johannes Sauer kommt dann nochmals die Bildungspolitik ins Visier: »Nach 17 Jahren: QUEM abgewickelt – doch kein Ende«. QUEM, Kurzform für Qualifikationsentwicklungsmanagement, war eine Arbeitsgemeinschaft, in der vor allem Wissenschaftler aus den neuen Bundesländern mit denen aus den alten zusammenarbeiteten.

Den Abschluss bilden die »Grenzgänge zur Bildung«. Es überrascht, dass mit Horst Albach ein ausgewiesen renommierter Betriebswirt den Reigen mit »Unternehmenstheorie und Unternehmensethik« beginnt, da der Bildungsbezug nicht direkt offen liegt. Es schließt sich Rolf Arnold mit »Leadership durch Selbstveränderung: Neu erleben, um Neues zu gestalten« an. Klaus Landfried, früherer Präsident der TU Kaiserslautern und der Hochschulrektorenkonferenz, schreibt über die schwierige Beziehung von Bildung und Qualität. Wolfgang Neuser geht auf das Thema »Bildung und Zukunft« ein, beschreibt die Bildungsbegriffe des 15./16. sowie des 19./20. Jahrhunderts und kommt dann zu dem Begriff »Wissen«, der das 21. Jahrhundert nicht nur als Knowledge Management beglückt. Den Abschluss bildet der Aufsatz der Mitherausgeberin Ingeborg Schüßler »Gestaltung entwicklungsförderlicher Lernkulturen – ein Herausforderung für die Qualitätsentwicklung an Schulen«.

Diskussion

Wie die Inhaltsbeschreibung zeigt, werden zahlreiche Aspekte der Berufspädagogik angesprochen und ausdifferenziert. Dabei erfolgt ein ständiger »Blick über die Grenzen«: die Grenzen der Disziplinen, aber auch die der Kontinente und Länder. Dieses zeigt: Auch andernorts ist vieles ähnlich, aber eben auch anders als in der deutschen Berufspädagogik. Auch andere Disziplinen richten ihren Blick auf den Gegenstand der Berufspädagogik, manchmal mit eigentümlichen, aber letztlich stets ergänzenden Perspektiven.

Dieser umfassende Blickwinkel, man könnte in Anlehnung an die Verfahren der Potenzialfeststellung von einem 360-Grad-Appraisal sprechen, soll vor vorschnellen Festlegungen oder gar Bewertungen bewahren. Die Publikation ist damit keine bereits geschlossene berufspädagogische Entgrenzungstheorie. Allerdings werden in einem zeitgemäßen Diskurs die Grundthemen und Fragen nach den Zielen, Möglichkeiten und Bedingungen einer zukunftsorientierten Kompetenzentwicklung thematisiert.

Fazit

In einer Zeit, in der natur- und geisteswissenschaftliche Forschungsverfahren beginnen, sich miteinander zu verständigen, und die Forscher versuchen, sich interdisziplinär zu verstehen, ist ein grenzüberschreitender Diskurs der Stand der Dinge. Neuroökonomie und Neuromarketing zeigen einen Weg zur Zusammenarbeit unterschiedlichster Disziplinen. Und der Begriff »Lernen« ist längst der Pädagogik entwachsen und findet von der Organisationslehre einer »lernenden Organisation« bis zum »lernenden Getriebe« im Automobilbau Verwendung.

Eine Festschrift muss, will sie dem Gesichtspunkt einer möglichst kompletten Würdigung des Laureaten Rechnung tragen, die Vielfalt der Autoren über die inhaltliche Stringenz stellen. Dies ist auch hier der Fall und so ist die Qualität einzelner Beiträge aus wissenschaftlicher Sicht durchaus unterschiedlich. Auch die Herangehensweise unterscheidet sich je nach wissenschaftlicher Ausbildung der Autoren deutlich voneinander. Dieses ist aber kein Nachteil, eher im Gegenteil: die weit reichende Diversivität ist als ein Pluspunkt zu sehen, zeigt sie doch Querverbindungen und Strukturen auf, die in traditionellen Publikationen nur selten zu finden sind. Weit weniger positiv ist die redaktionelle Gestaltung des Buches zu sehen: es fehlen ein Autorenverzeichnis, was vor allem für die nachwachsende Wissenschaftlergenerationen hilfreich gewesen wäre, es fehlen Glossar und Stichwortverzeichnis, die gerade bei einem so komplexen Werk inhaltliche Querverbindungen aufzeigen und die nicht immer eindeutigen Begrifflichkeiten hätten klären können.


Rezension von
Prof. Dr. Rüdiger Falk
em. Professor für Allgemeine Betriebswirtschaftslehre, insbesondere Human Resource Management und Berufsbildung sowie Sportmanagement an der Hochschule Koblenz
E-Mail Mailformular


Alle 168 Rezensionen von Rüdiger Falk anzeigen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Rüdiger Falk. Rezension vom 03.12.2010 zu: Rolf Arnold (Hrsg.): Grenzgänge(r) der Pädagogik. Schneider Verlag Hohengehren (Baltmannsweiler) 2009. ISBN 978-3-8340-0639-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/9140.php, Datum des Zugriffs 02.07.2020.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht

Hilfe & Kontakt Details
Hinweise für

Bitte lesen Sie die Hinweise, bevor Sie Kontakt zur Redaktion der Rezensionen aufnehmen.
rezensionen@socialnet.de

ISSN 2190-9245

Newsletter bestellen

Immer über neue Rezensionen informiert.

Newsletter

Über 13.000 Fach- und Führungskräfte informieren sich monatlich mit unserem kostenlosen Newsletter über Entwicklungen in der Sozialwirtschaft.

Gehören Sie auch schon dazu?

Jetzt kostenlosen Newsletter abonnieren!

socialnet optimal nutzen!

Recherchieren

  • Rezensionen liefern den Überblick über die aktuelle fachliche Entwicklung
  • Materialien bieten kostenlosen Zugang zu aktuellen Fachpublikationen
  • Lexikon für die schnelle Orientierung und als Start für eine vertiefende Recherche
  • Sozial.de für tagesaktuelle Meldungen

Publizieren

  • wissenschaftliche Arbeiten
  • Studien
  • Fachaufsätze

erreichen als socialnet Materialien schnell und kostengünstig ihr Publikum

Stellen besetzen
durch Anzeigen im socialnet Stellenmarkt

  • der Branchenstellenmarkt für das Sozial- und Gesundheitswesen
  • präsent auf führenden Fachportalen
  • schnelle und preiswerte Schaltung
  • redaktionelle Betreuung