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Martina Falk, Dorothea Muthesius u.a.: Musik - Demenz - Begegnung

Cover Martina Falk, Dorothea Muthesius, Jan Sonntag, Britta Warme: Musik - Demenz - Begegnung. Musiktherapie für Menschen mit Demenz. Mabuse-Verlag GmbH (Frankfurt am Main) 2010. 344 Seiten. ISBN 978-3-940529-55-8. 36,90 EUR.

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Thema

Der Buchtitel zeigt schon den Weg auf. Musiktherapie ist Interaktion mit allen Sinnen. Musik kann helfen, Gefühle zu kanalisieren und auszudrücken. Für Menschen mit Demenz ist sie von existentieller Bedeutung; denn sie besitzt die Kraft, deren zerfallenes Selbstbild für einen gewissen Zeitraum quasi wieder zusammenzusetzen. Musiktherapeuten bemühen sich um die unversehrten Anteile der alten Menschen und beleben diese.

Dieses Buch will aber nicht nur aufzeigen, wie wichtig und hilfreich Musiktherapie für alte Menschen ist; es stellt auch nicht zum wiederholten Male wohlbekannte Liedertexte, Noten und Gitarrengriffe zur Verfügung. Es geht tiefer auf das Thema ein und wagt dabei auch kritische und ketzerische Anmerkungen.

So geben die Autoren dem Leser z.B. folgende Frage mit auf den Weg: „Wessen Interessen vertrete ich in meinem beruflichen Handeln?“ Sie plädieren dafür, sich von festen Vorstellungen zu verabschieden, wie Therapie zu organisieren ist; stattdessen sprechen sie sich für eine Rückbesinnung auf das Wie des therapeutischen Handelns aus.

Autorinnen und Autor

  • Dorothea Muthesius ist Musiktherapeutinund promovierte Soziologin, arbeitet mit Menschen mit Demenz in der Gerontopsychiatrie, in Wohngemeinschaften, in Pflegeheimen und in der häuslichen Betreuung.
  • Jan Sonntag ist Diplom-Musiktherapeut und Heilpraktiker für Psychotherapie und arbeitet seit 1999 schwerpunktmäßig mit Menschen mit Demenz.
    Britta Warme ist Musikwissenschaftlerin, Sozialarbeiterin und Diplom-Musiktherapeutin, arbeitet seit 2002 schwerpunktmäßig mit Senioren mit und ohne Demenz.
  • Martina Falk ist Diplom-Musiktherapeutin und arbeitet seit 2004 in einem stationären Wohnbereich für Menschen mit Demenz.

Die langjährige Berufserfahrung der Autorinnen und des Autors wird in zahlreichen Praxisbeispielen deutlich, die das Buch von Anfang bis zum Ende durchziehen. Dabei ist es ein Anliegen der Autoren, den Blickwinkel auf das Phänomen Demenz zu erweitern.

Aufbau und Inhalt

In diesem Buch werden grundlegende Fragen behandelt, z.B. nach den neuronalen Grundlagen der Musikwahrnehmung oder nach musiktherapeutischen Konzepten.

Kapitel 1 behandelt neurologische, psychologische, soziologische, medizinische und pflegerische Modelle, aber auch wichtige Aspekte aktueller Einflüsse auf die Befindlichkeit dementer Menschen.

In Kapitel 2 und 3 geht es um die musiktherapeutische Praxis. Dabei werden unterschiedliche Praxisfelder, von der Klinik und dem Heim bis zur ambulant betreuten Wohngemeinschaft und der Privatwohnung beleuchtet.
Auf der beiliegenden DVD werden typische musiktherapeutische Situationen gezeigt und beispielhaft zwei von insgesamt 18 Szenen analysiert. Als Instrument dient dabei die “Einschätzungsskala der Beziehungsqualität“ (EBQ). Diese wurde von Schumacher und Calvet entwickelt für die musiktherapeutische und entwicklungspsychologische Tätigkeit mit Kindern mit Entwicklungsstörungen. Diese musiktherapeutischen Interventionen werden in Kapitel 3 ausführlich besprochen, vor allem im Hinblick auf Kontakt- und Beziehungsfähigkeit von Menschen mit Demenz und ihren Therapeuten.

Kapitel 4 befasst sich mit den äußeren Bezugspunkten eines therapeutischen Angebots, zu denen zeitliche und räumliche Faktoren sowie soziale Bedingungen, z.B. Gruppengröße gehören. Die Gestaltung dieses „Settings“ ist abhängig von der Klientel, von den institutionellen Rahmenbedingungen und nicht zuletzt von der therapeutischen Methode.

Kapitel 5 beschreibt Versorgungskontexte und Zielrichtungen musiktherapeutischer Angebote.
So müssen sich Musiktherapeuten in geriatrischen Kliniken auf kurzfristige Begegnungen einstellen. Oft stehen körperliche Krisen im Vordergrund, und der Patient erwartet eher trainingsorientierte Methoden, um mit seiner Krankheit und deren Symptomen besser umgehen zu können.
Im Gegensatz dazu leistet ein Musiktherapeut in einer Langzeiteinrichtung, einem Pflegeheim oder einer Wohngemeinschaft eher Basisarbeit. Er ist dafür zuständig, Orte der Angstfreiheit, Vertrautheit und Begegnung und – wenn irgend möglich – Konfliktarmut zu schaffen. Musiktherapeuten müssen in solchen Einrichtungen äußerst flexibel reagieren, was die Gruppenzusammensetzung betrifft und damit auch die anvisierten Ziele dieser Gruppenmitglieder.
In einer ambulanten Einrichtung, z.B. einer Tagesstätte bringt jeder Besucher ganz andere Bedürfnisse und Konflikte mit. Gemeinsame Interessen gibt es selten. Die Gruppengröße variiert von Tag zu Tag, da nicht alle Besucher täglich kommen. Auch hier ist ein hohes Maß an Flexibilität und Spontanität gefragt.

Kapitel 6 ist überschrieben: „Sich selbst nicht aus den Augen verlieren: Zur professionellen Selbstpflege“. Bei der Begleitung von Menschen mit Demenz müssen jeden Tag, jede Stunde, jeden Moment Konfliktsituationen vorausgeahnt, umschifft oder abgefedert werden. Dazu bedarf es einer guten Portion Einfühlungsvermögen. Außerdem müssen persönliche Zurückweisungen und die Tragik des Alltags verarbeitet werden, und dabei sollten das nötige Verständnis und eine gute Portion Humor nicht auf der Strecke bleiben. Um diesen Balanceakt immer wieder zu meistern, bedarf es regelmäßiger Reflexion.
Im Folgenden geht es um Konfliktherde im Arbeitsalltag und um Möglichkeiten der professionellen Fürsorge für sich selbst, z.B. innerhalb der Teamarbeit, Supervision und Fortbildung, und zuletzt noch um den schwierigen Spagat zwischen Nähe und Distanz.

Kapitel 7 beschreibt die Begegnung mit einer Heimbewohnerin, deren unruhiges Umherlaufen vom Therapeuten genutzt wurde, um mit ihr gemeinsam regelmäßige Rundgänge und „musikalische Führungen“ durch das Haus zu veranstalten. Sie knüpften dabei immer neue Kontakte zu anderen Heimbewohnern und sangen mit ihnen gemeinsam das eine oder andere vertraute Lied. Als Parallele dazu hat der Autor das Märchen von den Bremer Stadtmusikanten passagenweise in die Geschichte mit eingeflochten. „…Geh mit uns nach Bremen, du verstehst dich doch auch auf die Nachtmusik, da kannst du Stadtmusikant werden…“

Zielgruppe

Laien und Fachleute, die Musik machen mit alten Menschen.

Fazit

Ein Buch für alle, die sich eingehender mit dem Thema Musiktherapie für Menschen mit Demenz befassen wollen, mit Fragen aus der Theorie und der täglichen Praxis. Ein kritisches Buch, das auffordert, immer wieder über die eigene Arbeit und Motivation nachzudenken, das aber auch Mut macht und eine Menge Anregungen gibt.


Rezensentin
Gisela Stoll
Fachkrankenschwester für Psychiatrie, Validationsanwenderin (VTI)
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Zitiervorschlag
Gisela Stoll. Rezension vom 24.08.2010 zu: Martina Falk, Dorothea Muthesius, Jan Sonntag, Britta Warme: Musik - Demenz - Begegnung. Musiktherapie für Menschen mit Demenz. Mabuse-Verlag GmbH (Frankfurt am Main) 2010. ISBN 978-3-940529-55-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/9146.php, Datum des Zugriffs 20.10.2019.


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