Kristina Gellert: Persönliches Budget und Autismus
Rezensiert von Prof. Stefan Müller-Teusler, 12.04.2010
Kristina Gellert: Persönliches Budget und Autismus. Ansprüche, Erfahrungen, Hoffnungen und Ängste.
Weidler Buchverlag
(Berlin) 2009.
148 Seiten.
ISBN 978-3-89693-549-6.
19,90 EUR.
Reihe: Autismus - Band 19.
Entstehungshintergrund
Das Buch basiert auf einer Diplomarbeit aus dem Jahre 2008 an der Christian-Albrecht-Universität Kiel. Die Verfasserin ist für ihre Arbeit mit dem Förderpreis des Landesverbandes der Lebenshilfe Schleswig-Holstein ausgezeichnet worden.
Aufbau und Inhalt
Das Buch beschreibt eingangs die Symptomatik des Autismus, geht dann auf die Problematik von Eltern/ Familien mit autistischen Kindern ein, beschreibt dann einzelne Rechtsansprüche, wobei sie da auch auf die verschiedenen Lebensalter von Menschen mit Autismus und die Unterscheidung zu anderen Behinderungen eingeht und kommt dann zum Persönlichen Budget.
Den nächsten Teil des Buches bilden empirische Untersuchungen zu dem Thema, in dessen Rahmen zum einen Eltern mit autistischen Kindern, die Leistungen nach dem Persönlichen Budget beziehen, befragt wurden, zum Vergleich dann Eltern mit autistischen Kindern, die kein Persönliches Budget beziehen, herangezogen wurden und schließlich eine Befragung von zuständigen Ämtern zu diesem Thema.
Das Buch mündet dann in Handlungsempfehlungen für Leistungsträger, Leistungserbringern, Aufforderungen an den Gesetzgeber und Implikationen für die Forschung. Schließlich endet das Buch mit Handlungsempfehlungen für Eltern, die in der Entscheidung stehen, ob sie das persönliche Budget anwenden wollen und es skizziert den Weg dahin.
Die ersten beiden Teile des Buches sind kurze Beschreibungen: die Symptomatik des Autismus und die Situation von Eltern/ Familien mit einem autistischen Kind. Hier könnte der Vorwurf gemacht werden, dass diese Teile sehr kurz geraten sind, allerdings geht es in Hinsicht auf die Themenstellung um eine Beschreibung der Ausgangssituation, die dann auf die eigentliche Fragestellung hinweist.
Im Abschnitt über das Persönliche Budget referiert die Autorin kurz die Entstehungsgeschichte und beschreibt auch die Einführung in Deutschland mittels Erprobung in Modellregionen. Sie referiert einerseits die dazu durchgeführten Untersuchungen als auch die Befürchtungen vieler Menschen, dass das Persönliche Budget zum Sparmodell der Unterstützung für Menschen mit Behinderungen mutieren könnte, was angesichts der Verlautbarungen mancher Kostenträger auch nicht von der Hand zu weisen ist. Gut ist hier der Verweis auf Modelle aus dem europäischen Ausland (Niederlande: das Personengebundene Budget/ Großbritannien: direct payments/ Schweden: Persönliche Assistenz und Schweiz: Assistenzbudget). Die kurze Zusammenfassung ist hier zu kurz geraten; hier wäre eine breitere Diskussion wünschenswert, die die einzelnen Modelle und auch die Erfahrungen miteinander vergleicht.
Die erste empirische Untersuchung bezieht sich auf 8 Interviews von Eltern mit autistischen Kindern, wobei auch eine Mutter befragt wurde, deren Sohn bereits erwachsen ist. Die Interviewpartner wurden zufällig und aus verschiedenen Bundesländern ausgewählt. Dieser Teil des Buches ist sehr gut ausführlich dargestellt, untergliedert nach Fallbeispielen, verschiedenen Hoffnungen und Befürchtungen und ergänzt durch Praxiserfahrungen. Die Bürokratie wird hier als eines der großen Hemmnisse gesehen, wenngleich die positiven Erfahrungen überwiegen. Als Vergleichsstichprobe dazu wurden drei Eltern befragt, die keine Leistungen nach dem Persönlichen Budget beantragt haben. Hier wurde auch noch einmal deutlich, dass die Eltern im Hinblick auf die rechtlichen Ansprüche (unabhängiger) Beratung bedürfen. Interessant und aufschlussreich ist die Befragung von 5 Kostenträgern, die alle Erfahrungen mit der Umsetzung des Persönlichen Budgets haben. Gelungen ist der Autorin, die Interviewleitfragen anhand ihrer empirischen Befunde noch einmal aufzugreifen und die verschiedenen Aussagen dazu summarisch gegenüberzustellen.
Etwas irritierend ist die Überschrift des vorletzten Kapitels (Pädagogische Schlussbetrachtungen), weil sich dahinter die diversen Handlungsempfehlungen für Leistungsträger, Leistungserbringern, Aufforderungen an den Gesetzgeber und Implikationen für die Forschung verbergen. Diese sind eher kurze Zusammenfassungen mit Verweis auf diverse Stellen der bisherigen Arbeit. Gut gelungen sind die Handlungsempfehlungen für Eltern, die überlegen, ob sie das Persönliche Budget in Anspruch nehmen wollen oder nicht und was sie tun müssen, um dieses zu bekommen. Auch wird hier der Hinweis auf Widersprüche und Klagemöglichkeiten gegeben, da bei den Kostenträgern auch erhebliche Unsicherheiten bestehen und es auch von amtlicher Seite auch Falschaussagen dazu gibt. Ein Serviceteil mit Internetadressen und (Selbsthilfe-) Organisationen runden das Buch ab.
Fazit
Dieses Buch ist in zweierlei Hinsicht verdienstvoll: zum einen gibt es einen guten Überblick übe das Thema „Persönliches Budget“, fasst die bisherigen Erfahrungen gut zusammen und verweist auf die Desiderate, die noch ausstehen. Zum anderen ist es für Fachleute (Ambulanzen, Frühförderstellen, Schulen etc.) interessant, die Eltern in dieser Hinsicht beraten wollen. Schließlich bekommen auch Eltern, die vor der Entscheidung stehen, hier eine gute Entscheidungshilfe.
Etwas irritierend an dem Buch ist der Titel, denn es bezieht sich nur auf Kinder/ Jugendliche mit Störungen aus dem autistischen Spektrum und greift die Frage von Erwachsenen, die beispielsweise in Wohneinrichtungen leben, noch nicht auf. Es ist zu wünschen, dass die Handlungsempfehlungen, die die Autorin am Schluss kurz skizziert hat, aufgegriffen und fortgeführt werden, damit es sowohl für Leistungsnehmer als auch für Leistungserbringer eine größere Sicherheit und damit auch eine größere Selbstverständlichkeit bringt. Dieses wäre ein weiterer Schritt auf dem Weg zur Selbstbestimmung von Menschen mit Behinderungen.
Rezension von
Prof. Stefan Müller-Teusler
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