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Brigitte Sdun: Die Lebenslage älterer und pflegebedürftiger Lesben und Schwuler

Cover Brigitte Sdun: Die Lebenslage älterer und pflegebedürftiger Lesben und Schwuler. Unter besonderer Berücksichtigung alternativer Wohnangebote. Lit Verlag (Berlin, Münster, Wien, Zürich, London) 2009. 189 Seiten. ISBN 978-3-643-10291-1. 19,90 EUR, CH: 31,90 sFr.

Reihe: Dortmunder Beiträge zur Sozial- und Gesellschaftspolitik - Band 60.
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Thema

Sexualität gilt noch immer als tabuisiert; insbesondere Lesbisch- und Schwulsein stößt an Grenzen, die in der jüngeren Geschichte begründet sind. Besondere Aufmerksamkeit gilt hier Lesben und Schwulen im Alter bzw. in Krankheit, Pflege und Wohnformen.

Entstehungshintergrund

Brigitte Sdun ist Diplom-Sozialarbeiterin und 1964 geboren. Sie hat an der Höheren Handelsschule (1982) ihr Abitur abgelegt, 1982 – 1984 Lehre als Rechtsanwaltsfachangestellte, 1984 – 1986 Studium der Wirtschaftswissenschaften (Universität Duisburg-Essen), mehrjähriger Aufenthalt in Biel/Bienne (Schweiz), 2004 Ganzheitliche Gedächtnistrainerin und 2009 Diplom-Sozialgerontologin (TU Dortmund).

Als Mitarbeiterin (1989) in stationären Alteneinrichtungen, seit 1996 Freie Journalistin und seit 2002 verantwortliche Redakteurin (Seniorenzeitung).

2001 publizierte sie „Die erfüllte Sexualität im Alter“.

Arbeitsscherpunkte der Autorin: Sexualität und Homosexualität im Alter, Partnerschaft und Ehe im Alter, Lebenslageforschung, Gesundheit im Alter sowie Pflege und Demenz.

Aufbau und Inhalt

Das Buch ist in 11 Kapiteln übersichtlich gegliedert. Es erlaubt auch LeserInnen ohne ‚Vorkenntnissen‘ ein Verständnis der Thematik zu erlangen: Von der Einleitung mit der Beschreibung des Lebenslagekonzeptes mit dem Schwerpunkt Dimension des Wohnens älterer Schwuler und Lesben spannt sich der Bogen von sozial(politisch)en, pflegerelevanten und rechtlichen Themen bis zu Wohnmodellen.

Im Vorwort schreibt Gerhard Naegele, dass die soziologisch-gerontologische Forschung betreffend Sexualität im Alter sich erst in den letzten Jahrzehnten etabliert hat; die Situation von älteren und alten Lesben und Schwulen ist noch ausgeblendet – in der Gesellschaft fast unsichtbar (obwohl 3% bis 10% betroffen sind). Auch deshalb stehen im wissenschaftlichen Kontext noch viele Fragezeichen. Erst 1994 wurde in Deutschland der § 175 StGB gänzlich abgeschafft: bis dahin konnten Gleichgeschlechtliche noch bestraft werden.

Erstes KapitelEinleitung. Hier erhält der Leser einen Überblick über die Bandbreite des Buches:

  • Definition von „lesbisch, schwul, heterosexuell, (bei gleichzeitiger) Bisexualität (Anziehung), gleichgeschlechtliche Hingezogenheit / Orientierung“.
  • Das Coming-out, zurückgezogenes (Aus-)Leben bzw. offenes Bekennen gegenüber der Gesellschaft.
  • Respektierende Qualitätskriterien für Alten- und Pflegeheime;
  • Begriffsbeschreibung von „Alter“ aus verschiedenen Blickpunkten; andererseits das „Gefühlte Alter“ von Lesben und Schwulen;
  • die „Landflucht“ in die städtische Szene bei etwa 5% - 10% in der Gesamtbevölkerung Deutschlands, Letztere eher in den (Groß)Städten.
  • Es gibt wenig gesichertes Material, wie ältere pflegebedürftige schwule/lesbische Menschen leben (mit/ohne Kindern, noch/nicht mehr verheiratet, Doppelleben führend).
  • Der Entwicklungsprozess des Coming-out; die Sexualität von Lesben und Schwulen; ausgewählte Aspekte zum Thema „Pflege“ …

Im Zweiten und dritten Kapitel widmet sich die Autorin den Begriffen „Altern“ und „Alter“, dem „dreifachen Altern“ der Gesellschaft, Altersbegriffen in verschiedenen Disziplinen (in den Medien ab 50 Jahren, von der WHO/OECD ab 60/65 Jahren), sowie der frühzeitigen Alter(n)swahrnehmung durch Lesben und Schwule bereits ab 35 Jahren.

Sie geht auf die Definition verschiedener sexueller Orientierungen ein, legt Zahlenmaterial über schwule Männer von 35 bis 95 Jahre und älter, sowie lesbische Frauen in Deutschland (Ende 2005) vor.

Schließlich beschreibt sie den Entwicklungsprozess des Coming-out, der nach Wahala (2006) in fünf Phasen abläuft. Das Kapitel schließt mit der Sexualität von Lesben und Schwulen.

Das Kapitel Vier – Ausgewählte Aspekte zum Thema „Pflege“ – beschreibt „Pflege als Dienstleistung, die sich mit gesunden und kranken Menschen aller Altersgruppen befasst. Sie übt gezielt Aufgaben in der Interaktion zu Menschen mit Pflegebedarf, also mit kurzfristig bis dauerhaften Selbstdefiziten, aus. (…) Pflege kann Gespräch, Sorge, Liebe, Kooperation und Professionalität sein. (…) (vgl. Messer 2004, S. 83-84).“

Weiter sind Festschreibungen zitiert: die Pflegestufen, die Reform der Pflegeversicherung 2008; die folgende Tabelle veranschaulicht die Hochrechnungszahlen pflegebedürftiger Homosexueller: 33.829 Personen leben in Heimen, darunter 32.208 Personen in vollstationärer Dauerpflege. Durchschnittlich 72.577 Schwule und Lesben werden zu Hause versorgt, davon 23.577 Personen durch ambulante Pflegedienste und 49.021 Personen durch „Angehörige“.

Im folgenden Kapitel Fünf (Seiten 59-85) liegt ein Schwerpunkt der Arbeit: Das Konzept der Lebenslage für ältere und pflegebedürftige Lesben und Schwule. Nach der Begriffsdefinition werden die Spielräume beschrieben:

(1) Der Vermögens- und Einkommensspielraum;

(2) Materieller Versorgungsspielraum; Zitat: „Bei der Vorstellung einer eigenen Pflegebedürftigkeit vermutet sie (Interviewte, Anm.) die erforderliche Kompetenz des Krankenhauspersonals lediglich in dem Fall, dass sie von offen lesbisch lebenden Frauen betreut werden würde“ (Plötz 2006, S. 213). (…) Das Ergebnis der Interviewstudie zeigt, dass die Mehrheit der interviewten älteren Schwulen eine negative Einstellung zu Altenheimen hat und die soziale Kompetenz des Pflegepersonals anzweifelt. „Die meisten finden die Lebensumstände in Alten- und Pflegeheimen so bedrückend, dass sie alles unternehmen wollen, um eine Unterbringung zu vermeiden. Zudem wird in Frage gestellt, ob das Pflegepersonal die soziale Kompetenz besitzt, um mit homosexuellen Männern umzugehen. Mehrfach wird die Befürchtung geäußert, bei einer Unterbringung in einem Altenheim wegen homophoben Reaktionen des Personals die eigene Homosexualität verleugnen zu müssen, … (…). Gefordert wird sozial kompetentes Personal in der ambulanten und stationären Versorgung, das unvoreingenommen mit homosexuellen Männern umgehen kann“ (Bochow 2008, S. 16).

(3) Kontakt-, Kooperations- und Aktivitätsspielraum; Zitat: Bei lesbischen Frauen sind sehr unterschiedliche Gestaltungen des Liebeslebens, der Freundschaften etc. möglich. Sie können mit zunehmendem Alter erneut variieren. Mit dem Begriff der Freundin bleibt die Intimität der Verbindung unausgesprochen bzw. vage angedeutet. Die unpräzise Formulierung kann positive Auswirkungen haben, wenn das lesbische Leben verdeckt bleiben soll. Aussagekräftiger sind die Bezeichnungen „Lebensgefährtin“, „Partnerin“ und „Geliebte“, die eng an die Lebenskonzepte der Frauen gebunden sind (vgl. Plötz 2006, S. 124).

(4) Lern- und Erfahrungsspielraum;

(5) Dispositions- und Partizipationsspielraum;

(6) Muße- und Regenerationsspielraum, Gesundheitszustand; sowie

(7) Existenz von Unterstützungsressourcen.

Das Kapitel Sechs – Eingetragene Partnerschaft und die Veränderung der Lebenslage von lesbischen Frauen und schwulen Männern – widmet sich auf den Seiten 85-111 allen relevanten Fragen seit dem 1. August 2001.

Das Kapitel Sieben (S. 111-124) beschäftigt sich mit der „Versorgungssituation für Lesben und Schwule in den Einrichtungen der Altenpflege“ – und stellt sogleich fest: „Das Alten- und Pflegeheim: (k)ein sexualfreier Raum“.

Zitat: „Zwar arbeiten in der Pflege (relativ) viele lesbische und schwule Mitarbeiter, die vielleicht ein Gespür für eine lesbische Bewohnerin oder einen schwulen Klienten entwickeln, aber sogar sie verschweigen oft aus Furcht vor Repressalien des Arbeitgebers ihre Homosexualität“ (Raabe 2004a, S. 8). Und eine Seite weiter: Alte pflegebedürftige Menschen, die ihren Alltag in einer Einrichtung der stationären Altenhilfe verbringen müssen, besitzen kaum einen privaten Bereich, in dem sie ihren Gefühlen unbeobachtet freien Lauf lassen können. (…) Ältere lesbische Frauen und homosexuelle Männer wünschen sich, dass sie beispielsweise in den stationären Einrichtungen als homosexuelle Paare in Doppelzimmern gemeinschaftlich zusammenleben können, wenn sie es wollen oder dass der Besuch lesbischer Freundinnen und schwuler Freunde erlaubt ist (vgl. Jüngst 204, S. 15-21).

Im Kapitel 7.4 – Einbeziehung der Lesben und Schwulen in die Pflegedokumentation auf Seiten 122f – empfiehlt Sdun explizit, Änderungen in der Dokumentation vorzunehmen; hier ist aus pflegefachlicher Sicht auch der Schlüssel zur Veränderung! Dazu bedarf es der entsprechend angeführten Bildungsmaßnahmen von Pflege- und Betreuungspersonal.

Das Kapitel Acht (S. 124-165) beschreibt Besuchsdienste und alternative Wohnangebote für Menschen mit gleichgeschlechtlicher Orientierung – mit Lebenslagekonzept. Beispielsweise:

  • RuT: Rad und Tat, Berlin; dieser gemeinnützige Verein als offene Initiative Lesbischer Frauen wurde im Jahr 1989 von älteren und behinderten lesbischen Frauen gegründet;
  • Village-Pflegeetage im Haus Asta Nielsen, Berlin: auch ein gemeinnütziger Verein, 2001 gegründet, der auf drei Ebenen arbeitet;
  • „Villa anders“, Köln: Hier handelt es sich um eine bundesweit erste generationenübergreifende Hausgemeinschaft, die älteren und jüngeren Lesben, Schwulen und Transgender ein diskriminierungsfreies und selbstbestimmtes Wohnen und Leben in unterstützendem Miteinander ermöglichen soll.
  • Buddy Care Projekt, Amsterdam, Evidenzbasierte Leitlinien zur Gesundheitsförderung für ältere Menschen: soziale Determinanten, Ungleichheit und Nachhaltigkeit werden vorgestellt.
  • Ries Huis, Amsterdam: Ein Club für und mit älteren Menschen, die ihre eigene rosa Lebensweise selbstbestimmt handhaben können.

Alle Angebote werden ausführlich mit Geschichte und Zielen der Einrichtungen beschrieben.

Das Kapitel Zehn ist einer zusammenfassenden Schlussbetrachtung gewidmet.

Zielgruppen

Das vorliegende Werk eignet sich für alle interessierten Personenkreise, die sich im sozialen Kontext bewegen: SozialarbeiterInnen, PädagogInnen und PsychologInnen; insbesondere Pflegepersonen können stark profitieren! Speziell AusbilderInnen in verschiedenen Disziplinen der Pflegelehre haben eine hervorragende Grundlage an bestens recherchiertem Wissen.

StudentInnen bekommen einen Fundus an Literaturauswahl, die zu einer Vertiefung weiterer wissenschaftlicher Betätigung einlädt.

Diskussion

Bei aller Tiefe ist das Buch leicht lesbar; für eine thematische Verbreiterung bedarf es spezifischer Literaturrecherche.

Fazit

Brigitte Sdun, eine ausgewiesene Expertin zum Thema (Homo-)Sexualität, stellt eine kompetente Arbeit vor, die klar strukturiert, tiefgreifend und in gebotener Kürze breit gefächert ist.

Hervorzuheben sind die praktischen Anregungen für den Pflegealltag mit konkreten Vorschlägen für die theoretische Ausbildung, als auch im täglichen Umgang von Pflegepersonen mit Menschen ‚anderer sexueller Orientierung‘. Behutsame Formulierungen auf 174 Seiten gestalten den Inhalt sehr anschaulich.

Brigitte Sdun ermöglicht der Leserin/dem Leser, mit ihrem Buch Schranken in unseren Köpfen aufzubrechen und den Blick über den Tellerrand zu lenken.

Es bleibt zu wünschen, dass sich dieses Werk rasch einer größeren Breitenwirkung erfreuen kann.


Rezensent
Federico Harden
Akademisch geprüfter Lehrer für Gesundheitsberufe Allgemein beeideter und gerichtlich zertifizierter Sachverständiger für Gesundheits- und Krankenpflege Psychotherapeut (VT) in freier Praxis. Fort- und Weiterbildungen
Homepage www.harden.at


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Zitiervorschlag
Federico Harden. Rezension vom 21.06.2010 zu: Brigitte Sdun: Die Lebenslage älterer und pflegebedürftiger Lesben und Schwuler. Unter besonderer Berücksichtigung alternativer Wohnangebote. Lit Verlag (Berlin, Münster, Wien, Zürich, London) 2009. ISBN 978-3-643-10291-1. Reihe: Dortmunder Beiträge zur Sozial- und Gesellschaftspolitik - Band 60. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/9156.php, Datum des Zugriffs 22.06.2018.


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