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Wolfgang Bautz (Hrsg.): Entwurzelt, ausgegrenzt, erkrankt

Cover Wolfgang Bautz (Hrsg.): Entwurzelt, ausgegrenzt, erkrankt. Psychotherapeutische und psychosoziale Versorgung von Asylsuchenden. Frank & Timme (Berlin) 2009. 135 Seiten. ISBN 978-3-86596-215-7. D: 24,80 EUR, A: 24,80 EUR.
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Thema

Zur Frage, was Migranten gesund erhält, gesund oder krank macht, existieren bisher keine umfassenden und verlässlichen Daten. Auch wissenschaftliche empirische Untersuchungen gibt es kaum. Gleichzeitig wächst stetig der Anteil von Migrantinnen an der Bevölkerung. Sie sind stärker gesundheitlich belastet, was vor allem auf Stress, Zugangsbarrieren zur Gesundheitsvor- und fürsorge und die Anreihung von Hürden im Alltag zurückzuführen ist. Einem mangelnden Verständnis für die gesundheitlichen Belange kann daher z.B. mittels sensibilisierender Publikationen begegnet werden.

Herausgeber

Wolfgang Bautz ist promovierter Soziologe und M.A. Er leitet geschäftsführend eine Beratungsfirma, die vor allem kommunale Verwaltungen in Zuwanderungsfragen unterstützt. Seine Forschungsinteressen beziehen sich auf Selbstorganisationsprozesse von Migranten und Möglichkeiten von sozialer Inklusion in strukturschwachen Regionen.

Entstehungshintergrund

Neben der bereits benannten gesellschaftlichen und politischen Relevanz der Thematik haben sich verschiedene Gremien wie das Landesministerium und der Landesintegrationsbeirat Brandenburgs für eine Verbesserung der medizinischen Versorgung von psychisch erkrankten und traumatisierten Flüchtlingen in unterschiedlicher Weise engagiert. Im Ergebnis wurde eine „Clearingstelle für Beratung, Behandlung und Prävention… - El Puente“ konzipiert und geplant, die im Dezember 2005 ihre Tätigkeit aufnahm. Dabei zielte dieses - auf drei Jahre angelegte - Projekt erstmalig auch auf eine Bedarfsermittlung hinsichtlich der sozialen und medizinischen Hilfsangebote für Flüchtlinge ab. Die Publikation dokumentiert die Beiträge zur abschließenden Fachkonferenz, im Juni 2008, in deren Rahmen die Auswertung und der Erfahrungstransfer zu diesem Projekt, gemeinsam mit Beteiligten anderer Projekte, erfolgten.

Aufbau

Die Publikation bietet sechs Kapitel an, die die Ergebnisse und Erfahrungen des Austausches auf der Fachkonferenz, im Juni 2008 wiedergeben. Die einzelnen Beiträge entstammen dabei der Feder unterschiedlicher Autoren, die an der Fachkonferenz teilgenommen haben.

Dabei bieten die einzelnen Kapitel einen Exkurs an, der von der Situation der psycho-sozialen Versorgung von MigrantInnen im Land Brandenburg, über den Ergebnisbericht zum Projekt „El Puente“ und Erfahrungen im vernetzten Handeln von der Begutachtung, über die Beratung bis hin zur Therapie reicht. Am Ende werden Leitlinien und neue Ansatzpunkte für die Arbeit mit MigrantInnen zusammenfassend formuliert. Ein Fallbeispiel mit einer besonderen Gruppe Betroffener, nämlich Flüchtlingskindern und ihren Familien, verweist zum Schluss noch einmal auf die Komplexität der psycho-sozialen Versorgung und ihrer Rahmenbedingen und schließt die Publikation ab.

Inhalt

In der Einleitung werden die Entstehungshintergründe der Publikation benannt und der Leser auf die zu erwartenden Inhalte vorbereitet.

Im ersten inhaltlichen Kapitel geht es um die psycho-soziale Versorgung von MigrantInnen im Land Brandenburg. Es werden die von Stressbelastung geprägten Lebensbedingungen von Flüchtlingen, die um ein Vielfaches höher liegen als die der meisten Einheimischen, thematisiert. Mit entsprechenden Zahlen zur Anzahl der AsylbewerberInnnen, Anzahl der Heime, Geschlechterverhältnis, werden dann die Rahmenbedingungen für AsylbewerberInnnen in Brandenburg untermauert. Ausgehend von den dominierenden Leiden wie Einsamkeit, Traumatisierung und ein Ausgesetztsein rassistischer und rechtsextremer Gewalt, beleuchtet die Autorin Lucia Muriel dann die psychische Gesundheit der Flüchtlinge. Sie sieht im Projekt „El Puente“ einen Beitrag zur Verbesserung der Versorgungssituation, beschreibt die Aufgaben und Angebote des Projektes und spricht am Ende weitere Empfehlungen für Institutionelle Voraussetzungen und Vernetzung, die benötigte Infrastruktur, die Betreuung und Versorgung, die Fachlichkeit und die Qualitätsentwicklung aus.

Wolfgang Bautz schließt dann mit seinem abschließenden Ergebnisbericht zum Projekt „El Puente“ an. Auch er geht noch einmal auf die Situation von Flüchtlingen, im Rahmen der Vorbemerkungen zum Projektverlauf ein. Er fasst die Ergebnisse in Zahlen zusammen und beschreibt gemachte Erfahrungen der ProjektmitarbeiterInnen mit grundlegenden Problemen von MigrantInnen. Dies wird mit einem Fallbeispiel untermauert. Aus diesen Erfahrungen der Projektarbeit leitet er Schussfolgerungen und Empfehlungen ab wie z.B. die Verbesserung von Diagnostik und Therapie, Erstuntersuchungen für alle Neuankommenden, Nutzbarmachung regionaler Ressourcen durch fallbezogene Kooperation und Vernetzung, Verstetigung und Institutionalisierung psychosozialer Unterstützung, Bereitstellung angemessener Wohnräume für psychisch erkrankte Flüchtlinge und Asylsuchende, Entwicklung von Selbsthilfepotenzialen in Kombination mit der Stärkung und Förderung ambulanter Behandlungsmöglichkeiten, eine stärkere Berücksichtigung von Themen der transkulturellen Psychiatrie in der Weiterbildung und eine allgemeine Sensibilisierung für die Erscheinungsformen von psychischen Erkrankungen bei MigrantInnen.

Vernetztes Handeln in der Begutachtung, Beratung und Therapie von Flüchtlingen ist Thema eines Kapitels von Behjat Moaali. Hier werden die Erfahrungen eines bereits länger, (seit 1997) bestehenden Projektes „Refugio“ in Kiel, im Vergleich mit Projekten aus Hamburg und Berlin geschildert. Dabei macht der Autor auf andere geographische und finanzielle Voraussetzungen, verglichen mit den anderen Projekten, aufmerksam. Daraus erklären sich differente Erfahrungen in der Arbeitsweise und die große Bedeutung der Vernetzung und Interdisziplinarität für das Projekt „Refugio Kiel“.

Mit dem Kapitel Psychiatrisch-psychotherapeutische Arbeit mit Patienten mit Migrationshintergrund von Meryam Schouler-Ocak wird auf die Situation von MirgantInnen seit Mitte der 50er Jahre in Deutschland hingewiesen und ein kultureller Vergleich psychischer Erkrankungen zwischen Entwicklungs- und Industrieländern gezogen. Die Faktoren für eine deutlich höhere Stressbelastung, wie z.B. rechtliche Unsicherheiten, Diskriminierung, Unsicherheit, Unüberschaubarkeit, mangelnde Planbarkeit, Bevormundung, Auflösung von Familienbanden etc. werden aufgezählt und praktische Konsequenzen daraus abgeleitet. Dabei beziehen sich diese praktischen Möglichkeiten insbesondere auf die therapeutische Tätigkeit, hier besonders auf die Diagnostik, Grundhaltung, Verständigung und die Auseinandersetzung mit Sprachproblemen. Die Versorgungssituation von Patienten mit Migrationshintergrund wird anhand bisher wenig verfügbarer epidemiologischer Daten dargestellt und zusammengefasst. Im Anschluss erfolgt eine Benennung der von mehreren Institutionen verfassten und 2002 veröffentlichten zwölf Sonnenberger Leitlinien.

Birgit Möller rundet mit ihrem Kapitel Psychotherapeutische Behandlung von traumatisierten Flüchtlingskindern und ihren Familien im Spannungsfeld von Ausländerrecht und Kulturwechsel die Publikation ab. Die Kinder als Opfer von Krieg, Verfolgung und Flucht werden in ihrer Situation und ihrer Rolle bei der Veränderung der Beziehung zwischen Eltern und Kind beschrieben, wobei die Autorin besonders auf Zusammenhänge von Traumatisierung und kindlicher Entwicklung und besonderen Folgen bei Flüchtlingskindern eingeht. Anhand eines Fallbeispiels wird dabei der schwierige Weg der Familie, bei den Bemühungen um Unterstützung und Behandlung gezeigt und ein kritisches Fazit der Situation für in Deutschland lebende Flüchtlingsfamilien gezogen.

Diskussion

Mit der Publikation erhalten Praktiker, die im Bereich psychosozialer Versorgung mit MigrantInnen arbeiten, einen Einblick in Modellprojekte, deren Erfahrungen und Auseinandersetzungen mit den Rahmenbedingungen in Deutschland und deren Erfahrungen in der praktischen Arbeit. Sie werden angeregt, sich mit den Versorgungslücken, fehlender politischer Unterstützung und fehlender Sensibilität, bei der psychosozialen Versorgung von MigrantInnen, und Machbarkeiten, Optionen im Rahmen von Modellprojekten, auseinanderzusetzen. Es besteht dabei ein einhelliger Konsens der AutorInnen, hinsichtlich der Unzulänglichkeiten und der Ungenügendheit des Versorgungssystems und seiner gesellschaftlichen und politischen Rahmenbedingungen in Deutschland. Untermauert werden die Darstellungen mit entsprechenden empirischen Zahlen, die die Bedeutsamkeit der Auseinandersetzung mit diesem sensiblen Bereich unterstreicht.

Fazit

Die Publikation verbindet die Darstellung von Best-Practise-Modellen, deren Wirksamkeit und Optionen in der psychosozialen Versorgung von Flüchtlingen auf der einen Seite und eine harsche Kritik am psychosozialen Versorgungssystem und der gesellschaftlichen und politischen Rahmenbedingungen in Deutschland, auf der anderen Seite.


Rezensentin
Dr. phil. Oda Baldauf-Himmelmann
Ausgebildete systemische Therapeutin / Familientherapeutin, Sozialarbeiterin/Sozialpädagogin und Kulturwissenschaftlerin. Arbeitet als Akademische MA an der Brandenburgisch-Technischen Universität Cottbus/Senftenberg (BTU CS)
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Zitiervorschlag
Oda Baldauf-Himmelmann. Rezension vom 05.07.2010 zu: Wolfgang Bautz (Hrsg.): Entwurzelt, ausgegrenzt, erkrankt. Psychotherapeutische und psychosoziale Versorgung von Asylsuchenden. Frank & Timme (Berlin) 2009. ISBN 978-3-86596-215-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/9158.php, Datum des Zugriffs 14.12.2018.


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