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Renate Niesel, Wilfried Griebel (Hrsg.): Von der Kita in die Schule

Cover Renate Niesel, Wilfried Griebel (Hrsg.): Von der Kita in die Schule. Handlungsempfehlungen an Politik, Träger und Einrichtungen ; [DVD Praxisbeispiele]. Verlag Bertelsmann Stiftung (Gütersloh) 2009. 3. Auflage. 15 Seiten. ISBN 978-3-89204-893-0.

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Thema

Der Übergang von Kindern aus der Kindertagesstätte in die Grundschule braucht für ein gutes Gelingen die Unterstützung von allen, am Prozess beteiligten Personen und Einrichtungen. Diese Handlungsempfehlung möchte wichtige Grundlagen benennen, die von Politik, Trägern der Kindertageseinrichtungen und den Mitarbeiter/innen-Teams umgesetzt werden sollen.

AutorIn oder HerausgeberIn

Die Bertelsmann Stiftung als Herausgeberin dieser Handlungsempfehlung wurde 1977 gegründet und setzt sich für das Gemeinwohl ein. Sie engagiert sich in den Bereichen Bildung, Wirtschaft und Soziales, Gesundheit sowie internationale Verständigung und fördert das friedliche Miteinander der Kulturen. Im Bereich der frühkindlichen Bildung ist die Bertelsmann Stiftung seit vielen Jahren engagiert und hat zahlreiche Projekte und Publikationen vorzuweisen.

Aufbau

In dieser Handlungsempfehlung werden nach einer kurzen Einführung in die Bedeutung der Gestaltung des Übergangs von Kindertagesstätte in die Grundschule in drei Kapiteln den jeweils beteiligten Gremien bzw. Personen Empfehlungen unterbreitet.

Die Empfehlungen an die Politik und die Bezirke, Kreise und Kommunen für das Zusammenwirken von Kita und Grundschule werden im Teil A erläutert.

Handlungsempfehlungen an die Träger von Kindertageseinrichtungen und Grundschulen werden im Teil B aufgeführt.

Die Erzieher/innen und Lehrkräfte in den Kitas und Grundschulen erhalten im Teil C Empfehlungen, für das gute Gelingen des Übergangs. Hier werden die Unterpunkte Dialogkultur, das Kind als Mittelpunkt aller Aktivitäten, Einbezug der Eltern und Hinweise zur Planung, Durchführung und Evaluation angesprochen.

Inhalt

Für Kinder bedeutet der Abschied aus der Kindertagesstätte und der Eintritt in die Schulzeit eine große Veränderung, die zunächst von fast allen Kindern freudig begrüßt wird. Das sinkende Einschulungsalter und immer flexibler werdende Schuleingangsphasen erfordern eine enge Kooperation zwischen den beiden Einrichtungen. Jedes Kind hat ein Recht auf Bildung und es ist die Aufgabe der erwachsenen Beteiligten dafür zu sorgen, dass Bildungschancen für alle Kinder gesichert und erweitert werden können.

In den Handlungsempfehlungen für Politik und Verwaltung wird gefordert, dass die für Kita und Schule zuständigen Ministerien und Verwaltungen auf Bundes-, Länder- und kommunaler Ebene kooperieren und sich abstimmen. Bildungspläne und –programme sowie Lehrpläne sollen aufeinander abgestimmt werden. Es soll in den diversen Landesgesetzen verankert werden, dass Kindertagesstätten und Grundschulen zu einer Kooperation verpflichtet sind. Die Ausbildungen, sowie die Fort- und Weiterbildungen der Fachkräfte sollen in beiden Bereichen besser auf die Anforderungen, die den Übergang betreffen, abgestimmt werden. Eine Elternbeteiligung an der Kooperation soll verankert werden. Die empirischen Forschungen sollen sich verstärkt diesem Thema widmen.

Für die Verwaltungen ergeben sich daraus konkrete Forderungen:

  • Konkrete Arbeitsstrukturen zwischen Jugendhilfe und Schule
  • Gemeinsame Arbeitskreise von Kitas und Grundschulen
  • Angemessene Rahmenbedingungen, um kooperative Arbeitsstrukturen entwickeln zu können
  • Intensivere Zusammenarbeit von Fortbildungseinrichtungen für Lehrer/innen und Erzieher/innen
  • Entwicklung eines kommunalen Leitbildes für die Gestaltung der Kooperation
  • Kommunale Schulverwaltung und Jugendhilfe arbeiten eng zusammen
  • Schul- und Jugendhilfeausschuss laden regelmäßig zu gemeinsamen Sitzungen ein
  • Schulentwicklungs- und Jugendhilfeplanung wird auf kommunaler Ebene zusammengefasst

Die Empfehlungen an Träger von Kindertageseinrichtungen und Schulen benennen, dass die Träger die Kooperation als einen Teil ihrer Qualitätsentwicklung definieren und sichern. Sie sollen eine verbindliche Form des Austausches und der Zusammenarbeit festlegen und Zuständigkeiten und Steuerungsaufgaben klären. Die gemeinsame Entwicklung von Zielen, Inhalten und Methoden für die Kooperation und die Festlegung von diesen, in entsprechenden Konzepten wird empfohlen. Die Träger unterstützen die Weiterentwicklung der Kooperation, entwickeln entsprechende Standards und stellen den Einrichtungen externe Experten für ausgewählte Fragen zur Seite. Finanzielle und zeitliche Ressourcen werden ebenso bereitgestellt, wie gemeinsame Fort- und Weiterbildungen von Lehrer/innen und Erzieher/innen.

In den Handlungsempfehlungen für Kindertageseinrichtungen und Schulen wird zunächst auf die Entwicklung einer gemeinsamen Dialogstruktur von Erzieher/innen und Lehrkräften verwiesen. Hierzu zählen z.B. eine gemeinsame Begriffsklärung, eine gegenseitige Rollenklärung, gemeinsam besuchte Fort- und Weiterbildungen, ein gemeinsam entwickeltes Bildungsverständnis, die Definition des Begriffs der Schulfähigkeit und aufeinander abgestimmte Lernformen und Methoden.

Im Mittelpunkt der Kooperation von Kita und Schule sollte das Kind stehen. Dafür sind z.B. die individuelle Beobachtung und Dokumentation der Lernwege von Kindern, die konsequente Anknüpfung an den Kompetenzen und Interessen des einzelnen Kindes, ein regelmäßiger Austausch über die Entwicklung der Kinder und deren spezifische Lebenssituationen und individuellen Förderbedarfe notwendig.

Der Übergang soll von Eltern und Kindern gemeinsam mit Erzieher/innen und Lehrkräften gestaltet werden. Hierzu sollte ein Austausch zwischen Eltern und allen Fachkräften über das geltende Bildungsverständnis stattfinden. Eltern werden an allen Stellen als Experten ihrer Kinder wahrgenommen und wertgeschätzt. Eltern und Kinder erhalten Gelegenheiten ihre eigenen Vorstellungen, Erwartungen und Befürchtungen zu formulieren und Eltern erhalten regelmäßig Informationen über die Fortschritte ihres Kindes.

Zur Planung, Durchführung und Evaluation der Kooperation werden weitere Empfehlungen ausgesprochen: In den Konzeptionen von Kita und Schule werden die Ziele und Formen der Kooperation benannt. Verbindliche Regeln für die ganzjährige Zusammenarbeit werden gemeinsam erarbeitet. Eltern und Interessierte werden über die konzeptionelle Verankerung der Zusammenarbeit informiert. Im Jahresverlauf finden immer wieder gemeinsame Aktivitäten statt, die den Kindern eine frühe und kontinuierliche Kontaktaufnahme ermöglichen. Erzieher/innen und Lehrkräfte sollen regelmäßig mittels Fragebögen und Interviews die Gestaltung des Übergangs reflektieren und bei Bedarf die Abläufe anpassen.

Zusätzlich zu den Handlungsempfehlungen liegt der Veröffentlichung eine DVD bei mit dem Titel „Von der Kita in die Schule“. In diesem 11minütien Film wird die Zusammenarbeit der Elterninitiative „Das Tapfere Schneiderlein“ e.V. und der Evangelischen Schule Lichtenberg in Berlin gezeigt. Diese Kooperation wurde von der Bertelsmann Stiftung im Rahmen eines Wettbewerbs ausgezeichnet. Die damalige Kita-Leiterin und der Schulleiter erläutern in dem Film das Kooperations-Konzept.

Diskussion

In den Handlungsempfehlungen der Bertelsmann Stiftung werden grundsätzlich eine Menge an sinnvollen Hinweisen gegeben, die eine Zusammenarbeit und Kooperation zwischen Kindertageseinrichtungen und Grundschulen unterstützen können. Um die konkreten Situationen von Kitas und Grundschulen vor Ort zu verbessern, bedarf es aber vieler Akteure. Diese müssen alle die notwendige Motivation vorweisen, um Verbesserungen auf diesem Gebiet auf den Weg zu bringen. Wie in den Empfehlungen ja durch die Unterteilung in verschiedene Verantwortliche deutlich wird (Politik und Verwaltung, Träger und dann erst die Kitas und Schulen selber), müssen mindestens gelichzeitig (wenn nicht zuerst) gute Rahmenbedingungen geschaffen werden, die eine enge und vertrauensvollen Zusammenarbeit überhaupt möglich machen. Die Erzieher/innen und Lehrer/innen in der Praxis müssen eine Kooperation natürlich wollen, damit die Umsetzung gelingen kann. Sie werden aber häufig von schlechten Rahmenbedingungen und mangelenden Ressourcen gar nicht erst vor die Wahl gestellt.

Meiner Meinung nach wird eine enge Kooperation von Kita und Schule ebenfalls durch die sehr unterschiedlichen Systeme, in denen Schule und Kita sich in Deutschland befinden, erschwert. In den Empfehlungen wird zwar eine Zusammenfassung von Schulentwicklungs- und Jugendhilfeplanung benannt – wie und wann sich eine solche Zusammenarbeit umsetzen lässt bleibt unklar und wird von weitreichenden politischen Entscheidungen abhängen. Solange zwei absolut unterschiedliche Systeme sich treffen und zusammenarbeiten sollen, werden Verständigungs- und Systemprobleme nicht ausbleiben.

Ein kleines Beispiel: Die unter anderem geforderten gemeinsamen Fortbildungen für Erzieher/innen und Lehrer/innen scheitern in der Praxis sehr häufig an unterschiedlichen Arbeitszeiten und Ansprüchen auf Fortbildungstage. Wie viele Fachtagungen ich schon besucht habe, die den Versuch unternommen haben und gescheitert sind, Erzieher/innen und Lehrkräfte gemeinsam einzuladen, kann ich nicht mehr zählen.

Die DVD, die der Veröffentlichung beigelegt ist, zeigt ein positives Praxisbeispiel. Hier haben sich eine Kita und eine Grundschule gemeinsam auf den Weg gemacht, Kooperation umzusetzen und dies scheint auch sehr gut zu gelingen. Die Kooperation kann unter anderen deshalb gut gelingen, weil alle Kinder dieser Kita diese Grundschule besuchen werden. Diese Voraussetzung ist nicht überall vor Ort gegeben. In vielen Grundschulen werden Kinder aus diversen Kindertagesstätten aufgenommen – können diese Grundschulen mit allen diesen Kitas eine so enge Zusammenarbeit leisten? Ich kenne Kitas, die Kinder in sechs bis acht verschiedene Schulen abgeben – können diese Kitas mit all diesen Schulen eine enge Kooperation betreiben? Auf diese Fragen erkenne ich bisher keine Antworten.

Fazit

Gut an den Handlungsempfehlungen finde ich, dass sie zunächst einmal Politik und Verwaltung und die Träger von Kindertageseinrichtungen und Grundschulen ansprechen. Die grundlegende Verantwortung für gute Rahmenbedingungen sehe ich dort und daher sollten sich die dort handelnden Personen mit den Forderungen auseinandersetzen. Und klar ist für mich auch: ohne eine positive Haltung der Pädagogen vor Ort können auch die besten Rahmenbedingungen nicht bewirken, dass eine gute Zusammenarbeit gelingen kann. Die Verantwortung der in der Praxis Tätigen ist soll also nicht klein geredet werden.

Eine Umsetzung der Handlungsempfehlungen wäre sehr wünschenswert – eine praktische, gut gelingende Kooperation vor Ort kann ich leider bisher nur in Ausnahmefällen erkennen.


Rezension von
Dipl. Soz.-Päd Sonja Hees
Leiterin einer integrativen Kindertagesstätte, Fortbildnerin für Erzieher/innen und Lehrbeauftragte an der Fachhochschule Koblenz im Studiengang „Bildungs- und Sozialmanagement mit Schwerpunkt frühe Kindheit“.


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Zitiervorschlag
Sonja Hees. Rezension vom 17.09.2010 zu: Renate Niesel, Wilfried Griebel (Hrsg.): Von der Kita in die Schule. Handlungsempfehlungen an Politik, Träger und Einrichtungen ; [DVD Praxisbeispiele]. Verlag Bertelsmann Stiftung (Gütersloh) 2009. 3. Auflage. ISBN 978-3-89204-893-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/9163.php, Datum des Zugriffs 08.08.2020.


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