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Beate Finis Siegler: Ökonomik sozialer Arbeit

Cover Beate Finis Siegler: Ökonomik sozialer Arbeit. Lambertus Verlag GmbH Marketing und Vertrieb (Freiburg) 2009. 2. überarbeitete und erweiterte Auflage. 231 Seiten. ISBN 978-3-7841-1890-1. 18,00 EUR.
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Autorin

Beate Finis Siegler, Diplom-Volkswirtin, Dr. rer. pol. lehrt seit 1992 als Professorin „Ökonomie und Sozialpolitik“ an der Fachhochschule Frankfurt/Main (Fachbereich Soziale Arbeit und Gesundheit). Ihre Arbeitsschwerpunkte sind: Ökonomik Sozialer Arbeit, Dritter Sektor zwischen Markt und Staat, Wohlfahrtsproduktion, Sozialpolitik und Wohlfahrtsstaat, Zivildienst und Freiwilligenarbeit sowie die Arbeitsgesellschaft im Wandel.

Entstehungshintergrund

Beate Finis Siegler legt ihren Titel nach 12 Jahren in einer überarbeiteten und um gut 60 Seiten erweiterten Neuauflage vor. Besaß der Band im Jahr 1997 noch ein gewisses Alleinstellungsmerkmal innerhalb des recht überschaubaren Literaturangebots zum Themenfeld „Ökonomie und Soziale Arbeit“, so hat sich Letzteres in der Zwischenzeit grundlegend geändert. Neben einer wachsenden Anzahl von Fachzeitschriften, die sich explizit mit Themenstellungen des Sozialmanagements und der Sozialökonomik befassen, ist die (Literatur-)Lage heute in Anbetracht der Vielzahl der inzwischen publizierten Buchtitel auch in diesem Bereich als zunehmend unübersichtlich zu bezeichnen.

Dieser Umstand lässt sich darauf zurückführen, dass sich das Sozialmanagement und damit auch die Behandlung betriebs- wie volkswirtschaftlicher Fragestellungen innerhalb von Lehre und Forschung im Bereich der Sozialen Arbeit bei einer gleichzeitigen Ausdifferenzierung der fachlichen Fragestellungen zwischenzeitlich fest etabliert haben. Dieses gilt in besonderem Maße auch für die tägliche Arbeit öffentlicher, vorrangig aber für die freien Träger sozialen Einrichtungen und Dienste, die durch sozialstaatliche Umsteuerungen sowie sozialrechtliche Veränderungen, insbesondere bei den Refinanzierungsbedingungen, permanent und ganz praktisch vor neue An- bzw. Herausforderungen gestellt sind.

Thema

Ihrer Intention und ihrem Anspruch nach könne eine Ökonomik der Sozialen Arbeit – so Finis Siegler - dabei nicht sagen was sie soll, wohl aber welchen Weg sie einzuschlagen hat, um das, was sie will, so „wirtschaftlich wie möglich“ zu erreichen. Zugleich solle eine solche Ökonomik nicht die absolute Dominanz von Wirtschaftlichkeitszielen vor inhaltlichen Zielen begründen. Ein solches Verständnis würde „Form und Inhalt verwechseln„: „Die Ökonomik Sozialer Arbeit befasst sich mit der Frage, wie die Soziale Arbeit am ressourcenschonendsten umzusetzen ist. Das ökonomische Prinzip definiert nicht die Inhalte Sozialer Arbeit. Gegen einen rationalen Mitteleinsatz zur Optimierung sozialarbeiterischer / pädagogischer Ziele kann es keine Einwände geben.“ (S.15).

Diese Optimierung bietet aus Sicht der Autorin auch die Chance, „Soziale Arbeit als eine produktive Leistung“ darzustellen und den „Anspruch auf Teile des Bruttoinlandsproduktes“ ökonomisch zu begründen: „Die Orientierung der Sozialen Arbeit an Effektivitäts- und Effizienzkriterien kann ihre Ausgangslage im Kampf um knappe Ressourcen verbessern, weil sie die Entscheidungsträger in die Begründungspflicht zwingt.“ (S. 15). Die Gefahr, dass eine Ökonomik der Sozialen Arbeit überwiegend oder gar ausschließlich zur Rationierung und d. h. zur Kosteneinsparung zulasten der Qualität eingesetzt werde, bestreitet Finis Siegler dabei nicht. Es verbiete sich deshalb aber der Schluss von der Instrumentalisierbarkeit der Ökonomik auf ihre Grundanliegen: „Auch in ökonomisch günstigeren Zeiten und bei volleren Staatskassen geht kein Weg an einer Ökonomik Sozialer Arbeit vorbei, denn die Ressourcen sind gemessen an den Einsatzmöglichkeiten immer knapp.“ (S. 15).

Aufbau

Der Band übernimmt im Wesentlichen das Gliederungsschema der ersten Auflage, was die Autorin wie folgt begründet: „Da es Ziel dieses Buches ist, den Leser in das ökonomische Denken einzuführen und die Soziale Arbeit aus einer ökonomischen Perspektive zu analysieren, konnte auf eine grundlegende Überarbeitung der zweiten Auflage deshalb verzichtet werden, weil sich nicht die Grundbegriffe und Grundprinzipien verändert haben, sondern die Bewertung der Relevanz unterschiedlicher Allokationsmechanismen und Steuerungsinstrumente für die und in der Soziale(n) Arbeit.“ (S. 7).

In den überarbeiteten Teilen berücksichtigt Finis Siegler insbesondere die Veränderungen in der volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung (VGR) und damit in der statistischen Erfassung (auch) der Leistungen der Sozialen Arbeit durch die Übernahme des Europäischen Systems Volkswirtschaftlicher Gesamtrechnungen. Außerdem wird an verschiedenen Stellen auf die sozioökonomischen Spezifika rationaler Ressourcensteuerung als einem „Mehr-Ebenen-Problem“ (d. h., dass die Soziale Arbeit auf mehreren Ebenen – Makro-, Meso-, Mikro-, Nano- und individuelle Ebene – in die gesellschaftliche Ressourcensteuerung eingebunden ist, woraus besondere Problemstellungen resultieren) intensiver eingegangen.

Der Band besitzt zwei große Teile, womit dem Anliegen Rechnung getragen werde, „[…] dem Leser den Einstieg in ökonomisches Denken zu erleichtern und eine Konzeptualisierung Sozialer Arbeit als interdisziplinäre Veranstaltung voranzutreiben“ (S. 16):

  1. Die „allgemeinen Grundlagen der Ökonomik“, die wiederum in „Grundbegriffe“ und „Grundprinzipien“ unterteilt sind. Hier soll der Leser „[…] verstehen lernen, warum der Sozialen Arbeit aus ökonomischer Sicht noch immer das Stigma der sozialen Last und Unproduktivität anhaftet.“ (S. 16). Zugleich soll ihm die Kenntnis der Grundbegriffe und Grundprinzipien die ökonomische Denkweise erschließen.
  2. Die „ökonomische Analyse Sozialer Arbeit“ entwickelt zuerst die „Sozialarbeit als Dienstleistungsarbeit in Non-Profit-Organisationen“, bevor die Autorin die Besonderheiten des „ökonomischen Prinzips in der Sozialen Arbeit“ sowie abschließend die „ökonomische Legitimation des Ressourceneinsatzes für Soziale Arbeit“ thematisiert: „Dabei geht es sowohl um die Anwendbarkeit ökonomischer Begriffe einschließlich der Auswirkungen von Sprache auf Haltungen in der Sozialen Arbeit als auch um die Übertragbarkeit von Denkstilen und Handlungsmustern“ (S.17).

Teil 1: Allgemeine Grundlagen der Ökonomik

Dieser Teil enthält den Abschnitt „Grundbegriffe der Ökonomik“, in dem zum einen die Bedürfnisbefriedigung durch Güter- und Dienstleistungsproduktion thematisiert wird. Zum anderen nimmt die Autorin eine Unterscheidung von Güter- und Dienstleistungsproduktion bei Profit und Non-Profit-Unternehmen vor und stellt zugleich Gemeinsamkeiten beider Unternehmenstypen dar. Weil letztlich auch die Soziale Arbeit unter diesen speziellen Dienstleistungsbegriff zu subsumieren sei, spielten neben der Klassifikation dieser Dienstleistungen die Produktionsspezifika personenbezogener Dienstleistungen in Non-Profit-Organisationen (das „uno-actu-Prinzip“, den vor allem für soziale Dienstleistungen charakteristischen „face-to-face-“ Erbringungskontext, die deshalb notwendige „Integration des externen Faktors“, woraus sein „Ko-Produzenten-Status“ resultiert etc.) eine besondere Rolle. Der Abschnitt „Systeme der Allokation und Distribution von Gütern und Dienstleistungen“ informiert über Strukturen der volkswirtschaftlichen Lenkung und Verteilung von Gütern und Dienstleistungen. Hier werden die besonderen Funktionen von „Markt“, „Staat“ und ihre Berührungspunkte sowie die Bedeutung des für die soziale Dienstleistungsproduktion konstitutiven „intermediären Systems“ („Dritter Sektor“) erläutert. Der nächste Abschnitt dieses Teils thematisiert die volkswirtschaftliche Erfassung der Güter- und Dienstleistungsproduktion im Allgemeinen, d. h. die Systematik der volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung und problematisiert zugleich ihre Übertragung bzw. Übertragbarkeit auf den Sozialsektor, wobei Finis Siegler besonders die Ermittlungsschwierigkeiten hervorhebt, die sich daraus ergeben, dass die VGR nur die marktgerichtete Produktion innerhalb der formellen Ökonomie misst bzw. zählt. Fraglich sei aber, „[…] ob bzw. wie die in der Gesamtwirtschaft darüber hinaus stattfindende Wertschöpfung erfasst werden kann.“ (S. 79). Diese in der informellen Ökonomie erbrachten Leistungen (Haushaltswirtschaft, Selbstversorgungswirtschaft, Selbsthilfeökonomien) machen nach Schätzungen immerhin knapp 50 % der Leistung des formellen Sektors aus, kommen in der VGR aber nicht entsprechend vor, was zugleich den Anschein der Unproduktivität des informellen Sektors befördere. Thema des fünften inhaltlich daran anschließenden Abschnitts ist der Arbeitsbegriff in der Ökonomik. Finis Siegler unterscheidet hier die Begriffe der „Erwerbs- und der Eigenarbeit“, die sie wiederum den Teilbereichen der bereits erwähnten „formellen und informellen Ökonomie“ zuordnet.

Die in der Folge behandelten „ökonomischen Grundprinzipien“ diskutieren zuerst das „ökonomische Prinzip“ sowie das ihm zu Grunde liegende Rationalitätskonzept. Der zweite Abschnitt befasst sich mit dem Konzept sozio-ökonomischer Rationalität für ein rationales Unternehmensmanagement. Das individuell rationales Verhalten nicht zwangsläufig auch gesamtgesellschaftlich rationales Verhalten zur Folge hat, ist Thema des dritten Abschnitts. Im vierten Abschnitt wird die Denkfigur des „homo oeconomicus“ kurz erläutert und der Frage nachgegangen, welche Rolle altruistisches Handeln in der Ökonomie spielt und wie es erklärt werden kann. Mit der Figur des „homo oeconomicus“ eng verbunden ist die Idee der „Konsumentensouveränität“. Diese bzw. ihre „Fiktion“ wird im fünften Abschnitts dargestellt und im Kontext der (öffentlichen, d. h. staatlichen) Bereitstellung sogenannter „meritorischer Güter“ untersucht. Hier stellt Finis Siegler dem wirtschaftswissenschaftlichen Konstrukt des „souveränen Konsumenten privater Güter“ die „Realität des meritorisierten Nutzers sozialer Dienstleistungen“ gegenüber. Der erste Teil schließt mit einer Zusammenschau unterschiedlicher Ebenen einer sozio-ökonomisch rationalen Steuerung von Ressourcen zur Erzeugung individueller und gesellschaftlicher Wohlfahrt.

Teil 2: Ökonomische Analyse Sozialer Arbeit

Der zweite Teil behandelt die Besonderheiten der „Sozialen Arbeit als Dienstleistungsarbeit in Nonprofit-Organisationen„: Neben dem „Kollektivgutcharakter Sozialer Arbeit“ (es handelt sich um eine Dienstleistung, die in der Regel nicht am Markt angeboten und nachgefragt wird, sondern öffentlich bereitgestellt wird) schildert Finis Siegler diese als „Dienstleistungsbeziehung in meritorisierender Absicht“, weil „[…] das, was von den Konsumenten als soziale Dienstleistung letztlich nachgefragt wird, das Ergebnis staatlicher Einflussnahme [ist].“ (S. 132).

Sie zugleich bedürfnisadäquat zu produzieren, bedeute, „[…] den Konsumenten als externen Faktoren so in die meritorisierende Dienstleistungsbeziehung zu integrieren, dass nicht nur die Dienstleistung, sondern auch die Bedürfnis- und Präferenzbildung als interaktiver Prozess gestaltet wird.“ (S. 144). Diese Absicht wiederum unterstelle, dass Nonprofit-Organisationen zweckdienlich aufgebaut werden müssten und ihre Abläufe funktional zu organisieren seien, weil sie nur über ein solches strategisches und operatives Management ihre bedarfswirtschaftlichen Ziele erreichen könnten.

Die praktische Realisation des „ökonomischen Prinzip in der Sozialen Arbeit“ wird auf Grundlage des Zusammenhangs von Effektivität und Effizienz sowie der Qualitätsdimension Sozialer Arbeit erläutert. Insbesondere für die allerorten angestrebte Effizienzsteigerung – als einer bzw. der Kernfrage der „Ökonomisierungsdebatte“ – gibt Finis Siegler zu bedenken, dass diese nur dann gegeben ist, „[…] wenn mit reduziertem Mitteleinsatz noch dasselbe Ziel: ein qualitativ gleich hoher Output, bzw. umgekehrt: mit dem selben Import ein größerer Output identischer Qualität erreicht wird. Effizienz ist eine relative Größe. Was als jeweilige Referenzgröße zu gelten hat, ist, […] von den bestehenden Macht- und Interessenkonstellationen abhängig. Weder die Zielformulierung noch die Auswahl zur Zielerreichung geeigneter Mittel und die Bestimmung von Qualitätsstandards sind eine ökonomische Frage sondern allein deren kostengünstigste Umsetzung sowie der Alternativenvergleich unter Wirtschaftlichkeitsgesichtspunkten“ (S. 154 f.; Herv. i. O.).

Bei der Bestimmung dieser Referenzgröße sei die besondere „sozioökonomische Rationalität in Nonprofit-Organisationen“ zu berücksichtigen, insofern es sich deren Arbeit damit eben nicht nur auf technische und wirtschaftliche Aspekte beziehen könne, sondern auch volatile politische und soziokulturelle Macht- und Interessenunterschiede der verschiedenen Ressourcenlieferanten („stakeholder“) sowie schließlich die sich ändernden Wert- und Normvorstellungen der Öffentlichkeit – etwa in Bezug auf die Stellung und Wertigkeit des „Sozialen“ insgesamt (aktuelles Stichwort: „Spätrömische Dekadenz“, MB) – zu berücksichtigen hätten.

Die besondere Beschaffenheit der sozioökonomischen Rationalität ergibt sich schließlich auch aus der veränderten Stellung der öffentlichen Träger, deren finanzielle Ausstattung noch direkter an die ökonomische (= fiskalische) Entwicklung gekoppelt ist als die der Nonprofit-Organisationen. „Neue Steuerungsmodelle“, mit denen das Verwaltungshandeln im Sinne einer Verbesserung der Effektivität und Effizienz restrukturiert werden soll, verfolgen die Absicht, Wirksamkeit und Wirtschaftlichkeit der kommunalen Sozialverwaltung vor dem Hintergrund prekärer (Kommunal-)Haushalte zu optimieren.

Dieser Zusammenhang berührt zugleich Fragen der „allokativen Effizienz“, d. h. der optimalen Verteilung der vorhandenen Ressourcen auf unterschiedliche Verwendungszwecke und damit des Beitrages der Sozialen Arbeit auf der Makroebene, also zur Wohlfahrtsproduktion insgesamt. Die Frage eines „trade off“ zwischen Wirtschaftlichkeit und Qualität knüpft – in ihrer Unterscheidung von Rationalisierung und Rationierung – an den oben erläuterten Gedanken der Effizienz als relativer Größe an und stellt damit (im fünften Abschnitt) zugleich die Frage nach der „Legitimation des Ressourceneinsatzes für Soziale Arbeit„: „Die gleichzeitige Verfolgung von Wirtschaftlichkeit und Qualitätszielen ist solange möglich, wie bei der Realisierung von Qualitätszirkeln noch Wirtschaftlichkeitsreserven vorhanden sind (Rationalisierung). Werden die Qualitätsziele bereits effizient erreicht, gehen Ressourceneinschränkungen notwendigerweise zulasten der Qualität (Rationierung). Soll der Qualitätsstandard aber auch bei steigender Inanspruchnahme gehalten werden, ist das nur mit größeren Ressourceneinsatz möglich. Zwischen Qualität und Wirtschaftlichkeit besteht ein trade off.“ (S. 183; Herv. i. O.).

Das eigentlich Spannende besteht an dieser Stelle in der Klärung der Frage, an welchem Punkt sich die Soziale Arbeit dabei eigentlich bislang befand und aktuell befindet? Eine Frage, die wiederum zuerst einmal gar nicht „ökonomisch“, sondern „sozialarbeiterisch“ zu klären wäre, nämlich im Hinblick auf die professionellen Standards der Disziplin „Soziale Arbeit“ einerseits und die Bedürfnisse ihrer Klienten andererseits. Dabei könnte dann auch herauskommen, dass die Mittel einmal steigen müssten, zumindest aber nicht weiter reduziert werden sollten, will man die zugleich geforderten „Wirkungsziele“ unter gleichzeitiger Einhaltung der definierten „Qualitätsstandards“ bei steigenden Klientenzahlen auch tatsächlich erreichen bzw. halten.

Diskussion

So wird aber seit Beginn der „Ökonomisierungsdebatte“, die nicht umsonst ihren Ursprung im „Sozialstaatsumbau“, i. S. von Kostensenkung und Leistungsreduzierung besitzt, bis heute (sozial-)politisch gerade nicht argumentiert. Im Gegenteil: Hier vollzieht sich vielmehr das, wovon sich Finis Siegler mit ihrem Verständnis einer „Ökonomik der Sozialen Arbeit“ theoretisch absetzen will, nämlich die Funktionalisierung der ersteren durch die letztere. Und zwar nicht als quasi unbeabsichtigte Nebenfolge, sondern in ihrem Ausgangspunkt gerade als Proklamierung des außerfachlichen (Spar-)Programmes, dem sich die Soziale Arbeit dann (fachlich) zu stellen, das sie zu „bewältigen“ hat [1]. Insofern „zwingt“ die Soziale Arbeit ihre staatlichen Finanziers durch die Adaption „ökonomischer Instrumente“ auch nicht in die „Begründungspflicht“, weil die Soziale Arbeit in diesem Verhältnis die abhängige Variable darstellt. Sie könnte zwar fachlich begründete Forderungen aufstellen, diese aber den „Entscheidungsträgern“ gegenüber faktisch nur schwer mit Zwang durchsetzen. Umgekehrt: Diese verlangen in forciertem Maße von ihr den, wie Finis Siegler es ausführlich beschreibt, der Sache nach schwierig zu erbringenden Beweis ihrer „Effektivität“ und „Effizienz“ in Gestalt der Realisierung gleichbleibend hoher Fachstandards bei abgesenkten Budgets. Die „Entscheidungsträger“ wissen damit sehr wohl um die Zwänge, die sie den Betroffenen (den Trägern, die sich ihnen mittels „neuer Steuerung“ zu akkommodieren suchen und den Klienten, die damit zurecht kommen müssen) aufmachen, wenn sie „schmerzhafte, aber notwendige Einschnitte“ propagieren.

So könnte man der Politik höchstens die „falsche Reihenfolge“, eben die unzulässige Instrumentalisierung der Ökonomie vorwerfen. Dies würde die Ökonomie als ein neutrales Instrument erscheinen lassen, dessen sich die „Entscheidungsträger“ bislang eben nur falsch bedient hätte. Finis Siegler geht aber noch einen Schritt weiter, wenn sie die „Ökonomik“ als grundsätzlich unverzichtbar für die Soziale Arbeit behauptet, weil eben auch „in ökonomisch günstigeren Zeiten und bei volleren Staatskassen kein Weg an einer Ökonomik Sozialer Arbeit vorbeiführe, weil die Ressourcen gemessen an den Einsatzmöglichkeiten immer knapp sind“ (vgl. oben).

Insbesondere bezüglich der Behandlung der dargestellten grundsätzlichen VWL-Theoreme hätten wir uns von einem Lehrbuch der „Ökonomik Sozialer Arbeit“ im Jahr 2009 – nicht nur, aber auch in Anbetracht der anhaltenden Wirtschafts- und Finanzkrise – etwas kritischere Einlassungen zur Basismaterie der Disziplin erhofft. Diese Krise hat die orthodoxe VWL in Deutschland [2] selbst theoretisch (ein wenig) in Bedrängnis und ihr Weltbild (etwas) ins Wanken gebracht („Markt- oder Staatsversagen?“), weil sie diese Veränderungen mit ihren vorwiegend mathematischen Modellierungen weder prognostizieren konnte (dieses vormalige Kerngeschäft der Disziplin hatte sie zwischenzeitlich kurzfristig gar ganz einstellt) und sich bis heute auch mit ihrer Erklärung schwer tut – von konsistenten Ratschlägen zu ihrer praktischen „Bewältigung“ einmal ganz abgesehen.

Ein solches Grundtheorem stellt die anthropologisch fundierte „Knappheitsthese“ dar. In der Kurzfassung besagt sie etwa: Die Menge „der Güter“ ist für die Befriedigung der „prinzipiell unbeschränkten“ Bedürfnisse „des Menschen“ immer zu gering, weshalb „das Wirtschaften“ notwendig nichts anderes als eine optimierte bzw. letztlich annähernd optimale Mangelverwaltung darstellen muss. Zumindest ihre historische Begründung hält auch Finis Siegler heute faktisch für überholt: „Musste im 18. Jahrhundert noch von einer Mangelgesellschaft ausgegangen werden, so leben wir heute in einem Großteil der Welt jedoch in einer Überflussgesellschaft.“ (S. 93 f.).

Ob die Annahme von „Mangelgesellschaft“ schon damals für alle gleich galt oder eher nicht, soll hier nicht weiter thematisiert werden. Zumindest zeigt die aktuelle Krise aber, dass es von vielem wieder einmal viel zu viel (Autos, Häuser, Schiffe, zeitweilig auch Kredite etc. pp.) gibt – und eben gerade nicht zu wenig „Güter“ vorhanden sind. Was im Übrigen gerade nicht die Knappheit bzw. den Mangel (auch bzw. besonders an Geld) aufseiten derjenigen ausschließt, die dafür nun als Schuldner gegenüber ihrer Bank oder / und als ehemalige und nun entlassene Automobilmitarbeiter zu haften haben [3]. Dieser Mangel ist jedenfalls nicht zu verwechseln mit einer „allgemeinen“ Knappheit, die die VWL als quasi natürliche und damit ahistorische Voraussetzung jeden Produzierens und Konsumierens behaupten will [4]. Der Sache nach verallgemeinert sie damit ein originäres Phänomen kapitalistischen Produzierens („Armut im - und nicht: oder – Reichtum“), dessen Existenz der Marktwirtschaft dazu kein gutes Zeugnis ausstellt: Es gibt die Dinge der Bedürfnisbefriedigung – und zwar dauernd und im Überfluss – und zugleich bleiben die potenziellen Konsumenten in großer Zahl aufgrund ihrer mangelnder Zahlungsfähigkeit davon ausgeschlossen.

Eine „Knappheit an sich“ als „Grundlage allen Wirtschaftens“ ist also weder in dieser Krise (wie in den Krisen zuvor) und erst Recht nicht in „normalen (Boom-)Zeiten“ marktwirtschaftlichen Treibens auszumachen. Was wiederum nicht heißt, dass es beim (privaten) Konsum – wegen und nicht trotz des Wirtschaftswachstums der letzten Jahre – nicht immer prekärer zuginge (Stichwort: Niedriglohnsektor, als ein wesentlicher Faktor, der den „Aufschwung möglich“ machte), wie es nicht zuletzt die aktuellen Debatten um die angemessene Höhe der Grundsicherungsleistungen und eine deshalb angeblich nötige „Re-Justierung des Sozialen“ eindrucksvoll belegen.

Auch wenn es den Rahmen eines Grundlagenwerkes möglicherweise sprengt: Für die dritte Auflage würde man sich einige Einlassungen dazu wünschen. Gerade deshalb, weil es um eine „Ökonomik Sozialer Arbeit“ gehen soll – und die letztere sich von ersteren dabei „nicht einfach sagen lassen kann, was sie soll“.

Fazit

Der Aufbau des Bandes – vom Allgemeinen zum Besonderen – ist sachlogisch nachvollziehbar und inhaltlich stringent gestaltet. Die einzelnen Kapitel sind dabei vom Umfang her relativ knapp gehalten. Zugleich ermöglichen kurze Unterkapitel den einfachen Zugang zur jeweiligen Materie, der zudem durch den Einsatz von Grafiken und Schaubildern weiter erleichtert wird. Sehr leserfreundlich erscheinen auch die Kurzzusammenfassungen zu einzelnen Kapiteln bzw. Unterkapiteln, die in den Text integriert sind. Sie ermöglichen es dem Rezipienten, den Band nicht nur strikt fortlaufend zu lesen, sondern auch eher lexikalisch als Nachschlagewerk zu nutzen.

Von der Zielgruppe her richtet sich das Werk – nach eigener Lehrerfahrung – sowohl an „Einsteiger“ mit geringen Vorkenntnissen als auch an solche Leser, die vertiefend an der Klärung der inhaltlich-begrifflichen Besonderheiten einer Verknüpfung von Ökonomik und Sozialer Arbeit interessiert sind. So darf man dem Band auch in seiner Neuauflage nach wie vor das Prädikat eines „Standardwerkes“ zugestehen.


[1] Warum, so fragt man sich, geraten die Wirtschaftswissenschaften als die neue, zusätzliche Bezugswissenschaft der Sozialen Arbeit ausgerechnet Anfang bis Mitte der 1990er Jahre ins politische und fachliche (in dieser Reihenfolge) Blickfeld? Eine nur zufällige Koinzidenz der Ereignisse, nachdem beide seit gut 150 Jahren mehr oder weniger friedlich Abstand voneinander gehalten haben und dabei auch keiner den anderen – theoretisch wie praktisch – groß zu vermissen schien?

[2] In anderen Teilen der Welt, auch in den angelsächsischen Ländern ist das wirtschaftswissenschaftliche Spektrum etwas breiter ausgestaltet. Für die in Deutschland in Lehre und Politik wenig erschütterte, quasi-religiöse Verehrung der Neoklassik inklusive ihrer „wirtschaftsweisen“ Vertreter findet sich dort jedenfalls keine Entsprechung. Und auch die These von der angeblichen „Neutralität“ des wirtschaftswissenschaftlichen Instrumentariums, wie sie auch Finis Siegler vertritt, wird dort etwas differenzierter gesehen.

[3] Auch für das Klientel der Sozialen Arbeit trifft dies zu. „Natürlich“ ist daran wiederum nichts, auch wenn es frühe Nationalökonomen, wie etwa Malthus, so behaupten wollten. Das Argument taucht heute im Übrigen in neuem Gewand z. B. in der „Demografiedebatte“ wieder auf, insofern die „Alten“ im Verhältnis zu den „Jungen“ angeblich „zu viele“ sind und deshalb wegen Zahl und Anspruchsverhalten „nicht mehr finanzierbar“ sein sollen.

[4] Wenn damit mehr gemeint sein soll, als dass „die Ressourcen der Welt endlich“ sind – früher oder später ist unabhängig von der Art des Wirtschaftens wohl „Schluss“, wer wollte das bezweifeln – , dann gab es keine Wirtschaftsweise, die mit diesen so verschwenderisch umgeht wie die einzig Übriggebliebene. Dabei zeigt sie sich jedenfalls sehr „effektiv“ und „effizient“.


Rezension von
Prof. Dr. Michael Buestrich
Evangelische Fachhochschule Rheinland-Westfalen-Lippe in Bochum
Homepage www.buestrich.net


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Zitiervorschlag
Michael Buestrich. Rezension vom 04.03.2010 zu: Beate Finis Siegler: Ökonomik sozialer Arbeit. Lambertus Verlag GmbH Marketing und Vertrieb (Freiburg) 2009. 2. überarbeitete und erweiterte Auflage. ISBN 978-3-7841-1890-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/9165.php, Datum des Zugriffs 12.07.2020.


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