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Walter Wangler: Deckname Schwabe. Der Spion, der aus dem Schwarzwald kam

Cover Walter Wangler: Deckname Schwabe. Der Spion, der aus dem Schwarzwald kam. Pahl-Rugenstein (Bonn) 2010. 269 Seiten. ISBN 978-3-89144-425-2. 19,90 EUR.
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Thema

„Mens sana in corpore sano“, könnte man Walter Wanglers autobiografischen Lebensroman „Deckname ‚Schwabe‘“ überschreiben. Wangler stieg als kluger Kopf vom Proletarierkind aus dem schwäbischen Schwenningen zum Sozialarbeits-Professor in Düsseldorf auf. Und blieb dabei seinem aktiven Lieblingssport Fußball und Tischtennis stets treu. Die altphilologisch-bildungsbürgerliche Etikette indes passt nicht zum kommunistisch durchtränkten Elternhaus. Der 1969 in Göttingen promovierte Sozialwissenschaftler wäre aber zumindest ein Beleg für Ulrich Becks aufstiegsmobilen „Fahrstuhleffekt“, wenn da nicht ein Flecken gewesen wäre: Der Sozialarbeits-Dozent erhielt 1980 in seinem Düsseldorfer Dekans-Büro Besuch vom Bundeskriminalamt. Der Dekan hatte vor Studienbeginn in seinen sozialistischen Jugendträumereien eine Mitarbeits-Zusage für das Ministerium für Staatssicherheit MfS der DDR unterzeichnet und als „Perspektiv-Agent“ berichtet.

Inhalt

Angelpunkt von Wanglers realem Bildungs- und Wissenschaftler-Roman ist also seine gut sechswöchige Untersuchungshaft wegen der MfS-Zuarbeit während seiner Hochschul-Sozialisation. Sein Lebens-Knackpunkt gibt ihm ausreichend Gelegenheit, seinen Werdegang vom fußballernden Schüler und Hilfsarbeiter über sein Studium, seine Promotion und die Aufbauarbeit an seiner Fachhochschule vor dem Hintergrund der durchlebten politischen Systeme zu reflektieren. Heraus gekommen ist aus der Biografie ein spannender, gesamtdeutscher Bildungsroman mit einem tiefen, soziologischen und philosophischen Hintergrund. In etwa ist der lediglich mit Zwischentiteln versehene, aber nicht systematisch gegliederte Roman chronologisch angeordnet.

Lebensnah und saftig schildert Walter Wangler seine Kindheit und Jugend. Die aufgeweckte, bildungshungrige und naturverbundene Arbeiterschaft der Schwarzwälder Uhrenstadt Schwenningen wurde zum Humus des 1935 Geborenen. Es beeindruckt, wie Wanglers Sozialisationsfiguren im Dritten Reich mit aufrechtem Gang auftraten, auch wenn mancher dieser kommunistischen NS-Opponenten im KZ auf dem Heuberg landete. Diesen Menschen ist auf Seite 29 ein Denkmal gesetzt: „Dieser Typus des klassenbewussten, bildungshungrigen und materiellen Wohlstand gering achtenden, politisch aktiven, gleichzeitig aber lebensfrohen und geselligen Arbeiters ist ausgestorben. Umso mehr scheint es geboten, gelegentlich an ihn zu erinnern“. Der junge Walter lernte hier die Armut kennen. Wurde in einer spärlich eingerichteten Zwei-Zimmer-Wohnung groß, lief sommers barfuss, im Winter mit langen, kratzenden Wollstrümpfen (am Leibchen) umher, ging aufs Plumpsklo und aß Roggen-Pfannkuchen ohne Eier.

Über Wangler, der 1944 noch HJ-Pimpf geworden war, wölbte sich nach dem Zusammenbruch mit der „Schwäbischen Volksjugend“ ein sozialistisches Weltbild. 1950 erhielt er die West-Jugendweihe, fuhr zum ersten gesamtdeutschen FDJ-Zeltlager ins württembergische Jagsthausen und später mehrfach unter Abwehrversuchen des Bundesgrenzschutzes nach Ostberlin. Seinen Wunsch, nach dem in Schwenningen mit einem zweijährigen Hilfsarbeiter-Zwischenspiel erworbenen Abitur in Leipzig Journalistik zu studieren, drehte ihm die dortige Anlaufstelle gegen seine fatale MfS-Verpflichtungserklärung von 1957 zu einem Studium der Wirtschafts- und Sozialwissenschaften in Freiburg und Wilhelmshaven um. Seine Führungsleute hofften, ihn bei Karriere-Erfolg abzuschöpfen und verlangten ihm einstweilen nur banale Informationen ab.

An der Wilhelmshavener Hochschule für Sozialwissenschaften wurde 1962 vor deren Eingliederung in die Universität Göttingen der Diplom-Sozialwirt gebaut. Davor herrschten für das Sammelsurium aus nationalsozialistisch belasteten und aus der Emigration als NS-Gegner zurückgekehrten Dozenten und Studierenden paradiesische Studienbedingungen. In Göttingen promovierte unser Romanheld 1969 mit einer agrar-sozialpolitischen Thematik. Seine Ostkontakte schienen eingeschlafen. Doch die Ostberliner Normannenstrasse meldete sich in der Promotionszeit nochmals. Der Promovierte nahm nach kurzer Stellensuche seine Lehrtätigkeit in neuer Zeit im Übergang von der Höheren Fachschule für Sozialarbeit der Arbeiterwohlfahrt Düsseldorf zur Fachhochschule im Verbund mit ökonomischen und technischen Fachbereichen auf. Die wilde Nach-68er-Zeit mit paralysierter Hochschul-Organisation, Miss-Management, Ideologisierung der Lehrinhalte, aber dann auch ermutigenden Reformen zur Praxisnähe klingt an. Zwischendurch fragte sich Wangler (Seite 222): „Unstrittig war jedenfalls, dass sich Teile des eher großbürgerlichen Milieus meiner Weltanschauung bemächtigt hatten. Aber ging das wirklich zusammen, Bourgeoisie und Sozialismus? Konnten die in den Palästen das gleiche denken und wollen wie die in den Hütten?“ Bei all dem fürchtete der nun Lehrende das Wiederaufleben der Ostkontakte und vermied jegliche Nachrichtenzeile. Verzichtete sogar auf die aussichtsreiche Kandidatur als Rektor in Düsseldorf.

1980 erhielt Wangler dann aber doch Besuch vom Bundeskriminalamt. In dessen Fadenkreuz war er durch den 1979 mit Unterlagen in den Westen übergelaufenen MfS-Oberleutnant Werner Stiller geraten. Die Folge waren um Ostern 1980 herum harte Gegenreaktionen auf den jugendlichen Fehltritt von 1957 mit Festnahme sowie von der Bundesanwaltschaft Karlsruhe veranlasster, gut sechswöchiger Inhaftierung in Bonn mit verdächtigenden Verhören. Weil die anfänglichen MfS-Kontakte aber verjährt waren, durfte der Ex-„Spion mit Deckname ‚Schwabe‘“ wieder als Professor ohne jegliches Disziplinarverfahren lehren.

Diskussion

Der Bildungs- und Wissenschafts-Roman Wanglers liest sich für den aufgeschlossenen, am Ost-West-Konflikt in unserem Land interessierten Zeitgenossen ungemein spannend. Sprachlich hat der Autor elegant, oft mit Witz formuliert. Der Berufswunsch der Journalistik wäre gewiss nicht verfehlt gewesen. Kostprobe: Aldi Nord, Aldi Süd, Aldi Knast für die Untersuchungshaft, die „Ragout ‚feng‘“-Bestellung seines sächsischen Instrukteurs oder das Ende der Wilhelmshavener Hochschuldorf-Abende: Nach langen, sommerlichen Kneipennächten stand die morgendliche Flasche frischer Milch schon vor der Heimkehr vor der Tür.

Über allem Anekdotischen klingen aber die politischen, literarischen und künstlerischen Zeitströmungen vielfältig an. Die NS-Zeit und der Zusammenbruch sind aus der Sicht des Kindes ungemein glaubwürdig und spannend erzählt. Dann kommen philosophische Gedanken auf, die angesichts der Bindungen des Jugendlichen an das MfS die Willensfreiheit und die Schuldfrage (vielleicht doch etwas entschuldigend?) reflektieren. Der Autor schreibt wohltuend unprätentiös, ohne Selbsterhöhung, so wahrhaftig, dass man ihm jede Schilderung sofort abnimmt, ob er nun vom Flankenball von der Eckfahne, vom Gaisburger Marsch oder von den psychologischen Beziehungen zwischen Kandidat, Prüfer und Kommission einer Mündlichen Prüfung erzählt.

Sprachlich vermag sich der Erzähler treffend in die Ausdrucksweise der 1940er- und 1950er-Jahre zurück zu versetzen. Man liest Originalton von vor 70 und vor 60 Jahren. Über allem ist die Vielseitigkeit dieser Lebensbilanz im Ost-West-Kraftfeld nicht zuletzt Frucht der Wilhelmshavener und Göttinger sozialwissenschaftlichen Interdisziplinarität.

Fazit

Ein äußerst gehaltvoller und instruktiver Lebensroman eines lehrenden Zeitgenossen im einstigen, explosiven Ost-West-Schnittfeld, der wirklich etwas erlebt hat und es mitzuteilen vermag. An dieser Lebensgeschichte sollte man nicht vorüber gehen, ohne sie zu lesen.


Rezensent
Prof. Kurt Witterstätter
Dipl.-Sozialwirt, lehrte bis zur Emeritierung 2004 Soziologie, Sozialpolitik und Gerontologie an der Evangelischen Fachhochschule Ludwigshafen - Hochschule für Sozial- und Gesundheitswesen; er betreute zwischenzeitlich den Master-Weiterbildungsstudiengang Sozialgerontologie der EFH Ludwigshafen
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Zitiervorschlag
Kurt Witterstätter. Rezension vom 13.03.2010 zu: Walter Wangler: Deckname Schwabe. Der Spion, der aus dem Schwarzwald kam. Pahl-Rugenstein (Bonn) 2010. ISBN 978-3-89144-425-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/9166.php, Datum des Zugriffs 16.10.2019.


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