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Rene T. Proyer, Tuulia M. Ortner: Praxis der psychologischen Gutachtenerstellung

Cover Rene T. Proyer, Tuulia M. Ortner: Praxis der psychologischen Gutachtenerstellung. Schritte vom Deckblatt bis zum Anhang. Verlag Hans Huber (Bern, Göttingen, Toronto, Seattle) 2010. 168 Seiten. ISBN 978-3-456-84782-5. 24,95 EUR.

Reihe: Psychologie Lehrtexte.
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Thema und Zielgruppe

Ein fachgerechtes Psychologisches Gutachten stellt idealerweise eine wissenschaftliche Leistung dar, die zur Beantwortung einer "lebenspraktisch relevanten" Fragestellung beiträgt. Eine solche Frage, die an Psychologinnen oder Psychologen herangetragen wird, wird im Prozess der Begutachtung in empirisch prüfbare Hypothesen übersetzt, die im Rahmen einer psychologisch-diagnostischen Untersuchung geprüft werden.

Im schriftlichen Gutachten müssen die Ergebnisse dieses diagnostischen Prozesses und die daraus gezogenen Schlussfolgerungen vollständig und in transparenter und vor allem nachvollziehbarer Weise dokumentiert werden. Um diese Transparenz und Nachvollziehbarkeit zu erreichen, hat sich in der Praxis der psychologischen Begutachtung ein standardmäßiger Aufbau von Gutachten etabliert. Der vorliegende Band von Proyer und Ortner stellt diesen Aufbau vor, erläutert die Inhalte der einzelnen Gutachtenabschnitte und illustriert charakteristische Fehler, die bei der Gestaltung gemacht werden, an Beispielen, die vorwiegend studentischen Gutachten entstammen.

Das Buch richtet sich an Studierende, aber auch Praktiker, die mit der Erstellung psychologischer Gutachten betraut sind. Es will existierende Lehrbücher zur psychologischen Begutachtung nicht ersetzen, sondern soll eine anschauliche, praxisnahe Ergänzung der bestehenden Literatur darstellen, die als Lehrbuch und praktischer Leitfaden zugleich dienen kann.

Autoren und Entstehungshintergrund des Bandes

Dr. René T. Proyer arbeitet als Oberassistent am Psychologischen Institut der Universität Zürich, Fachrichtung Persönlichkeitspsychologie und Diagnostik. Seine Forschungsinteressen liegen in den Bereichen der Positiven Psychologie sowie der Testkonstruktion und der psychologischen Diagnostik durch Objektive Persönlichkeitstests und Computertests.

Dr. Tuulia M. Ortner ist als Juniorprofessorin an der Freien Universität Berlin, Fachbereich Erziehungswissenschaft und Psychologie, im Arbeitsbereich Psychologische Diagnostik und Intervention beschäftigt. Sie forscht ebenfalls zu Objektiven Persönlichkeitstests sowie zur (Geschlechter-)Fairness diagnostischer Methoden und zum Thema Adaptives Testen.

Der vorliegende Band basiert auf den Erkenntnissen und Erfahrungen, welche die Autoren im Rahmen ihres Studiums und ihrer späteren Lehrtätigkeit am Lehrstuhl für Psychologische Diagnostik an der Universität Wien gesammelt haben. Er wurde über mehrere Jahre als Skriptum für dortige Studierende verwendet; entsprechend greift er typische Probleme auf, die Studierende bei der Abfassung psychologischer Gutachten berichtet haben.

Aufbau und Inhalt

Der Band umfasst 14 Kapitel, einen Anhang und ein Literaturverzeichnis.

In einem einführenden Kapitel 1 ("Grundlagen") definieren die Autoren den Begriff des psychologischen Gutachtens, grenzen ihn von verwandten Begriffen (Befund, Stellungnahme, Bericht) ab und beleuchten die Rollen der am psychologisch-diagnostischen Prozess beteiligten Parteien (Auftraggeber, Auftragnehmer, begutachtete Personen). In diesem Kapitel bringen sie deutlich zum Ausdruck, dass im Zentrum des Gutachtens eine wohldefinierte Fragestellung steht, die für den Auftraggeber von praktischer Bedeutsamkeit ist und die es mittels wissenschaftlich fundierter psychologisch-diagnostischer Methoden konkret zu beantworten gilt.

Kapitel 2 ("Formaler Aufbau eines Gutachtens") gibt einen Überblick des formalen Grundgerüsts psychologischer Gutachten und betont die Nützlichkeit eines einheitlichen, klaren Aufbaus für die Kommunikation zwischen den Beteiligten. Es zeigt zudem auf, dass die für ein Gutachten notwendige umfassenden Hypothesenbildung nur auf der Grundlage fundierten psychologischen Hintergrundwissens erfolgen kann.

In den verbleibenden 12 Kapiteln beschreibt der Band das Vorgehen bei der Erstellung eines Gutachtens geordnet nach dem vorgestellten Aufbau, beginnend mit dem Deckblatt und endend mit der Zusammenfassung.

In Kapitel 3 ("Das Deckblatt") finden sich neben der schablonenhaften Vorlage für ein solches Deckblatt Ausführungen zu der Frage, ob und in welcher Form die im Rahmen der Begutachtung gewonnenen Ergebnisse den Testpersonen zugänglich gemacht werden sollten. Zudem wird auf die Notwendigkeit eingegangen, dem Prozess der Begutachtung eine eindeutige sowie fachlich, ethisch und rechtlich vertretbare Fragestellung zu Grunde zu legen.

Das lediglich eine Seite umfassende Kapitel 4 ("Der bisherige Sachverhalt") fasst die Funktionen und zentralen Inhalte dieses Gutachtenabschnitts zusammen, in dem faktische Informationen aus der Vorgeschichte wiedergegeben werden, die zu dem psychologischen Gutachtenauftrag geführt hat.

Kapitel 5 ("Hypothesen und Anforderungen") zeigt auf, wie eine vorgegebene Fragestellung in empirisch prüfbare Hypothesen übersetzt und ein so genanntes "Anforderungsprofil" entwickelt werden kann; letzteres stellt eine typische Aufgabe in der Berufseignungsdiagnostik dar.

Das umfassende Kapitel 6 thematisiert die "Auswahl und Beschreibung der eingesetzten psychologisch-diagnostischen Verfahren". Hier werden theoretische, methodische und pragmatische Kriterien erläutert, die bei der Zusammenstellung einer Batterie von Untersuchungsverfahren herangezogen werden können, um das Anforderungsprofil bestmöglich zu operationalisieren.

In Kapitel 7 ("Das diagnostische Gespräch und seine Darstellung") gehen die Autoren auf die Vorteile einer durch Leitfäden strukturierten, zielgerichteten Gesprächsführung ein und listen typische "Laster" der Gesprächsführung auf. Daneben verdeutlichen sie, welche Gesichtspunkte (z.B. sprachliche Konventionen, strikte Trennung von getätigten Aussagen und Interpretationen, Vollständigkeit der für die Fragestellung relevanten Informationen) bei der schriftlichen Zusammenfassung von Gesprächen zu beachten sind.

Kapitel 8 befasst sich mit der "Darstellung von Testergebnissen", die eine kurze Beschreibung der verwendeten Verfahren und der genutzten Referenzstichprobe sowie die Nennung und Interpretation der erzielten Normwerte umfasst. Hier werden insbesondere die verschiedenen gebräuchlichen Normtypen und zugehörige Konzepte (Konfidenzintervalle, Kritische Differenzen) erläutert. Beispiele verdeutlichen die angemessene Wiedergabe von Resultaten aus Leistungs- und Persönlichkeitstests. Knapp wird ferner auf sog. Objektive Persönlichkeitstests, semiprojektive, nonverbale und projektive Verfahren eingegangen.

Die Verwertung untersuchungsbegleitender "Gelegenheitsbeobachtung und ihre Darstellung" ist Gegenstand von Kapitel 9. Auch hier wird der Stellenwert solcher Beobachtungen im Rahmen der Begutachtung herausgearbeitet und exemplarisch illustriert.

Kapitel 10 ("Zusammenfassung der Ergebnisse") befasst sich mit einem Abschnitt des Gutachtens, in dem die erzielten fragestellungsrelevanten Ergebnisse noch einmal übersichtlich zusammengefasst werden.

In Kapitel 11 ("Stellungnahme und Entscheidung") wird der wohl komplexeste Teil des Gutachtens, die Integration der gewonnenen Befunde zu einer eindeutigen Antwort auf die gutachterliche Fragestellung, behandelt. Das Kapitel beschränkt sich hierbei vorwiegend auf die Probleme bei der eindeutigen und fachlich angemessenen Formulierung von Schlussfolgerungen. Die dahinter stehenden Entscheidungsprozesse, die etwa die Gewichtung von Informationen oder den Umgang mit widersprüchlichen Daten betreffen, werden lediglich knapp thematisiert.

Das Kapitel 12 behandelt unter der Überschrift "Empfehlung (Interventions-/Maßnahmenvorschlag)" die Ableitung und Formulierung möglichst konkreter und umsetzbarer Vorschläge dazu, welche Konsequenzen der Auftraggeber aus dem Gutachten ziehen kann.

Sehr kurz werden auf einer Seite in Kapitel 13 ("Zusatz und Anhang") Formulierungen für eine Schlussformel des Gutachtens vorgeschlagen, welche die Einhaltung rechtlicher, fachlicher und ethischer Standards bestätigen soll.

Zur "Zusammenfassung" des Gutachtens, die an seinem Anfang oder Ende stehen kann, findet sich Kapitel 14, das lediglich aus einem Absatz besteht.

Im Anhang werden zusammenfassend Gütekriterien psychologischer Gutachten sowie ein Katalog mit Anforderungen an Gutachter und Gutachten aufgeführt.

Diskussion

Der Band entspricht, was die Darstellung des Aufbaus und der sprachlichen Gestaltung psychologischer Gutachten betrifft, dem "state of the art". Er erläutert ausgehend vom Standard-Aufbau eines Gutachtens die einzelnen Gutachtenabschnitte und verdeutlicht zugleich, welche – oftmals komplexen und zeitaufwendigen – Überlegungs- und Entscheidungsprozesse auf Seiten des Gutachters in diese Abschnitte einfließen.

Damit werden zentrale Gesichtspunkte dieser verantwortungsvollen Tätigkeit systematisch zusammengefasst und in leicht verständlicher, gleichwohl fachlich präziser Sprache kommuniziert. Gleichwohl hätte die Anschaulichkeit durch eine bessere didaktische Aufbereitung des Stoffes (z.B. in Form von Übersichtsgrafiken, Merksätzen oder Checklisten) optimiert werden können.

Fragen wirft auch die Gewichtung und Integration der einzelnen Kapitel auf. Handelt es sich beim Verfassen des Gutachtens teils um eine eher "handwerkliche" Leistung, besteht die eigentliche Schwierigkeit der Begutachtung in der systematischen Untersuchungsplanung, der Adaptation dieser Planungen im Laufe des diagnostischen Prozesses und der Ergebnisintegration. Diese Aspekte werden jedoch nur knapp behandelt. Hier hätte man sich mehr Hinweise zu Hilfsmitteln und Techniken bei diesen Schritten der Gutachtenerstellung gewünscht.

Eine Besonderheit des Bandes liegt darin, dass er seine Beispiele fast ausschließlich studentischen Gutachten zur Leistungs- und Persönlichkeitsdiagnostik entnimmt, welche im Rahmen von Lehrveranstaltungen angefertigt wurden. Nach Erfahrungen der Rezensentin aus ihrer mehrjährigen Lehr- und Praxistätigkeit in der psychologischen Begutachtung werden damit Formulierungsprobleme illustriert, die für die Gutachtenerstellung tatsächlich charakteristisch sind. Leider wird nur auf Fehler hingewiesen; es finden sich nahezu keine konstruktiven Verbesserungen dieser Formulierungen und auch keine Positiv-Beispiele für gelungene Gutachtenpassagen. Von Seiten Studierender werden jedoch vor allem Beispiele formal und inhaltlich korrekter Gutachtenbausteine oder Gegenüberstellungen missverständlicher und treffender Formulierungen als hilfreich empfunden. Auch ein oder zwei komplette "Mustergutachten" (ggf. kommentiert hinsichtlich ihrer Stärken und Schwächen) hätten dem Band sicherlich gut getan. Vor allem die Zusammenhänge zwischen der übergeordneten Fragestellung des Gutachtens, ihre "Übersetzung" in psychologische Hypothesen, deren Operationalisierung durch standardisierte und nicht-standardisierte Untersuchungsverfahren und die Rückübersetzung der Ergebnisse in eine Antwort auf die Fragestellung wären so deutlicher geworden.

Fazit

Der vorliegende Band stellt den Aufbau psychologischer Gutachten strukturiert, transparent und nachvollziehbar dar. Wie auch die Autoren in ihrem Vorwort betonen, eignet er sich nicht als eigenständiges Lehrbuch der psychologischen Gutachtenerstellung; hierzu erscheint er angesichts der Kürze, mit der wichtige Fragen und Probleme der Begutachtung thematisiert werden, zu straff gefasst. Er kann dagegen ausgezeichnet zur Veranschaulichung typischer Fehler und Probleme herangezogen werden, wie sie bei der Formulierung von Gutachten auftreten können.


Rezensentin
Dr. Anne-Kathrin Mayer
Leibniz-Zentrum für Psychologische Information und Dokumentation (ZPID), Trier
Homepage www.zpid.de/profile/team.php?person=mayer
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Zitiervorschlag
Anne-Kathrin Mayer. Rezension vom 29.04.2010 zu: Rene T. Proyer, Tuulia M. Ortner: Praxis der psychologischen Gutachtenerstellung. Schritte vom Deckblatt bis zum Anhang. Verlag Hans Huber (Bern, Göttingen, Toronto, Seattle) 2010. ISBN 978-3-456-84782-5. Reihe: Psychologie Lehrtexte. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/9169.php, Datum des Zugriffs 19.11.2018.


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