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Anja Hartung, Bernd Schorb u.a.: Alter(n) und Medien

Cover Anja Hartung, Bernd Schorb, Daniela Küllertz, Wolfgang Reißmann: Alter(n) und Medien. Theoretische und empirische Annäherungen an ein Forschungs- und Praxisfeld. Vistas Verlag (Berlin) 2009. 122 Seiten. ISBN 978-3-89158-511-5. 12,00 EUR.

Thüringer Landesmedienanstalt : TLM-Schriftenreihe - Band 20.
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Thema

Der vorliegende Band befasst sich mit dem Alter als relativ neuem Thema in der Medienwissenschaft und Medienpädagogik. Wie gehen ältere Menschen mit Medien um, und was bedeuten die Medien für sie? Behandelt werden im Buch der wissenschaftliche Kenntnisstand, Forschungsdefizite und neue Forschungsfelder. In einem empirischen Teil wird mittels einer explorativen Studie das tatsächliche Medienhandeln analysiert. Zudem werden Ansätze für Medienkompetenzprojekte dargestellt und weitergedacht.

AutorInnen

Dr. Bernd Schorb hat das hier dokumentierte Projekt geleitet. Er ist Professor für Medienpädagogik und Weiterbildung an der Universität Leipzig.

Dr. Anja Hartung und Wolfgang Reißmann waren dort wissenschaftliche Mitarbeiterin und Mitarbeiter. Daniela Küllertz promoviert an der Universität Magdeburg zur Medienbildungstheorie.

Entstehungshintergrund

Das vorliegende Buch geht auf einen Auftrag der Thüringer Landesmedienanstalt (TLM) zurück. Die empirische Studie wurde zusammen mit Studierenden der Universität Leipzig durchgeführt.

Aufbau

Nach einer kürzeren Einführung beginnt das erste Kapitel mit einem Problemaufriss zum „Alter(n) in mediatisierten Gesellschaften“. Das zweite Kapitel – mit 36 S. das umfangreichste – gibt einen Überblick über den Kenntnisstand zum Thema „Medien und höheres Lebensalter“. Die empirische Studie wird dann in Kapitel drei auf 20 S. vorgestellt. Kapitel vier diskutiert die Vermittlung von Medienkompetenz, und Kapitel fünf gibt einen Ausblick auf Forschung und Praxis.

Inhalt

In der öffentlichen Diskussion wird auch von älteren Menschen zunehmend Medienkompetenz eingefordert, besonders im Hinblick auf die Neuen Medien. Die AutorInnen zeigen, wie in den Debatten teils unhinterfragte Alternsbilder wirksam werden, die zwischen Überforderung und Alter(n)sdiskriminierung streuen. Als ein erstes Korrektiv sehen es die AutorInnen an, dass die Standpunkte älterer Menschen selbst in den Medien präsent werden, als Voraussetzung für ein angemessenes Situationsverständnis.

Ebenso solle sich die Alter(n)smedienforschung an den Lebenssituationen und alltäglichen Erfahrungen der Menschen orientieren. Entsprechendes gelte für die praktische Medienarbeit: Sie habe die Interessen und Bedürfnisse der Älteren ernst zu nehmen und dabei auf Entwicklungsmöglichkeiten zu achten. Insgesamt sprechen sich die AutorInnen für eine deutliche Subjektorientierung aus.

Die Zusammenstellung des Kenntnisstands streut breit zwischen Studien aus der Medien- und Kommunikationswissenschaft sowie gerontologischen Arbeiten. Die verschiedenen Perspektiven werden hier aufeinander bezogen. Die AutorInnen nehmen vor allem gegenüber unhinterfragten Ergebnissen quantitativer Medienforschung eine kritische Haltung ein. Sie betonen demgegenüber einen erheblichen Bedarf an qualitativen Studien, die auf die Bedeutung von Medien für die Selbst- und Weltkonstitution fokussieren. Wichtig sei es dabei, die Vielfalt der Lebensformen im Alter zu beachten.

Die Medien Fernsehen und Internet könnten sich als künftige Forschungsschwerpunkte abzeichnen:

  • Die Nutzung des Fernsehens sei in Verbindung mit anderen Medien und deren Inhalten zu untersuchen (Medienkonvergenz), ebenso bezogen auf soziale, kulturelle, geschlechts- und milieuspezifische sowie individuelle Faktoren.
  • Das Internet betrachten die AutorInnen einerseits hinsichtlich einer möglichen Demokratisierung, andererseits bezüglich eines Gewinns an Selbstbestimmung und der Vernetzungsmöglichkeit wichtiger Lebensräume älterer Menschen.

Die explorative Studie zielt auf eine Vertiefung und Erweiterung des referierten Kenntnisstands. Mittels eines leitfadengestützten Interviews wurden 25 Personen zwischen 60 und 83 Jahren befragt. Unter Berücksichtigung biografischer Aspekte ging es um die medialen Vorlieben und Gewohnheiten. Die Interviews wurden transkribiert, und anhand eines vorab erstellten Kategoriensystems wurden „Fallbeschreibungen“ (S. 65) erarbeitet.

Dieses Vorgehen erbrachte idealtypisch folgende Zugangs- und Umgangsweisen (traditionelle wie Neue Medien inbegriffen):

  • „Orientierung an Gewohnheiten“,
  • „expertenwissenbezogene Selektion“,
  • „intellektuell-ästhetische Selektion“,
  • „schöpferisch-kreatives Medienhandeln“ (etwa Textverarbeitung und Bildbearbeitung),
  • „aus sozialen Bindungen hervorgehendes Medienhandeln“ und
  • „Unterhaltungssuche“ (S. 68–70)

Formelhaft ließen sich die Ergebnisse wie folgt zusammenfassen: „dass die Nutzung des traditionellen Medienensembles stark mit den im Lebenslauf entwickelten Gewohnheiten verbunden ist, während der Gebrauch der Neuen Medien eine in hohem Maße interessengeleitete oder soziale Motivation voraussetzt“ (S. 66).

Bei den Neuen Medien zeigte sich, dass fast die Hälfte der Interviewten das Internet nicht nutzt. Mit Computer und Internet werden vor allem schon vorhandene Interessen weiterverfolgt. Diese Medien haben aber nachgeordnete Bedeutung: Im Prinzip könne man auf sie verzichten, so sagen die Interviewten. Wissen werde mit den Neuen Medien gezielt erweitert; bloße Unterhaltung werde dagegen nicht gesucht. Auch E-Mail diene nur der Ergänzung.

Ein besonderes Forschungsinteresse galt den biografischen Bedingungen. Hier habe sich die Hypothese der Wirksamkeit biografischer Erfahrungen auf die Medienaneignung bestätigt. Besonders bedeutend war für die Interviewten, die fast alle aus dem Osten Deutschlands stammen, die Wende von 1989, in deren Folge sich das Medienangebot vervielfältigte und bisherige Angebote verschwanden.

Die AutorInnen zeigen anhand ausgewählter Programme und Initiativen, wie medienpädagogische Praxis mit älteren Menschen sich aktuell gestaltet. Diese Programme würden überwiegend ein defizitäres Bild von Menschen zeichnen, die mit der medialen Entwicklung nicht Schritt gehalten haben. In den Konzeptionen ginge es vor allem um die Vermittlung und die Beherrschung technischer Abläufe. Die AutorInnen sehen hierin eine Verkürzung, weil die Bedürfnisse und selbstgesetzten Zwecke älterer Menschen noch nicht genügend gewichtet würden. So müssten sich die Angebote stärker an den Erfordernissen des Alltags ausrichten.

Diskussion

Das Buch hat – mit theoretischer Aufarbeitung und explorativer Studie – den Anspruch erfüllt, eine verbesserte Grundlage für die medienpädagogische Arbeit mit älteren Menschen anzubahnen. Dabei konnten insbesondere Anhaltspunkte für stärker bedürfnisorientierte Angebote gewonnen werden. Eine diesbezügliche Gefahr der Verkürzung in der bisherigen Forschung, Theorie und Praxis ist durch die Darstellung einsichtig geworden.

Man sollte aber beachten, dass es sich beim vorliegenden Bericht nur um eine Pilotstudie handelt. Folglich sind Vorbehalte anzubringen: Mit der Schilderung des Kenntnisstandes zu Medien im höheren Lebensalter beanspruchen die AutorInnen selbst zum Teil nicht mehr, als einen „kursorischen Überblick“ (S. 12) zu geben. Auch die empirische Studie ist keineswegs schon hinreichend detailliert und hatte mit interpretativen Hürden zu kämpfen. Man sollte deshalb im Vorgelegten in erster Linie triftige Hinweise sehen, die weiter zu verfolgen sind.

Methodisch unbefriedigend ist, dass die Studie mit einem vorab entwickelten Kategoriensystem ausgewertet wurde: Das schränkt den qualitativ-subjektorientierten Ansatz ein. Was Milieus und Sozialisationsbedingungen betrifft, ist zu beachten, dass die Interviewten in der Mehrzahl ein Studium absolviert hatten, sodass die gezogene Stichprobe vielleicht über größere Basiskompetenzen verfügt, sich den Umgang gerade mit den Neuen Medien anzueignen.

Fazit

Das Buch gibt aufschlussreiche Anhaltspunkte und Reflexionskriterien für alle LeserInnen, denen das Medienhandeln älterer Menschen ein wichtiges Thema ist. Da hier aber nur der Bericht eines Pilotprojekts vorliegt, tut man gut daran, die Ergebnisse als vorläufig zu betrachten und sie nicht vorschnell zu verallgemeinern.


Rezension von
Prof. Dr. Christian Beck
Pädagogische Forschung und Lehre
Homepage www.cbeck-aktuell.de


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Zitiervorschlag
Christian Beck. Rezension vom 09.06.2010 zu: Anja Hartung, Bernd Schorb, Daniela Küllertz, Wolfgang Reißmann: Alter(n) und Medien. Theoretische und empirische Annäherungen an ein Forschungs- und Praxisfeld. Vistas Verlag (Berlin) 2009. ISBN 978-3-89158-511-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/9175.php, Datum des Zugriffs 05.07.2020.


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ISSN 2190-9245

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