Sandra Dlugosch: Mittendrin oder nur dabei?
Rezensiert von Prof. Dr. jur. Ute Ingrid Haas, 21.06.2010
Sandra Dlugosch: Mittendrin oder nur dabei? Miterleben häuslicher Gewalt in der Kindheit und seine Folgen für die Identitätsentwicklung. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2010. 294 Seiten. ISBN 978-3-531-17153-1. 39,95 EUR.
Thema
Gewalterfahrungen sowohl in der Kindheit als auch erzeugt im familiären Kontext sind mittlerweile durch Wissenschaft und Forschung anerkannte Risikofaktoren, die einem gesunden und kindgerechten Aufwachsen ohne größeren Abweichungen durchaus erheblich im Wege stehen können. Die Betroffenen selber, die Kinder, sind dabei lange Zeit „stumme Zeugen“ häuslicher Gewalt gewesen; so gibt es nur wenig Literatur zum kindlichen Erleben häuslicher Gewalt aus der Perspektive der Betroffenen selbst, und erst in wenigen Studien wird danach gefragt, welche Auswirkungen diese Zeugenschaft von häuslicher Gewalt auf ihre Identitätsentwicklung haben könnte.
Zu Beginn der öffentlichen Thematisierung von häuslicher Gewalt und der beginnenden Enttabuisierung von Gewalt in der Familie als eine private Angelegenheit rückten zunächst die überwiegend betroffenen Frauen in den Mittelpunkt von Beratungsstellen, Frauenhäusern und der wissenschaftlichen Evaluierung dieses menschlichen Verhaltens. Die Kinder standen im Schatten ihrer Mütter und wenn mit ihnen gearbeitet wurde, dann häufig abgeleitet von der Arbeit mit der Mutter. Immerhin hat die Arbeit mit den betroffenen Frauen eindrucksvoll zu Tage gefördert, dass die transgenerationale Weitergabe von Gewalterfahrungen in der Familie ein gewichtiges Problem darstellt. Nicht zuletzt aufgrund dieser Erkenntnis haben die Kinder misshandelter Mütter eine eigenständige Position als Betroffene häuslicher Gewalt zuerkannt bekommen. Kinder als Opfer häuslicher Gewalt sind nicht länger stumme Zeugen und haben spätestens seit der hier vorgestellten Arbeit eine Stimme erhalten, die nicht zu überhören sein wird.
Im Mittelpunkt des Erkenntnisinteresses des vorliegenden Werkes stehen Fragen danach, wie Kinder und Jugendliche die gewaltgeprägte Beziehung ihrer Eltern bzw. das gewaltgeprägte Milieu ihres häuslichen Bereiches erlebt und was diese Gewalterfahrungen für ihre eigene Entwicklung bedeutet haben. Die Verfasserin belässt es allerdings nicht dabei, nur den Blick auf die negativen Erfahrungen der Betroffenen zu richten, sondern geht auch der Frage nach, was den Kindern und Jugendlichen in dieser Zeit geholfen hat, ihre Erlebnisse zu verarbeiten bzw. zu kompensieren.
Entstehungshintergrund
Bei dem vorliegenden Werk handelt es sich um die Dissertation der Verfasserin. Die Dissertation ist vor dem Hintergrund eigener Tätigkeit der Verfasserin als Sozialpädagogin sowie Gestalt- und Traumatherapeutin in einer Beratungsstelle für Mädchen und junge Frauen von IMMA e. V. in München entstanden. Bereits in ihrer Diplomarbeit (Dlugosch 2001) hatte sich die Verfasserin mit Konzepten der Arbeit mit Kindern im Frauenhaus befasst und ist so über Jahre dem Thema verbunden.
Aufbau und Inhalt
Das Werk der Verfasserin gliedert sich in einen theoretischen Teil zur häuslichen Gewalt (Kapitel 2 und 3), in ein Kapitel zur Methodik (Kapitel 4) sowie in einen empirischen Teil (Kapitel 5 – 8), der mit dem siebten Kapitel einen Abstecher in die Theorie der Identitätsentwicklung unternimmt. Der knappen Zusammenfassung und dem Fazit in Kapitel 9 folgt ein ausgesprochen eindrucksvolles Literaturverzeichnis, welches an sich schon ein Gewinn ist. Das Literaturverzeichnis gibt über 13 Seiten einen eindrucksvollen Überblick über den nationalen und internationalen Stand der Forschung zu dem Thema.
In ihren theoretischen Ausführungen stellt die Verfasserin ganz vorzüglich den aktuellen Stand der Forschung zum Thema „Kinder und häusliche Gewalt“ sowie zu den Auswirkungen von häuslicher Gewalt unter den Aspekten der Entwicklungspsychologie, der Resilienzforschung sowie den Genderaspekten dar. Hier findet der Leser, der sich in das Thema einarbeiten möchte, einen fundierten und beachtlich zusammen getragenen Überblick.
Ebenso zu bewerten ist das vierte Kapitel zur Methodik. Der Verfasserin ist großen Respekt für ihre Transparenz zu zollen, mit der sie ihr Forschungsinteresse und vor allen Dingen die Auswahl ihrer Forschungsmethoden sowie das Auswahlverfahren und die praktische Seite deren Durchführung offen legt. Nun könnte man einerseits bemerken, dass bei einem so kleinen Sample, auf der die Arbeit basiert, der Verfasserin keine andere Wahl geblieben ist. Zutreffender ist es jedoch, dass die Verfasserin unabhängig von der Größe des Samples keine Mühe gescheut hat, sehr detailliert und damit vorbildhaft nicht nur das Gelingen, sondern gerade auch die Schwierigkeiten qualitativer Forschungsarbeit zu benennen. Und gerade qualitative Forschungsarbeit ist ein schwieriges Geschäft, wie die vorliegende Arbeit eindrucksvoll belegt. Sie ist daher umso wertvoller, da sie Einblicke in menschliche Reaktionen und Befindlichkeiten gibt, die allein durch Quantität nicht ihren Ausdruck fänden.
In ihrer Darstellung zu den Ergebnissen aus den Interviews geht die Autorin gut nachvollziehbar und sehr systematisch vor. Sie stellt in ihrem fünften Kapitel die InterviewpartnerInnen und ihre Familien vor. Anschließend, im sechsten Kapitel, schildert sie die Betroffenenperspektive aus der Retrospektive und gibt Auskunft über das kindliche Erleben von häuslicher Gewalt, zu Coping-Strategien, Ressourcen und Schutzfaktoren sowie anderen Elementen des Erlebens.
Bevor die Autorin dann in einem zweiten Ergebnisbaustein (Kapitel acht) zu den einzelnen InterviewparterInnen ihre Ausführungen zu den Identitätskonstruktionen darstellt, wird der Leser in Kapitel sieben in das Konzept der Identitätstheorie eingeführt. Das ist der Autorin sehr eindrucksvoll und lesenswert gelungen!
Ihre Zusammenfassung und das Fazit verdeutlichen, welche Auswirkungen das Miterleben von häuslicher Gewalt auf die Identitätsentwicklung von Kindern und Jugendlichen hat. Die Verfasserin appelliert dabei besonders an die Schulen und die Jugendhilfe, in diesem Bereich stärker als Helfer und Unterstützer für die Kinder und Jugendlichen tätig zu sein und sie in ihrem Erleben nicht alleine zu lassen. Die InterviewpartnerInnen gaben immerhin deutlich an, welche Auswirkungen die erlebte häusliche Gewalt auf ihre Ablöseprozesse gehabt hat, welche Unsicherheit in ihrer Identitätsentwicklung geherrscht hat und dass die Gefahr der transgenerationalen Weitergabe allgegenwärtig ist.
Zielgruppen
Das vorliegende Werk von Sandra Dlugosch sei vor allen Dingen den Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen der psychosozialen Beratungspraxis, von Frauenhäusern und Opferhilfeeinrichtungen empfohlen. Aber auch die Praktiker aus Polizei und Justiz sollten das Werk zur Kenntnis nehmen, denn es zeigt eindruckvoll, wie häusliches Gewalterleben in der Kindheit die Identitätsentwicklung prägt. Das Buch von Dlugosch bietet darüber hinaus für die Sozialwissenschaften und die Kriminologie wertvolle Erkenntnisse und einen hervorragenden Überblick über den Stand der Forschung und methodisches Vorgehen.
Fazit
Das Werk von Sandra Dlugosch ist von großem Wert für tiefe Einblicke in die Wirkung von Gewalt, besonders wenn sie im Kindes- und Jugendalter miterlebt wird. Aufgrund des transparent dargestellten Forschungsdesigns und der authentischen Berichte von Betroffenen bekommt das Thema eine persönliche Note jenseits größer angelegter quantitativer Forschungsarbeiten und stellt ergänzend zu ihnen eine große Bereicherung dar. Besonders auch der systemische Zugang in der Arbeit mit den Betroffenen zeigt die Bedeutung dieser Herangehensweise und verschafft ihr eine wirksame Öffentlichkeit. In diesem Buch, so schreibt Heiner Keupp in seiner Einleitung, entstehen originelle Blickweisen auf junge Erwachsene, die mit der Hypothek ihres gewalterzeugenden Familiensystems einen erheblich erschwerten Weg in eine souveräne Erwachsenenidentität zu bewältigen haben.
Rezension von
Prof. Dr. jur. Ute Ingrid Haas
Professur für Kriminologie und Viktimologie, Ostfalia Hochschule für angewandte Wissenschaften, Hochschule Braunschweig/Wolfenbüttel, Fakultät Soziale Arbeit - Institut für angewandte Rechts- und Sozialforschung
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