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Andrea Seelich: Handbuch Strafvollzugsarchitektur

Cover Andrea Seelich: Handbuch Strafvollzugsarchitektur. Parameter zeitgemäßer Gefängnisplanung. Springer (Berlin) 2009. 312 Seiten. ISBN 978-3-211-99207-4. D: 69,95 EUR, A: 69,95 EUR, CH: 108,50 sFr.
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Komplizenschaft wider Willen? – Architektur und Freiheitsentzug

„Wie es um die Menschenwürde in einer Gesellschaft bestellt ist, läßt sich nirgendwo so deutlich ablesen wie an ihrer Strafpraxis.” [1] – Gefängnisse nehmen daher in der Gesellschaft eine ganz besondere Stellung ein – die Strafvollzugsarchitektur bewegt sich daher in einem heiklen Spannungsfeld zwischen legitimen und illegitimen Menschenrechtsverletzungen.

Staatlicher Freiheitsentzug ist ein heikles Thema – schließlich bedeutet jegliche Strafsanktion eine Einschränkung der persönlichen Freiheit und der Bürger- und Menschenrechte. Auch wenn diese Sanktionen durch den rechtsstaatlichen Rahmen legitimiert werden, innerhalb dessen es zu Anklage und Verurteilung des Delinquenten gekommen ist, bleibt doch die Frage offen, wie mit der Bürger- und Menschenrechtsverletzung, die im Zuge der Verurteilung zu Gefängnisstrafe umgegangen wird.

Steht die Frage im Raum, wie sich Gefängnisse effektiver gestalten ließen, so muss diese Frage aus einer gewissen Distanz heraus beantwortet werden – zu leicht wäre es möglich sogenannte Handlangerdienste zu leisten, und damit selbst Teil einer Unrechtsmaschinerie zu werden.

Architektur schafft Raum und schafft damit auch Gewohnheiten. „Man sollte die Auswirkungen all dessen nicht unterschätzen. Orte prägen. Sie sind eine Schule des Sehens, sie haben Auswirkungen auf den Habitus, ja auf die Physiognomie derer, die sich in ihnen gewohnheitsmäßig bewegen. Wir orientieren uns an Orten durch Zeichensysteme. Und Zeichensysteme sind nicht nur etwas, worüber wir verfügen, sondern was über uns verfügt …“ [2] Die architektonischen Mittel strukturieren daher nicht nur die Erfahrung, sondern auch die Beziehung, die für Menschen möglich ist, die sich innerhalb solcher Orte aufhalten bzw. aufhalten müssen. Daher gilt: „Die räumlichen Beziehungen menschlicher Körper spielen … eine enorme Rolle für die Reaktion von Menschen aufeinander, dafür, wie sie einander sehen und hören, ob sie einander berühren oder Distanz waren.“ [3]

Von einem Handbuch, das diesen Titel auch zurecht trägt, sollte man erwarten können, dass es diese Interdependenzen adäquat analysiert und diskutiert … am Anfang steht also ein großes Versprechen: „Die vorliegende Arbeit baut auf der Analyse der Funktionen und Bedürfnisse aller Personen, die in einer Justizanstalt verkehren, auf.“ (S.12)

Autorin

Andrea Seelich studierte Architektur in Prag und beschloss ihr Studium mit einem interdisziplinären Doktorat (Gebäudelehre, Kriminologie, Strafvollzugskunde) an der TU Wien. Seit 2000 wird sie als Architektin und Konsulentin im Bereich des Strafvollzugs in Österreich und Tschechien beigezogen.

Entstehungshintergrund

Das Buch erwuchs aus verschiedenen Projekten, die Seelich im Laufe der letzten Jahre in Österreich und in Tschechien im Zusammenhang mit Strafvollzugsgestaltung durchgeführt hat. Sie besuchte dafür einige Justizvollzugsanstalten, um mit diesen eigenen Beobachtungen dem Buch auch Praxisnähe geben zu können – das äußert sich in ihrer Wiedergabe von persönlichen Gesprächen mit Betroffenen, sowie in Bildern von Gebäudestrukturen oder der persönlichen Beschreibung von unterschiedlichen Atmosphären und Situationen in diesen Anstalten.

Aufbau

Das Buch gliedert sich in acht Kapitel sehr unterschiedlicher Ausprägung – Es beginnt mit einem geschichtlichen Überblick über die Vielfalt an Bautypologien von Strafvollzugsanstalten (S.16-47), um dann das Phänomen Freiheitsentzug näher in den Blick zu nehmen (S.48-91). Das dritte Kapitel greift die gesetzlichen Rahmenbedingungen auf, die es in Österreich beim Bau, und der Neugestaltung von Strafvollzugsanstalten seitens der architektonischen Gestaltung zu berücksichtigen gilt (S.92-115). Das nachfolgende Kapitel beschreibt die unterschiedlichen Personengruppen, die in einem Gefängnis zusammentreffen (S.116-169). Das umfangreichste Kapitel beschäftigt sich mit den architektonischen Möglichkeiten in der Gestaltung dieser Institutionen (S.170-277). Die nachfolgenden drei Kapitel „Zeichen der Nutzung“ (S.278-287), “ Sicherheit“ (S.288-299) und „Tiere“ (S.300-303) beschließen das Buch.

Inhalt

Die Geschichte der Gestaltung von Strafvollzugsanstalten brachte unterschiedliche Typologien hervor, dabei handelt es sich um allgemeine Gestaltungsprinzipien und Strukturvorgaben, die einen Gefängnisbau ausmachen und charakterisieren. Seelich stellt einige dieser Typologie vor, und diskutiert dabei ihre Vor- und Nachteile im Hinblick auf den reibungslosen Ablauf innerhalb einer solchen Anstalt. Zur Sprache kommen die Änderungen im Strafvollzug, was die Verwendung von Einzel- und Gruppenhafträumen betrifft, was die geänderten Anforderungen an hygienische Einrichtungen in den Zellen angeht, und was generell den Umgang von Wachpersonal und Gefängnisinsassen berührt.

Das Thema Freiheitsentzug nimmt seitenmäßig einen großen Teil des Buches ein – Seelich streift Fragen zur Bedeutung des Freiheitsentzuges für Gefängnisinsassen, und Fragen zur Bedeutung des Freiheitsentzuges zur Aufrechterhaltung der Sicherheit in einer Gesellschaft.

Im Kapitel über die aktuelle Gesetzeslage nennt Seelich die rechtlichen Grundlagen, die bei der Errichtung und dem Betreiben von Justizstrafvollzugsanstalten gelten (Strafvollzugsgesetz, Strafprozessordnung, Jugendgerichtsgesetz), und die für Architekten, die sich mit dem Neubau, oder der Adaptierung von solchen Institutionen beschäftigen, von Belang sind. Es wird nur die österreichische Situation in den Blick genommen.

Das folgende Kapitel widmet sich der Frage, welche Gruppen von Menschen in Strafvollzugsanstalten zusammen- und aufeinander treffen – denn jede dieser Gruppen führt nicht nur die unterschiedlichsten Aufgaben durch, sondern ihren Bedürfnissen kann nur auf jeweils unterschiedliche Art und Weise entgegengekommen werden – Ein Gefängnis beherbergt Menschen, die sich teils freiwillig (Personal, Besucher, Spezialisten wie Anwälte, Ärzte, Sozialarbeiter, usw.), teils unfreiwillig in dieser Institution aufhalten (Häftlinge). Die Häftlinge selbst werden innerhalb der Institution noch funktional getrennt, je nach Haftdauer – es zeigt sich, dass all diese Gruppen sehr unterschiedliche Ansprüche, Bedürfnisse, und Verwendungsweisen für Interieur, Räume, und Struktur der Haftanstalt mitbringen bzw. entwickeln.

Das umfangreichste Kapitel des Buches beschäftigt sich mit der Architektur und greift auf die im Menschen-Kapitel herausgearbeiteten Charakteristika in den Bedürfnissen der verschiedenen Gruppen von Menschen zurück und entwickelt sie im Rahmen architektonischer Begriffe weiter. Es kommen verschiedene Eigenheiten des Strafvollzugs zur Sprache, die in unmittelbarer Relation zur Architektur stehen: Wie sind Strafvollzugsanstalten organisiert? Welche Funktionen werden von den sich darin aufhaltenden Menschen ausgeführt? Was gibt es für Besonderheiten in der Haftzeit zu berücksichtigen? – um nur einige Fragen zu benennen. Diese Aufgabenstellungen werden an vier Raumbeispielen konkretisiert: Die Gestaltung von Hafträumen, Besuchsräumen, Gängen und Höfen. Es werden dazu auch fünf verschiedene Bauelemente näher besprochen: Haftraumtüren, Haftraumfenster, Wände, Sanitäranlagen für Häftlinge, und Möbel. Diese Gestaltung von Strafvollzugsanstalten wir mittels vier architektonischer Werkzeuge diskutiert – Material, Farbe, Form, und Licht.

Die letzten drei Kapitel des Buches widmen sich auf relativ wenig Platz mit Fragen zur Nutzung von Strafvollzugsanstalten, Sicherheitsaspekten und dem Tierbestand in Gefängnissen (Haustiere, Nutztiere, Ungeziefer).

Diskussion

Es könnte so einfach sein: „Prisons and jails are designed to keep offenders separated from law-abiding citizens, and this task is accomplished by building walls to separate prisoners from the rest of society.” [4] – Architektur setzt sich als Disziplin mit der Schaffung von Lebens-Raum auseinander.

Staatlicher Freiheitsentzug ist ein heikles Thema – schließlich bedeutet jegliche Strafsanktion eine Einschränkung der persönlichen Freiheit und der Bürger- und Menschenrechte. Gefängnisse sind mittlerweile eine selbstverständliche Form staatlicher Sanktionen – diese Selbstverständlichkeit scheint selbst auf zwei unterschiedlichen, aber jeweils, fundamentalen Selbstverständlichkeiten zu beruhen: es ist dies die „Einfachheit der ‚Freiheitsberaubung‘“ und das Verständnis vom Gefängnis als „Apparat zur Umformung der Individuen“ [5] Diese Selbstverständlichkeiten sollten ausführlich diskutiert werden, wenn von den Möglichkeiten der Raum-Gestaltung gesprochen wird. Der Freiheitsentzug und die vorausgesetzte Disziplinierungsintention führt schnell in den Bereich der Dehumanisierung: „One of the worst things that we can do to our fellow human beings is deprive them of their humanity, render them worthless by exercising the psychological process of dehumanization. This occurs when the ‘others‘ are thought not to possess the same feelings, thoughts, values, and purposes in life that we do. Any human qualities that these ‘others‘ share with us are diminished or are erased from our awareness. This is accomplished by the psychological mechanisms of intellectualization, denial, and the isolation of affect.” [6] Es ist daher ein wesentlicher Zug zeitgemäßer Auseinandersetzung mit Gefängnissen als Idee und deren Errichtung, das einzelne Individuum in den Blick zu bekommen: Das Gefängnis wird für Häftlinge gebaut! Es ist daher folgerichtig zu behaupten: „We must not merely consider what will produce change in the larger context, such as a reduction in the recidivism rate, but rather, what will produce positive development within each inmate seen as a unique individual.” [7]

Wie gut ist es Seelich in ihrem Buch gelungen, diese fundamentalen Aspekte in den Blick zu bekommen, und angemessen zu diskutieren? Nun, das Urteil muss leider lauten: dem Buch mangelt es auf verschiedenen Ebenen an wissenschaftlicher Redlichkeit, um diese Aufgabe befriedigend zu erfüllen.

  1. Es steht teilweise völlig außerhalb der aktuellen Forschungsliteratur;
  2. es ist stellenweise eine scheinbar willkürliche Aneinanderreihung von Zitaten aus wenigen Werken; die Zitate stehen dabei zumeist für sich, und werden nur kursorisch kommentiert – was zur Folge hat, dass Seelich ihrem Buch keinen originellen Stempel aufzudrücken vermag. Dazu kommt noch, dass sich Seelich an manchen Stellen auf Zitate beruft, die sich inhaltlich widersprechen, ohne dass sie diesen Widerspruch bemerkt, oder gar thematisiert ;
  3. die inhaltlich-formale Gliederung des Buches spielgelt nicht die Wertigkeit und Wichtigkeit der einzelnen Kapitelinhalte wieder ;
  4. weder der Buchtitel (Handbuch) noch der Untertitel des Buches (Parameter zeitgemäßer Gefängnisplanung) lassen sich durch den Inhalt der Arbeit rechtfertigen – für ein ‚Handbuch‘ fehlt es sowohl an detaillierter Analyse als auch an einem umfassenden Überblick, die angesprochenen Parameter finden sich an keiner Stelle des Buches explizit diskutiert ;
  5. das Buch ist in einem äußerst tendenziösen Tonfall gehalten – ein Buch, das mit der Aussage begonnen wird, dass wir lernen müssten, dass notorische Delinquenten und Psychopathen nicht resozialisiert werden könnten, sondern erst sozialisiert werden müssten, und dass damit endet, von Schädlingen und Ungeziefer zu spreche – doch es finden sich noch andere Ressentiments!

Diese Punkte sehen im Detail wie folgt aus:

  1. Seelich greift in ihrem Buch nicht auf aktuelle internationale Forschungsliteratur zurück – kein Verweis auf „The Prison Journal“ (aktuell im 90. Jahrgang) oder „The International Criminal Justice Review“ (aktuell im 20. Jahrgang). In beiden Journalen publizieren international angesehene Forscher zu Fragen zum Gefängnis. Seelich verabsäumt es, aktuelle Studienergebnisse zu Kenntnis zu nehmen. Beispielhaft: Ihre (empirischen) Aussagen zu Sexualproblemen im Gefängnis (S.82-83) belegt Seelich mit zwei Literaturstellen – eine aus dem Jahre 1929, die andere aus dem Jahre 1977.
  2. Seelich verabsäumt es, ihre gewählten Zitate kritisch zu hinterfragen, bzw. dem Autor selbst mit ihrer Auswahl auch gerecht zu werden. Als Beispiel: Im zweiten Kapitel wird die Studie von Erwing Goffman über Asyle ausführlich zitiert – Seelich zieht die Ergebnisse dieser Arbeit, besser gesagt einzelne Paragraphen daraus, als Unterstützung für ihren eigenen Ansatz heran – nur: die Kernaussage von Goffman, seine tiefe Skepsis totalen Institutionen gegenüber, und was für Folgen die Institutionalisierung von Menschen z.B. in Gefängnissen hat, zitiert sie weder, noch thematisiert sie diese in ihrem Buch. „Jede dieser Anstalten ist ein natürliches Experiment, welches beweist, was mit dem ich des Menschen angestellt werden kann.“ [8] Was für architektonische Mittel es gibt, diese Dehumanisation zu vermindern, ist eine Frage, die sich Seelich nicht stellt, und auf die es in ihrem Handbuch höchstens implizite Antworten zu finden gibt. Eine Inkongruenz der besonderen Art findet sich in Seelich‘s Position zur grundlegenden Frage der Resozialisierung von Haftinsassen. Als Ziel von Gefängnissen definiert sie anhand eines Zitats die Sozialisierung von Delinquenten, nicht deren Resozialisierung – damit beginnt ihre Einleitung (S.11); Dennoch führt sie an verschiedenen Stellen ihres Textes Literaturstellen an, die sich ausdrücklich auf die resozialisierende Ausrichtung von Strafvollzugsanstalten berufen, oder kommentiert Literaturstellen in diesem Sinne (S.118, S.172, S.223, S. 245). Ein weiteres Beispiel von nicht-angemessenem Zitieren: Seelich zitiert in extenso aus einem Bericht des Bundesministeriums für Justiz (Österreich) zu Budgetfragen beim Gefängnisbetrieb – in diesem Zitat wird ein besonderes Budget-Flexibilisierungsprojekt vorgestellt, von dessen Ausgang sich das BMJ viel erwartet – das Projekt ist 2006 ausgelaufen! Aber Seelich verabsäumt es, über die Ergebnisse zu berichten (obwohl dieses Projekt eines der Kernstücke ihres gewählten Zitats gewesen ist) (S.182).
  3. Von Parametern zeitgemäßer Gefängnisplanung ist noch im Untertitel die Rede. Doch weder gibt es eine explizite Darlegung dieser Parameter, noch spiegelt der Aufbau des Buches eine solche Darlegung implizit wider – Das vierseitige Abschlusskapitel steht auf der Gliederungsebene einem knapp einhundertseitigen Architekturkapitel zur Seite – nicht einmal auf Gliederungsebende, kommt eine Systematik heraus!
  4. Das Buch von Seelich ist inhaltlich und systematisch weder ein Handbuch, noch eine gelungene Darlegung zeitgemäßer Parameter der Gefängnisplanung. Sollte das der Anspruch gewesen sein, so ist dieses Buch kläglich daran gescheitert.
  5. Der Ton des Buches ist an vielen Stellen tendenziös – Häftlinge stellen eine Bedrohung dar, die nur durch Wegsperren gebannt werden könnte. Sie sind auffällig, sowohl in der Gesellschaft, wie auch in der Institution – Seelich diskutiert Tätowierungen, Sexualprobleme, und Verhaltensauffälligkeiten anhand veralteter Literatur (Tätowierungen werden anhand von genau zwei (sic!) psychiatrischen Arbeiten aus dem Jahre 1969 bzw. 1977 diskutiert); Sätze wie dieser muten ziemlich antiquiert an: „Tätowierung allein ist kein Hinweis auf eine seelische Störung.“ (S.82) Ein weiteres Beispiel: Seelich beschreibt einen Fall von Hungerstreik im Gefängnis, und illustriert damit ihr Verständnis davon, wie „nötig [es ist], individuell auf die einzelnen Problematiken einzugehen, dass jahrelange praktische Erfahrung und die Möglichkeit, selbst Entscheidungen zu treffen, eine konstruktive Lösung eines Problems und somit eine Arbeitsbefriedigung bringen können.“ (S.83-84) Es geht darin um einen jungen Häftling, der in den Hungerstreik getreten ist, bevor er aus dem Gerichtsgefängnis in seine jetzige Strafvollzugsanstalt überstellt wurde. „Der Beamte hätte ihn – es war Freitag – in seine Zelle bringen und das Wochenende abwarten können, bis er am Montag mit dem Gefängnisarzt, dem Sozialarbeiter etc. sprechen würde. Stattdessen teilte ihn der Beamte sofort zur Ausspeisung ein.“ (S.83) – Der Häftling begann bald darauf wieder zu essen – Seelich sieht weder Schikane, noch Beamtenwillkür – ihr Blick gilt der Arbeitsbefriedigung des Beamten.

Fazit

Das vorliegende Buch wird seinem Titel nicht gerecht – weit davon entfernt ein umfassendes Handbuch zu sein, kommen selbst in der größtenteils österreichischen Perspektive grundlegende Aspekte des Themas zu kurz – grundlegende Fragen zum Verhältnis Architektur und Strafvollzug werden erst gar nicht aufgeworfen – eine Einbettung der Diskussion um Strafvollzugsarchitektur in einen breiten Kontext (Menschenwürde, Gefängnis als (durchaus legitime Form der ) Gewaltanwendung, Architektur als Beziehungsgestaltung, Architektur in der prekären Situation Erfüllungsgehilfe und Schöpfer zu sein, usw.) bleibt fast vollständig aus. Daher bleibt das Buch bloßes Stückwerk – einige sehr interessante praktische Ansätze (die Lichtgestaltung im Gebäude, die bauliche Adaption bestehender Justizvollzugsanstalten an neue Sicherheitstechnologien, usw. ) bleiben damit in der Luft hängen, weil die theoretischen Voraussetzungen dafür nicht ausreichend aufgezeigt werden.

Damit Häftlinge als Individuen respektiert werden, genügt es sicherlich nicht, und ist vielleicht sogar diesem Ziel entgegengesetzt, ihre Bedürfnisse effektiv in einen reibungslosen Haftanstaltsbetrieb zu integrieren. Die Versuchung liegt nahe, dem Auftraggeber solcher Gefängnisbauten eher zu entsprechen, als der Humanität (Wer zahlt, schafft an) – Was die Banalität des Bösen anbelangt, hat Hannah Arendt einiges zur Klärung der Frage beitragen können, wie einfach es ist, sich als Techniker oder Architekt von den Zielen der Auftraggeber moralisch korrumpieren zu lassen. [9]

Es mag vordergründig nicht die Aufgabe von Architekten sein, darüber Klarheit zu gewinnen, was Gefängnisse für eine Bedeutung in der Sozialisierung von Menschen (in der Gesellschaft und innerhalb der Institution) haben, und was Gefängnisse als Idee für Folgen haben können – es sollte aber auch nicht darauf vergessen werden, dass Häftlinge durch ihre Verurteilung nicht (aller) ihrer Rechte Verlust gegangen sind – Wenn Auftraggeber effiziente und reibungslos-funktionierende Haftanstalten fordern, dann darf man nicht aus den Augen verlieren: Gefängnisse sind Ausdruck von Macht und Gewalt – ihnen ist besser mit kritischer Distanz zu begegnen!


[1] Margalit, A. (1999). Politik der Würde – Über Achtung und Verachtung. Frankfurt am Main (GER), Fischer Taschenbuch Verlag. S.301

[2] Misik, R. (2009 [2007]). Alles Ware – Glanz und Elend der Kommerzkultur. Berlin (GER), Aufbau Verlag. S.70

[3] Sennett, R. (1997 [1994]). Fleisch und Stein. Der Körper und die Stadt in der westlichen Zivilisation. Frankfurt/Main (GER), Suhrkamp Taschenbuch Verlag. S.23

[4] Tartaro, C. (2006). „Watered Down: Partial Implementation of the New Generation Jail Philosophy.“ The Prison Journal 86(3): 284-300. S.300

[5] Foucault, M. (1988 [1975]). Überwachen und Strafen – Die Geburt des Gefängnisses. Frankfurt/Main (GER), Suhrkamp Taschenbuch Verlag. S. 296, 297

[6] Zimbardo, P. (2007). The Luzifer Effect – Understanding How Good People Turn Evil. New York, NY (USA), Random House. S.222

[7] Dahlen, K. and R. Johnson (2010). „The Humanism is in the Details: An Insider‘s Account of Humanistic Modifications to a Cognitive-Behavioral Treatment Program in a Maximum-Security Prison.“ The Prison Journal 90(1): 115-135. S.117

[8] Goffman, E. (2008 [1961]). Asyle - Über die soziale Situation psychiatrischer Patienten und anderer Insassen. Frankfurt/Main (GER), Suhrkamp Verlag. S. 23

[9] Arendt, H. (2006 [2003]). Über das Böse – Eine Vorlesung zu Fragen der Ethik. München (GER) & Zürich (SUI), Piper Verlag. S.193


Rezensent
Mag. Harald G. Kratochvila
Homepage www.kompetenz-coaching.at
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Zitiervorschlag
Harald G. Kratochvila. Rezension vom 10.03.2010 zu: Andrea Seelich: Handbuch Strafvollzugsarchitektur. Parameter zeitgemäßer Gefängnisplanung. Springer (Berlin) 2009. ISBN 978-3-211-99207-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/9200.php, Datum des Zugriffs 16.06.2019.


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