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Susanne Burren: Die Wissenskultur der Betriebswirtschaftslehre

Cover Susanne Burren: Die Wissenskultur der Betriebswirtschaftslehre. Aufstieg und Dilemma einer hybriden Disziplin. transcript (Bielefeld) 2010. 270 Seiten. ISBN 978-3-8376-1330-8. 28,80 EUR, CH: 49,90 sFr.

Reihe: Science studies.
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Autorin

Susanne Burren (Dr. rer. soc.) ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Forschung und Entwicklung der Pädagogischen Hochschule in Aarau (Schweiz). Ihre Forschungsschwerpunkte sind Wissenschaftsforschung, Hochschul- und Bildungssoziologie. Bei der Arbeit handelt es sich um die im Jahre 2008 an der Universität Bern abgeschlossene Dissertation der Autorin.

Entstehungshintergrund

„Betriebswirtschaftliches Expertenwissen ist heute allgegenwärtig – über seine disziplinäre Basis ist jedoch kaum etwas bekannt. Am schweizerischen Fallbeispiel liefert Susanne Burren eine Pionierarbeit zur Wissenschaftssoziologie der betriebswirtschaftlichen Disziplin. Sie schildert den Aufstieg der Betriebswirtschaftslehre zu einem der größten universitären Studienfächer und untersucht deren Denk- und Deutungstraditionen. Aus historischer wie auch aus gegenwartsanalytischer Perspektive werden die Strukturmerkmale einer Wissenskultur im Spannungsfeld von Wissenschaftlichkeit und Praxisorientierung beleuchtet.“ (Klappentext).

Die Betriebswirtschaftslehre (BWL) ist in der Schweiz, wie in anderen Ländern auch, zu einem der größten universitären Fachgebiete angewachsen. Trotz ihrer Größe ist über ihre sozialen und kulturellen Bedingungen wie über ihre historische Entwicklung selbst bei Fachvertretern und Studenten nur wenig bekannt. Die Forschungsarbeit will diese Lücke schließen. Sie entstand als ein Anschlussprojekt des vom Schweizerischen Nationalfonds finanzierten Forschungsverbunds „Discourses on Society. Pathways into the Future of the Social Sciences in Switzerland“. Dieser beschäftigte sich in vergleichender Perspektive mit der Analyse der Entstehung und Transformation der Geschichts-, Sozial- und Wirtschaftswissenschaften in der Schweiz.

Thema

Wie die Autorin einleitend darlegt, expandierte mit einer gewissen zeitlichen Verzögerung in Europa neben den technischen Ausbildungsgängen im 19. Jahrhundert auch das kaufmännische Bildungswesen. Im deutschsprachigen Raum wurden zunächst erste Handelsmittelschulen, gegen Ende des Jahrhunderts dann ebenfalls Handelshochschulen und andere Institutionen eines höheren kaufmännischen Bildungswesens eröffnet. Es formierte sich allmählich ein neuer wirtschaftswissenschaftlicher Teilbereich, der sich nach mehrmaligen Umbenennungen („Handelswissenschaften“, „Handelsbetriebslehre“, „Einzelwirtschaftslehre“, „Privatwirtschaftslehre“) ab den 1920er Jahren unter der Bezeichnung „Betriebswirtschaftslehre“ als universitäre Fachdisziplin konsolidierte. Im Vergleich zu Deutschland weist die schweizerische Entwicklung die Besonderheit auf, dass das neue Fachgebiet hier nicht den „Umweg“ über vom Universitätssystem weit gehend unabhängige Handelshochschulen nahm. Sie institutionalisierten sich – mit Ausnahme von St. Gallen – stattdessen von Beginn an als Teilbereich des universitären Curriculums.

Zugleich zeigten sich sowohl in Deutschland als auch in der Schweiz deutliche Unterschiede zu einer – auf die „freie“ Wissensproduktion fokussierten – wissenschaftlichen Disziplin. Als Hybrid war die BWL von Anfang an durch eine Doppelorientierung auf Wissenschaft und Praxis geprägt und verfügt damit über eine längere Tradition der akademischen Außen- bzw. Praxisorientierung, was ihr viel Kritik einbrachte: „Mit dem Vorwurf der „Profitlehre“ wurde das Fach in seiner Konstituierungsphase unter den Generalverdacht einer instrumentellen Ausrichtung auf die Interessen der Privatwirtschaft gestellt.“ (S. 12). Erst allmählich konnte sich die BWL einen Platz im Wissenschaftssystem sichern, zugleich reichen die Debatten über die wissenschaftliche Legitimität des Faches und auch die ihrer „älteren Schwester“ – der Volkswirtschaftslehre - bis in die Gegenwart[1]. Sie haben durch die Rolle bzw. ihrem „Versagen“ bei der Voraussage und der Erklärung der Umstände der aktuellen Wirtschafts- und Finanzkrise neuen Schub erhalten.

Die Untersuchung fragt insofern nach den „Strukturmerkmalen einer Wissenskultur im Spannungsfeld von Wissenschaftlichkeit und Praxisorientierung“ (S. 12). Diesem Fragekomplex geht die Autorin sowohl aus historisch-genetischer als auch aus gegenwartsdiagnostischer Perspektive nach. Das räumliche Untersuchungsfeld stellt der mit seinen neun kantonalen Universitäten und zwei eidgenössischen Institutionen vergleichsweise gut überschaubare schweizerische Universitätsraum dar. Zugleich zeigten sich viele Verbindungen zur deutschen BWL, aber auch Unterschiede, die Anknüpfungspunkte für eine Länder vergleichende Perspektive bieten.

Universitäre Fachbereiche setzen sich aus mehreren Akteursgruppen zusammen (Studierende, Mittelbau, Professoren). Burren konzentriert sich in ihrer Untersuchung auf die Gruppe der Professoren, weil sie den Wissenschaftsberuf in ihrem Fachgebiet repräsentieren: „Sie können am aktivsten auf die Gestaltung der Fachwirklichkeit einwirken. Zudem fällt ihn in die Aufgabe zu, ihr Fachgebiet gegenüber anderen Disziplinen und gegenüber der Öffentlichkeit zu vertreten.“ (S. 46).

Aufbau

Nach der Einleitung, der Darstellung des Forschungsgegenstandes und theoretischer Vorüberlegungen zu seiner Bearbeitung formuliert Burren die Fragestellung ihrer Untersuchung und skizziert das methodische Vorgehen. Die Untersuchung selbst ist in zwei Analysedimensionen gegliedert: Zum einen wird eine Perspektive der historisch-genetischen Rekonstruktion verfolgt, zum anderen gilt die Aufmerksamkeit den Berufs- und Wissenschaftsauffassungen heutiger Fachvertreter:

  • „In Teil I („Historische Herleitungen“) steht die Analyse historischer Entwicklungsprozesse im Vordergrund. Zunächst wird unter I.I („Innenperspektiven“) nach den Forderungen der Handelswissenschaften und der späteren Betriebswirtschaftslehre im Wissenschaftssystem gefragt. Wie positionierten die betriebswirtschaftlichen Fachabteilungen ihre akademischen Projekte im Spannungsfeld zwischen praktischen Zwecksetzungen und wissenschaftlichen Autonomiemodell? Neben solchen kognitiven Anordnungsprozessen richtet sich das Interesse auch auf die soziale Eingliederung der Betriebswirtschaftslehre in das schweizerische Wissenschaftsfeld. Dazu wird die Institutionalisierungsgeschichte von den ersten Lehrstühlen bis hin zur betriebswirtschaftlichen Fachdisziplin rekonstruiert. In Teil I.II („Außenorientierungen“)“ richtet sich die Aufmerksamkeit der Studie auf die Außenbeziehungen der Betriebswirtschaftslehre zu den für sie relevanten Berufs- und Praxisfeldern. Es wird gefragt, wie betriebswirtschaftliche Wissensbestände über Prozesse der Intellektualisierung, Verberuflichung und Verwissenschaftlichung in die Praxis übertragen wurden. Zudem interessiert, welche Konsequenzen sich durch Allianzen und Koalitionsbeziehungen mit außeruniversitären Praxis- und Berufsfeldern für die betriebswirtschaftliche Fachentwicklung ergaben.“ (S. 46 f.).
  • „In Teil II („Fachporträts“) werden die Ergebnisse der historischen Analyse aufgenommen und eine Aktualisierung und Differenzierung unterzogen. Dies geschieht auf der Datenbasis von nicht-standardisierten Interviews mit Fachvertretern und Fachvertreterinnen aus verschiedenen Subdisziplinen der Betriebswirtschaftslehre. Anhand von themenbezogenen Fallporträts wird dabei der Frage nachgegangen, wie sich die heutigen Fachakteure der Betriebswirtschaftslehre im Spannungsfeld zwischen Wissenschaft und Praxis positionieren.“ (S. 47).

Inhalte

Teil I beginnt mit den Ausführungen über den Entstehungskontext der technisch-kaufmännischen Hochschulbildungen in Europa und der Schweiz. Im Besonderen werden fünf historische Phasen der betriebswirtschaftlichen Fachgeschichte beleuchtet. Im deutschsprachigen Raum formierte sich im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts eine so genannte „Handelshochschulbewegung“, die sich für die Einrichtung einer kaufmännischen Hochschulausbildung einsetzte. Gerechtfertigt wurde dieses bildungspolitische Projekt mit den zunehmenden Kompetenzanforderungen an die bisher praktisch ausgebildeten kaufmännischen Führungskräfte. Diese „Wissenschaftsbedürftigkeit“ rekurrierte vor allem auf die Internationalisierung der Handelsbeziehungen, die Entwicklungen im Transport- und Kommunikationswesen, die Zunahme der Großunternehmen und den Ausbau des schweizerischen Bank- und Börsenwesens.

Die sich damit zugleich entwickelnde „soziale Frage“ (Entstehung einer organisierten Arbeiterklasse und deren politische Inklusion) führte zur Entwicklung der Sozialwissenschaften, deren Gesellschaft wissenschaftlicher Impetus zugleich Bedeutung für die Betriebswirtschaftslehre erlangte: „Als ‚Mittel zur Herstellung des Friedens zwischen Arbeit und Kapital‘ wird der Wirtschaftslehre eine wichtige politische Aufgabe zugeteilt. Sie kann durch ihre aufklärerische Kraft zu einer sozialpolitischen Harmonisierung beitragen.“ (S. 62; Burren referiert hier die Position des schweizerischen Nationalökonomen Victor Böhmert). Die von der Handelshochschulbewegung geäußerte Forderung nach einer „theoretisch gebildeten Unternehmerschaft“ setzte die Bildungsangebote damit in Bezug zu gesellschaftlichen Problemstellungen und deren (auch) wirtschaftswissenschaftlicher Bearbeitung bzw. Bewältigung. Burren macht in diesem Zusammenhang auf die Historie der aktuell im Rahmen der Wirtschafts- und Finanzkrise zumindest zeitweilig wieder diskutierten Verortung der Wirtschaftswissenschaften aufmerksam. So sei beispielsweise die Nationalökonomie „[…] noch bis zum Ende des 19. Jahrhunderts nicht einseitig auf die analytisch-wissenschaftliche Durchdringungen der ökonomischen Sphäre ausgerichtet gewesen, sondern fungierte als ‚Politische Ökonomie‘ auch als eine praktische Regierungswissenschaft.“ (S. 57). Die ersten handelswissenschaftlichen Hochschuleinrichtungen im deutschsprachigen Raum waren deshalb sowohl von Strukturelementen der Sozialwissenschaften als auch von solchen der technischen Wissenschaften und den jeweils für sie charakteristischen Institutionalisierungsformen geprägt.

Der bekannteste Vertreter der ersten Generation von Schweizer Handelswissenschaftlern war der Zürcher Lehrstuhlinhaber Johann Friedrich Schär, ein überzeugter Verfechter des Genossenschaftsgedankens. Sein Hauptwerk „Allgemeine Handelsbetriebslehre“ gilt als einer der Gründungstexte der deutschsprachigen Betriebswirtschaftslehre. Anders als Böhmert, bei dem sich Wissenschaft in erster Linie durch ihren Nutzen für die Gesellschaft legitimiert, bekennt sich Schär stärker zu den akademischen Werten der freien Lehre und Forschung: „Ebenso wie die Universität in ihrem Grundwesen nie nach einem unmittelbaren Nutzen gefragt habe, sei das ‚ideale Streben‘ auch für die Handelswissenschaften handlungsleitend.“ (S. 67). Dieses Wissenschaftsprojekt war danach zwar auf die spezifischen Bedürfnisse zukünftiger Berufstätigkeiten in Handel und Gewerbe ausgerichtet, allerdings explizit ohne die Vorgabe, „ausschließlich oder auch nur vorzugsweise dem Broterwerb zu dienen.“. Hauptzielsetzung des von Schär angestrebten, an das neuhumanistische Bildungs- bzw. Universitätsideal angelehnten Wissenschaftsverständnisses ist es damit, zukünftige Praktiker „mit einer hohen geschulten Beobachtungsgabe“, einer höher entwickelten „Denk- und Urteilskraftkraft“ sowie den „daraus nach psychologischen Gesetzen resultierenden höheren Willenskräften und sittlichen Impulsen auszustatten.“ An die Stelle eines Gegensatzes von unternehmerischen Sonderinteressen und wissenschaftlicher Gemeinwohlorientierung sieht Schär Wissenschaft und Kaufmannsberuf eng miteinander verbunden, insofern autonome Entscheidungs- und Innovationskraft in beiden Handlungsfeldern zentrale Anforderungen an „gebildete Geschäftsleute“ darstellten. Wissenschaft darf danach nicht auf ökonomische Eigeninteressen ausgerichtet sein und die gewonnene geistige Überlegenheit soll nicht dazu dienen, sich auf Kosten anderer zu bereichern. In dieser Form der Gemeinwohlorientierung erscheint das Berufsmotiv der Kaufleute ähnlich „ehrenhaft“ und als „dienende Versorgungsaufgabe“ wie das der medizinischen Profession. Führte Max Weber in „Wirtschaft und Gesellschaft“ aus, dass moralische Verpflichtungen letztlich im grundsätzlichen Widerspruch zur freien Marktentfaltung stehen, dann „[…] untersteht der Kaufmann bei Schär einer Sorgfalts- und Wirtschaftlichkeitspflicht, die sich am Motiv der allgemeinen Wohlfahrt orientiert.“ (S. 71), weshalb er in der Geschichtsschreibung der Betriebswirtschaftslehre eher zu den Vertretern ihrer „ethischen-normativen“ Ausrichtung gezählt wird.

Das Motiv der sozial-moralischen Bildung spielte auch bei der Entwicklung der Betriebswirtschaftslehre in Deutschland eine Rolle. Allerdings ging es den Vertretern des deutschen Wirtschaftsbürgertums weniger um eine verbesserte Ausbildung der leitenden Kaufleute als um die soziale Aufwertung des eigenen Standes im Sinne einer Angleichung an den gesellschaftlichen Status der klassischen Professionen: „Über die Annäherung an die neuhumanistischen Ideale der deutschen Bildungselite sollte der traditionellen Geringschätzung des Kaufmannsstandes energisch entgegengetreten und die Wirtschaftstätigkeit endlich auch als kulturelle Leistung erkannt werden.“ (S. 72). Argumentativ weiter ging später diesbezüglich der Schweizer Professor Georges Paillard, der geltend machte, dass nicht der Handel der Wissenschaft bedürfe, sondern umgekehrt die Wissenschaft den Handel bräuchte, um ihre Glaubwürdigkeit in der Gesellschaft zu erhalten: „Er verweist auf den veränderten gesellschaftlichen Status der Kaufmannstätigkeit, um zum Schluss zu kommen, dass die frühere ‚Unwürdigkeit‘ des Handels neuerdings von einer anderen Perspektive abgelöst werde: ‚Heute ist das, was man verachtet, der Müßiggang.‘ Deshalb werde der Handel nicht mehr als ‚parasitär‘ gesehen, sondern vielmehr als produktive, der Güterversorgung dienende Kraft betrachtet.“ (S. 73).

Eine weitere, für die Fachgeschichte einflussreiche Debatte um in den Wissenschaftsstatus des neuen Fachgebietes spielte sich in der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg ab. Moritz Rudolf Weyermann, der 1912 in Bern auf einer neu eingerichteten Lehrstuhl für Nationalökonomie und Handelswissenschaften berufen wurde, verstand sein Fachgebiet – ähnlich wie Schär - nicht als eigenständige Disziplin, sondern als Teilbereich der Volkswirtschaftslehre. Diese als „Privatwirtschaftslehre“ bezeichnete Fachrichtung sollte eine Erweiterung und gleichzeitig eine Vervollständigung der Volkswirtschaftslehre darstellen. Dieses sei nötig, weil der Volkswirtschaftslehre in Anbetracht der tief greifenden wirtschaftlichen Transformationen zu Beginn des 20. Jahrhunderts die „privatwirtschaftliche Sachkunde“ abginge. Die volkswirtschaftliche Makroperspektive sollte deshalb um den Gesichtspunkt der Tätigkeit einzelner Wirtschaftssubjekte erweitert werden. Zugleich konstatierte Weyermann, dass der Großteil dessen, was zur damaligen Zeit an den Universitäten gelehrt wurde, „[…] das Gebiet der Wissenschaft verlassen habe und in dasjenige der ‚Kunstlehre‘ hinüber getreten sei.“ (S. 79). Neben der Kritik an einer Privatwirtschaftslehre als bloßer „Kunstlehre des Geldverdienens“ wurde ebenso ihre Objektivität und Wertfreiheit propagiert: „Im Gegensatz zur Kunstlehre ist Wissenschaft bei Weyermann und Schönitz auf einen Erkenntnisprozess bezogen, der einen Anspruch auf Allgemeingültigkeit erheben will und sich deshalb von subjektiven Wertungen abzugrenzen sucht.“ (S. 81).

Diese Ansicht widersprach vor allem Schmalenbach vehement. Die Privatwirtschaftslehre basiere auf einer gleichermaßen systematischen und vorurteilsfreien Vorgehensweise wie jede Wissenschaft. Sie sei somit ebenso wissenschaftlich, verfüge aber über einen großen zusätzlichen Vorteil: Weil die Privatwirtschaftslehre Verfahrensregeln einzig zum Zwecke des Gebrauchs aufstelle, würden ihre Geltungsaussagen in der Praxis einer ständigen experimentellen Überprüfung unterzogen: „Daraus schließt Schmalenbach, dass eine Kunstlehre, die Verfahrensregeln und Lehrsätze für das praktische Verhalten aufstellt, zumindest als gleich- oder sogar als höherwertig zu betrachten ist als eine reine Wissenschaft.“ (S. 82). Im Unterschied dazu macht Schmalenbach im Bereich der zweckfreien Wissenschaft eine Geisteshaltung aus, die er von einer „überzogenen Geruhsamkeit“ geprägt sieht, was zugleich nicht bedeutet, dass er eine Kunst- bzw. Zwecklehre damit zugleich als unternehmerische Profitlehre verstanden haben will. Nicht in das Verdienstmotiv steht für ihn im Vordergrund, sondern die Frage der rationellen wirtschaftlichen Organisation des Betriebes im Sinne einer zugleich effektiven und effizienten Unternehmensführung, die im Rechnungswesen ihr wichtigstes Kontroll- und Überwachungsorgan besitzt: „In seinen späteren Schriften äußert sich Schmalenbach noch deutlicher gegen eine vom unternehmerischen Gewinnsprinzip ausgehende Privatwirtschaftslehre. Er wird zum Vertreter einer Wirtschaftlichkeitslehre, welche die Idee der Bedarfsdeckung und damit die Notwendigkeit, Menschen mit Gütern und Dienstleistungen zu versorgen, ins Zentrum ihrer Überlegungen stellt. Dies unter dem Postulat, den wirtschaftlichen Betrieb ohne Rücksicht auf den Eigentümer fortan nur noch in seiner Eigenschaft als ‚Organ der Gemeinwirtschaft‘ zu untersuchen.“ (S. 83).

Die Konsolidierungsprobleme der Betriebswirtschaftslehre in der Zwischenkriegszeit waren verbunden mit Verwissenschaftlichungsbestrebungen einerseits und neuen Formen der forschungsbezogenen Praxiskooperation andererseits. Im historischen Kontext von Inflation und Weltwirtschaftskrise kam es nach dem Ersten Weltkrieg in Deutschland zur Weiterentwicklung der theoretisch-methodischen Grundlagen der Privatwirtschaftslehre, die sich von nun an Betriebswirtschaftslehre nannte. Sie entwickelte sich zu einer eigenständigen, von der Nationalökonomie weit gehend unabhängigen Disziplin mit einer verstärkten Forschungsorientierung: „Der prominente deutsche Fachvertreter Erich Gutenberg kommt zu dem Schluss, dass die Betriebswirtschaftslehre in dieser historischen Phase ‚zu sich selbst als Wissenschaft gefunden‘ habe‘.“ (S. 85). Zugleich schritt der Ausbau betriebswirtschaftlicher Institutionen voran. Auf der Grundlage einer 1924 für Preußen beschlossenen Studienreform, die in den folgenden Jahren von den übrigen deutschen Staaten nachvollzogen wurde, kam es an den Handelshochschulen zu einer Angleichung der Studienzeit an diejenigen der Universitäten, zudem wurde der Abschlusstitel „Diplom-Kaufmann“ neu als akademischer Grad anerkannt. Sukzessive erhielten die Handelshochschulen nun auch das Promotionsrecht und die Habilitation wurde für die Dozenten zur Pflicht erklärt.

Anders in der Schweiz: „Während sich die Betriebswirtschaftslehre in Deutschland in der Zwischenkriegszeit innerlich und institutionell konsolidierte, kam es in der Schweiz in derselben Zeitspanne zu einem Einbruch der anfänglichen Institutionalisierungserfolge. Von einigen Ausnahmen abgesehen, stagnierte der Ausbauprozess entweder oder es kam dazu Umbenennungen von zuvor handelswissenschaftlichen Lehrstühlen und zu deren Neubesetzung mit Juristen oder Volkswirten.“ (S. 85 f.). Dies zeigte sich auch daran, dass die Betriebswirtschaftslehre an den schweizerischen Universitäten oftmals nicht als eigener Studiengang, sondern nur als integrierter Teil einer wirtschaftswissenschaftlichen Ausbildung unterrichtet wurde. Die einzige Ausnahme bildete die Hochschule in St. Gallen: „Unter dem Rektorat von Walter Hug (1938-44) wurden die Weichen gestellt für einen Ausbau zu berufsorientierten Wirtschaftshochschule nach dem Vorbild amerikanischer „Business Schools“. Im Rahmen dieses Schulmodells erhielt das von den Universitäten bemängelte tiefe akademische Niveau eine neue Bedeutung als positives Distinktionsmerkmal. Die Handelshochschule wollte nicht das Universitätsmodell kopieren, sondern einen neuen Typus im schweizerischen Feld etablieren, der sich ganz der Ausbildung von Wirtschaftspraktikern widmen sollte.“ (S. 89).

Nach dem Zweiten Weltkrieg verselbstständigt sich die Betriebswirtschaftslehre in der Schweiz allmählich als universitäre Fachdisziplin: „Das Fachgebiet verfügte nun über eine wachsende Zahl promovierter Betriebswirte und damit über einen eigenen akademischen Nachwuchs. In diesem Kontext formierte sich die schweizerische Betriebswirtschaftslehre zu einem wissenschaftlichen Referenzraum, der von der Volkswirtschaftslehre zunehmend unabhängig wurde.“ (S. 94 f.).

In Deutschland wurde der betriebswirtschaftliche Diskurs nach dem Zweiten Weltkrieg von einem Autor dominiert: “Erich Gutenberg, Professor für Betriebswirtschaftslehre in Frankfurt am Main und ab 1951 Nachfolger von Eugen Schmalenbach an der Universität Köln, unternahm mit seinen ‚Grundlagen der Betriebswirtschaftslehre‘ den Versuch einer umfassenden betriebswirtschaftlichen Theoriebildung auf der Grundlage des abstrakt-mathematischen Modellapparats der Mikroökonomik. In seiner Theorie der Produktivitätsbeziehungen wird die betriebliche Leistungserstellung als eine Kombination von Elementarfaktoren (Arbeitsleistungen, Betriebsmittel, Werkstoffe) und ‚dispositivem Faktor‘ (Geschäftsleitung) untersucht. Dieser Ansatz wurde in Deutschland zum ersten Lehrgebäude, das sich während längerer Zeit als dominierendes Paradigma innerhalb des Fachgebietes durchsetzen konnte.“ (S. 97). Zugleich deutete Gutenberg den betriebswirtschaftlichen Wirtschaftlichkeitsbegriff „neoklassisch“ um. Als effiziente Allokation vorgegebener Ressourcen unter den Bedingungen der Knappheit und des Maximierungspostulats wird Wirtschaftlichkeit bei Gutenberg durch die rationalen Wahlhandlungen einzelner Wirtschaftssubjekte verwirklicht. Waren die betriebswirtschaftlichen Ansätze anderer Autoren von der Prämisse geprägt, dass die Vorgänge in einem einzelnen Betrieb nicht ohne systematischen Bezug zur Gesamtwirtschaft begriffen werden können, dann „betonte Gutenberg die Systemindifferenz seiner Perspektive. Die Kritik des jeweiligen Wirtschaftssystems hatte in seiner Betriebswirtschaftslehre keine Basis mehr.“ (S. 97).

Parallel dazu etablierten sich neue Wissenschaftsansätze in der deutschsprachigen Betriebswirtschaftslehre: Während des Zweiten Weltkrieges waren in England und den USA Mathematiker, Physiker und Statistiker damit beschäftigt, Methoden zur Lösung strategischer kriegstechnischer Probleme zu entwickeln („Operations Research“). Diese Lösungsskizzen wurden in der Folge von der Wirtschaft übernommen und auf die Probleme der Planung und Kontrolle von Unternehmen übertragen. Neue Perspektiven lieferten ebenso die Berücksichtigung von Forschungsergebnissen aus der Verhaltens- oder Sozialwissenschaft, hier insbesondere aus der Psychologie. Die neuen Perspektiven sollten die betriebliche Sach- und Sozialwelt gleichermaßen berücksichtigen und dabei praxisbezogene Problemlösungen in den Vordergrund stellen. So kam es im gesamten deutschsprachigen Raum in der 1960er und 1970er Jahren zu Veränderungen in der inhaltlichen Ausrichtung der Betriebswirtschaftslehre: „Als Hauptvertreter dieser neuen Zugänge werden in betriebswirtschaftlichen Fachgeschichten jeweils drei Autoren genannt. Aus Deutschland sind dies Edmund Heinen, der Begründer des entscheidungsorientierten Ansatzes, sowie Werner Kirsch, der das verhaltenstheoretische Modell der amerikanischen Theoretiker Richard Cyert und James March in die deutschsprachige Betriebswirtschaftslehre und insbesondere in die Entscheidungstheorie einführte. Als dritter Erneuerer machte sich der Schweizer Hans Ulrich mit seinem ‚systemorientierten‘ Ansatz einen Namen.“ (S. 98). Innerhalb des Letzteren werden – analog der Kybernetik als Wissenschaft von Steuerungs- und Selbstregulationsmechanismen - Fragen der Wirtschaftlichkeit durch solche nach Steuerungsprozessen in dynamischen Unternehmen-Mensch-Umwelt-Beziehungen ersetzt.

Der beschriebene Wachstums- und Ausdifferenzierungsprozess, der die Fortentwicklung von den 1960er Jahren bis zum Ende des Jahrhunderts wesentlich prägte, ging mit einer fortschreitenden Diversifizierung der betriebswirtschaftlichen Wissenskultur einher. Zum einen wurde der Untersuchungsbereich der Betriebswirtschaftslehre einer Differenzierung nach so genannten betrieblichen Funktionsbereichen unterzogen. Zum anderen kam es zu Spezialisierungsprozessen, in denen Ausdifferenzierung entlang von theoretischen Erklärungsmodellen oder auch von methodischen Verfahrensformen stattfanden: „In der Fachterminologie wurde der funktionalen Differenzierung mit der Unterscheidung zwischen ‚allgemeiner‘ und ‚spezieller‘ Betriebswirtschaftslehre Rechnung getragen. Während die ‚allgemeine Betriebswirtschaftslehre‘ einer generalistischen Perspektive verpflichtet ist, handelt es sich bei den ‚speziellen Betriebswirtschaftslehren‘ um Subdisziplinen, die sich mit einem bestimmten Betriebstyp (‚Institutionenlehren‘) oder einer Betriebsfunktion (‚Funktionenlehren‘) beschäftigen.“ (S. 105). Als Betriebstypen werden etwa die Industrie- oder Dienstleistungsbetriebe, die Banken oder die Versicherungen unterschieden. Die Funktionenlehren umfassen klassischerweise die Bereiche des Rechnungswesens, der Organisationslehre, der Marktforschung, der Unternehmensführung, der Produktionswirtschaft und der Personalwirtschaft.

Mit in der inhaltlichen Ausdifferenzierung vollzogen sich zugleich Umstrukturierungen innerhalb der Wissenschaftsgemeinschaft. Setzte sich die Pioniergeneration der schweizerischen Handelswissenschaftsprofessoren noch international zusammen, so war die Berufungspraxis ab der Zwischenkriegszeit durch eine starke Binnenorientierung geprägt, die dazu führte, dass nahezu keine ausländischen Professoren mehr auf Schweizer Lehrstühle berufen wurden. Dieses veränderte sich erst in den 1980er Jahren, in der die Hausberufungspraxis allmählich aufgegeben und zunehmend Professoren – und in verstärktem Maße auch Professorinnen – aus anderen Landesteilen oder dem Ausland berufen wurden. Im Gegenzug gab es vermehrt Schweizer Fachvertreter, die nicht nur während des Studiums einige Jahre im Ausland verbracht hatten, sondern auch später als Professoren an ausländischen Universitäten tätig waren. Die sich verschärfende Nachwuchsproblematik im Verlauf der 1990er Jahre führte dazu, dass sich die neue Generation von Fachvertretern zu einem großen Teil aus ausländischen Professoren zusammensetzte. Neben Franzosen, Briten, Spaniern, Kanadiern und US-Amerikanern waren dies an den Deutschschweizer Universitäten vor allem Fachvertreter aus Deutschland, was umgekehrt dazu führte, das sich darüber langsam eine länderübergreifende deutschsprachige Fachgemeinschaft herausbildete.

Das wachsende Spektrum der betriebswirtschaftlichen Fachinstitutionen förderte die Ausdifferenzierung des Feldes in verschiedene theoretisch-methodologische Programme, thematische Gebiete und voneinander weit gehend unabhängige Forschungsnischen: „Die Pluralisierung der betriebswirtschaftlichen Wissenschaftsperspektiven lässt sich nicht nur für die Schweiz feststellen. Bereits in den 1960er Jahren wurden im englischsprachigen Fachdiskurs unter dem Stichwort des „Management Dschungels“ erstmals die unübersichtliche Vielfalt der Ansätze und Schulen beklagt. Die damit entfachte Debatte setzte sich bis in die Gegenwart fort.“ (S. 110). Diese Entwicklung wird von Burren in Anlehnung an den Organisationssoziologen Richard Whitley einerseits mit der wachsenden Beliebtheit der betriebswirtschaftlichen Studiengänge und dem damit verbundenen beschleunigten Ausbau des Lehrkörpers erklärt. Unter den Bedingungen eines über längere Zeit fortgesetzten, raschen institutionellen Ausbaus sei es zu einer Ausdifferenzierung der entsprechenden Fachgemeinschaften in eine Vielzahl von spezialisierten Organisationseinheiten gekommen. Hinzu kam nach Whitley eine „mangelhafte disziplinäre Selbstkontrolle„: „Die engen Verbindungen zum wirtschaftlichen Feld sowie die Beeinflussungen durch verwandte, wissenschaftlich oftmals höher bewertete Disziplinen (etwa die Volkswirtschaftslehre) hatten zur Folge, dass es keiner Fachgruppe gelungen sei, ihre wissenschaftlichen Standards durchzusetzen und damit die alleinige Feldkontrolle auszuüben.“ (S. 111).

Für die jüngste Zeit lassen sich – so Burren - auch gegenläufige Entwicklungen ausmachen, insofern in verschiedenen betriebswirtschaftlichen Teilbereichen gegenwärtig wieder vermehrt auf Erklärungsmodelle der Ökonomik (d. h. der Volkswirtschaftslehre) Bezug genommen werde: „Solche Entwicklungen können besonders im Bereich der ‚Neuen Institutionsökonomie‘ festgestellt werden. Es handelt sich hierbei um eine Weiterentwicklung der neoklassischen Lehre zu einer Theorie der Institutionen unter den Bedingungen der Wettbewerbsordnung.“ (S. 112). Diese Entwicklung wird von einigen Fachvertretern aber nicht nur positiv, sondern auch kritisch und zugleich überspitzt als „Prozess der Infiltrierung“ mit der Zielsetzung einer neuerlichen „Substitution der Betriebswirtschaftslehre durch die Mikroökonomie und damit den Ersatz der Profitlehre durch Mathematik“ gesehen, was das Fachgebiet der Betriebswirtschaftslehre zunehmend von den Ansprüchen und Problemen der Praxis entferne.

Teil I. II („Außenorientierungen: Intellektualisierung, Verberuflichung und Verwissenschaftlichung“) untersucht die Beziehungen der Betriebswirtschaftslehre zu den für sie relevanten Praxisfeldern. Dabei gilt die Aufmerksamkeit insbesondere der Einbindung betriebswirtschaftlicher Akteure in soziale Netzwerke außerhalb des eigentlichen wissenschaftlichen Feldes. Burren weist auf Koalitions- und Konkurrenzbeziehungen zu außeruniversitären Handlungsfeldern hin, die die Fachentwicklung wesentlich mitgeprägt haben: „Wie im Folgenden aufgezeigt wird, gründet der Erfolg der Betriebswirtschaftslehre als universitärer Fachbereich auch auf Intellektualisierung, der Verberuflichung und Verwissenschaftlichungsbestrebungen, die darauf gerichtet waren, den Praxis- und Berufsbereich mit kodifizierten akademischen Wissensbeständen zu verknüpfen.“ (S. 119).

Die historisch-genetische Analyse umfasst die Zeitspanne vom Ende des 19. Jahrhunderts bis in die Gegenwart. Dazu wird zunächst die Bewegung im Kontext einer allgemeinen Tendenz zur Verschulung der kaufmännischen Berufsbildungen verortet. Burren thematisiert danach die Bestrebungen zur Verwissenschaftlichung der schweizerischen Wirtschaftspraxis in der Zwischenkriegszeit und ihre Verbindungen zur Betriebswirtschaftslehre, bevor sie den Möglichkeiten und Bedingungen akademischer Fachausbildung für wirtschaftliche Führungskräfte nachgeht. Den inhaltlichen Abschluss bildet die Betrachtung der Wachstumsprozesse der Betriebswirtschaftslehre. Nachdem im ersten Kapitel der Ausbau der im universitären Infrastruktur thematisiert wurde, stehen dabei nun die studentische Nachfrage nach betriebswirtschaftlichen Wissensangeboten sowie die Expansion des außeruniversitären Bildungsmarktes im Vordergrund der Betrachtung.

Wie dargestellt, sind die handelswissenschaftlichen Hochschuleinrichtungen in der Schweiz durch „Druck von unten“, das heißt als Reaktion auf den Ausbau des kaufmännischen Bildungswesens entstanden. Aus dem im 19. Jahrhundert vorangetriebenen Ausbau der Handelsschulen und aus deren Bedarf an akademisch ausgebildeten Handelslehrern ergaben sich wichtige Argumente für eine Einführung kaufmännischer Hochschulausbildungen. Im Unterschied zu Deutschland, wo Handelshochschulen in der Regel nicht staatlich gefördert wurden, erhielt der Ausbau der kaufmännischen Hochschulinstitutionen in der Schweiz durch Bundessubventionen einen kräftigen finanziellen Impuls. Mit der Eröffnung handelswissenschaftlicher Universitätsabteilungen wurde dem kaufmännischen Bildungsweg zugleich eine tertiäre Stufe angegliedert.

Die Stellung der Professoren zwischen Handelsschule und Hochschullehre wird daran deutlich, dass viele der frühen Fachakteure vor, während oder auch im Anschluss an ihre Professorentätigkeit an einer Handelsschule oder an der Handelsabteilung einer Oberrealschule tätig waren. In der Frühphase des Faches konnte das Handelslehramt, allenfalls verbunden mit einem späteren Aufstieg zum Leiter einer Handelsschule, den akademischen Leistungsausweis sogar ersetzen. Die Biografien der frühen Fachvertreter zeigen demnach, dass die handelswissenschaftlichen Hochschulinstitutionen nicht nur die Schulabgänger der Handelsschulen als Studierende aufnahmen, sondern auch einen Teil ihrer Lehrkräfte aus dieser Schulstufe rekrutierten.

Die Verwissenschaftlichung der Betriebsführung resultierte aus der Entstehung neuer Industriezweige, die nicht nur einen hohen technischen Komplexitätsgrad aufwiesen, sondern aufgrund ihrer oftmals multinationalen Wachstumsstrategie mit verteilten Standorten auch über zunehmend komplexe Organisationsstrukturen verfügen mussten. In diesen rasch wachsenden Betrieben stieß die Führung durch einen einzelnen Unternehmer bald an ihre Grenzen. Die neuen Betriebsstrukturen erforderten eine Differenzierung der Unternehmensleitung nach funktionalen und hierarchischen Kriterien unter Einbeziehung von externen Experten. In vielen Fällen resultierte daraus ein Wechsel des Führungsmodells (Übergang von Familienunternehmen im „Eigentümerkapitalismus“ zu von Managern geführten Aktiengesellschaften im „Managerkapitalismus“). Burren verweist darauf, dass die Entstehung einer akademischen Unternehmenslehre Anfang des 20. Jahrhunderts sowohl als Motor wie auch als Reflex dieser Entwicklungen gesehen werden kann: „In größerem Ausmaß fanden wissenschaftliche Perspektiven in der Schweiz allerdings erst ab der Zwischenkriegszeit mit der in Amerika entwickelten ‚wissenschaftlichen Betriebsführung‘ (‚Scientific Management‘(1911), Frederick Winston Taylor, MB) Eingang in die Unternehmenspraxis.“ (S. 127). Mit dem tayloristischen Projekt wurden metrisierende und standardisierende Praktiken , die über den Objektivitätsanspruch naturwissenschaftlicher Vorgehensweisen verfügten, ins Repertoire der Betriebsführung übernommen, was den unternehmerischen Entscheidungen zugleich die Aura der wissenschaftlichen Objektivität verlieh: „Als Laienhandeln deklariert, wurde der traditionelle Modus der Unternehmensführung nun mit Ineffizienz und Willkür gleichgesetzt, während der neue Modus der wissenschaftlichen Betriebsführung in Richtung eines ökonomischen und sozialen Modernisierungsprozesses verwies.“ (S. 128). Der Taylorismus förderte zugleich den Aufbau neuer sozialer Netzwerke, welche die Wirtschaftspraxis mit betriebswirtschaftlichen Expertenfeldern verband. Zudem war das tayloristische Programm mit der Forderung verbunden, dass an die Stelle der traditional und charismatischen legitimierten Herrschaft im Unternehmen nun wissenschaftlich abgestürztes Fachwissen und neutraler Sachverstand treten sollten.

Im Zusammenhang des Rationalisierungsdiskurses etablierte sich an den technischen Hochschulen des deutschsprachigen Raumes die neue Disziplin der Betriebswissenschaft. Sie verstand sich in tayloristisch-ingenieurwissenschaftlicher Tradition als Lehre von der wirtschaftlichen Organisation der Produktionsmittel und etablierte sich in Gestalt des „Betriebswissenschaftlichen Instituts“ an der ETH Zürich auch institutionell. Das Institut sollte dabei als Bindeglied zwischen der Schweizer Industrie und der technischen Hochschule fungieren. Es war geplant, dass die Industrie Problemstellungen aus den Bereichen Betriebsorganisation, Rechnungswesen, Baubetriebe, Fabrikbetrieb, Werkstatttechnik und Herstellungsverfahren etc. an das Institut herantragen sollte. Diese an der Hochschule ausgebildeten „Rationalisierungsingenieure“ entwickelten sich zu einer neuen sozialen Gruppe, die sich durch eine hohe Qualifikation, fachliche Kompetenz und ein hohes Sozialprestige auszeichnete. Zugleich wurden im Rahmen der Rationalisierungsbestrebungen Wissensbestände mit betriebswirtschaftlichem Referenzrahmen zu neuen Berufsfeldern der Wirtschaftsplanexpertise ausgebaut. So boten diese Rationalisierungsbewegungen der Zwischenkriegszeit eine Plattform für den intensivierten Austausch zwischen Vertretern der Privatwirtschaft, der Hochschulen und unternehmensnahen Expertengruppen.

Nach einer Blütezeit der wissenschaftlichen Betriebsführung kam es insbesondere in den USA in 1920er Jahren wiederum zu einer Neuorientierung der Theoriebildung, die durch Erkenntnisse aus der angewandten Psychologie ausgelöst wurde: Die „Hawthorne-Studie“ (Elton Mayo) verhalf einer multidisziplinären Betrachtungsweise betrieblicher Arbeitsbeziehungen zum Durchbruch, indem sie auch die psychologischen und soziologischen Dynamiken von Arbeits- und Produktionsbeziehungen in den Blick nahm. Der „Human-Relations-Ansatz“ grenzte sich zu technischen und ökonomischen Konzeptionen darin ab, dass er verstärkt die interpersonale Ebene des Betriebsgeschehens und dabei insbesondere Fragen der Loyalitäts- und Motivationsförderung in den Vordergrund stellte. Parallel dazu kam es an den USA zur Bündelung der Verwissenschaftlichungsbestrebungen im neuen Fächerkomplex der Unternehmensführungslehre, die hier in der Regel im Rahmen der Studienrichtung „Business Administration“ gelehrt wurde.

Im Unterschied zu den USA wurden an den Hochschulen des deutschen Sprachraums Fragen der Unternehmensführung und Unternehmenspolitik in Lehre und Forschung lange Zeit vernachlässigt. Dies änderte sich erst Ende 1960er und 1970er Jahren. Noch bevor sich die schweizerische Betriebswirtschaftslehre eingehender mit der Thematik zu beschäftigen begann, waren in den 1940er und 1950er Jahren außerhalb der Universitäten – etwa durch Studienreisen in die USA – erste Initiativen unternommen worden, um eine Unternehmensführungslehre nach amerikanischem Vorbild zu etablieren. Nach dem Zweiten Weltkrieg entstanden Institute die sich an das Vorbild der „Harvard Business School“ anlehnten und sich damit zugleich als international ausgerichtete Kaderschmieden verstanden. Die von Hans Ulrich formulierte Prämisse orientierte sich daran, Absolventen „zu nützlichen Mitarbeitern in Unternehmungen und Betrieben zu erziehen“ (S. 142). Das praktische Ausbildungsziel bestand somit in der akademischen Berufsbildung von zukünftigen Unternehmensführern.

Diese Entwicklungen waren letztlich auch der Grund für die quantitative Expansion des Faches Betriebswirtschaftslehre ihn zu einem Massenstudienfach: Sie wurde, anders als die Volkswirtschaftslehre, zu der am häufigsten gewählten Abschlussrichtung innerhalb der Wirtschaftswissenschaften: „Wie die statistischen Berechnungen zeigen, ist die Betriebswirtschaftslehre in der Schweiz spätestens seit den 1990er Jahren zu einem der wichtigsten Produzenten akademischer Bildungstitel aufgestiegen.“ (S. 150). Dieser Erfolg führte dazu, dass weitere Institutionen der kaufmännisch-betriebswirtschaftlichen Aus- und Weiterbildung eingerichtet wurden. Mit dem Ziel, jüngeren Kaufleuten mit Lehrabschluss oder einem Handelsschuldiplom Weiterbildungsmöglichkeiten an einer höheren Bildungsanstalt zur Verfügung zu stellen, kam es ab den 1960er Jahren zur Eröffnung von so genannten „Höheren Wirtschafts- und Verwaltungsschulen (HVW)“, die ab Mitte der 1990er Jahre in den neu eingerichteten Ausbildungstypus der Fachhochschulen integriert wurden, was insbesondere im neuen BA-/MA-Studiensystem zu Abgrenzungsproblemen bzw. Rivalitäten zwischen Fachhochschulen und Universitäten führte. Weiterhin hat auch in der Schweiz in den letzten Jahren der aus dem anglo-amerikanischen Raum stammende Bildungstitel „Master of Business Administration“ als weiterer Abschluss deutlich an Bedeutung gewonnen. Eine gewisse Unübersichtlichkeit ergibt sich zudem daraus, dass neben öffentlichen vermehrt private Weiterbildungsanbieter entsprechend ausgerichtete Kurse und Zertifikate im Bereich der Betriebswirtschaftslehre anbieten.

In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts wurden betriebswirtschaftliche Qualifikation somit erfolgreich in das Beschäftigungssystem eingeführt. Die Betriebswirtschaftslehre etablierte sich zunehmend als Reproduktionsinstanz für Führungskräfte in Wirtschaft und Verwaltung. Diese Durchdringungsprozesse haben, vermittelt über einen steigenden Bedarf an betriebswirtschaftlich geschulten Fachkräften, wesentlich zum Expansionsprozess der Betriebswirtschaftslehre beigetragen. Durch ihre fachspezifischer Ausdifferenzierung ist die Betriebswirtschaftslehre dabei zugleich in Konkurrenz zu außerakademischen Wissensbeständen geraten, die für sich selber auch einen Expertenstatus in Anspruch nehmen, was weitere Abgrenzungsprobleme mit sich bringt.

Die „Fallporträts“ des zweiten Teils der Untersuchung richten die Aufmerksamkeit auf Basis themenzentrierter Interviews mit Professoren aus verschiedenen Subdisziplinen der Betriebswirtschaftslehre auf die Sichtweisen und Interpretationsmuster der gegenwärtig in diesen Wissenschaftsfeld tätigen Akteure: „Dabei werden vorangehend herausgearbeitete Befunde sowohl aktualisiert als auch konkretisiert und weiter differenziert. Anhand von Fallportraits werden die Spannbreite und die internen Divergenzen der betriebswirtschaftlichen Wissenskultur genauer beleuchtet.“ (S. 159).

Das erste Unterkapitel geht der Frage nach, welche konkreten Formen das Anwendungspostulat der Betriebswirtschaftslehre in der Berufspraxis zeitgenössischer Akteure annimmt. Die verschiedenen Erscheinungsformen einer angewandten Wissenschaft werden dabei durch den „Wirtschaftstechniker“ (er geht von einer relativ unproblematischen Gestaltbarkeit wirtschaftlicher Gebilde analog zur Gestaltbarkeit technischer Systeme durch die Anwendung wissenschaftlicher Erkenntnisse aus), den „klinischen Wissenschaftler“ (für ihn steht die wissenschaftsbasierte Lösung von Praxisproblemen in einem Wechselverhältnis zur wissenschaftlichen Erkenntnisfindung) und den Vertreter einer „praktischen Reflexionslehre“ (er beschränkt sich auf Anwendungen, die nicht eine Praxisgestaltung an sich anstreben, sondern vielmehr auf einen Bewusstseinsbildungsprozess bei den Praktikern ausgerichtet sind) repräsentiert.

Das zweite Unterkapitel setzt sich mit der Frage auseinander, wie sich Akteure heute zwischen dem Pol der Wissenschaft und jenem der Praxis verorten und inwiefern für sie eine Vereinbarkeit dieser beiden Positionen möglich ist. Beim „klinischen Wissenschaftler“ komme „ein wissenschaftliches Autonomiemodell zum Ausdruck, welches das selbstinteressierte Spiel um wissenschaftliches Prestige ins Zentrum der Forschungstätigkeit stellt.“ (S. 187). In der Rolle des Hochschullehrers wird diese Autonomie für diesen Typ von Wissenschaftlern jedoch zu einem Defizit, das er durch Kontakte mit Wirtschaftspraktikern zu kompensieren sucht. Dieses Manko versucht ein anderer Typ durch die gleichzeitige Kombination von Beruf und wissenschaftlicher Arbeit zu vermeiden. Dieses Fallbeispiel verweise „[…] auf eine Selbstpositionierung im Grenzbereich zwischen Wissenschaftsfeld und Berufspraxis.“ (S. 191), die mit einer außerordentlichen Mehrfachbelastung einhergehe. Der dritte Typus schafft es, im Rahmen eines persönlichen „Synergiemodelles“ die beruflichen Erfahrungen aus einer Tätigkeit an einer „Business School“ in die hauptamtliche Lehr- und Forschungstätigkeit zu transferieren. Dieses Fallbeispiel zeige eine „[…] zeitgenössische Version der bei betriebswirtschaftlichen Hochschullehrern häufigen berufsbiografischen Verbindungen zu anderen Bildungsinstitutionen im Bereich der kaufmännisch-betriebswirtschaftlichen Bildung.“ (S. 196).

Die historischen Herleitungen verweisen darauf, dass die Strukturbedingungen im betriebswirtschaftlichen Wissenschaftsfeld seit längerer Zeit einem Transformationsprozess unterliegen. Im dritten Unterkapitel geht Burren deshalb der Frage nach, wie schweizerische Fachakteure diese Veränderungen deuten und welche Konsequenzen sich daraus im Hinblick auf die praxis- bzw. wirtschaftsnahe Wissenskultur der Betriebswirtschaftslehre ableiten lassen.

Diskussion

Susanne Burren legt mit ihrem Titel eine detaillierte, historisch-genetische angelegte Untersuchung der Entstehung und Entwicklung der Betriebswirtschaftslehre als – bis heute – inhaltlich hybrider Disziplin und als eigenständigem universitären Fach im deutschsprachigen Raum vor, wie sie es in diesem Umfang und dieser systematischen Form bisher nicht gegeben hat. Überzeugen kann besonders die Kombination der Darstellung der wechselvollen historischen Herleitungen des Theorienzusammenhanges der Disziplin mit den Fallporträts aus der aktuellen Wissenschaftspraxis, die es nach wie vor rechtfertigen, von der Betriebswirtschaftslehre als einer „hybriden Disziplin“ zu sprechen.

Fazit

Weil, wie die Autorin zu Recht anführt, betriebswirtschaftliches Expertenwissen heute allgegenwärtig ist, über seine disziplinäre Basis zugleich aber nur wenig bekannt ist, lohnt sich das Studium des Buches grundsätzlich für alle wirtschaftlich Interessierten. Vor allem aber für Studenten der Betriebswirtschaftslehre. die sich, vielleicht zu Beginn ihres Studiums und dann eher beiläufig, mit Fragen der Genese ihrer Disziplin auseinander setzen (müssen), insofern die ersten 100 Seiten in der deutschen „Bibel“ der Betriebswirtschaftslehre (Günter Wöhe: Einführung in die Allgemeine Betriebswirtschaftslehre, 21. Aufl.) zu lesen sind. Zudem haben sie es – darin unterschiedet sich die Betriebswirtschaftslehre wenig von anderen Fächern – oftmals mit einer verengten, weil auf wenige gerade „angesagte“ Fachvertreter fokussierte Auseinandersetzung mit den Gegenständen ihrer Disziplin zu tun. „Die Wissenskultur der Betriebswirtschaftslehre“ von Susanne Burren leistet einen qualifizierten Beitrag dazu, diesen Horizont zu weiten.


[1] Leon Gomberg (St. Gallen) betont in seiner Schrift „Handelsbetriebslehre und Einzelwirtschaftslehre“ (1904) erstmalig die unterschiedlichen Standpunkte des kaufmännischen Betriebs (Einzelwirtschaft) und der Volkswirtschaft (Gesamtwirtschaft) und begründet damit die systematische Teilung der Wirtschaftswissenschaften in zwei Subdisziplinen. Im Sinne ihrer fachlichen Selbstbehauptung grenzt er damit die sich entwickelnde Betriebswirtschaftslehre sowohl gegenüber der Nationalökonomie als auch gegenüber den nichtwissenschaftlichen Handelsmittelschulen ab.


Rezension von
Prof. Dr. Michael Buestrich
Evangelische Fachhochschule Rheinland-Westfalen-Lippe in Bochum
Homepage www.buestrich.net


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Zitiervorschlag
Michael Buestrich. Rezension vom 03.05.2010 zu: Susanne Burren: Die Wissenskultur der Betriebswirtschaftslehre. Aufstieg und Dilemma einer hybriden Disziplin. transcript (Bielefeld) 2010. ISBN 978-3-8376-1330-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/9206.php, Datum des Zugriffs 12.07.2020.


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