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Karl Ulrich Mayer, Eva Schulze: Die Wendegeneration

Rezensiert von Prof. Dr. Hartmut M. Griese, 06.10.2010

Cover Karl Ulrich Mayer, Eva Schulze: Die Wendegeneration ISBN 978-3-593-39036-9

Karl Ulrich Mayer, Eva Schulze: Die Wendegeneration. Lebensverläufe des Jahrgangs 1971. Campus Verlag (Frankfurt) 2009. 281 Seiten. ISBN 978-3-593-39036-9. D: 29,90 EUR, A: 30,80 EUR, CH: 48,90 sFr.
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Vorbemerkung

Ich habe mich um die Rezension dieses Buches bemüht, weil ich mehrfach von der Thematik (mit)betroffen bin:

  • Ich habe selbst eine Tochter (West) Jahrgang 1970;
  • Ich war vor der „Wende“ Gast an DDR-Universitäten, hatte 1990 eine Gastprofessur in Ostdeutschland (Jena) und habe die „Wendezeit“ aufmerksam teilnehmend seit dieser Zeit beobachtet;
  • Ich habe etliche Bücher mit ostdeutschen (Ex-DDR-)Kollegen zu Themen wie „Sozialisation“ und „Jugend“(-forschung) sowie zum Übergangsritual der „Jugendweihe“ publiziert (vgl. unten);
  • Ich bin mit einer „DDR-integrierten“ Frau mit drei Kindern verheiratet und lebe seit einigen Jahren privat in Sachsen-Anhalt.

Autoren und Thema

Karl Ulrich Meyer ist Stanley B. Resor Professor an der Yale University und war lange Jahre in leitender Funktion und Forschung am Max-Planck-Institut. Eva Schulze leitet das Berliner Institut für Sozialforschung (BIS) und ist Gastprofessorin für Altern und Geschlecht an der Universität Vechta.

Die Studie fasst empirische Daten aus zwei großangelegten Untersuchungen zusammen: „drei große repräsentative Befragungen aus den Jahren 1996 bis 1998 und 2005 … 31 biographische Interviews, die wir zwischen 2004 und 2006 in sechs Regionen durchgeführt haben. Die drei Befragungen und die qualitativen Interviews sind Teil der Deutschen Lebensverlaufstudie, die unter Leitung von Karl Ulrich Meyer seit 1979 im Sonderforschungsbereich 3 der Deutschen Forschungsgemeinschaft und von 1983 bis 2005 am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung, Berlin, durchgeführt wurden. Diese Lebensverlaufsstudie hat insgesamt mehr als 12.000 Lebensgeschichten von Frauen und Männern der Geburtsjahrgänge zwischen 1919 und 1971 gesammelt“ (S. 11/12).

„Dieses Buch berichtet über die Lebensverläufe von 1971 in West- und Ostdeutschland geborenen Frauen und Männer bis zum Jahr 2005 … Wir nennen sie Wendegeneration“. Daraus ergeben sich „zwei große Fragestellungen: Wie unterschiedlich war das Leben dieser Generation vor der Wende? Wie ähnlich wurde es nach der Wende, beziehungsweise wie verschieden blieben Ostdeutsche und Westdeutsche nach der Wende? Welche Folgen hatte es, in dem einen und nicht in dem anderen Teil Deutschlands aufgewachsen zu sein?“ (S. 11).

Inhalt und Erkenntnisse der Studie

Ausgangsfrage ist: „Der Geburtsjahrgang 1971 – Eine verlorene Generation?“ (Überschrift Kapitel 1, S. 14ff). Es werden je ein typischer Lebensverlauf West und Ost – mit Bildern, wie auch in gesamten Buch, garniert – beschrieben; es werden „Mutmaßungen über die Wendegeneration“ referiert, Daten und Fakten zum „sozialen und wirtschaftlichen Wandel 1971 bis 2005“, um sich dem Jahrgang 1971 anzunähern. Selbstkritisch wird konstatiert, dass die Studie „Verzerrungen zugunsten besser Qualifizierter“ aufweist (bei den 31 Interviews liegt kein Fall mit Hauptschule vor! H.G.) und in der Panelbefragung von 2005 nur „eine relativ kleine Stichprobe der Ostdeutschen“ erfasst wird (S. 33). Ebenso wird erklärt, dass die Zielsetzung der Studie „vor allem beschreibend und daher mehr verstehend als erklärend“ ist, wobei die präsentierten ausgewählten Interviewfälle „an Hand der Zitate für sich selbst sprechen sollen“ (ebd.) – in anderen Worten: Theorie- bzw. Diskursverzicht!?

Das 2. Kapitel befasst sich mit „Kindheit und Jugend“ bzw. „Sozialisation in Ost- und Westdeutschland“ (S. 34ff). Hervorzuheben ist die Erkenntnis, dass in der DDR eher eine „Standard-Kindheit und -Schulzeit“ sowie „eine relativ große materielle Gleichheit“ vorlagen, „während im Westen die Schere zwischen Arm und Reich sehr viel größer war“ und dass in der DDR der Zugang zum Abitur stärker beschränkt und geringer war (S. 38f). Der Hauptunterschied betrifft sicher das Bildungssystem, da in der DDR alle Schüler bis zur 10. Klasse in eine gemeinsame Polytechnische Oberschule gingen, es „kein Sitzenbleiben“ gab und kaum Schul- oder Klassenwechsel (S. 40). „Eine besondere Bedeutung für Jugend und Kindheit in der DDR hatte die Jugendweihe“ sowie die nahezu durchgängige Erfahrung der Heranwachsenden, dass ihre Mütter berufstätig waren.

Folgen dieser unterschiedlichen Konstellation in Ost- und Westdeutschland waren z.B.: „ein insgesamt höheres Leistungsniveau in der DDR. Die DDR-Schulen waren erfolgreicher in der Absicherung von Grundkompetenzen“ (S. 46); „die Erziehung der Jugendlichen im Osten war in hohem Maße staatlich gelenkt sowie politisch-ideologisch geprägt“ (S. 47), so dass tendenziell von einer „normierten Kindheit und Jugend“ bzw. einem „Fließband-DDR-Kind“ gesprochen werden kann. Auf der anderen Seite werden Kindheit und Jugend sowie die (Qualität der) Schulzeit in der Regel sehr positiv erinnert – man hat sich „sehr wohl gefühlt“.

Kapitel 3 beinhaltet die „Stolpersteine und Schwellen beim Start ins Arbeitsleben“ (S. 88ff). Die Generation 1971 war in der Umbruchzeit 1989/90 18 bzw. 19 Jahre alt, d.h. genau an der entscheidenden Schwelle ihrer Berufsbiographie bzw. am Ende der Lehrzeit oder Schulausbildung. „Was mach‘ ich jetzt“ lautet die Frage. Mit Blick auf den Osten kann konstatiert werden: „Es gibt keine Übergänge ohne Brüche“, aber auf Grund einer pragmatisch-optimistischen Grundeinstellung viele „erfolgreiche Anpassungen“ an das Arbeitsleben (S. 117). „Der Anteil der Ostdeutschen ohne abgeschlossene Berufsausbildung war sehr viel geringer, die Quote jener in beruflicher Ausbildung war höher, und der Anteil der Abiturienten und Hochschulbesucher war geringer“ (S. 132).

Das nächste Kapitel konzentriert sich auf „berufliche Werdegänge nach der Wiedervereinigung“ (S. 136ff) bzw. auf die Debatten um „Flexibilisierung und De-Standardisierung“, „Qualifikationsverlust und Kompetenzwandel“ und „Das Ende der dualen Ausbildung“ sowie die Art und Weise, wie der Jahrgang 1971 in Ost- und Westdeutschland damit umging. Als relevant entpuppt sich aus den Daten und Biographien der Umgang bzw. die Erfahrung mit Arbeitslosigkeit. „Etwa zwei Drittel der ostdeutschen Männer machten Erfahrung mit Arbeitslosigkeit – im Gegensatz zu rund einem Drittel bei westdeutschen Männern. Frauen im Osten waren fast so häufig arbeitslos wie ostdeutsche Männer und ebenfalls um über die Hälfte häufiger als westdeutsche Frauen“ (S. 148). Ein Blick auf die Berufshierarchien zeigt „massive Vorteile der Westdeutschen und deutliche Benachteiligung der Ostdeutschen“ (S. 150). Fazit: Ostdeutsche mittleren Alters „sind noch nicht mit denselben Chancen und Belohnungen in der Bundesrepublik abgekommen“ – der „entscheidende Unterschied liegt in den sehr viel größeren Arbeitslosigkeitsrisiken“ (S. 152).

Das Resümee lautet: „Erzwungene Umwege, vor allem im Osten, und facettenreiche Suchprozesse im Westen, haben eine gemeinsame Folgeerscheinung. Die berufliche Etablierung wird hinausgeschoben. Das heißt vor allem, dass die Familienbildung, also Heirat und Elternschaft, verzögert werden“ (S. 173) – damit ist das Thema und Ergebnis des nächsten Kapitels „Partnerambivalenz und Familienbildung“ (S. 174ff) umrissen: „Halbierung der jährlichen Geburtenrate“ im Osten; „Trend zu immer späterer Heirat und Elternschaft“ und damit Annäherungen in Ost und West; aber unterschiedliche Einstellungen zu Kindern und Familie bzw. Aufschub des Kinderwunsches im Westen. Ursache dafür scheint ein unterschiedliches Frauen- und Mutterbild zu sein: „Hausarbeit ist Frauensache“ und „ein Kleinkind leidet, wenn die Mutter erwerbstätig ist“ (S. 188/89) sind immer noch vorherrschende Auffassungen im Westen. Im Osten „zählen Familie und Kinder zu den gesellschaftlichen Selbstverständlichkeiten“ (S. 222).

Das letzte Kapitel (S. 223ff) überschreiben die Autoren mit „Die unvollendete Einheit – Generationserfahrungen vor und nach der Wende“ und focussieren ihre Erkenntnisse in Form von Untertiteln wie „Kollektiv und Einheitsschule vs. Kernfamilie und dreigliedriges Schulsystem“ (S. 226), „Stolpersteine und Schwellen – Der Übergang von der Schule in die Arbeitswelt“ (S. 229), „Karriereverläufe und Kompetenzentwicklung“ (S. 231), „Die aufgeschobene Familienbildung“ (S. 233) und schließlich fragend „Der Geburtsjahrgang 1971 – Konvergenz oder Divergenz?“ (S. 235). Grundtenor ist: Trotz Angleichungen und Annäherungen existieren weiterhin Trennungen und Unterschiede. „Die Muster der Lebensverläufe, die Lebensentwürfe und Lebenseinstellungen gleichen sich eher langsam aneinander an. Insofern bleibt die deutsche Einheit unvollendet“ (S. 236 – letzter Satz!).

Diskussion

Bereits der letzte Satz macht deutlich, dass die Autoren keine Prognose(n) aufstellen oder wagen (was ja Sinn von historisch-gesellschaftlicher Forschung ist), da ihre Ausführungen rein deskriptiv und m. E. theoretisch unterbelichtet sind. Es fehlt eine terminologische Diskussion, z.B. zu den Begriffen „Wende“ (für dieses Phänomen existieren durchaus andere Termini), „Generation“ (da gibt es einschlägige soziologisch-jugendtheoretische Diskurse) oder „Jugend“ und „Sozialisation“; es mangelt m. E. an notwendiger Differenzierung gemäß des aktuellen „Intersectionality-approach“ (class/ Milieu – race/ Ethnie – Religion – Region etc.) – es wird allein nach Geschlecht und Ost-West unterschieden, was vorhandene Vorurteile reproduziert, da Ost- und West-Deutschland scheinbar homogene Phänomene sind – die Theoreme der Pluralisierung (von Familienformen und Lebensstilen) und Individualisierung (von Biographien) lassen grüßen! So kommen bestimmte (z.B. Migranten- oder Unterschicht-)Milieus oder regionale (Nord-Süd-)Unterschiede in der Studie überhaupt nicht vor. Einschlägige vergleichbare Studien zur ostdeutschen Jugend werden nicht herangezogen (vor allem die Sächsische Längsschnittstudie von Förster, exemplarisch 1992, 2002) – es herrscht quasi Abgrenzung gegenüber der DDR-Jugendforschung und ihrer Vertreter aus dem ZIJ (Zentralinstitut für Jugendforschung – Friedrich/ Griese 1991; Bolz/ Griese 1995; Friedrich/ Förster 1996). Da innerhalb von West- und Ostdeutschland nicht differenziert wird – außer nach Geschlecht – ist auch keine Rede von den „Gewinnern“ und „Verlierern“ des Einheitsprozesses innerhalb einer Generation. Es werden ein Ost-West-Dualismus und Unterschiede konstruiert, die m. E. sinnvoller, realistischer und aussagekräftiger in Differenzen zwischen Regionen, Milieus und zwischen Gewinnern und Verlieren innerhalb von Ost- und Westdeutschland existieren. Damit macht man dem Einheitsprozess keinen Gefallen! Die strukturellen Probleme (Arbeitslosigkeit, Zukunftschancen etc.) liegen nicht primär zwischen Ost- und Westdeutschland, sondern – neben dem Genderaspekt – klassen- bzw. milieuspezifisch innerhalb von West- und Ostdeutschland. Dort klafft die Schere auseinander und verhindert die innere Einheit Deutschlands.

Fazit

Die Studie lässt sich, vor allem wegen der zahlreichen wörtlichen aussagekräftigen (aber theoretisch nicht genutzten) Aussagen der Probanden sowie etlicher interessanter prozessualer Daten und anschaulicher Bilder, mit Vergnügen und Gewinn lesen. Ein theoriegeleiteter Blick auf die Gegenwart sowie Ansätze zur Prognose hätten aber weitere relevante Forschungsfragen aufgeworfen – was m. E. einen Mangel darstellt. Ferner wäre zu diskutieren bzw. zu bezweifeln, ob der Begriff „Wendegeneration“ auch für Westdeutsche angemessen ist. Zu fragen ist auch, ob bei einer Analyse von Generationen und deren Erfahrungen im Umbruchprozess Aspekte und Themen wie politische Einstellungen, Wahlverhalten und Werteorientierung einfach vernachlässigt werden können (vgl. dazu ganz aktuell Roedig 2010). Auf Grund der Fülle der vorliegenden Daten sowie der methodischen Anlage der Studie (Längsschnitt, quantitative und qualitative Daten) wäre mehr theoretisch-interpretierende Phantasie im Sinne von Prognosen und abschließenden (Hypo-)Thesen sicher angemessen gewesen.

Literatur

(auch thematisch-inhaltlich weiterführende)

  • Bolz, Alexander und Griese, Hartmut M. (Hrsg.): Deutsch-deutsche Jugendforschung. Theoretische und empirische Studien zur Lage der Jugend aus ostdeutscher Sicht. Weinheim und Basel 1995.
  • Bolz, Alexander/ Fischer, Christina/ Griese, Hartmut M. (Hrsg.): Jugendweihen in Deutschland. Idee, Geschichte und Aktualität eines Übergangsrituals. Leipzig 1998.
  • Förster, Peter: Jugendliche in Sachsen auf dem Weg in das vereinte Deutschland. Dokumentation einer Intervallstudie 1987-1992. Leipzig 1992.
  • Ders.: Junge Ostdeutsche auf der Suche nach der Freiheit. Eine systemübergreifende Längsschnittstudie zum politischen Mentalitätswandel vor und nach der Wende. Opladen 2002.
  • Ders.: Die Intervallstudie. In: Walter Friedrich zum 80. Geburtstag. Leipzig 2009.
  • Friedrich, Walter und Griese, Hartmut M. (Hrsg.): Jugend und Jugendforschung in der DDR. Opladen 1991
  • Friedrich, Walter und Förster, Peter: Jugend im Osten. Politische Mentalitäten im Wandel. Leipzig 1996
  • Griese, Hartmut M. (Hrsg.): Übergangsrituale im Jugendalter. Jugendweihe, Konfirmation, Firmung und Alternativen. Münster 2000.
  • Roedig, Andrea: Es waren zwei Wendekinder. In: FR vom 6.6.2010.
  • Schlegel, Uta und Förster, Peter: Ostdeutsche Jugendliche. Vom DDR-Bürger zum Bundesbürger. Opladen 1997.
  • Sydow, Hubert (Hrsg.): Entwicklung und Sozialisation von Jugendlichen vor und nach der Vereinigung Deutschlands. Opladen 1997.

Rezension von
Prof. Dr. Hartmut M. Griese
Leibniz Universität Hannover, Philosophische Fakultät, Institut für Soziologie und Sozialpsychologie.
ISEF-Institut (Institut für sozial- und erziehungswissenschaftliche Fortbildung
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Es gibt 85 Rezensionen von Hartmut M. Griese.

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Zitiervorschlag
Hartmut M. Griese. Rezension vom 06.10.2010 zu: Karl Ulrich Mayer, Eva Schulze: Die Wendegeneration. Lebensverläufe des Jahrgangs 1971. Campus Verlag (Frankfurt) 2009. ISBN 978-3-593-39036-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/9209.php, Datum des Zugriffs 02.10.2022.


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