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Klaus Schmeck, Susanne Schlüter-Müller: Persönlichkeitsstörungen im Jugendalter

Cover Klaus Schmeck, Susanne Schlüter-Müller: Persönlichkeitsstörungen im Jugendalter. Springer (Berlin) 2009. 140 Seiten. ISBN 978-3-540-20933-1. 39,95 EUR.

Reihe: Manuale psychischer Störungen bei Kindern und Jugendlichen.
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Autor und Autorin

Prof. Dr. med. Dipl.-Psych. Klaus Schmeck ist seit 2006 Chefarzt der Kinder- und Jugendpsychiatrischen Klinik der UPK und Ordinarius für Kinder- und Jugendpsychiatrie an der Universität Basel. Er ist promovierter Mediziner, Facharzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie sowie Diplom-Psychologe mit Schwerpunktausbildung in klinischer Psychologie.

Dr. med. Susanne Schlüter-Müller, seit 1997 Tätigkeit als Ärztin für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie in eigener Praxis in Frankfurt/M. mit sozialpsychiatrischen Schwerpunkt. Seit Oktober 2007Vertretungsprofessur für Psychiatriebezogene Sozialpädagogik an der Leuphana-Universität Lüneburg/ Institut für Sozialpädagogik.

Thema und Entstehungshintergrund

Die Autoren widmen sich mit diesem Buch einem äußerst umstrittenen Thema. Die Diagnosen Persönlichkeitsstörungen des Kindes- und Jugendalters werden entweder kategorisch abgelehnt oder traditionell immer noch eher von psychoanalytisch ausgebildeten Therapeuten vergeben. Die Vorbehalte sind mannigfaltig, vor allem sind hier jedoch die befürchtete Stigmatisierung der sich noch in der Entwicklung befindenden Heranwachsenden zu nennen. Die Tatsache, dass die Diagnose im Erwachsenenalter eine bereits früh (i.d.R. im Kindesalter) beginnende Symptomatik voraussetzt, wird dabei häufig ausgeblendet. Ob die hier häufig gewählten Ausweichdiagnosen, beispielsweise die kombinierten Störungen des Sozialverhaltens und der Emotionen, letzten Endes den Betroffenen gerecht werden, wird in diesem Buch kritisch diskutiert. Die Autoren weisen zu recht daraufhin, dass vielen Jugendlichen aufgrund der vermiedenen Diagnose eventuell eine angemessene Therapie bzw. Förderung verwehrt bleibt.

Aufbau und Inhalt

Das übersichtlich gestaltete Buch ist in folgende Kapitel unterteilt:

1. Ein Blick zurück: Zur Geschichte einer Störung. Im einleitenden Kapitel beschreiben die Autoren die geschichtliche Entwicklung des Konzepts der Persönlichkeitsstörung. Sie differenzieren an dieser Stelle auch zwischen den Konstrukten Persönlichkeit, Charakter und Temperament. Des weiteren wird auf die konzeptuellen Unterschiede zwischen kategorialen und dimensionalen Ansätzen eingegangen.

2. Worum es geht: Definition und Klassifikation. In diesem Abschnitt werden zunächst konzeptuelle Fragen (wie stabil sind Persönlichkeitsmerkmale im Gesamtverlauf und was bedeutet dies für die Diagnose im Kindes- und Jugendalter?) beantwortet. Anschließend wird die Historie der Entwicklung spezifischer Diagnosesysteme (DSM/ICD) dargestellt; in zukünftigen Klassifikationssystemen werde wohl eher ein dimensionaler Ansatz verfolgt. Es folgen Definition, Leitsymptome und abschließend die Darstellung sämtlicher Persönlichkeitsstörungen. Abschließend gehen die Autoren auf das wichtige Thema der Ausschlussdiagnostik ein.

3. Was ist erklärbar?: Ätiologie und Entwicklungspsychopathologie. In diesem Kapitel wird auf biologische und psychologische Faktoren gestörter Persönlichkeitsentwicklungen eingegangen. Es werden psychodynamische Erklärungsansätze geliefert und auf Umweltfaktoren eingegangen.

4. Der Blick auf das Besondere: Störungsspezifische Diagnostik. Hier wird sowohl das diagnostische Vorgehen bei den einzelnen Störungsbildern vorgestellt, als auch allgemeine Testdiagnostik (Fragebögen, strukturierte Interviews, etc.) beschrieben.

5. Unterscheiden ist wichtig: Differenzialdiagnostik. In diesem kurzen Kapitel gehen die Autoren auf die Unterschiede bei den verschiedenen Persönlichkeitsstörungen ein und nennen auch häufige Komorbiditäten (im Sinne der DSM-IV Diagnose auf der ersten Achse).

6. Was zu tun ist: Interventionen. Es gibt unterschiedliche Möglichkeiten, die verschiedenen Störungsbilder therapeutisch zu behandeln. Nach Auswahl des angemessenen Settings, ambulant oder (teil-)stationär, werden zunächst die allgemeinen therapeutischen Prinzipien, die zur Behandlung der jeweiligen Störungsbilder bedacht werden sollten, dargestellt. Anschließend werden spezielle psychotherapeutische Verfahren, die Dialektisch Behaviorale Therapie (DBT) nach Linehan, Übertragungsfokussierte Psychotherapie (TFP) nach Kernberg, die Mentalisierungsgestützte Therapie (MBT) nach Bateman und Fonagy und Becks Schemafokussierte Therapie (SFT) kurz skizziert. Die medikamentösen Optionen werden ebenso dargestellt, wie auf Besonderheiten im ambulanten und (teil-)stationären Setting eingegangen wird. Abschließend werden Möglichkeiten in der Jugendhilfe und forensische Aspekte bei Straftaten beschrieben und ethische Fragen diskutiert. In diesem kurzen aber eminent wichtigen Abschnitt wird noch einmal deutlich gemacht, dass die Diagnose Persönlichkeitsstörung niemals im Sinne einer nicht veränderbaren Störung missverstanden werden darf. Sie dürfe auch nicht „als Entschuldigung für einen therapeutischen Misserfolg dienen“ und so „aus unkontrollierten Gegenübertragungsgefühlen heraus wie eine Waffe verwendet werden“ (S. 110).

7. Der Blick voraus: Verlauf und Prognose. Hier wird anhand der aktuellen Studienlage deutlich gemacht, dass Persönlichkeitsstörungen über längere Zeit hinweg (ca. 10 Jahre) zwar per definitionem stabile Merkmale beschreiben, die jedoch über deutlich längere Zeitfenster gesehen durchaus veränderbar sind.

8. Was wir nicht wissen: Offene Fragen. Das abschließend diskutierte Problem erscheint zunächst paradox: Nach 100 Seiten wird erneut die einleitende Frage aufgeworfen, ob es die Persönlichkeitsstörungen im Kindes- und Jugendalter überhaupt gibt. Bislang würden diese lediglich als Arbeitsdiagnosen gestellt. In der Folge mangele es deutlich an Fragebogen- oder Interviewverfahren, die speziell für Kinder und Jugendliche und vor allem für das Umfeld entworfen wurden.

Im Anhang werden die Quellenangaben zu den Leitlinien, wissenschaftliche Fachgesellschaften, Adressen von Institutionen und Selbsthilfegruppen und Elterninformationen geliefert.

Diskussion

Ein eminent wichtiges Buch, das mit Sicherheit zu Diskussionen und Nachdenken anregt, legen die Autoren hier vor. Es ist übersichtlich gestaltet und bietet trotz seiner Kürze alles, was man derzeit zum Thema wissen muss. Natürlich kann in einem solchen Heft nicht näher auf die einzelnen Inhalte (z.B. Therapieformen) eingegangen werden, dennoch schaffen Schmeck und Schlüter-Müller es, auch das Vorgehen an diesen knapp skizzierten Stellen anhand Fallbeispiele zu veranschaulichen. Wer tiefer in die Materie eintreten möchte, dem seien spezifische Bücher (vgl. beispielsweise die Rezension zu Brunner & Resch 2009 oder die Rezension zum interaktiven Skillstraining für Borderline-Patienten von Bohus und Wolf, 2009) ans Herz gelegt.

Fazit

Der Untertitel der Reihe, Manuale psychischer Störungen bei Kindern und Jugendlichen, täuscht ein wenig. Es handelt sich bei der Reihe nicht um Therapiemanuale, sondern um eine hervorragende Reihe von übersichtlichen Einblicken in spezifische Störungsbilder des Kindes- und Jugendalters. In dieser Form sind sie am ehesten mit der ebenfalls hervorragenden Reihe „Leitfaden Kinder- und Jugendpsychiatrie“ des Hogrefe-Verlags zu vergleichen. Inhaltlich gibt es bei beiden Reihen jedoch bislang wenige Überschneidungen, so dass beide uneingeschränkt zu empfehlen sind.


Rezension von
Dr. Alexander Tewes
Leitender Dipl.-Psychologe, Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie (KJPP) - Haus 4
Psychiatrische Klinik Lüneburg gemeinnützige GmbH im Verbund der Gesundheitsholding Lüneburg
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Zitiervorschlag
Alexander Tewes. Rezension vom 24.03.2010 zu: Klaus Schmeck, Susanne Schlüter-Müller: Persönlichkeitsstörungen im Jugendalter. Springer (Berlin) 2009. ISBN 978-3-540-20933-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/9217.php, Datum des Zugriffs 18.01.2020.


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