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Carl G. Jung (Hrsg.): Das Rote Buch - Liber novus

Cover Carl G. Jung (Hrsg.): Das Rote Buch - Liber novus. Patmos Verlag (Ostfildern) 2009. 372 Seiten. ISBN 978-3-491-42132-5. D: 168,00 EUR, A: 172,70 EUR, CH: 279,00 sFr.

Reihe: Philemon series. Hrsg. und eingeleitet von Sonu Shamdasani. Vorw. von Ulrich Hoerni.
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Aufbau

Es ist eine echte wissenschaftshistorische Sensation, daß jetzt das „Rote Buch“ des Psychiaters und Begründers der Komplexen bzw. Analytischen Psychologie C.G.Jung (1875-1961), fast 50 Jahre nach seinem Tod, im Patmos Verlag herausgegeben wurde. Es besteht aus drei Teilen:

  1. Liber Primus: Der Weg des Kommenden,
  2. Liber Secundus: Die Bilder des Irrenden und
  3. (Liber Tertius) Prüfungen

Wie soll man dieses reich bebilderte bibelartige Buch in C.G.Jungs Leben und Werk einordnen?

Biografisches und Zeitumstände

Jung hat diesem Werk selbst eine sehr große Bedeutung für die Entwicklung seines Gesamtwerkes zugemessen. So schreibt er 1957 rückblickend: „Die Jahre, in denen ich den inneren Bildern nachging, waren die wichtigste Zeit meines Lebens, in der sich alles Wesentliche entschied. Damals begann es, und die späteren Einzelheiten sind nur Ergänzungen und Verdeutlichungen. Meine gesamte spätere Tätigkeit bestand darin, das auszuarbeiten, was in jenen Jahren aus dem Unbewussten aufgebrochen war und mich zunächst überflutete. Es war der Urstoff für ein Lebenswerk.“ (Das Rote Buch, 2009:7)

Zwei Jahre vor seinem Tod (1959) vermerkt er auf den letzten Seiten des „Roten Buches“ handschriftlich: „Ich habe an diesem Buch 16 Jahre gearbeitet.“ (p.190) D.h. in einem Zeitabschnitt von ca. 1912/1913-1928. „Dem oberflächlichen Betrachter wird es wie eine Verrücktheit vorkommen. Es wäre auch zu einer solchen geworden, wenn ich die überwältigende Kraft der ursprünglichen Erlebnisse nicht mehr hätte auffangen können. Mit Hilfe der Alchemie konnte ich sie schließlich in ein Ganzes einordnen. Ich wusste immer, dass jene Erlebnisse Kostbares enthielten und darum wusste ich Nichts Besseres als sie in einem „kostbaren“ d.h. theueren Buch aufzuschreiben und die beim Wiederdurchleben auftretenden Bilder zu malen - so gut dies eben ging Ich weiss, wie erschreckend inadäquat diese Unternehmung war, aber trotz vieler Arbeit und Ablenkung blieb ich ihr getreu, auch wenn ich nie eine andere Möglichkeit“ (hier bricht der Text ab!) (Das Rote Buch, 2009:190)

Die endgültige Trennung von Sigmund Freud im Jahre 1912 ließ C.G. Jung in ein „tiefes Loch“ bzw. eine „Krise des mittleren Lebensalters“ fallen. Er musste sich neu orientieren und schlingerte erst einmal herum. Ab 1913 beginnt er in Abgrenzung zur Richtung von Freud seine Lehre „Komplexe“ oder „Analytische Psychologie“ zu nennen. Im April 1914 legt er dann sein Amt als Präsident der „Internationalen Psychoanalytischen Vereinigung“ nieder. Die Flut von Bildern aus seinem Unbewussten ist nun derart überwältigend, dass er sich veranlaßt sieht, seine akademische Laufbahn aufzugeben. Vor dem I.WK. (1914-1918) wird er wiederholt von Visionen befallen, in denen z.B. ein Meer von Blut Europa bedeckt (vgl. Das Rote Buch, 2009:204). „Ich lebte ständig in einer intensiven Spannung, und es kam mir vor, als ob riesige Blöcke auf mich herunterstürzten.“ Eine innere Beruhigung tritt erst auf, als es ihm gelingt, die Emotionen in Bilder zu fassen, und indem er das Ganze als ein „wissenschaftliches Selbstexperiment“ – man könnte vielleicht auch von einer bilderbezogenen Selbstanalyse sprechen - betrachtet. So gewinnt er mehr Distanz zu sich selbst. In dieser „Nachtmeerfahrt“ steht ihm seine Geliebte Toni Wolff als „soror mystica“ bei. Er begegnet in diesem Prozess zuerst seiner „Anima“, dem weiblichen Teil seines Unbewussten, und bemerkt, „dass es Dinge in der Seele gibt, die nicht ich selber mache, sondern die sich selber machen und ihr eigenes Leben führen.“

Aus diesen Erlebnissen festigt sich in ihm die Einsicht, dass er die Idee von der Überordnung des Ich aufgeben muss. Darüber hält er in Paris 1916 einen Vortrag („Die Beziehungen zwischen dem Ich und dem Unbewussten“). „Jung, nach aussen hin erfolgreicher Analytiker mit Klienten aus der ganzen Welt, machte in diesen Jahren seine eigene Odyssee durch. Seine Erinnerungen erzählen von Visionen, Gesichten, Begegnungen mit Bildern des Unbewussten; das Stichwort Hadesfahrt fällt. Nur das eiserne Festhalten an Praxis und Pflichten des Familienvaters, so schreibt er, retteten ihn damals vor dem Abdriften in die Psychose. Dazwischen aber auch Handfestes, Aktivdienst als Sanitätsoffizier; ein Foto (s. S:56) zeigt den Seelenforscher beim Höck mit internierten französischen und britischen Hauptleuten: gestiefelte Herrenreiterfröhlichkeit, keine Spur von Dämonen. (Im Weltkrieg zwischen 1916 und 1918 leistet Jung verschiedene Einsätze als Sanitätsoffizier in einem englischen Internierungslager in Chateau-d‘OEx. Täglich zeichnet er in dieser Zeit Mandalas bis er 1929 seine archetypische Entdeckung publiziert; Anm. des Verf.)

Anerkennung auch zu Hause in Zürich; 1916 stiftete die schwerreiche Amerikanerin Edith McCormick das Gründungskapital (360.000 Franken, Anm. des Verf.) für einen „Psychologischen Club“, der sich ganz der Verbreitung Jungscher Lehre widmen sollte. Man bezog eine prächtige Villa mit Park, richtete Gästezimmer und eine eigene Küche ein: wenn schon Dämonen konfrontieren, dann mit Stil. McCormick, Tochter des Erdölkrösus Rockefeller, kannte Jung schon aus Vorkriegszeiten, damals hatte ihr depressiv veranlagter Gatte Harald den Meister konsultiert. Jetzt, mitten im Krieg, zog das Ehepaar nach Zürich, um ganz in der Nähe zu weilen. Auch Edith liess sich therapieren, brachte neben dem feudalen Club eine ganze Reihe weiterer Projekte mit sanftem Dollarregen zum Spriessen: Künstlerinnen und Künstler im Land und ausserhalb empfingen von ihr monatliche Unterstützung“ (z.B. James Joyce). (DU, Nr.8, 1995:70)

In dieser Zeit macht C.G.Jung auch einige Weltreisen, eine Art „descensus ad inferos“: 1921 Nordafrika-Reise, 1924/25 Studienreise zu den Pueblo-Indianern in Arizona und New Mexico/USA und 1925/26 eine Studienreise zu den Elgonyi auf Mont Elgon, Ostafrika

Das „Rote Buch“ als Ergebnis eines „Selbstexperiments“ mit Hilfe der aktiven Imagination

In der Geschichte der europäischen Psychologie spielt der Selbstversuch eine nicht unbedeutende heuristische Rolle. Es soll hier nur daran erinnert werden, daß die Psychophysik weitgehend aufgrund der über 60.000 Selbstversuche (vgl. Störig, 2, 1970:355) an "Leib und Seele" Gustav Theodor Fechners (1801-1887) entwickelt wurde. Auch Hermann Ebbinghaus (1850-1909) war bei seinen berühmten Gedächtnisversuchen mit den sog. sinnlosen Silbenreihen (vgl. „Vergessenskurve“) der Versuchsleiter, Protokollant und Versuchsperson in einer Person (Lück, 1991:52). Bekannt sind ebenfalls die originellen Traum-Selbstversuche Alfred Maurys (1817-1892) in den 60er Jahren des 19.Jh.s (vgl. Maury, 1865). Die Psychoanalyse Sigmund Freud„s (1856-1939) beruht neben den Erfahrungen mit seinen Patientinnen vor allem auf seiner Selbstanalyse, die als ein systematischer und heuristischer Selbstversuch charakterisiert werden kann (vgl. Schott, 1985). Ellenberger (1973:304-309, 610-615) spricht in den Fällen von Fechner und Freud sogar von einer "schöpferischen Krankheit" (vgl. auch Stubbe, 2001; Oelze, 1988:16ff). Außerdem hatte Freud bekanntlich bereits in den 80er Jahren des 19.Jh.s mit Kokain Selbstversuche durchgeführt. Ab 1909 führte der Wiener Psychoanalytiker Herbert Silberer (1882-1923) Selbstexperimente in hypnagogischen Zuständen (Einschlafbilder etc.) durch. Silberer korrespondierte mit Jung und sandte ihm Separata seiner Aufsätze. Der Professor für Experimentalchemie Ludwig Staudenmaier (1865-1933) publizierte 1912 ein Buch mit dem Titel „Die Magie als experimentelle Naturwissenschaft“. Ab 1901 hatte Staudenmaier mit Selbstversuchen des automatischen Schreibens begonnen. Er löste auch akustische und visuelle Halluzinationen bei sich aus und wollte durch seine Versuche eine wissenschaftliche Erklärung der Magie liefern. C.G. Jung besaß ein Exemplar dieses Werkes.

Beim Selbstversuch ist der Versuchsleiter identisch mit der Versuchsperson und die Stichprobengröße beträgt N=1. Der Versuch ist geplant, wird systematisch z.B. als strukturierte Erlebnis- oder Verhaltens(selbst-)beobachtung bzw. Experiment durchgeführt und manchmal variiert und wiederholt. Auf die Vielzahl der Fehlerquellen, Hindernisse und Schwierigkeiten, die der Introspektion beim Selbstversuch entgegenstehen, hat bereits Traxel (1964:48ff) in ausführlicher Weise aufmerksam gemacht (vgl. sog. Spaltungsargument, Veränderungs- bzw. Störargument). Der Selbstversuch und die Introspektion können auch heute nicht völlig aus der psychologischen Forschung verbannt werden, da sie einen unmittelbaren Zugang zu psychischen Phänomenen gestatten und eine wichtige heuristische und hypothesengenerative Funktion erfüllen. Eine (selbst-) kritische Haltung gegenüber ihren Resultaten sollte man sich aber dennoch bewahren (vgl. Stubbe, 2005:347ff; zur Geschichte der Introspektion in der Geschichte der Psychologie vgl. E.Boring, A history of introspection. Psychol. Bull., 50, 1953:169-189; K.Danziger, The history of introspection reconsidered. JHBS, 16, 1980:241-262).

C.G.Jung führte ähnlich wie Sigmund Freud eine Selbstanalyse durch, die jedoch vor allem in einer Bilderfolge bestand, man könnte deshalb von einem „gebilderten Selbstexperiment“ sprechen. Das „Rote Buch“ stellt eine Serie von aktiven Imaginationen vor, begleitet von Jungs Versuch, ihre Bedeutung zu verstehen. Wie kam es dazu? Jungs Rückzug vom Burghölzli (1909) fiel mit einem Wandel seiner Forschungsinteressen zusammen, die jetzt hauptsächlich in Richtung Mythologie, Folklore und Religionswissenschaft gingen. Sie kulminierten in seiner Arbeit „Wandlungen und Symbole der Libido“ (1911/12), die schließlich zur Trennung von Freud führte. Im Jahre 1925 erinnert er sich: „… jetzt kam es mir vor, als lebte ich in einer Irrenanstalt, die ich mir selbst geschaffen hatte. Zentauren, Nymphen, Satyrn, Götter und Göttinnen: mit all diesen Fantasiegestalten hatte ich Umgang, als ob sie Patienten wären, die ich analysierte. Las ich einen griechischen oder einen Negermythos, so war es, als ob mir ein Geisteskranker seine Anamnese erzählte…“(Das Rote Buch, 2009:199)

Ethnopsychologisch sehr aufschlussreiche Zeilen! Die Untersuchung der Mythen hatte Jung seine eigene Mythenlosigkeit gezeigt. Er wollte nun seinen eigenen Mythos, den er als Symbol der Libido mit einem typischen Bewegungsablauf auffaßte, gleichsam seine „persönliche Gleichung“ (Bessel, 1815/22), kennen lernen und begann sein „schwerstes Experiment“, seine innere (Introspektions-)Reise, seine jahrelange Selbsttherapie. 1912 hatte Jung einige für ihn bedeutungsvolle Träume, die scheinbar auch Freud ihm nicht deuten konnte und die u.a. dazu führten, daß er mit Toni Wolff, die er 3 Jahre vorher kennen gelernt hatte, eine Liebesbeziehung einging (vgl. Rotes Buch, 2009:200). Um in die emotionale Situation seiner Kindheit zurückzukommen begann er z.B. wie in seiner Kindheit spielerisch Häuser und andere Gebilde zu bauen. Die Selbst-Analyse seiner Kindheitserinnerungen brachte jedoch keine Klärung seiner Träume und (Wach-)Fantasien. Daneben entwickelt er seine Lehre weiter (z.B. ab 1913 über psychologische Typen: Intro- und Extraversion). Vielleicht wurde in dieser Zeit sein inneres Chaos („ich dachte bei mir selbst, wenn das irgendetwas bedeutet, dann dies, daß ich hoffnungslos auf dem Holzweg bin.“ Er fürchtete damals in eine Psychose abzugleiten!) durch seine äußeren Erfolge, vor allem in den USA, kompensiert (vgl. Rotes Buch, 2009:200). In den Jahren kurz vor dem I. Weltkrieg (1914-1918) waren apokalyptische Bilder in der Kunst (z.B. Ludwig Meidner 1912/14) und Literatur und Prophezeiungen (z.B. Leonora Piper 1899) allgegenwärtig und auch Jung hatte verschiedene Visionen/Fantasien, die er für präkognitiv hielt (vgl. Das Rote Buch, 2009:204). Das „Schwarze Buch“ entsteht in dieser Zeit (1913ff), es enthält ein Protokoll-Tagebuch über eine Art von Selbstgesprächen, wie sie seit Platons Dialogen, den „Confessiones“ (387 n. Chr.) des Aurelius Augustinus und den „Confessions“ (1781/88) Jean Jaques Rousseaus in der europäischen Kulturgeschichte eine weitverbreitete philosophische Gattung darstellten. „Ab Dezember 1913 fuhr er mit demselben Verfahren fort: Im Wachzustand beschwor er absichtlich eine Phantasie herauf und schlüpfte dann in sie wie in ein Drama hinein. Diese Phantasien lassen sich als Art dramatisiertes Denken in bildlicher Form verstehen. Beim Lesen seiner Phantasien wird der Einfluß von Jungs mythologischen Studien deutlich. Einige der Gestalten und Vorstellungen entstammen unmittelbar seiner Lektüre, und Form wie auch Stil bezeugen, wie stark ihn die Welt des Mythos und Epos fasziniert hatte. In den Schwarzen Büchern hielt Jung seine Phantasien in datierten Einträgen fest, gemeinsam mit Überlegungen zu seinem Geisteszustand und seinen Schwierigkeiten, die Phantasien zu verstehen. Die Schwarzen Bücher sind keine Ereignistagebücher, auch finden sich in ihnen nur wenige Träume. Vielmehr handelt es sich bei ihnen um die Aufzeichnungen eines Experiments. Im Dezember 1913 bezeichnete er das erste der Schwarzen Bücher als das „Buch meiner schwersten Experimente“. Im Rückblick erinnerte er sich daran, dass seine wissenschaftliche Fragestellung darin bestand zu schauen, was passierte, wenn er das Bewußtsein ausschaltete.“ (Das Rote Buch, 2009:202)

Am 27.Januar 1914 trat auch Philemon als wichtige Gestalt in seinen Phantasien und Träumen zum ersten Mal in den Schwarzen Büchern (und später im Roten Buch) in Erscheinung „Philemon repräsentierte für Jung überlegene Einsicht und war wie eine Art Guru für ihn. Er pflegte sich mit ihm im Garten zu unterhalten.“ (Das Rote Buch, 2009:202)

Äußerlich gesehen unterhielt Jung in dieser Zeit eine rege therapeutische Praxis mit bis zu neun Konsultationen täglich an fünf Tagen in der Woche. Er sprach nicht über seine Phantasien und erörterte weiterhin theoretische Fragen. „Demnach ging er während des Tages seinen beruflichen Tätigkeiten und familiären Pflichten nach, während er die Abende seinen Selbsterforschungen widmete.“ (Das Rote Buch, 2009:203)

In den Jahren 1913 (16 Tage), 1914 (14 Tage), 1915 (67 Tage), 1916 (34 Tage) und 1917 (117 Tage) geht Jung auch seinen Militärpflichten nach. 1913 unterscheidet Jung erstmals theoretisch zwischen einer Deutung auf der Objektstufe und auf der Subjektstufe.

Er beginnt nun (1914) damit, den „Entwurf des Liber Novus“ aus den in Schwarzen Büchern (als eine Art Protokoll des Selbstexperiments) aufgezeichneten Phantasien zu übertragen (als Lektüre für andere). Im November 1914 nimmt Jung erneut seine „Zarathustra“ Lektüre wieder auf. „Struktur und Stil des Liber Novus sind stark von diesem Buch bestimmt worden.“ (Das Rote Buch, 2009:204)

Während Nietzsches „Also sprach Zarathustra. Ein Buch für alle und keinen“ (1883), das die Literaturströmungen des Symbolismus und Expressionismus beeinflusste, jedoch den Tod Gottes verkündet, stellt Jungs Liber Novus die Wiedergeburt Gottes in der Seele dar. Wahrscheinlich wurde Jung aber auch von Dantes „La Divina Commedia “ (ca. 1306/21) beeinflusst (vgl. Purgatorium, Abstieg in die Hölle, descensus ad inferos). Dantes christliche Kosmologie wird bei Jung jedoch zu einer individuellen Kosmologie umgewandelt (Parallelen: Zarathustra – Vergil – Philemon). Jung läßt in diesem Buch die Wissenschaft außen vor, obwohl es von Bezugnahmen auf philosophische, literarische und religiöse Schriften nur so wimmelt. Nachdem Jung den handschriftlichen „Entwurf des Liber Novus“ beendet hatte, ließ er ihn abtippen und korrigierte ihn. Der erste Teil des Roten Buches (Liber Novus) war auf Pergament geschrieben. Später fügte Jung dann die Pergamentseiten des Liber Secundus und die Prüfungen ein. Das Werk ist wie eine mittelalterliche illuminierte Handschrift gestaltet, in kalligraphischer Schrift. Jung überschrieb den Liber Novus mit „Der Weg des Kommenden“ und setzte darunter einige Zitate aus dem Buch Jesaja und dem Johannesevangelium, um es auf diese Weise als prophetisches Werk zu präsentieren. „Im kalligraphischen Band malte Jung in Tempera und schrieb mit Tinte. Die blassere Schattierung der Schrift im kalligraphischen Band zeigt an, wo die Tinte ausging. Auf altertümliche Weise linierte er die Seiten einheitlich mit Bleistift mithilfe von Nadeln und faden, wovon die Einstiche im Papier zeugen.“ (Das Rote Buch, 2009:205). Jung hat den Text mit Malereien, mittelalterlichen Initialen sowie ornamentalen Girlanden und Rändern illustriert und ließ die Seiten in einen roten Lederfolioband binden. „Anfänglich beziehen sich die Malereien unmittelbar auf den Text. Später werden sie eher symbolisch und sind selbständige aktive Imaginationen.“ (Das Rote Buch, 2009:205)

„Es ist auffällig, dass die erhaltenen Bilder Jungs einen abrupten Sprung von den gegenständlichen Landschaftsgemälden aus den Jahren 1902/03 zu den abstrakten, halbfigürlichen Bildern ab 1915 machen.“ (Das Rote Buch, 2009:205),

Man kann das „Rote Buch“ einerseits als Schilderung von Jungs Individuationsprozess verstehen und andererseits als Ausarbeitung dieses Konzepts zu einem allgemeinen psychologischen Schema.

Es diente ihm auch gleichsam als Quelle und enthält viele wesentliche Elemente seiner späteren wissenschaftlich ausgearbeiteten Lehre. „Neben seiner frühen Theorie der Komplexe sehen wir insbes., dass er bereits ein Konzept eines phylogenetisch erworbenen Unbewussten formuliert hatte (er sprach 1916 noch von der „Kollektivpsyche“, Anm. des Verf.), welches mythische Bilder beinhaltet (die Archetypen-Lehre wurde erst ab ca.1934 entwickelt, Anm. des Verf.), sowie Konzepte einer nicht-sexuellen psychischen Energie, der allgemeinen Typen von Introversion und Extraversion, der kompensatorischen und prospektiven Funktion des Traums und der synthetischen und konstruktiven Behandlung von Phantasien. Während er fortfuhr, diese Theorien im Detail auszubreiten und zu entwickeln, tauchte ein neues Vorhaben auf: der Versuch, eine zeitliche Darstellung der höheren Entwicklung zu liefern, die er als Individuationsprozess (im Roten Buch und den Schwarzen Büchern geht es vor allem um die Integration der Anima; ab ca. 1930 geht es ihm um die Universalität dieses Prozesses) bezeichnete. Dies war möglicherweise das entscheidende theoretische Ergebnis seines Selbstexperiments.“ (Das Rote Buch, 2009:210).

1921 tauchte auch das psychologisch wichtige Konzept des „Selbst“ auf. „Ich unterscheide daher zwischen Ich und Selbst, insofern das Ich nur das Subjekt meines Bewusstseins, das Selbst aber das Subjekt meiner gesamten, also auch der unbewussten Psyche ist. (Jung, GW, 6, §730)

Auch ein neues Psychotherapie-Modell erwuchs aus dem im Roten Buch niedergelegten Selbstexperiment: seit dem I.WK begriff Jung die Praxis der Psychotherapie auf eine neue Weise. Er behandelte nicht mehr ausschließlich psychopathologische Phänomene, sondern wollte dem Einzelnen eine „höhere Entwicklung“ ermöglichen, indem der Individuations-prozess gefördert wurde. So forderte er seine Pat.n auf aktiv zu imaginieren und Bildersammlungen von sich selbst anzulegen. Er beschrieb hierbei seinen Pat.n auch detailliert seine eigenen Experimente. 1926 betonte er in „Die Psychologie der unbewussten Prozesse“ die Bedeutung des Übergangs in der Lebensmitte. Die erste Lebenshälfte, so Jung, lasse sich als die natürliche Phase charakterisieren, deren Hauptziel es sei, sich einen Platz in der Welt zu erobern, ein Einkommen zu sichern und eine Familie zu gründen. Die zweite Lebenshälfte könne man als die kulturelle Phase bezeichnen, in er es zu einer Neubewertung der früheren Werte kommt (vgl. Das Rote Buch, 2009:219). Seine später entwickelte Synchronitätslehre findet sich ebenfalls bereits in nuce in seinen Vorkriegs-Visionen (vgl. Das Rote Buch, 2009:204,222)

Die Arbeit am „Roten Buch „beendete Jung im Jahre 1928, als Wilhelm ihm den Text der „Goldenen Blüte“ schickte und Jung begann sich mit Alchemie zu beschäftigen und einen Kommentar zu diesem Werk schrieb. „So neigte sich die ‚Auseinandersetzung mit dem Unbewussten‘ dem Ende zu und die ‚Auseinandersetzung mit der Welt‘ begann.“ (Das Rote Buch, 2009:220)

Jungs Verständnis von Alchemie, das von Flournoy und Silberer beeinflusst wurde, beruht vor allem auf zwei Thesen: dass die Alchemisten in ihren Laboratorien in Wirklichkeit eine Form der aktiven Imagination praktizierten und dass die Symbolik in den alchemistischen Schriften der des Individuationsprozesses entspreche.

Für mich zeichnet das Rote Buch so etwas wie einen Initiationsprozess auf, wie wir ihn aus vielen indigenen Gesellschaften kennen.

Kultur- und kunsthistorische Aspekte

„Die ersten Jahrzehnte des 20.Jahrhunderts zeichneten sich durch eine Vielzahl von Experimenten in der Literatur (vgl. aber bereits Charles Baudelaire „Les Fleurs du mal“, 1857, „Les paradis artificiels“, 1860; Anm. des Verf.), der Psychologie und den bildenden Künsten aus. Schriftsteller versuchten, die Grenzen darstellerischer Konventionen zu sprengen, um das gesamte Spektrum der inneren Erfahrung – Träume, Visionen, Phantasien – zu erkunden und zu beschreiben. Sie experimentierten mit neuen Formen und benutzten alte Formen auf neue Arten… Auf der Suche nach spiritueller und kultureller Erneuerung suchten Menschen überall nach neuen Formen, mit denen man die Tatsächlichkeiten innerer Erfahrung darstellen könnte. … In dieser Kulturkrise entschloss sich Jung zu einem ausgedehnten Prozess des Selbstexperimentierens, und heraus kam der Liber Novus, ein psychologisches Werk in literarischer Form… Heute stehen wir auf der anderen Seite, einer Kluft zwischen Psychologie und Literatur… Sich heute des Liber Novus anzunehmen heißt, sich mit einem Werk auseinanderzusetzen, das nur entstehen konnte, bevor diese Trennungslinien fest etabliert waren.“ (Das Rote Buch, 2009:196)

Vom künstlerischen Standpunkt fallen beim ersten Durchblättern des Roten Buches Ähnlichkeiten von Jungs Bildern mit alt-ägyptischer Malerei, Mittelalterlicher Buchmalerei, Mosaiken (vgl. Ravenna, das er kannte), den Glaskirchenfenster gotischer Kathedralen z.B. Rosetten, dem Surrealismus (1918ff: Fruchtbarmachung des Unbewußten für die Kunst: automatisches Schreiben und Malen etc.) (vgl. Das Rote Buch, 2009:205); dem Dadaismus in Zürich (1918ff) (vgl. Das Rote Buch, 2009:205), dem Symbolismus (1885ff Opposition gegen Realismus und Impressionismus, mystischer Einschlag, wie Jugendstil (1895-1905), Neigung zum Dekorativen und Ornamentalen), der Naiven Malerei und schließlich den damals wenig bekannten Mandala (Sanskrit = „Kreis“: Diagramm, das zentrale Lehrinhalte zum Ausdruck bringt und in der buddhistischen Kunst für praktische meditative Zwecke verwendet wird; vgl. Das Rote Buch, 2009:221) auf. Welche künstlerischen Anregungen hatte Jung bis 1912 empfangen? Als junger Mann hatte er oftmals das reichhaltige Baseler Kunstmuseum (Holbein, Böcklin, niederländische Maler) besucht und er verbrachte etwa ein Jahr gegen Ende seines Studiums viel Zeit mit Malen. Während seines Parisaufenthaltes (1903) besuchte er häufig den Louvre und schenkte der Antike, den ägyptischen Kunstwerken, den Renaissance-Malern, besondere Beachtung. Bei seinem Besuch in London (1903) interessierte er sich besonders für die ägyptische, aztekische und Inka-Kunst (Das Rote Buch, 2009:198).

Man sollte sich in diesem Zusammenhang auch daran erinnern, daß der (von dem Herausgeber nicht erwähnte) Heidelberger Psychiater Hans Prinzhorn (1886-1933) damals als erster seine „geisteskranken“ Pat.n aus therapeutischen und diagnostischen Gründen zur Bildnerei ermunterte, ihre Bildwerke (Malereien, Zeichnungen, Plastiken etc.) sammelte (heute: Prinzhorn-Museum, Heidelberg), eine psychopathologische Ausdrucksforschung betrieb und 1922 sein Hauptwerk „Bildnerei der Geisteskranken“ herausgab. In den von ihm gesammelten Werken, die auch für moderne Künstler (z.B. Max Ernst, Paul Éluard) sehr anregend waren, kommt die Zerfahrenheit, Ausweglosigkeit, Ich-Veränderung und besondere Stimmungslage (ängstlich, getrieben, unruhig) des modernen Menschen deutlich zum Ausdruck. Der Prähistoriker Herbert Kühn publiziert 1923 „Die Kunst der Primitiven“ mit 215 Abbildungen und gibt eine Übersicht des künstlerischen Schaffens seit der Prähistorie und über die Kunst der sog. Naturvölker. 1927 erscheint auch „Primitive Kunst und Psychoanalyse“ von Eckart von Sydow, der an verschiedenen Stellen (S.70ff: Stadt als mütterliches Symbol, Höhlendrache als furchtbare Mutter, 99f Lebensbaum als fruchttragender Stammbaum, also ein Mutterbild, Holzpfahl ist phallisch etc.) auf C.G.Jung („Wandlungen und Symbole der Libido“, 1912) verweist. Später wird man alle diese wundervollen Werke in Deutschland als „entartete Kunst“ (1937) bewerten und teilweise vernichten (Enzyklopädie des Nationalsozialismus, 2001:446f; zu Jung und der Nationalsozialismus vgl. Wörterbuch der Analytischen Psychologie, 2003:295-297). Wahrscheinlich im Herbst 1913 begegnet Jung, wie er im „Schwarzen Buch 2“ vermerkt, seiner „Anima“, die ihm auf seine Frage, was er da tue, antwortet: „Das ist Kunst“. Er meinte diese innere Stimme, er nannte sie seine Anima, sei „Seele im primitiven Sinn“.

Abschließend noch einige Worte zur wissenschaftlichen Jung-Forschung: es ist äußerst schwierig das Werk C.G.Jungs wissenschaftshistorisch zu bearbeiten, da C.G.Jung viele seiner Texte später überarbeitet hat. Man muß deshalb ähnlich wie ein Theologe zu den ursprünglichen Texten zurückkehren und dann vergleichen, was geändert wurde.

Fazit

Das großformatige, reichbebilderte und teure Buch ist für diejenigen, die sich mit der Jungianischen Psychologie, der Biografie C.G.Jungs und der Wissenschaftsgeschichte der (Tiefen-) Psychologie befassen wollen ein unbedingtes Lektüre-Muss.


Rezension von
Prof. Dr. Hannes Stubbe
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Zitiervorschlag
Hannes Stubbe. Rezension vom 02.03.2010 zu: Carl G. Jung (Hrsg.): Das Rote Buch - Liber novus. Patmos Verlag (Ostfildern) 2009. ISBN 978-3-491-42132-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/9218.php, Datum des Zugriffs 06.05.2021.


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