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Doreen Cerny: " ... jüdische Grabsteine putzen"?

Cover Doreen Cerny: " ... jüdische Grabsteine putzen"? Zu Biographien und Beweggründen freiwillig Engagierter an KZ-Gedenkstätten. Budrich UniPress (Opladen, Berlin, Toronto) 2010. 194 Seiten. ISBN 978-3-940755-32-2. 24,90 EUR.
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Thema und Entstehungshintergrund

Das Thema „Engagement“ hat Konjunktur – gemessen an der steigenden Zahl von Tagungen, Veranstaltungen, Gesprächen, Stellungnahmen, Publikationen. Das Reden über das Ehrenamt stellt sich als äußerst vielfältig und heterogen dar: Unterschiedliche sich z.T. überlagernde politikwissenschaftliche, soziologische, sozialpolitische, theologische, sozialphilosophische, pädagogische Diskurse beziehen sich auf das Ehrenamt oder einen der inzwischen konkurrierenden Begriffe - wie bürgerschaftliches Engagement, freiwilliges Engagement, Bürgerarbeit oder gemeinwohlorientierte Arbeit. Der Diskurs um die Zukunft der Zivilgesellschaft bzw. Bürgergesellschaft fragt z.B. danach „Was moderne Gesellschaften zusammenhält“. Angesichts einer verstärkten Individualisierung wird das Ehrenamt hier zum wertvollen sozialen Kit für die Gesellschaft, das Ausmaß des geleisteten Engagements gleichsam zum Gradmesser für eine intakte Gesellschaft mit hohem Sozialkapital. Der demokratietheoretische Diskurs sieht das (bürgerschaftliche) Engagement der BürgerInnen als konstitutives Element einer lebendigen Gesellschaft. Im sozialpolitischen Diskurs wird, gerade auch mit Blick auf die prognostizierten demographischen Veränderungen, auf die Dienstleistungslücke verwiesen und eine Verstärkung des ehrenamtlichen Potentials gefordert. In einer anderen Lesart wird angesichts zu beobachtender Privatisierungs- und Deregulierungsstrategien das Ehrenamt zum Instrument des Abbaus sozialstaatlicher Ansprüche. Auf arbeitsmarktpolitischer Ebene wird – vor dem Hintergrund eines prognostizierten Endes der Vollerwerbsgesellschaft – die Vision einer „Bürgerarbeit“ entwickelt, die nicht entlohnt, dafür aber mit einem „Bürgereinkommen“ belohnt werden soll. Geschlechterpolitisch wird u.a. problematisiert, dass sich die geschlechtsspezifische Arbeitsteilung im Ehrenamt stabiler halte als in anderen gesellschaftlichen Feldern.

Die Frage nach der subjektiven biographischen Bedeutung für die sich Engagierenden geriet dabei häufig aus dem Blick. Hier ist der Ansatzpunkt für Cernys Forschungsarbeit: Sie fragt zum einen nach den Motiven, die Menschen bewegten, einen Freiwilligendienst an einer KZ-Gedenkstätte zu absolvieren und zum anderen danach, inwiefern die biografische Entwicklung der Befragten eine Voraussetzung für ihre Entscheidung war und welchen Einfluss ihr Engagement auf die weitere Biographie hatte. Sie stellt zu Recht fest, dass bisherige Untersuchungen zum Freiwilligendienst weder das freiwillige Engagement an KZ-Gedenkstätten thematisierten, noch wurden – in den wenigen subjektorientierten - empirischen Untersuchungen der gesamte biographische Verlauf von Freiwilligen rekonstruiert.

Autorin

Dr. phil. Doreen Cerny ist wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Paris-Lodron-Universität Salzburg, Fachbereich Erziehungswissenschaft. Bei der hier zu besprechenden Publikation handelt es sich um ihre Dissertationsschrift.

Aufbau …

Die Arbeit gliedert sich in vier Teile mit jeweils einzelnen untergeordneten Kapiteln:

  1. Der erste Teil thematisiert „Forschungsinteressen, Problemstellungen und methodische Ausgangspunkte“. Das erste Kapitel führt in die Fragestellung ein und erörtert die Relevanz des Untersuchungsansatzes. Kapitel zwei diskutiert „Freiwilliges Engagement im erziehungswissenschaftlichen und gesellschaftspolitischen Diskurs“. In Kapitel 3 werden die methodischen Ausgangspunkte der Untersuchung vorgestellt.
  2. Der zweite Teil widmet sich den Fallanalysen von zwei Freiwilligen: Justus Sperl (Kapitel 4) und Fred Anderson (Kapitel 5).
  3. Im dritten Teil , der gleichzeitig Kapitel 6 der Arbeit darstellt, werden „Entscheidungsmuster für den Freiwilligendienst“ entwickelt.
  4. Der vierte Teil diskutiert in Kapitel 7 den Freiwilligendienst an einer KZ-Gedenkstätte als „Lern- und Bildungsfeld“. Das abschließende achte Kapitel dient der zusammenfassenden Betrachtung und der Entwicklung weiterführender Fragen.

… und Inhalte

Es wurden 29 männliche Freiwillige aus Deutschland, Österreich und Italien in narrativen Interviews befragt. Zwei ausführliche Fallanalysen stehen im Mittelpunkt der Arbeit, die beide ein vielschichtiges Bild der Bedingungsfaktoren, die zu einer gemeinnützigen Tätigkeit in einer KZ-Gedenkstätte führen, aufzeigen. Des weiteren wird auch die biographische Relevanz deutlich, die von diesem Engagement für das weitere Leben ausging.

Bei Justus Sperl, Jahrgang 1982, war die Basis seiner Entscheidung seine familiale und religiös-milieuhafte Sozialisation (Zeugen Jehovas). Sein Engagement bindet ihn einerseits stark an die Glaubensgemeinschaft bzw. er erfüllt deren Erwartungen; andererseits aber dient ihm das Engagement auch als Raum individueller Entwicklung, z.B. über die Möglichkeit einer beruflichen Veränderung.

Bei Fred Anderson, Jahrgang 1936, steht die Auseinandersetzung mit dem Vater und dessen Verstrickung in den Nationalsozialismus im Mitetlpunkt. Mit der Entscheidung, sich freiwillig an einer KZ-Gedenkstätte zu engagieren, arbeitet Anderson gleichsam die Schuld des Vaters ab. Gleichzeitig knüpft er im Engagement an seine musische Karriere an, in dem er als berufstätiger Violinist verfemte Musiker des Nationalsozialismus spielt.

Über die hier nur angedeuteten und sehr verknappt wiedergegebenen Motive hinaus arbeitet Cerny weitere Lern- und Bildungserfahrungen der Engagierten aus: Das Engagement als Möglichkeit der Entwicklung und Festigung der Persönlichkeit, die Nutzung des Engagements als berufliche Orientierungs- und Qualifikationsphase, die Schärfung eines differenzierten zeithistorischen Blicks.

Cerny thematisiert auch das Verhältnis von (günstigen oder ungünstigen) Rahmenbedingungen für Bildungsprozesse im Engagement und dem Anteil der eigenen aktiven Gestaltung des Engagements; dabei stärkt sie vor allem die Perspektive, die Freiwilligen als Akteure, als Nutzer ihres Engagements zu sehen.

Diskussion

Kritisch zu sehen sind zwei Punkte:

  • Zum einen die zu knappe Thematisierung der Wehrpflichtstrukturen: Junge Männer unterliegen der Wehrpflicht, d.h. sie sind gezwungen sich hierzu zu verhalten. Die überwiegende Anzahl der von Cerny befragten Männer (19 der 25 Männer, die das Untersuchungssample der Arbeit bilden) ließen sich den Freiwilligendienst als Wehrersatzdienst, also vergleichbar dem Zivildienst, anerkennen. Cerny thematisiert zwar diesen Zusammenhang im Kontext der begrifflichen Präzisierung von „freiwilligen Engagement“, in den wenigen hierfür reservierten Zeilen wird aber der Zivildienst allzu schnell unter die Rubrik „freiwilliges Engagement“ subsumiert, da, so Cerny im Rückgriff auf Paulwitz, „(das) Leitmotiv für das freiwillige Engagement, und damit auch der Ersatzdienst, … die eigene Stellungnahme und verbindliche Beteiligung in sich selbst gewählten Angelegenheiten (sei)“ (Cerny , S. 21). Diese „selbst gewählten Angelegenheiten“ sind aber im Rahmen der Wehrpflicht nur zum Teil selbst gewählt.
  • Zum anderen wird dem Fakt, dass hier ausschließlich Männer befragt werden, nur sehr am Rande Aufmerksamkeit geschenkt. Nur in der Fallanalyse von Justus Sperl blitzt sehr kurz eine Ahnung davon auf, inwiefern ein Freiwilligendienst auch etwas mit der Konstruktion von Männlichkeit zu tun hat.

Fazit

Die Publikation von Cerny stellt einen wichtigen Beitrag zur Erforschung der subjektiven Zugänge zum Engagement dar. Sie füllt explizit die o.a. Forschungslücke, in dem freiwilliges Engagement in KZ-Gedenkstätten thematisiert wird und durch die intensive Einbeziehung der Biographien der Engagierten – in der doppelten Perspektive des retrospektiven Blicks, Wege zum und Entscheidung für ein bestimmtes Engagement, und des prospektiven Blicks: der Bedeutung des Engagements für die weitere Biographie. Die herausgearbeiteten „Entscheidungsmuster für den Freiwilligendienst“ decken sich weitgehend mit den wenigen anderen empirischen Untersuchungen zu Motiven und Lernprozessen in Freiwilligendiensten (Jütting 2003; BMFSFJ 1998) und im Zivildienst (Bartjes 1996). Die vorgelegte Arbeit vertieft aber die bisherigen Ergebnisse durch die intensive Einbeziehung der Biographien.

Literatur:

  • Bartjes, H., Der Zivildienst als Sozialisationsinstanz. Theoretische und empirische Annäherungen, Weinheim und München 1996
  • Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ) (Hg.), Untersuchung zum Freiwilligen Sozialen Jahr, Stuttgart u.a. 1998
  • Jütting, H., Freiwilliges Engagement von Jugendlichen, Münster und Hamburg 2003

Rezensent
Prof. Dr. Heinz Bartjes
Hochschule Esslingen, Fakultät für Soziale Arbeit, Gesundheit und Pflege
Arbeitsschwerpunkte: Soziale Altenarbeit; Männer- und Geschlechterforschung; Theater und Soziale Arbeit, Bürgerschaftliches Engagement.
Homepage www.hs-esslingen.de/mitarbeiter/Heinz.Bartjes
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Zitiervorschlag
Heinz Bartjes. Rezension vom 03.04.2010 zu: Doreen Cerny: " ... jüdische Grabsteine putzen"? Zu Biographien und Beweggründen freiwillig Engagierter an KZ-Gedenkstätten. Budrich UniPress (Opladen, Berlin, Toronto) 2010. ISBN 978-3-940755-32-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/9223.php, Datum des Zugriffs 17.10.2018.


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