socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Martin Wehrle: Die 100 besten Coaching-Übungen

Cover Martin Wehrle: Die 100 besten Coaching-Übungen. Das große Workbook für Einsteiger und Profis zur Entwicklung der eigenen Coaching-Fähigkeiten. managerSeminare Verlags GmbH (Bonn) 2010. 350 Seiten. ISBN 978-3-941965-05-8. 49,90 EUR.
Recherche bei DNB KVK GVK

Besprochenes Werk kaufen
über socialnet Buchversand


Thema

Ich beginne mit einer Wertung: Schön, dass der Titel von Coaching-„Übungen“ spricht und nicht von „Tools“! Und noch schöner, dass der Autor das auch wirklich so meint: Ein Coach muss üben! Wehrle schreibt in seiner Einführung: „Um ein guter Coach zu werden, müssen Sie coachen. Sich selbst coachen. Andere coachen. Immer wieder: coachen.“ (S. 5) Deshalb bietet er zu seinen Methoden jeweils eine „Alltagsübung“, mit der der Coach auch ohne Klienten üben kann, und dann eine „Coaching-Übung“ für die Arbeit mit Klienten. Allein diese wenigen Vorinformationen machen gespannt darauf, was das Buch zu bieten hat. Die Übemöglichkeit könnte das Buch gegenüber anderen Methodensammlungen hervorheben.

Autor

Martin Wehrle ist gelernter Journalist und war selbst Führungskraft in einem Konzern, bevor er sich als Coach und Karriereberater selbständig gemacht hat. Er berät Mitarbeiter großer Konzerne und ist Autor einer ganzen Reihe von Bestsellern. In seiner Karriereberater-Akademie leitet er Ausbildungskurse für Karrierecoaches.

Aufbau und Inhalt

Der Aufbau des Buches folgt dem Ablauf einer Coachingsitzung: Kontakt und Ausgangslage, Situationsverständnis und Zielfindung, Lösungen und Ressourcen, Transfer und Abschluss. Dementsprechend beginnt das Buch mit zehn Einstiegsübungen, und schon in der ersten Übung zeigt das Buch seine Qualität. Sie heißt „Scheinwerfer der Verantwortung“, und richtet den Scheinwerfer auf den Coach selbst, genauer gesagt auf sein Klientenbild, die dann seine Coachinghaltung bestimmt: „Der wichtigste Vertrag zwischen Ihnen und dem Klienten steht nicht auf dem Papier – es ist der psychologische Vertrag, den Sie durch Ihr Verhalten besiegeln.“ (S. 14) Es folgen weitere wichtige Perspektiven, um den Coachingprozess gut zu starten: Einstiegsfrage (Weit oder eng? Aktivität beim Coach oder beim Klienten? Im Fokus der Klient, das Ziel, das Problem?), Problemdefinition, Positiver Start, etc. „Anfangsklassiker“ wie die „Lebenslinie“ fehlen auch nicht – ein guter Einstieg in das Buch! Es folgen „Kommunikations-Übungen“, unter denen sich manche gut bekannten Übungen unter neuen Namen finden („Der Tribünenplatz“ für den Perspektivwechsel „Ich als Coach – du als Klient – zwischen dir und mir“, „Der Fragen-Öffner“ für die Verwendung von W-Fragen etc.), aber auch neue (jedenfalls mir so noch nicht bekannte) wie z.B. „Störung als Verstärkung“ mit guten Trainingsfragen für den Coach. Die Übungen zur Phase 1 werden abgeschlossen mit „Sprach-Übungen“. Auch hier dasselbe Bild: manches Bekannte, aber immer wieder auch Neues – und Einprägsames, weil Bildhaftes wie „Die Leiter der Abstraktion I und II“.

Es folgen die Übungen im Kontext der zweiten Phase, nämlich „Situationsverständnis und Zielfindung“, zunächst „Emotionsübungen“, denn: „Die Emotion ist die Flamme, auf der jede Veränderung kocht“. (S. 115) Auch hier findet sich manches Inspirierende wie z.B. „Der verfremdete Kinofilm“. Die nächste Gruppe bilden die „Zielübungen“. Auch hier wieder Bekanntes, aber Umformuliertes: Die SMART-Qualitäten von Zielen z.B. erscheinen bei Wehrle als PASS-WM: Positiv, Attraktiv, Selbst-erreichbar, Spezifisch, Wahrnehmbar, Messbar. Aber bekannt hin, bekannt her: Es ist immer gut, sich grundlegende Arbeitstechniken und –richtungen bei der Zielerarbeitung im Coaching wieder zu vergegenwärtigen, und dazu helfen die Übungen allemal – wenn auch z.B. die Wunderfrage nun wirklich hinreichend in der Literatur repräsentiert ist. „Werte- und Wahrnehmungs-Übungen“ ergänzen die Übungen zur Phase 2. Die Wahrnehmungsübungen folgen dem Lehrsatz „Wahrnehmungen sind keine Wahrheiten“: Scheinbar unumstößliche (Klienten-)Wahrheiten werden auf jederzeit umstößliche (Klienten-)Wahrnehmungen zurückbezogen: Mit dem „Interpretations-Test“, dem „Bilderrahmen“ (eben: Reframing) und anderen Übungen. Schulz von Thuns „Wertequadrat“ findet sich unter den Werteübungen wieder.

Die Phase 3 des Coachingprozesses fragt nach Lösungen und Ressourcen. Da gibt es schöne „Ressourcen-Übungen“ wie z.B. „Das Gold der Kompetenzen schürfen“ (schön in der Formulierung, bekannt in der Methode), „Das Eichhörnchen im Winter“ etc. Und auch „Fantasie-Übungen“ – schöne Ideen: „Der Klient als Coach“ („Bitte setzen Sie sich doch mal auf diesen Stuhl hier und unterstützen Sie mich als Kollege…“) oder auch „Die Traumhochzeit“ (die Kompetenz wird umworben und von einer festen Beziehung überzeugt).

Es folgen Übungen zur Phase 4 „Praxistransfer- und Abschluss-Übungen“. Auch hier finden sich Klassiker wie der „Brief an sich selbst“, professionell Feedback geben etc. Aber auch hier gibt es gute (für mich) neue Bilder wie die „Umsetzungspyramide“. Am Ende setzt das Buch noch einmal einen sehr deutlichen Praxisakzent, es bietet 15 „Fallübungen“, an denen Coaches die eben erworbenen Methoden (und auch die vorher schon gekannten) erproben kann. Ein Literaturverzeichnis und ein „Schnellfinder“-Register, das um die (hilfreiche) subjektive Wertung des Autors („Vorliebe des Autors“) ergänzt wurde, bilden den Schluss des Bandes.

Diskussion

Der Autor (oder der Verlag?) bezeichnet sein Buch in modischem Neudeutsch als „Workbook“. Man könnte es natürlich auch „Arbeitsbuch“ nennen, aber vielleicht klingt das anstrengend. Und das ist die Lektüre keineswegs – im Gegenteil: Ich finde sie in den meisten Passagen eher inspirierend und in jedem Fall bereichernd. Wer lange genug als Coach unterwegs ist, den überraschen Methodensammlungen immer seltener. Irgendwann hat man den Werkzeugkoffer, mit dem man arbeitet, gepackt und sieht wenige Gründe dafür, immer noch mehr hineinzupacken. (Wenn man in Coachingsituationen erst anfangen muss zu suchen…) Aber Wehrles Darstellung ist beweglich und spielerisch genug, dass man Lust bekommt, doch das eine oder andere mal in diesen Sprachbildern zu erproben, mal mit dieser Akzentuierung einzusetzen. Spielerisch im Sinne von experimentell finde ich die Möglichkeit, die dargestellten Methoden erst einmal im Alltag, also unabhängig von realen Coachingsituationen mit sich selbst oder auch mit Freunden zu erproben. Das macht (meistens) Spaß und vermittelt ein Gefühl für den Umgang mit der Methode im „Ernstfall“ – der ja auch getrost heiter sein darf!

Das Buch atmet viel Praxiserfahrung und bietet viel Praxisrelevanz und ist insofern in der Tat gut geeignet, dass auch Profis ihre Coachingfähigkeiten noch weiterentwickeln können. Es ist ein Übe-Buch für Einsteiger und ein Coaching-Update für Profis, beides macht es wertvoll. Und apropos wertvoll - das Buch ist trotz Paperbacks keineswegs billig gemacht: Da bricht keine Leimbindung auseinander, das Buch hat eine solide Fadenbindung. Nur ein äußerliches Detail vielleicht, aber es leistet einen Entscheidungsbeitrag zu der Frage, ob sich die Investition von fast 50,00 € lohnt. Mein Ergebnis: Doch, es lohnt sich!

Fazit

Ein mit viel Praxiserfahrung, sorgfältig gemachtes Buch für die eigene Coachingpraxis. Nicht in den Bücherschrank stellen, sondern in Reichweite liegenlassen und immer wieder damit arbeiten!


Rezensent
Peter Schröder
Pfarrer
(Lehr-)Supervisor (DGSv), Seniorcoach (DGfC)
Homepage www.resonanzraeume.de
E-Mail Mailformular


Alle 121 Rezensionen von Peter Schröder anzeigen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Peter Schröder. Rezension vom 11.11.2010 zu: Martin Wehrle: Die 100 besten Coaching-Übungen. Das große Workbook für Einsteiger und Profis zur Entwicklung der eigenen Coaching-Fähigkeiten. managerSeminare Verlags GmbH (Bonn) 2010. ISBN 978-3-941965-05-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/9230.php, Datum des Zugriffs 18.07.2019.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht

Hilfe & Kontakt Details
Hinweise für

Bitte lesen Sie die Hinweise, bevor Sie Kontakt zur Redaktion der Rezensionen aufnehmen.
rezensionen@socialnet.de

ISSN 2190-9245

Newsletter bestellen

Immer über neue Rezensionen informiert.

Newsletter

Über 13.000 Fach- und Führungskräfte informieren sich monatlich mit unserem kostenlosen Newsletter über Entwicklungen in der Sozialwirtschaft.

Gehören Sie auch schon dazu?

Jetzt kostenlosen Newsletter abonnieren!

socialnet optimal nutzen!

Recherchieren

  • Rezensionen liefern den Überblick über die aktuelle fachliche Entwicklung
  • Materialien bieten kostenlosen Zugang zu aktuellen Fachpublikationen
  • Lexikon für die schnelle Orientierung und als Start für eine vertiefende Recherche
  • Sozial.de für tagesaktuelle Meldungen

Publizieren

  • wissenschaftliche Arbeiten
  • Studien
  • Fachaufsätze

erreichen als socialnet Materialien schnell und kostengünstig ihr Publikum

Stellen besetzen
durch Anzeigen im socialnet Stellenmarkt

  • der Branchenstellenmarkt für das Sozial- und Gesundheitswesen
  • präsent auf führenden Fachportalen
  • schnelle und preiswerte Schaltung
  • redaktionelle Betreuung