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Sarina Ahmed, Davina Höblich (Hrsg.): Theoriereflexionen zur Kooperation von Jugendhilfe und Schule

Cover Sarina Ahmed, Davina Höblich (Hrsg.): Theoriereflexionen zur Kooperation von Jugendhilfe und Schule. Brücken und Grenzgänge. Schneider Verlag Hohengehren (Baltmannsweiler) 2010. 166 Seiten. ISBN 978-3-8340-0676-9. 19,80 EUR, CH: 34,60 sFr.

Reihe: Grundlagen der sozialen Arbeit - Band 23.
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Herausgeberinnen

Sarina Ahmed ist Diplom Pädagogin, MA Medien-Kultur-und Kommunikationswissenschaft und wissenschaftliche Mitarbeiterin am Arbeitsbereich Sozialpädagogik der Freien Universität Berlin.

Davina Höblich ist Diplom Pädagogin und wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für sozialpädagogische Forschung Mainz e.V. (ism).

Zielsetzung/Entstehungshintergrund

Die Herausgeberinnen Sarina Ahmed und Davina Höblich beleuchten mit ihrem Band die Debatte um die Kooperation von Jugendhilfe und Schule einmal aus einer anderen Perspektive, und zwar in Bezug auf theoretische und pädagogische Konzepte und lebenslagenbezogene Dimensionen.

Es geht den Autorinnen darum, die „häufig ohne wechselseitige Bezugnahme“ geführten Diskurse von Jugendhilfe und Schule, die sich oftmals auf das jeweils eigene Bezugssystem beziehen, zu einer gemeinsamen Perspektive zu führen. Dieses Buch erhebt den Anspruch den Beginn einer gemeinsamen schulpädagogischen und sozialpädagogischen Diskussion und Reflexion zu eröffnen, die zum einen theoretische Differenzen markiert und diese im nächsten Schritt auf gemeinsame Bezugspunkte hin reflektiert. Die Reflexion verschiedener theoretischer Beiträge ermöglicht als „GrenzgängerInnen“ Gemeinsamkeiten zu entdecken und „Brücken zu schlagen“. Somit sollen „fruchtbare Perspektiven“ erweitert und bedenkliche „fachliche Klippen wahrgenommen“ werden.

Aufbau

  1. Der erste Teil des Buches reflektiert pädagogische Konzepte und thematisiert dabei Fragen der Bildung, Erziehung und Sozialisation (Müller), Anerkennungstheoretische Überlegungen (Bolay), Partizipation (Ahmed) und die Frage des Raums (Köngeter/Cloos).
  2. Der zweite Teil widmet sich den lebenslagenspezifischen Dimensionen. Dabei spielen Genderaspekte (Stecklina), Armut (Chassé), Migration (Homfeldt/Schröer/Sting), Generation (Höblich) und intersektionelle Perspektiven (Riegel) eine Rolle.

Teil 1

B. Müllers Beitrag zum Thema: Bildung, Erziehung und Sozialisation als Grundbegriffe der Kooperation von Jugendhilfe und Schule fordert eine gemeinsame begriffliche Grundlage. Die aktuelle Bildungsdebatte (formale, informelle, non-formale Bildung) sei ein Bezug, jedoch nicht ausreichend um pädagogische Konzepte hinreichend zu beschreiben. Müller umschreibt die Begriffe „Erziehung“ und „Sozialisation“, zeigt die Grenzen intendierter Bildung auf und hebt Heranwachsende als „handelnde, sich selbst konstruierende Subjekte“ hervor. Erziehung muss demnach die Ambivalenz zwischen pädagogischen Zielen und Jugendlicher Autonomie erkennen und bearbeiten. Es geht nach Müller u.a. darum, „Bildung am anderen (Schröder)“ durch das Angebot eines „klaren Gegenübers“ zu ermöglichen.

E. Bolay diskutiert Anerkennungstheoretische Überlegungen zum Kontext Schule und Jugendhilfe insbesondere anhand der Theorie von Axel Honneth: Vor dem Hintergrund unterschiedlicher Anerkennungsmuster beider Institutionen, bei der die Schule eher an Anerkennung von Leistung orientiert ist und die Jugendhilfe an sozialer Wertschätzung, beschreibt er symmetrische und asymmetrische Beziehungen. Insbesondere die Jugendhilfe hat in ihren Interaktionen eine größere Möglichkeit zum Aufbau symmetrischer Beziehungen, deren Balance im Kontext Schule aber vielfach auch Problematiken ausgesetzt ist.

S. Ahmedentfaltet unter dem Titel Partizipation von Jugendlichen und die Kooperation von Jugendhilfe und Schule die partizipationstheoretische Perspektive im Hinblick auf die unterschiedlichen Möglichkeitsräume. In Bezug auf Knauer und Brand verdeutlicht sie drei unterschiedliche Ebenen der Partizipation (Individuelle Interkationen/strukturell-organisatorisch/rechtlich-politisch), die je nach pädagogischem Setting und institutionellen Rahmenbedingungen realisierbar sind. Die Jugendarbeit hat in ihrer Argumentation Partizipation als zentrale Zieldimension und Handlungsmaxime, während die Schule Partizipation im Sinne demokratischen Lernens zwar rechtlich vorgeschrieben hat, aber weniger realisiert, wie Ahmed im Rückgriff auf einzelne Studien belegt. Damit Partizipation durch Jugendarbeit nicht ein Randangebot in der Organisation Schule bleibt, macht sie verschiedene konkrete Vorschläge dieses Prinzip in der Kooperation strukturell zu verankern.

S. Köngeter / P. Cloos beschreiben den Raum in Jugendarbeit und Schule und zeigen Diskrepanzen aktuell diskutierter Konzepte auf. So verfolgt die Schulpädagogik einen ganz anderen Raumbegriff als die offene Jugendarbeit. Das Anliegen der Autoren ist es daher, den Blick auf neuere (Sozial)raumtheorien zu lenken, nach denen Raum ausschließlich als ein von handelnden AkteurInnen konstituierter gesellschaftlicher und menschlicher Handlungsraum verstanden wird, so wie es bei Kessl/Reutlinger 2007 postuliert wird. Um diesen Aspekt des Raums als Konstitution begreifbarer zu machen, heben Köngeter und Cloos die Bedeutung der Ethnographie hervor, dessen Perspektive es erlaubt, Liminalität (Victor Turner, 1989) als soziale Praktik zu begreifen. Auch dieser Beitrag eröffnet

den Blick ein im Kontext Kooperation von Jugendhilfe und Schule bisher wenig beachtetes Thema.

Teil 2

G. Stecklina bearbeitet das Thema Gender, Schule und Jugendhilfe undgibt zunächst einen breiten Überblick über die Vielzahl unsystematisierter und wenig aufeinander bezogenen Veröffentlichungen und auf theoretische und empirische Studien zur Genderperspektive in Schule und Sozialer Arbeit. Er plädiert dafür, Gender als eine interpendente Kategorie beider Institutionen zu begreifen, die alle Aspekte (strukturell, institutionell, professionell, subjekt- und interaktionsbezogen), sowie gesellschaftliche (Ungleichheits-) Bedingungen- beleuchtet und in ihrer Praxis berücksichtigt. Als zentrale theoretische Abhandlung werden hierbei der Perfomativitätsansatz von Judith Butler und der „Doing Gender“ Ansatz, der Geschlecht als sozial produziertes Konstrukt beschreibt, hervorgehoben.

K.A. Chassé führt unter dem Titel Armut im Kontext von Schule und von Jugendhilfe in die Armutsdebatte in Deutschland ein, die er in der sozial- und schulpädagogischen Diskussion um Ganztagsschule als vernachlässigt bezeichnet. Er greift in seiner Argumentation zurück auf die Debatte der 70er Jahre, in der die Verminderung sozialer Ungleichheit bereits Triebfeder der Schulreform war, und stellt die These auf, dass diese faktisch sogar zu einer Vergrößerung zu Ungleichheit geführt hat, da sie teilweise eine Verschärfung institutioneller Segregation im Schulsystem zufolge hatte. Im Rückgriff auf die Kindheitsforschung hebt er das -auf Nahnsens (1975) zurückgehende- Lebenslagenkonzept als Spielräumekonzept hervor, welches in Verbindung mit Konzepten der Lebensbewältigung (Böhnisch/Schefold) eine Möglichkeit darstellt die Differenzialität von Kinderarmut stärker in den Blick zu nehmen und angemessen darauf zu reagieren.

H.-G. Homfeldt / W. Schröer / S. Sting behandeln das Thema Migration im Kontext von Schule und Jugendhilfe als ein Querschnittsthema aller gesellschaftlichen Institutionen. Transnationalität wird dabei als häufig übergangene Perspektive und als große noch nicht erkannte Ressource beschrieben in der sich große Unterstützungsnetzwerke entfalten können. Ein „Bildungstransfer“ hat, so die Autoren, viele Potentiale, die sich vor allem durch den Grundzugang „Diversität“ zur Gestaltung von Bildungsarrangements nutzen lassen. Der Beitrag beleuchtet und reflektiert den Perspektivwechsel, den Schule und Jugendhilfe in Hinblick auf eine ethnisch und kulturell differente, plurale Gesellschaft einnehmen und systematisch neu zu denken haben. Jugendhilfe bietet in diesem Prozess längst erprobte Konzepte wie Agency und Diversität, die in gemeinsamen Kontexten fruchtbar werden können.

D. Höblich konturiert dieDiskurse um Generation als Kategorie in Schule und Jugendhilfe und verweist auf generationale Differenzen in symmetrisch und institutionell asymmetrischen Formen der Beziehungsgestaltung und Verhältnisse. Im Vergleich mit traditionellen pädagogischen Konzepten, wie z.B. dem „pädagogischen Bezug“ von Nohl und Bernfelds postulierter Erziehungsnotwendigkeit, verdeutlicht sie neue Spannungsverhältnisse zwischen den Generationen, die sich im Zuge eines grundlegenden Wandels der Generationsbeziehungen neu justieren müssen. Höblich betrachtet diesbezüglich aktuelle schulpädagogische Diskurse und verweist auf Konzepte der Kinder- und Jugendhilfe des intergenerationalem Lernens in inter- und intragenerationalen Beziehungen (Bock 2002).

C. Riegel leistet mit ihrem Beitrag Intersektionelle Perspektiven für die Kooperation zwischen Jugendhilfe und Schule zunächst eine umfassende Beschreibung des Konzeptes der Intersektionalität. Sie arbeitet die unterschiedlichen strukturellen, professionstheoretischen Kontexte und Bedingungen beider Institutionen heraus und beschreibt diese vor dem Anspruch eines professionellen Umgangs mit Diversität und Heterogenität. Riegel hebt eindrucksvoll hervor, dass gerade der Intersektionalitätsansatz eine Analysefolie bietet, auf der sich eine reflektierende Kooperationspraxis herausbilden kann, die es versteht, Ungleicheitsmechanismen und Machtasymetrien zur Kenntnis zu nehmen und gemeinsam im Sinne einer subjekt- und lebensweltorientierten Pädagogik konzeptionell zu bearbeiten.

Fazit

Es ist ein in jeglicher Hinsicht sehr lesbares Buch, nicht nur aufgrund der vielfältigen theoretischen Perspektiven, sondern weil es Kooperation an konkreten pädagogischen und lebenslagenspezifischen Gegenständen diskutiert und die Frage der Rahmenbedingungen nicht allzu stark in den Vordergrund stellt. Dieses Vorgehen hat etwas Erfrischendes, es eröffnet neue Denkhorizonte für bedeutsame und gemeinsame Themen und stellt eine zentrale Grundlage der theoretischen Diskussion um Sozialpädagogik / Soziale Arbeit und Schulpädagogik dar.


Rezensentin
Dr. Anja Reinecke-Terner
M.A. (Social Work)
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Zitiervorschlag
Anja Reinecke-Terner. Rezension vom 19.04.2010 zu: Sarina Ahmed, Davina Höblich (Hrsg.): Theoriereflexionen zur Kooperation von Jugendhilfe und Schule. Brücken und Grenzgänge. Schneider Verlag Hohengehren (Baltmannsweiler) 2010. ISBN 978-3-8340-0676-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/9241.php, Datum des Zugriffs 20.11.2019.


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