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Glen O. Gabbard: Psychodynamische Psychiatrie

Cover Glen O. Gabbard: Psychodynamische Psychiatrie. Ein Lehrbuch. Psychosozial-Verlag (Gießen) 2010. 730 Seiten. ISBN 978-3-8379-2036-9. D: 49,90 EUR, A: 51,30 EUR.

Reihe: Bibliothek der Psychoanalyse.
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Thema

Im Vorwort zur deutschen Auflage betonen Freyberger und Kächele, dass in der Tradition der psychiatrischen Lehrbücher die Veröffentlichung eines Buches zur psychodynamischen Psychiatrie in deutscher Sprache mehr als überfällig sei. Die nun vorliegende Übersetzung der vierten Auflage der Originalausgabe „Psychodynamic Psychiatry in Clinical Practice“ von 2005 schlägt tatsächlich ein Brücke von der klassischen Psychoanalyse zu einer modernen interdisziplinären psychodynamischen Psychiatrie, die schulenübergreifend ein Interesse hat, sich der wissenschaftlichen, empirischen Überprüfung ihrer Therapieerfolge zu stellen.

Autor

Der Autor Glen O. Gabbard schreibt dieses Werk als renommierter amerikanischer Psychiater mit psychoanalytischer Ausrichtung. Dieses Lehrbuch kann als Kompendium seiner zahlreichen Bücher und Aufsätze angesehen werden, die im Rahmen seiner vielseitigen Tätigkeiten als Professor für Psychiatrie und Verhaltenswissenschaft, als Direktor der Baylor Psychiatry Clinic am Baylor College of Medicine in Houston, als Lehrstuhlinhaber der Brown-Foundation für Psychoanalyse und als Lehranalytiker am Houston-Galveston Psychoanalytic Institute entstanden sind.

Entstehungshintergrund

Auf dem Hintergrund langjähriger klinischer Erfahrungen will Gabbard in dieser neuen Überarbeitung seines Standardwerkes der psychodynamischen Psychiatrie den neusten Stand der Psychiatrieforschung und Therapiepraxis einbeziehen. Gleichzeitig sind ältere nicht mehr aktuelle Erklärungsmuster und wissenschaftliche Forschungsergebnisse aus den einzelnen Kapiteln entfernt worden, damit der Umfang des Lehrbuches nicht zu groß wird und tatsächlich der derzeitige aktuelle Stand von Forschung, Wissenschaft und Praxis dargestellt wird. So werden auch die Forschungsergebnisse der Neurobiologie in das Konzept integriert, da keine psychoanalytische Theorie die Erkenntnisse der „Entwicklung des Gehirns heute und die Auswirkungen der Umgebung auf die Genexpression“ (XV) außer Acht lassen kann.

Aufbau

Das Buch gliedert sich in drei Hauptteile. Zunächst werden im ersten Teil grundlegende Prinzipien und Behandlungsansätze in der dynamischen Psychiatrie dargestellt. Im zweiten Teil werden die psychodynamischen Ansätze bei Achse-I-Störungen, im dritten Teil die psychodynamischen Ansätze bei Achse-II-Störungen ausgeführt.

Der erste Teil gliedert sich in sechs Kapitel. Nachdem grundlegende Prinzipien der dynamischen Psychiatrie und die theoretische Grundlage der dynamischen Psychiatrie diskutiert werden, geht es im weiteren Gedankengang um die psychodynamische Beurteilung des Patienten und die jeweiligen Behandlungskonzepte der Einzelpsychotherapie, Gruppentherapie, Familientherapie, Ehetherapie und Pharmakotherapie. Der erste Teil schließt mit einer Diskussion der Behandlungskontexte in psychodynamisch orientierten Krankenhäusern und Tageskliniken ab.

Der zweite Teil behandelt in separaten Kapiteln die Behandlungskonzepte der Achse-I-Störungen wie Schizophrenie, affektive Störungen, Angststörungen, dissoziative Störungen, Paraphilien und sexuelle Dysfunktionen, Drogenmissbrauch und Essstörungen sowie Demenz und andere kognitive Störungen.

Im dritten Teil werden die Behandlungskonzepte der Achse-II-Störungen wie paranoide, schizoide und schizotypische Persönlichkeitsstörungen, Borderline, narzisstische Persönlichkeitsstörung, dissoziale Persönlichkeitsstörung, hysterische und histrionische Persönlichkeitsstörungen, obsessiv-zwanghafte, ängstlich-vermeidende und dependente Persönlichkeitsstörungen vorgestellt. Hilfreich sind in diesen Kapiteln die jeweiligen Abgrenzungen der psychodynamischen Sichtweise zu klassischen Ansätzen der Psychoanalyse und einer „deskriptiven Psychiatrie“ sowie die vielen Fallbeispiele aus dem klinischen Alltag. Ausführliche Literaturverzeichnisse runden die einzelnen Kapitel ab und laden den Leser zur vertieften Auseinandersetzung ein.

Ein ausführliches Register schließt das Buch ab, so dass sich der Leser im Hinblick auf Einzelfragen schnell und prägnant informieren kann.

Inhalt

Die psychodynamische Psychiatrie basiert auf einer alten, sich ständig weiter entwickelnden Tradition, in der die Theorien und Erkenntnisse der Psychoanalyse vor allem in Konfliktmodellen des Unbewussten unter Einbeziehung der biologischen, neurobiologischen und soziokulturellen Einflüsse zum Tragen kommen. Sowohl im Hinblick auf Diagnostik wie auch Therapie werden unter Einbeziehung der Neurowissenschaft „unbewusste Konflikte, Defizite und Verzerrungen der innerpsychischen Strukturen und der inneren Objektbeziehungen“ (S. 5) Gegenstand der Analyse und Behandlung. Somit ist die psychodynamische Psychiatrie heute „als Teil des umfassenden Konstrukts der biopsychosozialen Psychiatrie“ (S. 4) zu verstehen. Gabbard betont, dass die neuen Forschungsergebnisse in der Genetik und Neurowissenschaft die Position des psychodynamischen Psychiaters gestärkt haben. „Mehr als je zuvor haben wir heute überzeugende Beweise dafür, dass ein Großteil des mentalen Lebens unbewusst ist, dass soziale Faktoren in unserer Umgebung die Expression der Gene bestimmen und dass der Geist die Aktivität des Gehirns widerspiegelt. (S.4) So ist eine Integration der biomedizinischen und psychosozialen Sichtweise notwendig, um auch einer möglichen Reduktion des Geistigen auf die neurobiologischen Prozesse entgegen zu wirken.

Ein psychodynamisch orientierter Psychiater arbeitet vor allem natürlich mit den entsprechenden Konzepten der dynamischen Psychiatrie. Gabbard setzt aber die dynamische Psychiatrie nicht mit der dynamischen Psychotherapie gleich, da die dynamische Psychiatrie auf eine Vielzahl unterschiedlicher psychotherapeutischer Verfahren und Behandlungsinterventionen zurückgreifen kann und muss, um der jeweils individuellen Situation der Patienten gerecht zu werden.

Fünf Grundprinzipien prägen die psychodynamische Psychiatrie. Der besondere Wert der subjektiven Erfahrung betont die Einmaligkeit der individuellen Situation, in die meisten Symptome und Verhaltensweisen als Ausdrücke des Unbewussten verstanden werden. Aus der Bedeutung des Unbewussten erwächst das dritte Prinzip des psychischen Determinismus. Die Bedeutung der menschlichen Freiheit wird in den Kontext der Auffassung gestellt, „dass wir bewusst verwirrt und unbewusst kontrolliert sind“ (S. 14). Damit ist auch das vierte Grundprinzip der wichtigen Bedeutung der Vergangenheit angesprochen, denn gerade die Erfahrungen im Säuglings- und Kindesalter sind es, die das spätere Leben prägen und die psychiatrische Arbeit mit dem Phänomen der Übertragung und Gegenübertragung so wichtig werden lässt. So ist und bleibt auch die Arbeit mit Widerständen zentrales Prinzip der psychodynamischen Psychiatrie, die sich in ihren theoretischen Grundlagen vor allem auf die Ich-Psychologie und Objektbeziehungstheorie auf dem Hintergrund der Forschungen Freuds, der Selbstpsychologie Kohuts, der Entwicklungspsychologie und Bindungstheorie bezieht. Alle Dimensionen sind bei der Beurteilung und Diagnosestellung sowie der Auswahl der entsprechenden Behandlungskonzepte relevant. In der Darstellung der einzelnen psychotherapeutischen Settings werden von Gabbard immer wieder diese Prinzipien und Dimensionen durchdekliniert. Auch bei den in den weiteren Hauptteilen des Buches behandelten Störungsbildern wird die psychodynamische Sicht konsequent durchgehalten und ermöglicht dem Leser jeweils eine Vertiefung der Prinzipien und theoretischen Grundlagen der psychodynamischen Psychiatrie an den jeweiligen Beispielen. Auf eine Darstellung der Anwendung der psychodynamischen Psychiatrie auf die vielseitigen psychischen Störungen wird in dieser Rezension verzichtet, da dies den Rahmen sprengen würde. Der Leser ist aber immer wieder neu überrascht, welche dynamischen Sichtweisen – gerade auch in Abgrenzung zur klassischen Psychoanalyse möglich werden.

Diskussion

Mit der Darstellung der theoretischen Grundlagen des ersten Teils ist es Gabbard gelungen, den Leser herauszufordern, sich im Hinblick auf die unterschiedlichen Theorien der modernen dynamischen Psychiatrie selbst zu positionieren. Auch für nicht psychoanalytisch geprägte Ärzte und Therapeuten ist das Buch ene große Bereicherung. Es ist erfrischend zu lesen, dass die grundlegende Haltung des Psychiaters wichtig ist, klinische Situationen nicht „in eine bestimmte Theorie zu zwängen“ (S. 69), sondern sich vom Patienten selbst in entsprechende Deutungen und Theorien führen zu lassen. Immer wieder wird die subjektive Sicht und die Notwendigkeit der Anpassung der theoretischen Perspektive an die Bedürfnisstruktur der Patienten betont. Diese schon fasst konstruktivistische Sicht auf die Kommunikation und Interaktionen im Behandlungskontext macht die psychodynamische Psychiatrie anschlussfähig an die Konzepte Systemischer Therapie, die gerade im europäischen Kontext eine immer größere Rolle spielen.

Fazit

Das Lehrbuch ist für alle, die aus psychodynamischer Sicht die Praxis einer modernen Psychiatrie erlernen und bewerten wollen, eine hervorragende Möglichkeit eigene Kompetenzen auf dem Hintergrund des aktuellen internationalen Forschungsstandes auszubauen. Auch als Nachschlagewerk zu einzelnen Themen ist das Buch für die Alltagspraxis ambulanter und stationärer Psychiatrie sowie für die Zusammenarbeit zwischen Psychotherapeuten und Psychiatern eine große Bereicherung.


Rezensent
Dr. Georg Singe
Dipl.-Sozialarbeiter, Dipl.-Theologe Systemischer Familientherapeut, Supervisor und Lehrtherapeut (DGSF)
Dozent an der Fakultät I für Bildungs- und Gesellschaftswissenschaften, Fachbereich Soziale Arbeit der Universität Vechta
Homepage www.uni-vechta.de/soziale-arbeit/mitglieder/georg-s ...
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Zitiervorschlag
Georg Singe. Rezension vom 12.08.2010 zu: Glen O. Gabbard: Psychodynamische Psychiatrie. Ein Lehrbuch. Psychosozial-Verlag (Gießen) 2010. ISBN 978-3-8379-2036-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/9249.php, Datum des Zugriffs 20.10.2019.


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