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Gabriele Nordt: [...] Tageseinrichtungen für Schul- und Vorschulkinder

Cover Gabriele Nordt: Methodenkoffer zur Qualitätsentwicklung in Tageseinrichtungen für Schul- und Vorschulkinder. Cornelsen Scriptor (Berlin) 2005. 152 Seiten. ISBN 978-3-589-25357-9. 19,90 EUR, CH: 35,00 sFr.
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Thema

Das Buch stellt Methoden zur Qualitätsentwicklung in Tageseinrichtungen für Schul- und Vorschulkinder vor.

Entstehungshintergrund

Eine intensive Beschäftigung mit „Qualitätsentwicklung in Tageseinrichtungen für Schul- und Vorschulkinder“ ist vor allem mit der Umsetzung der verschiedenen Bildungs- und Orientierungspläne der Bundesländer in Zusammenhang zu bringen. Die Bildungspläne geben Impulse für die Weiterentwicklung von Einrichtungen (früh-)kindlicher Bildung in unterschiedlichen Handlungsfeldern, so z.B. für Beobachtung, Dokumentation und Planung kindlicher Bildungsprozesse, oder für die Entwicklung des Teams bzw. die Kooperation mit anderen Personen und Einrichtungen. Den Methoden und Konzepten zur Qualitätsentwicklung liegt häufig ein zirkulärer Prozess zugrunde, der vom Ist-Stand der Einrichtung ausgeht, Ziele entwickelt und deren Umsetzung plant und anschließend evaluiert (vgl. TKM 2008: Thüringer Bildungsplan für Kinder bis 10 Jahre, S. 158). In diesem Prozesskreislauf nehmen z.B. Angebote zur Erhebung des Ist-Standes der Einrichtung (Wo stehen wir?) einen zentralen Stellenwert ein.

In der Mehrheit nehmen die Autoren dieser Bildungspläne eine dezidiert kindzentrierte Sichtweise auf die Institutionen (früh-)kindlicher Bildung ein. Vom Kind auszugehen schließt nicht zuletzt auch ein, die Entwicklung einer Einrichtung an den Bedürfnissen von Kindern und deren Familien auszurichten. Vor diesem Hintergrund nehmen Methoden zur Qualitätsentwicklung von Einrichtungen die Perspektiven der Adressaten, nämlich Kinder und deren Familien, in den Blick.

Im vorliegenden Handbuch „Methodenkoffer zur Qualitätsentwicklung in Tageseinrichtungen für Schul- und Vorschulkinder“ präsentiert die Autorin 47 höchst unterschiedliche Methoden zur Beschreibung möglicher Entwicklungsfelder in Einrichtungen (früh-)kindlicher Bildung.

Aufbau und Inhalt

Das Buch ist sehr übersichtlich gegliedert. Die Autorin beginnt mit einigen allgemeinen Ausführungen zur Zielentwicklung in Einrichtungen (früh-)kindlicher Bildung (Kapitel 1). Die folgenden Kapitel (2-6) beschreiben verschiedene Methoden zur Qualitätsentwicklung und nehmen dabei verschiedene Adressatengruppen in den Blick:

  • Kap. 2: Perspektive der Kinder;
  • Kap. 3: Perspektive der Eltern;
  • Kap. 4: Perspektive der Fachkräfte zu den Kindern;
  • Kap. 5: Perspektive des Team und
  • Kap. 6: Perspektive der Leitung.

Der Band bietet daher Professionals in schulischen und vorschulischen Einrichtungen der kindlichen Bildung einen gut strukturierten Überblick über mögliche methodische Angebote und stellt darüber hinaus sicher, dass durch die unterschiedlichen Methoden die Perspektiven aller Beteiligten erhoben werden können (Selbst- und Fremdeinschätzung). Professionals können den Methodenkoffer daher nach eigenen Bedarfen nutzen und jene Angebote auswählen, die der spezifischen Situation der Einrichtung, den Bedürfnissen der Beteiligten und dem Ziel der Selbstevaluation entspricht.

Die Autorin hat in der Darstellung der Methoden darauf geachtet, den gleichen Aufbau zu verwenden, um die Lesefreundlichkeit zu steigern. Alle Methoden werden daher nach folgendem Schema präsentiert:

  1. Ziel und Möglichkeiten zur Einsetzung der Methode
  2. Zeitrahmen und Material
  3. Voraussetzungen
  4. Vorbereitung
  5. Durchführung
  6. Auswertung
  7. Variation
  8. Literaturverweise

Die Autorin beabsichtigt einen praxisnahen Eindruck der Angebote zu vermitteln, damit es auf die jeweils spezifische Situation der Einrichtung übertragen werden kann. Denn: „jede Methode sollte an die Praxisbedingungen vor Ort angepasst werden“ (S. 12).

Im Anhang findet der Leser/die Leserin 25 Kopiervorlagen zu den einzelnen Methoden.

Diskussion

Der Methodenkoffer stellt eine unverbundene Sammlung unterschiedlicher Angebote zur Qualitätsentwicklung in vorschulischen und schulischen Einrichtungen dar. Es fehlt der konzeptionelle Rahmen von Qualitätsentwicklung (z.B. die Darstellung des Prozesskreislaufes s.o.), um die Methoden den einzelnen Prozessschritten zuordnen zu können. Es stellt sich damit die Frage, an welchem Punkt der prozesshaften Qualitätsentwicklung die Professionals Angebote des Methodenkoffers nutzen können: Die Autorin gibt hierauf eine vorsichtige Antwort (S. 12):

  • Der Methodenkoffer als „Schatztruhe“: Der Methodenkoffer selbst gibt Impulse für mögliche Themen, an denen die Einrichtung weiterarbeiten will. Oder:
  • Der Methodenkoffer für eine „Gezielte Suche“: Hier ist die Fragestellung den Professionals bewusst. Der Methodenkoffer bietet Möglichkeiten zur Beantwortung dieser Fragen.

Ähnlich unklar bleibt die Autorin in Bezug auf die Zieldefinition. Zwar macht sie deutlich, dass jede Einrichtungsentwicklung bestimmten zuvor von den Beteiligten definierten Zielen folgen muss, jedoch bleiben die Ausführungen zum Prozess der Zielfindung ungenau:

  • Steht das Formulieren von Zielen am Anfang des Prozesses oder kann es ein Ergebnis der Evaluation sein? Mit solchen Fragen lässt die Autorin den Leser/die Leserin zugunsten einer größtmöglichen Offenheit der Methoden für die individuelle Arbeit mit ihnen allein.
  • Weiterhin macht die Autorin auch nur wenige Aussagen, zum Prozess der Zielfindung (S. 21). Der marginale Hinweis, dass Ziele vom Leitziel aus oder vom Handlungsziel aus zu entwickeln sind, gibt keinen Aufschluss, wie ein gelingender Zielfindungsprozess in der Einrichtung stattfinden, wer oder in welcher Form daran beteiligt werden kann. In dieser Hinsicht ist auch der Umgang mit den zugegebener maßen sehr einfach strukturierten Arbeitsblättern zur Entwicklung von Zielen (Kopiervorlage 1 und 2) unklar.
  • Der Bezug der Zielfindung zu den Methoden bleibt offen: Welche Methoden eigenen sich für die Entwicklung von konkreten Zielen für die Qualitätsentwicklung?

Das Anliegen der Autorin, die Methoden zur Selbstevaluation als Angebot zu formulieren und hierdurch einen möglichst hohen Praxisbezug zu gewährleisten, ist nicht zuletzt durch die Kopiervorlagen gelungen.

Im Folgenden sollen die methodischen Angebote anhand der Methoden zur Erfassung der Perspektive des Kindes diskutiert werden. Vom Kind aus zu denken schließt die systematische Einbeziehung der Perspektive des Kindes auch in Bezug auf die Einrichtungsentwicklung ein. Dieses Paradigma setzt die Autorin konsequent durch Kapitel 2 („Perspektive der Kinder zur Tageseinrichtungen und zum Umfeld“) um. Die hier vorgestellten Angebote erlauben Kindern ihre Sichtweise auf die Einrichtung oder das Umfeld einzubringen und Impulse für die Weitereinwicklung zu geben. Kinder erfahren so, dass sie in ihrer Meinung gefragt sind und diese vorurteilsfrei akzeptiert wird. Darüber hinaus bieten diese Angebote Erzähl-, Diskussion oder Schreibimpulse für sprachliche und schriftsprachliche Bildung. Eine solche kindzentrierte Vorgehensweise bei der Qualitätsentwicklung in Einrichtungen (früh-)kindlicher Bildung setzt eine spezifische Haltung von Professionals voraus. Erst wenn eine Kultur der Beteiligung in der Einrichtung gelebt wird, können Angebote zur Partizipation und Mitbestimmung in den Prozess der Qualitätsentwicklung eingebunden werden. Die Anwendung entsprechender Methoden zum Erfassen der Perspektive des Kindes ist daher höchst voraussetzungsvoll. Hilfreich wären daher Ausführungen dazu, welche Haltungen auf Seiten der Professionals beteiligungsorientierte Angebote erfordern. Insofern kann Arbeit an Haltungen von Professionals und eine dezidiert auf Beteiligung von Kindern im Alltag abzielendes Miteinander selbst ein mögliches Handlungsfeld für die Weiterentwicklung der Einrichtung sein.

Welche Angebote zur Beteiligung von Kindern umsetzbar sind, ist nicht zuletzt von den jeweiligen Bedürfnissen, Kenntnissen und Fähigkeiten des Kindes/der Kinder abhängig. Eine Herausforderung für Professionals besteht darin, die Angebote auf die spezifische Kindergruppe zu übertragen. Es wäre daher m.E. hilfreich, wenn die Autorin Hinweise gibt, an welche Zielgruppen die Angebote sich richten (z.B. Kindergartenkinder, Angebote am Übergang Kita – Grundschule oder Grundschulkinder) bzw. welche Fähigkeiten und Kenntnisse diese auf Seiten der Kinder voraussetzen.

Die hier beschrieben Angebote richten sich aus meiner Sicht an eher ältere Kinder (Kinder in Grundschulen). Es wäre eine Ergänzung von Methoden wünschenswert, die auch die Perspektive jüngerer Kinder erfasst. Hierzu eignen sich beispielsweise Gesprächskreise oder spielerische Formen zur Erfassung der Kindperspektive (z.B. „Wenn ich Erzieher/Erzieherin wäre, dann…“; „Wenn ich Bürgermeister/Bürgermeisterin wäre, dann…“). Aus einer stärkeren Betonung von Angeboten zur Beteiligung aller Kinder, speziell jüngere Kinder, würden sich weitere Potentiale für Entwicklung der Einrichtung ergeben.

Fazit

Der Methodenkoffer präsentiert zahlreiche Methoden zur Qualitätsentwicklung, die zwar nach Zielgruppen systematisch gegliedert werden, zumeist jedoch unverbunden nebeneinander stehen. Für den Leser erschließt sich nicht selbstläufig, an welcher Stelle bzw. in welcher Phase des Entwicklungsprozesses er auf welche Methode(n) zurückgreifen kann. Der Band enthält leider keine Hinweise zum Prozess der Qualitätsentwicklung in Einrichtungen (früh-)kindlicher Bildung. Deshalb wird der Leser nicht davon entbunden, auf weitere Literatur zurückzugreifen, will er Qualitätsentwicklung in seiner Einrichtung systematisch betreiben.

Dennoch: Verfügt die Einrichtung bereits über ein gut erarbeitetes Konzept zur Qualitätsentwicklung, kann der Methodenkoffer wertvolle Impulse für den Bereich der Selbstevaluation bieten. Es bleibt zu hoffen, dass der Methodenkoffer auch in Zukunft fortgeschrieben und durch weitere, innovative Methoden ergänzt wird.


Rezensent
Thomas Buchholz
M.A.
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Zitiervorschlag
Thomas Buchholz. Rezension vom 21.04.2010 zu: Gabriele Nordt: Methodenkoffer zur Qualitätsentwicklung in Tageseinrichtungen für Schul- und Vorschulkinder. Cornelsen Scriptor (Berlin) 2005. ISBN 978-3-589-25357-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/9256.php, Datum des Zugriffs 22.07.2018.


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