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David Klemperer, Bernard Braun: Sozialmedizin - Public Health

Cover David Klemperer, Bernard Braun: Sozialmedizin - Public Health. Lehrbuch für Gesundheits- und Sozialberufe. Verlag Hans Huber (Bern, Göttingen, Toronto, Seattle) 2010. 350 Seiten. ISBN 978-3-456-84824-2. 29,95 EUR, CH: 49,90 sFr.

Seit Erstellung der Rezension ist eine neuere Auflage mit der ISBN 978-3-456-85550-9 erschienen, auf die sich unsere Bestellmöglichkeiten beziehen.
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Autor

Der Autor David Klemperer ist Facharzt für Innere Medizin und öffentliches Gesundheitswesen, mit den Zusatzbezeichnungen Sozialmedizin und Umweltmedizin. Seit 2001 ist er hauptberuflich als Hochschullehrer an der Fakultät Sozialwissenschaften der Hochschule Regensburg tätig mit den Themenschwerpunkten Sozialmedizin, Public Health und Gesundheitswissenschaften. Seine Schwerpunktthemen außerhalb des Hauptberufs sind Gesundheitspolitik, rationale Gesundheitsversorgung und Patientenorientierung im Gesundheitswesen. Der Autor ist aktives Mitglied zahlreicher Gremien und Organisationen. Exemplarisch sei auf seine Tätigkeit als Vorsitzender des deutschen Netzwerks Evidenzbasierte Medizin in der Periode 2009 – 2011 und auf seine Tätigkeit als Sprecher der Arbeitsgruppe zum Ziel 11 des Nationalen Krebsplans Verbesserung der Informations-, Beratungs- und Hilfsangebote hingewiesen.

Aufbau

Das vorliegende Lehrbuch für Gesundheits- und Sozialberufe versteht sich als Lernbuch für alle im Gesundheitswesen tätigen Professionen mit zwei Hauptanliegen der Wissensaneignung. Einerseits möchte es zum Verstehen von Gesundheit und Krankheit beitragen. Dafür stellt es die zugrundeliegenden Theorien des Denkens und Handelns dar und veranschaulicht diese anhand von zahlreichen Beispielen, Bildern, Photos, Cartoons und Abbildungen. Andererseits erläutert es die Strukturen und Funktionsweisen des sich derzeit stark ändernden Gesundheitssystems, in dem die Zielgruppe arbeitet. Das Buch gliedert sich in sieben in sich geschlossene Kapitel. Nach einer Einführung in das jeweilige Thema werden wesentliche Unterthemen dargestellt. Definitionen werden durch eigene Absätze abgehoben und wichtige Gedankengänge durch kurze Absätze prägnant auf den Punkt gebracht. Die zahlreichen Literaturhinweise zur Vertiefung des Themas und viele aktuelle Links bieten dem Interessierten sehr gute Anregungen und Möglichkeiten zur weiteren Auseinandersetzung mit dem jeweiligen Thema.

Inhalt

Das erste Kapitel sensibilisiert für das Thema Wissenschaftlichkeit, wissenschaftliches Denken, wissenschaftliche Erkenntnisse, die Annäherung von Wissenschaft und Praxis und setzt sich mit den Begrifflichkeiten und Methoden auseinander. Zahlreiche Beispiele aus der Praxis von im Laufe der Jahre belegten medizinischen Irrtümern werden beschrieben und vermitteln einen Eindruck von der wissenschaftlichen Entwicklung im Gesundheitssystem. Die Notwendigkeit der systematischen Überprüfung von Hypothesen, die durch Beobachtungen im Praxisalltag gewonnen und angewandt werden, wird verdeutlicht, für ein ausreichendes Maß an Skepsis geworben und das Problem der Beeinflussung durch Interessenskonflikte angesprochen.

Das zweite Kapitel Epidemiologie und Forschungsmethoden beschreibt an Hand der Beispiele der Choleraepidemie in London 1854 und des Auftretens von AIDS in Los Angeles 1981 die Disziplin zur Untersuchung der Bevölkerungsgesundheit. Wesentliche Grundbegriffe der Epidemiologie mit Gesundheitsmaßen werden eingeführt. Darauf aufbauend werden grundlegende Daten- und Studientypen, wieder versehen mit vielen Beispielen und aktuellen Links, gegeneinander abgegrenzt. Im Unterkapitel Gesundheitsberichterstattung wird auf Studien des Robert-Koch-Instituts (u.a. KIGGS), der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (u.a. Gib AIDS keine Chance) und weiterer Institutionen (u.a. SOEP, Shell- Jugendstudie) hingewiesen.

Darauf aufbauend geht der Autor auf die notwendige Ausrichtung unseres Gesundheitssystems nach den Regeln der evidenzbasierten Medizin (EBM) und evidenzbasierten Praxis ein. Die Beantwortung der Frage „Wie entwickle ich eine wirkungsvolle, evidenzbasierte berufliche Praxis?“ steht im Vordergrund. Die fünf Schritte der Problemlösung durch Einbezug des aktuellen Wissens aus Studien werden beschrieben. Die Aufbereitung dieser Wissenserkenntnisse in Zeitschriften, Datenbanken, Leitlinien, systematischen Übersichtsarbeiten mit Quellenangaben wird genannt und die führende Rolle der EBM-orientierten Organisationen Cochrane Collaboration und Deutsches Netzwerk Evidenzbasierte Medizin dargestellt. Daran schließt sich das Thema der sich wandelnden Arzt-Patienten-Kommunikation von Shared Decision Making über evidenzbasierte Gesundheitsinformationen bis hin zur Risikokommunikation an.

Modelle, Konzepte und Theorien des Gesundheits- und Krankheitsverständnisses bestimmen das Kapitel wie wir Gesundheit und Krankheit verstehen. Mit einem geschichtlichen Abriss, beginnend bei den frühen Hochkulturen bis in die heutige Zeit werden zeitliche und kulturelle Veränderungen unterschiedlicher medizinischer Systeme herausgearbeitet. Der im heutigen Gesundheitswesen Tätige wird so für die Probleme und anstehenden Herausforderungen der jeweiligen Zeit sensibilisiert und motiviert, sich den aktuellen Herausforderungen zu stellen.

Im fünften Kapitel Prävention und Gesundheitsförderung werden nach der Einführung der Begriffe Prävention, Gesundheitsförderung, Verhaltens- und Verhältnisprävention Theorien und Konzepte des Gesundheitsverhaltens für effektive Interventionen (Health Belief Model, Theory of Reasoned Action, Self-efficacy, Salutogenese) und Strategien der Gesundheitsförderung und Prävention (Ottawa-Charta, Ressourcenorientierung, Empowerment) dargestellt. Die Anwendung kommerzieller Marketinginstrumente, Sozial Marketing, zur Zielerreichung wird genauso thematisiert wie die derzeitigen Aufgaben der Prävention. „Die Entwicklung der Gesundheit der Bevölkerung ist durch drei Trends bestimmt“ (S.152) schreibt der Autor.

Dem Trend der sozialen Ungleichheit der Gesundheit widmet sich das sechste Kapitel. Auf die Definition von vertikaler und horizontaler Ungleichheit, absoluter und relativer Armut, auf Gesundheit und sozialer Lage im internationalen Vergleich, auf Entstehungsmechanismen, auf das Konzept der Verwirklichungschancen und der Frage „Was bedeutet dies für die Praxis?“ wird eingegangen. Das Kapitel schließt ab mit der Vorstellung wegweisender Studien und Werken von Friedrich Engel über den Black Report bis Closing the Gap in a Generation der WHO.

Im siebten und letzten Kapitel geht der Autor auf das deutsche Gesundheitssystem und die Gesundheitspolitik ein. Die Frage was ist ein Gesundheitssystem wird beantwortet, die drei Reinformen dargestellt und der Qualitätsbegriff näher erläutert. Daran schließt sich die Geschichte der Deutschen Gesundheitspolitik an und das System der sozialen Absicherung im Krankheitsfall (stationäre / ambulante Versorgung, Pflegeversicherung, Arzneimittelversorgung, Rehabilitation) wird beschrieben.

Diskussion

Zahlreiche Beispiele aus der Praxis beleben dieses Lehr- und Lernbuch, das zwar nicht den Anspruch auf Vollständigkeit hat, aber dem Anspruch des Verstehens wesentlicher Kerninhalte von Gesundheit und Krankheit sowie von Strukturen und Funktionsweisen des Gesundheitssystems wird es durch die verständliche Sprache, viele praxisnahe Beispiele, Bilder, Abbildungen und geschichtliche Rückblenden durchaus gerecht. Der Blick des Lesers wird einerseits geweitet und andererseits auf Wesentliches fokussiert. Nicht alles wird vom Autor als selbstverständlich gegeben hingenommen, Manches wird kritisch hinterfragt und regt zum Weiterdenken an. Der Leser merkt, dass der engagierte Autor sich gut im System auskennt und Arzt ist. Viele Beispiele sind aus dem ärztlichen Bereich. Gerade auch deshalb ist es für alle Berufsgruppen interessant, die sich mit Sozialmedizin und Public Health auseinandersetzen und sie sind aufgefordert bei der Weiterentwicklung dieses Buches durch Rückmeldungen in Form von Beispielen aus dem eigenen Berufsstand an den Autor die nächste Auflage mitzugestalten.

Fazit

Dem Autor ist ein gutes, klar gegliedertes aktuelles Lehr- und Lernbuch für Gesundheits- und Sozialberufe gelungen. Dieses Lernbuch ermöglicht im Sinne des lebenslangen Lernens das vorhandene Wissen zu aktualisieren und als Lehrbuch Wissen zu erwerben. Zahleiche Quellenangaben und Links zur Vertiefung unterstützen diesen Prozess und machen Lust auf „Mehr“. Eine Besonderheit stellen die aktiven (abrufbaren) aktualisierten Hyperlinks des Literaturverzeichnisses auf www.sozmad.de dar. Das Buch kann sehr gut als Grundlage für die eigene Lehre genutzt werden und dem im Gesundheits- und Sozialberuf in Ausbildung Befindlichen und dem schon länger im System Tätigen ohne Einschränkung empfohlen werden.


Rezensentin
Dr. med. Dr. rer. san. Kirsten Otten, MPH
Gesundheitswissenschaftlerin und Fachärztin für Innere Medizin


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Zitiervorschlag
Kirsten Otten, MPH. Rezension vom 26.10.2010 zu: David Klemperer, Bernard Braun: Sozialmedizin - Public Health. Lehrbuch für Gesundheits- und Sozialberufe. Verlag Hans Huber (Bern, Göttingen, Toronto, Seattle) 2010. ISBN 978-3-456-84824-2.

Seit Erstellung der Rezension ist eine neuere Auflage mit der ISBN 978-3-456-85550-9 erschienen, auf die sich unsere Bestellmöglichkeiten beziehen. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/9271.php, Datum des Zugriffs 28.04.2017.


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