socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Thomas Coelen, Hans-Uwe Otto (Hrsg.): Grundbegriffe Ganztagsbildung

Cover Thomas Coelen, Hans-Uwe Otto (Hrsg.): Grundbegriffe Ganztagsbildung. Das Handbuch. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2008. 992 Seiten. ISBN 978-3-531-15367-4. 59,90 EUR.
Recherche bei DNB KVK GVK

Besprochenes Werk kaufen
über socialnet Buchversand


Herausgeber und Entstehungshintergrund

Der Begriff „Ganztagsbildung“ wurde kurz nach Veröffentlichung der Ergebnisse von PISA 2000 von Thomas Coelen 2002 in einem Artikel in neue praxis, heraus gegeben von Hans-Uwe Otto und Hans Thiersch, erstmals der Fachöffentlichkeit vorgestellt. Hans-Uwe Otto, einem der großen Gestalten der deutschen Sozialpädagogik, ist es zu verdanken, dass die damit verbundene Idee verbreitet wurde (vgl. etwa sein Interview vom 16.02.2010; www.gantagsschulen.org/12038.php) und sich so viele Autor(inn)en bereit fanden, einen Beitrag zum vorliegenden Handbuch beizusteuern. Das Ergebnis eines Folgeprojekts, an dem sich rund 50 Mitarbeiter(innen) beteiligen, wird voraussichtlich im Herbst 2010 unter dem (vorläufigen) Titel „Lokale Bildungslandschaften“ publiziert werden. Beides hängt zusammen: Ganztagsbildung wie im vorliegenden Handbuch skizziert kann nur in lokalen Bildungslandschaften realisiert werden, und das Entwickeln einer Bildungslandschaft - der Begriff fokussiert Bildung(spolitik) in einer sozialräumlichen Perspektive – ist ohne Realisierung von Ganztagsbildung schwer vorstellbar.

Aufbau und Inhalt

Das Handbuch in seiner Gesamtheit will eine Vorstellung davon geben, was mit „Ganztagsbildung“ gemeint ist. Grob skizziert lässt sich diese Leitvorstellung folgendermaßen charakterisieren:

  1. Im Unterschied zu Idee der Ganztagsschule sind nicht Schüler(innen), sondern Kinder und Jugendliche der zentrale Ansatz.
  2. Im Unterschied zu Schulsozialarbeit werden Erziehungs- und Bildungsaspekte von multiprofessionellen Teams, deren Mitglieder sich „auf gleicher Augenhöhe“ bewegen, neu fokussiert.
  3. Chancengerechtigkeit und gesellschaftspolitische Integration werden zu Zielen ersten Ranges erklärt.

Zwischen einer Einleitung aus der Feder der Herausgeber einerseits, sowie einem Sachregister, einem Autor(inn)enverzeichnis und dem Epilog von Hans Thiersch andererseits finden sich auf 950 Seiten 72 Beiträge von insgesamt 112 Autoren, die fünf Teilen mit in der Regel drei Kapiteln – eines, Institutionen und Organisationen, noch einmal unterteilt – zugeordnet sind. Die bloße Auflistung der Einzelbeiträge würde den Rahmen einer Rezension sprengen.

In Teil 1 Adressaten, Grundkategorien und Prozesse werden unter 1.1 Adressaten und Akteure (Kinder, Jugendliche, Eltern), unter 1.2 Kategorien und Herausforderungen (etwa Soziale Ungleichheit oder Ethnie und Migration) und unter 1.3 Prozesse und Verhältnisse (von Entwicklungsaufgeben bis Förderung) abgehandelt.

Teil 2 Anlässe, Themen und Handlungsfelder gibt Aufschluss darüber, wie Ganztagsbildung in der Praxis zu verwirklichen wäre und welche Konfliktlagen bzw. Innovationsmöglichkeiten sich auftun können; das in den Kapiteln 2.1 Anlässe und Aufgaben (Demographischer Wandel oder Partizipation etwa), 2.2. Themen und Inhalte (von Bewegung und Sport bis Nachhaltige Entwicklung) und 2.3 Handlungsfelder und Schnittstellen (beispielsweise Pädagogik der frühen Kindheit oder Schulsozialarbeit).

In Teil 3 Lernwelten, Institutionen und Perspektiven geht es um die Vernetzung von Lernwelten und Institutionen in den Kapiteln 3.1 Lernwelten und Bildungsorte (Familien, Internet Communities u.a.m.), 3.2 Institutionen und Organisationen (22 Einzelbeiträge in den Unterkapiteln Kinder- und Jugendhilfe, Schulen, Vernetzungen und Kooperationen) und 3.3 Verbindende Perspektiven (Kommunale Jugendbildung etwa oder Bildungslandschaften).

Teil 4 Personal, Professionen und Teams mit den Kapiteln Pädagogisches Personal und Multiprofessionelle Teams spricht ein ausgesprochen komplexes und besoldungspolitisch brisantes Thema: Selbst ein Grundschullehrer (unter Lehrern auf der untersten Einkommensstufe) trägt ein Salär nach Hause, von dem ein Sozialpädagoge nur träumen kann; von unterschiedlichen Arbeits- und Ferienzeiten ganz zu schweigen.

Mit Teil 5 Theorien, Evaluationen und Planungen schließen die Ausführungen, geordnet in die Unterkapitel Theoretische Rahmungen (Bildungspolitik als Sozialpolitik etwa oder Chancengleichheit im deutschen Bildungswesen), Evaluation und Berichterstattung (Wirkungen von Jugendarbeit in Kooperation mit Schulen oder Wirkungen außerunterrichtlicher Angebote an Ganztagsschulen etwa) sowie Planung und Politik (Kommunale Bildungsplanung, Städtische Bildungspolitik und Bezüge zwischen Politik, Verwaltung und Wissenschaft).

Diskussion

Das Buch ist, selbst die gedrängte Aufbau- und Inhaltsdarstellung macht das deutlich, von großer Heterogenität gezeichnet; wo die Einheit (in) der Vielfalt ist, erschließt sich nicht leicht. Der Untertitel des Buches markiert mit „Das Handbuch“ den Anspruch des Herausgeberwerkes, „einen neuen erziehungswissenschaftlichen und pädagogisch-praktischen Bereich“ (S. 18) zu systematisieren. Für das Abstecken eines neuen Terrains mag die Breite der Darstellung sinnvoll sein, wer (lediglich) daran interessiert ist zu erfahren, was denn „das Neue“ an der Ganztagsbildung sei, ermüdet sich an allzu Bekanntem.

Ferner: Sowohl der aktuelle bildungspolitische Diskurs in Deutschland als auch die internationale Evaluationsliteratur zu von multiprofessionellen Teams getragenen Ganztagsangeboten für Kinder und Jugendliche im (Pflicht-)Schulalter spiegelt sich in vielen Beiträgen wenig wider.

Drittens: Wenn man neben dem Handbuch das umfangreiche Themenheft „Ganztägige Bildung und Betreuung“ der Zeitschrift für Pädagogik (Helsper & Fatke, 2009) liest, drängt sich einem die Frage auf, inwieweit sich die universitäre Schul- und Sozialpädagogik wechselseitig eigentlich zur Kenntnis nehmen.

Und schließlich: Unter den über hundert Autoren findet sich gerade mal eine Hand voll, die als Professoren an Fachhochschulen lehren, an denen doch die ganz überwiegende Mehrheit der Sozialpädagog(inn)en, die von Seiten der Kinder- und Jugendhilfe das Projekt „Ganztagsbildung“ in Angriff nehmen und voran treiben sollen, ausgebildet wird; der Verbreitung und Akzeptanz der Idee „Ganztagsbildung“ ist dies nicht eben förderlich.

Fazit

Trotz der genannten Einwände: Auch in die Bibliotheken von Ausbildungsstätten von Sozialpädagog(inn)en an Fachhochschulen – an Universitäten ohnehin – gehört ein Exemplar des hier rezensierten Handbuchs – und an jede Ganztagsschule, die es schon gibt und in den nächsten Jahren eingerichtet werden wird.

Ergänzender Literaturnachweis:

Helsper, W. & Fatke, R. (Hrsg.) (2009). Ganztägige Bildung und Betreuung. Zeitschrift für Pädagogik, 54.Beiheft. Weinheim: Beltz.


Rezensent
Prof. Dr. Dr. Hans-Peter Heekerens
Hochschullehrer i.R. für Sozialarbeit/Sozialpädagogik und Pädagogik an der Hochschule München
Homepage de.wikipedia.org/wiki/Hans-Peter_Heekerens
E-Mail Mailformular


Lesen Sie weitere Rezensionen zum gleichen Titel: Nr.6860


Alle 147 Rezensionen von Hans-Peter Heekerens anzeigen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Hans-Peter Heekerens. Rezension vom 22.04.2010 zu: Thomas Coelen, Hans-Uwe Otto (Hrsg.): Grundbegriffe Ganztagsbildung. Das Handbuch. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2008. ISBN 978-3-531-15367-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/9274.php, Datum des Zugriffs 22.09.2019.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht

Hilfe & Kontakt Details
Hinweise für

Bitte lesen Sie die Hinweise, bevor Sie Kontakt zur Redaktion der Rezensionen aufnehmen.
rezensionen@socialnet.de

ISSN 2190-9245

Newsletter bestellen

Immer über neue Rezensionen informiert.

Newsletter

Über 13.000 Fach- und Führungskräfte informieren sich monatlich mit unserem kostenlosen Newsletter über Entwicklungen in der Sozialwirtschaft.

Gehören Sie auch schon dazu?

Jetzt kostenlosen Newsletter abonnieren!

socialnet optimal nutzen!

Recherchieren

  • Rezensionen liefern den Überblick über die aktuelle fachliche Entwicklung
  • Materialien bieten kostenlosen Zugang zu aktuellen Fachpublikationen
  • Lexikon für die schnelle Orientierung und als Start für eine vertiefende Recherche
  • Sozial.de für tagesaktuelle Meldungen

Publizieren

  • wissenschaftliche Arbeiten
  • Studien
  • Fachaufsätze

erreichen als socialnet Materialien schnell und kostengünstig ihr Publikum

Stellen besetzen
durch Anzeigen im socialnet Stellenmarkt

  • der Branchenstellenmarkt für das Sozial- und Gesundheitswesen
  • präsent auf führenden Fachportalen
  • schnelle und preiswerte Schaltung
  • redaktionelle Betreuung