Arnoud Arntz, Hannie van Genderen: Schematherapie bei Borderline-Persönlichkeitsstörung
Rezensiert von Dipl.-Psych. Tobias Eisenmann, 17.09.2010
Arnoud Arntz, Hannie van Genderen: Schematherapie bei Borderline-Persönlichkeitsstörung.
Beltz Psychologie Verlags Union (PVU)
(Weinheim) 2010.
169 Seiten.
ISBN 978-3-621-27746-4.
D: 34,95 EUR,
A: 35,90 EUR,
CH: 57,00 sFr.
Übers.: Janina Schweiger. Dt. Bearb.: Ulrich Schweiger.
Thema
Das zu besprechende Buch enthält eine Übersicht über das Störungsbild der Borderline-Persönlichkeitsstörung sowie Grundlagen und Techniken der modernen Schematherapie. Innerhalb der klinischen Praxis ist die Borderline-Störung eine der häufiger vorkommenden Persönlichkeitsstörungen. Noch bis vor einigen Jahren galt sie als eine für Betroffene schwere, tiefgreifende und für Therapeuten belastende und nahezu nicht therapierbare psychische Störung. Durch klinische Forschungsarbeiten unterschiedlicher Arbeitsgruppen stehen mittlerweile jedoch einige erfolgreiche, störungsspezifische Behandlungsansätze zur Verfügung, die teils in manualisierter Form publiziert, die therapeutische Arbeit unterstützen und erleichtern. Die zwei bekanntesten Therapieansätze entstammen einerseits der psychoanalytischen Tradition – so die Übertragungsfokussierte Therapie (TFP) nach Otto F. Kernberg – und andererseits der kognitiven Verhaltenstherapie – so die Dialektisch-Behaviorale Therapie (DBT) nach Marsha M. Linehan. Im vorliegenden Buch wird nun eine weitere, vielversprechende Methode vorgestellt, welche sich am Modell der Schematherapie von Jeffrey E. Young und dessen Schema-Modus-Modell orientiert und sowohl klassische verhaltenstherapeutische, wie auch kognitive und erlebnisorientierte Techniken vereint.
Autoren
Prof. Dr. Arnoud Arntz ist Professor für Klinische Psychologie und Experimentelle Psychopathologie an der Universität Maastricht in den Niederlanden. Seine beruflichen Schwerpunkte liegen in der Psychotherapieforschung, speziell der Anwendung kognitiv-behavioraler Methoden bei Angst- sowie Persönlichkeitsstörungen. Arntz ist außerdem ein anerkannter europäischer Vertreter der Schematherapie.
Hannie van Genderen ist Klinische Psychologin, Psychotherapeutin und Supervisorin. Sie arbeitet derzeit am Maastrichter Zentrum für Seelische Gesundheit. Sie verfügt über eine langjährige Erfahrung in der Behandlung von Menschen mit Persönlichkeitsstörungen sowie über Lehrerfahrung zum Thema Schematherapie bei insbesondere Borderlinestörungen.
Zielgruppe
In erster Linie ist das vorliegende Buch für Psychologische und Ärztliche Psychotherapeuten gedacht, die in ihrer Berufspraxis mit Menschen mit (Borderline-)Persönlichkeitsstörungen zu tun haben. Das Buch kann aber auch anderen Berufsgruppen – vor allem Psychologen, Psychologen in Aus-/Weiterbildung und klinischen Sozialpädagogen – empfohlen werden, welche sich einen Überblick über die Schematherapie bei persönlichkeitsgestörten Personen verschaffen möchten. Auch Studierende können von der Lektüre profitieren.
Entstehungshintergrund
Das Buch erschien ursprünglich auf Niederländisch und wurde 2009 als englischsprachige Ausgabe mit dem Titel „Schema Therapy for Borderline Personality Disorder“ publiziert. Aufgrund des zunehmenden Interesses an der Schematherapie als psychotherapeutische Behandlungsmethode in Deutschland und den intensivierten Kontakten zu Forschergruppen der Universitäten Freiburg und Lübeck sowie den daraus resultierenden Bedarfsbekundungen nach einem anwendungsbezogenem Therapiemanual entschlossen sich die Autoren der Originalausgabe zu einer Übersetzung und Adaptation ins Deutsche.
Aufbau
Das Buch lässt sich grob in drei unterschiedliche Abschnitte einteilen. Zu Beginn äußern sich die Autoren zur deutschsprachigen Ausgabe, ebenso wie die Übersetzer einige grundlegende Aspekte, welche bei der Übersetzung eine Rolle gespielt haben, darlegen. Danach folgt der eigentliche Hauptteil des Buches. Dem Leser wird das Themengebiet durch elf unterschiedliche Kapitel nahegebracht, die sowohl Grundlagen wie auch therapeutische Techniken beinhalten. Den Abschluss des Buches bildet ein Anhang, in dem Arbeitsmaterialien sowie weiterführende Literaturangaben enthalten sind.
Inhalt
Das erste Kapitel des Buches beinhaltet eine Übersicht über wichtige Fakten und Erkenntnisse zur Borderline-Persönlichkeitsstörung. Die Autoren beschränken sich dabei nicht nur auf eine Darstellung der Diagnosekriterien, sondern geben einen kompakten Überblick über die Auftretenshäufigkeit und der klinischen Verschränkung mit anderen psychischen Störungen. Das Kapitel wird mit einem schematherapeutischen Verständnis der Entwicklung einer Borderline-Persönlichkeitsstörung (im Folgenden BPS) abgeschlossen. Arntz und van Genderen halten fest, dass eine BPS als das Ergebnis der Kombination von dysfunktionalen Schemata und entsprechenden Bewältigungsstrategien gesehen werden kann.
Das zweite Kapitel kann ebenfalls als ein Grundlagenkapitel angesehen werden, in dem über die Grundlagen der Schematherapie zur Behandlung der Borderline-Persönlichkeitsstörung aufgeklärt wird. Begonnen wird mit einem knappen Überblick über die Entwicklung von kognitiven Therapiemethoden als wirksame Behandlungsmethode bei Persönlichkeitsstörungen, bevor einige aktuelle Forschungsergebnisse skizziert werden, die den Behandlungserfolg der Schematherapie nachweisen sollen. So führte der Erstautor einige wissenschaftliche Studien durch, in denen Schematherapie mit anderen wirksamen Methoden zur Behandlung von BPS verglichen wurde. Den wesentlichen Anteil des Kapitels macht die theoretische Darstellung der Therapie aus. So definieren die Autoren ein Schema als „organisierte Wissensstruktur, die sich in bestimmten Verhaltensweisen, Emotionen und Gedanken offenbart.“ (S. 7) Sofern ein Kind in seinen natürlichen Grundbedürfnissen bekräftigt und verstärkt wird, bilden sich gesunde Schemata aus. Wenn allerdings diese Bedürfnisse, wie Autonomie oder Sicherheit nicht erfüllt werden, können dysfunktionale Schemata entstehen. Diese werden im Weiteren etablierten Persönlichkeitsstörungen gegenüber gestellt, wobei Arntz und van Genderen ausdrücklich darauf hinweisen, dass diese Schemata vielfältige Ähnlichkeiten aufweisen, nicht jedoch identisch mit den Störungen sind. Vielmehr sind sie als Ausdruck maladaptiver Bewältigungsstrategien zu sehen. Menschen mit einer BPS haben nach Ansicht der Autoren gleichzeitig viele unterschiedliche Schemata aktiviert, die sich in einem raschen Wechsel von Emotionen und Verhalten ausdrücken. Im letzten Teil des Kapitels fassen sie daher die vorgenannten Schemata zu fünf Schema-Modi zusammen. So gibt es beispielsweise den distanzierten Selbstschutz-Modus, den Modus des verlassenen oder missbrauchten Kindes, oder auch den Modus des gesunden Erwachsenen. Diese Modi können mit den Patienten besprochen und während der Therapie angewandt werden.
Das dritte Kapitel über die Behandlung beginnt mit einer Darstellung unterschiedlicher therapeutischer Techniken, die den Zugangswegen des Menschen - Fühlen, Denken und Handeln – angepasst sind. Diese sind wiederum mit drei Themen verknüpft, welche eine Rolle in der Behandlung spielen: das gegenwärtige Leben außerhalb der Therapie, Erfahrungen innerhalb der Therapie und Erlebnisse und Erfahrungen aus der Vergangenheit. Nach einer tabellarischen Übersicht der Zusammenhänge und der Erklärung der Wichtigkeit für die folgenden Kapitel, legen Arntz und van Genderen die basale Behandlungsstruktur dar. Die Autoren betonen, dass zu Beginn die Aufnahme vorhandener Probleme erfolgt und diese, da sie in der Regle aufgezeichnet werden, dem Patienten bis zur nächsten Sitzung mitgegeben werden. Dies hat den Zweck, dass die Modi, in welchem sich der Patient gerade befindet, die aktuelle Wahrnehmung beeinträchtigen können, so dass ein Nachhören der Sitzung der Überprüfung dient. Zu Beginn einer Therapie werden Vereinbarungen getroffen, die sich durch die weiteren Sitzungen ziehen. Nach Arntz und van Genderen gibt es keine feste Reihenfolge der einzelnen Sitzungen, dennoch lassen sich ihrer Meinung nach folgende sieben charakteristische Perioden unterscheiden:
- Anfangsphase, welche die Erstellung eines Fallkonzeptes beinhaltet
- Behandlung der Symptome einer sog. Achse I-Störung (dies bezieht sich auf die Bearbeitung prioritärer Symptome, welche entsprechend in den Klassifikationssystemen codiert wurden)
- Krisenmanagement
- Interventionen mit Bezug zu den einzelnen Schema-Modi
- Behandlung von Traumata aus der Kindheit
- Verhaltensänderungen
- Therapieende
Zu den einzelnen Phasen benennen die Autoren wichtige Bestandteile und Mikroziele, bevor diese Phasen näher erläutert werden.
Die Therapeutische Beziehung ist Gegenstand des vierten Kapitels. Hier wird zu Beginn darauf hingewiesen, dass es wichtig für den Therapeuten ist, ein hohes Maß an Geduld zu besitzen sowie sich der Unterstützung einer zuverlässigen Supervisions- und Intervisionsgruppe sicher zu sein. Weiter legen die Autoren fest, dass der Therapeut nur eingeschränkt die Form einer Elternschaft übernimmt und sich darauf beschränken sollte, angemessene elterliche Reaktionen und Verhaltensweisen modellhaft vorzugeben. Wichtig ist allerdings auch, dass der Therapeut für die Patienten leicht erreichbar ist und gemeinsam mit diesen einen Notfallplan erarbeitet, sollte dies aus bestimmten Gründen (Urlaub, o.ä.) nicht möglich sein. Eine große Bedeutung nimmt auch die Übernahme eines fürsorglichen Verhaltens des Therapeuten ein, in dem klar festgelegt wird, was dieser für den Patienten tun wird und was nicht. Dies erlaubt dem Therapeuten auch, klare Grenzen zu formulieren und sich an diese während des Therapieprozesses zu halten. So räumen Arntz und van Genderen dem Grenzen-Setzen auch den größten Raum des Kapitels ein, indem sie sowohl Hilfestellung beim schrittweise Formulieren von Grenzen geben, aber auch typische Missachtungen und die damit verbundenen Konsequenzen aufzeigen. Abschließend heben beide die Wichtigkeit hervor, sich seiner eigenen dysfunktionalen Schemata stets bewusst zu sein und verbinden dies mit der Bedeutung stetiger Selbstreflexion.
Spezielle Erlebnisorientierte Techniken, also solche Strategien, die sich direkt auf die Emotionen beziehen, werden in Kapitel fünf veranschaulicht. Den Einstieg gestalten die Autoren mit Grundlagen der Bearbeitung traumatischer Erlebnisse mit Hilfe imaginativer Techniken. Diese sollen dabei helfen, eine Verbindung zwischen vergangenen Erlebnissen und aktuellen Schemata herzustellen. Ebenfalls weisen Arntz und van Genderen auf die Imagination eines sicheren Ortes hin, an den sich Patienten jederzeit zurückziehen können, wenn äußere Belastungen auftauchen. Mit dieser eingeübten Technik bietet man den Patienten eine gewisse Sicherheit an. Nach der Erklärung dieser vorausgehenden Imaginationsübungen rücken die Verfasser die Bearbeitung von zumeist traumatischen Erlebnissen in der Imagination in den Vordergrund. Anhand ausführlicher Beispiele wird der Leser mit der sukzessiven Einübung der Imagination im Rahmen des ersten Teils der Behandlung vertraut gemacht. Insbesondere die Imagination der ursprünglichen Situation sowie die Integration des Therapeuten und dessen Überarbeitungen sind Teil dieses Abschnitts. In der zweiten Behandlungsphase werden unterschiedliche Schema-Modi in die Imaginationsübungen mit einbezogen, so dass bspw. entsprechende Übungen angewandt werden können, wenn de Patienten bereits einen weiter fortgeschrittenen Modus erlangt haben. Hier finden hauptsächlich Rollenspiele ihren Einsatz, die einzeln und verständlich aufgezeigt und demonstriert werden. In Abhängigkeit vom jeweils aktuell aktivierten Schema-Modus erfährt der Leser etwas über die Anwendung spezifischer Techniken, wie der Zwei-Stühle-Technik, bei der unterschiedlichen Seiten einer Persönlichkeit jeweils ein Stuhl zugeordnet werden kann. Auch besteht die Möglichkeit, neue, gesunde Schemata den alten, maladaptiven gegenüberzustellen. Das umfangreiche Kapitel schließt mit typischen Techniken, die Patienten dabei unterstützen sollen, eigene Emotionen zu erleben und ausdrücken zu können.
Den Kognitiven Techniken wird im sechsten Kapitel weiterer Platz eingeräumt. Diese können dann eingesetzt werden, wenn es in der Therapie darum geht, dysfunktionale Überzeugungen der Patienten über aktuelle und vergangene Erlebnisse zu analysieren und zu verändern (S. 87). Die Verfasser weisen zwar darauf hin, dass eine klassische kognitive Therapie nicht für solche Patienten geeignet ist, welche sich in der ersten Therapiephase befinden, erklären dann aber, dass dadurch eine Verbindung zwischen Situationen, Emotionen, Gedanken und damit verbundenen Schema-Modi hergestellt werden kann. Nach einer Übersicht über häufig vorkommende kognitive Verzerrungen, die einen direkten Einfluss auf kognitive Prozesse bei den Patienten haben können, stellen Arntz und van Genderen einzelne Techniken näher vor. Unter anderem wird der Leser mit der Technik des sokratischen Dialogs vertraut gemacht, bei dem der Therapeut dem Patienten in dialogischer Form vermittelt, dass es mehrere Interpretationsmöglichkeiten eines bestimmten Erlebnisses gibt. Eine andere dargestellte Technik ist die sog. Gerichts-Übung, in der den Patienten durch ein Rollenspiel aufgezeigt wird, dass stets mehrere Personen für eine bestimmte Situation verantwortlich sind. Auch klassisch verhaltenstherapeutische Interventionen wie das Führen eines Tagebuchs mit positiven Ereignissen werden berücksichtigt.
Da veränderte Kognitionen, wie auch veränderte Emotionen nicht zwangsläufig auch in einem veränderten Verhalten münden, widmen die Autoren des Buches den Verhaltensbezogenen Techniken das folgende, siebente Kapitel. Darin werden solche Strategien skizziert, die angewandt werden, wenn Patienten die Fähigkeiten fehlen, neu erlerntes Wissen in konkretes Verhalten zu übertragen. Der Leser erhält einen knappen Überblick über Verhaltensexperimente, Rollenspiele oder spezielle Problemlöse-Techniken.
Weitere Spezifische Methoden und Techniken sind Gegenstand von Kapitel acht. Hierin sammeln die Autoren unterschiedliche Interventionsmöglichkeiten, die von Hausaufgaben und dem Aufzeichnen einzelner Sitzungen über Pharmakologische Therapie bis hin zu Kriseninterventionen und dem Umgang mit Suizidversuchen und Selbstverletzungen sowie der Bearbeitung von Traumata reicht. Arntz und van Genderen legen knapp die unterschiedlichen Strategien dar, illustrieren das Vorgehen mit Beispieldialogen und weisen auf mögliche Komplikationen und Probleme hin.
In Kapitel neun werden die vorgenannten Techniken summiert und in Verbindung mit den jeweils vorherrschenden Schema-Modi gebracht. Die Behandlungsmethoden und der jeweilige Modus müssen aneinander angepasst werden, was unter anderem dadurch erschwert wird, dass der Patient den jeweiligen Modus häufig wechselt, was wiederum vom Therapeuten verlangt, diesen Wechsel zu bemerken und benennen zu können. Entsprechend der fünf bereits eingangs dargestellten Modi legen die Verfasser für jeden einzelnen Modus zu erst wichtige Bausteine der therapeutischen Beziehung dar. Erst dann werden spezifische Aspekte der einzelnen Behandlungsebenen - Fühlen, Denken und Verhalten – spezifisch benannt und näher aufgedröselt. Hier erfährt der Leser praktische Hinweise, bspw. dass das Arbeiten mit Flipcharts hilfreich sein kann, um die Vor- und Nachteile eines bestimmten Modus dem Patienten plastisch zu veranschaulichen. Beispiele und Hilfestellungen finden sich an den hinreichenden Stellen im Kapitel. Psychopharmakologische Gesichtspunkte diskutieren die beiden Autoren im Folgenden, da unterschiedliche Behandlungsstrategien unterschiedliche Wirkungsweisen erzielen können - je nach vorherrschendem Schema-Modus. Auch spezielle Probleme werden jeweils am Ende eines bestimmten Modus-Abschnitts beachtet. Als Beispiel führen Arntz und van Genderen an, dass eine zu bemerkende Müdigkeit seitens des Patienten nicht zwangsläufig an dessen Schlafgewohnheiten liegen muss, sondern durchaus auch Ausdruck des distanzierten Selbstschutz-Modus sein kann. Da sämtliche möglichen Schema-Modi nicht überschaubar und in einer bestimmten Reihenfolge wechseln, beschließen die Autoren das Kapitel mit einem Absatz über den Umgang mit rasch wechselnden Modi, wobei sie diesen damit vergleichen, gleichzeitig Flipper und Schach zu spielen. Letztlich besteht das Ziel des Therapeuten darin, eine Balance herzustellen und Ruhe in diesen abrupten Wechsel hineinzubringen, da sich gerade Patienten als Spielball ohne Handlungsmöglichkeiten erleben.
Den kurzen Schluss des Buches nimmt die Abschlussphase der Therapie ein. Die beiden Schreiber beziehen Strategien mit ein, die dazu beitragen, alte Verhaltensmuster zu durchbrechen und verweisen im wesentlichen auf bereits vorgestellte Techniken. Zur Beendigung der Therapie selbst geben Arntz und van Genderen keine weiteren Ratschläge oder Therapietechniken preis. Vielmehr teilen sie dem Leser Gemeinplätze mit. Ein Therapieende wird häufig auch von einem Trauerprozess des Patienten begleitet, welchen der Therapeut u.a. dadurch erleichtern kann, indem er die Sitzungsfrequenzen nach und nach reduziert, anstatt die Psychotherapie mit einem Mal zu einem Ende zu bringen.
Das Buch endet mit einer Schlussbemerkung der beiden Autoren, in der sie noch einmal darlegen, dass ein Therapeut auch nach der Therapie als Ansprechpartner in Krisen zur Verfügung stehen sollte, da dieser den Patienten gut kennt und es ihm dadurch auch leichter fällt, erneut aktivierte Modi zu erkennen und zu benennen. Abschließend halten sie fest, dass die schematherapeutische Arbeit mit Menschen mit einer Borderline-Persönlichkeitsstörung von entsprechend ausgerichteten Therapeuten als angenehm empfunden wird, was als Vorteil der Schematherapie gewertet und durchaus auch als Werbung verstanden werden kann.
Diskussion
Mit dem besprochenen Buch „Schematherapie bei Borderline-Persönlichkeitsstörung“ liegt eine wertvolle Erweiterung des therapeutischen Angebots bei Borderlinestörungen in Form eines verständlichen Manuals vor. Allerdings lässt sich bereits hier anfügen, dass der Vorteil eines kompakten Manuals einerseits auch ein kleines Manko andererseits darstellt. Im Vergleich mit den bereits genannten Therapiemanualen von Linehan und Kernberg fällt das Buch von Arntz und van Genderen recht knapp aus. Zwar finden sich die wesentlichen Kapitel zur therapeutischen Arbeit, ebenso wie dem Leser die wichtigsten Grundlagen aus Sicht der Schematherapie präsentiert werden. Dennoch hätte man sich an unterschiedlichen Stellen weitere Hilfestellungen oder ausführlicherer Erläuterungen gewünscht. Zu sehr verbleiben manche Abschnitte im Unverbindlichen. Auch muss dem Leser bewusst sein, dass die eingearbeiteten Grundlagen, insbesondere auch die Schematherapie selbst betreffend, nur einen recht groben Überblick über das Gebiet vermitteln können. So können Therapeuten wohl nur bedingt in die (ausschließliche) schematherapeutische Behandlung einsteigen, nachdem sie das Buch gelesen haben. Vielmehr sollte der Lektüre das Studium weiterer, auch ausführlicherer Bücher nachgeschaltet werden. Anzumerken ist auch, dass die Festlegung auf fünf Schema-Modi zwar sinnvoll, allerdings auch etwas willkürlich erscheint, da in der Praxis durchaus auf weitere Modi zurückgegriffen werden. Leider werden hier die zugrundeliegenden Forschungsarbeiten nicht weiter, respektive erst an späterer Stelle erwähnt. Die Autoren betonen aber durchaus die Flexibilität der postulierten Modi.
Positiv lässt sich hervorheben, dass die Autoren stets darum bemüht sind, dem Leser die Interventionen verständlich zu machen, ohne allzu akademisch zu klingen. Zu diesem Zweck wurde das Buch außerdem mit vielen hilfreichen Beispieldialogen und anschaulichen Tabellen ausgestattet. Weiterführende Literatur wird nur an notwendigen Stellen eingeflochten, um den praxisorientierten Lesefluss nicht zu unterbrechen. Hervorzuheben ist auch, dass die Verfasser die Leidensgeschichte einer Patientin mit dem Namen Nora den eigentlichen Interventionskapiteln voranstellen. Diese begleitet den Leser als „Modell“ für all die beschriebenen Therapietechniken konsequent durch das Buch. Dies sorgt für ein besseres Verständnis der einzelnen Techniken, ebenso wie für ein Verstehen der Zusammenhänge zwischen den beschriebenen Schema-Modi und den darauf angepassten Interventionen. Im Gegensatz zu den sonst zu findenden Fallvignetten unterschiedlicher Personen wird hier gekonnt für einen roten Faden gesorgt.
Ein großer Vorteil des Buches liegt in der Aufteilung der Kapitel. Der Leser wird erst mit den wichtigen Grundlagen und Fakten konfrontiert, so dass diese erst einmal „per se“ verstanden werden können, bevor die unterschiedlichen Behandlungsmethoden mit den Erlebnisebenen und den einzelnen Schema-Modi in Verbindung gebracht werden. Dadurch gelingt es den Autoren sehr gut, die an und für sich schwierige Materie adäquat aufzugliedern und sinnvoll zusammenzuführen. Auch ungeübte Leser oder Neueinsteiger in die Materie werden daher nicht überfordert, sondern dazu animiert, sich Basics und weitere Verknüpfungen zu erarbeiten. Die klare und verständliche Aufmachung des Buches sowie die lobenswerte und wohlüberlegte Lektorierung leisten ebenfalls ihren Beitrag.
Für eine weitere Auflage wären weitere klinische Beispiele und eine mögliche Erweiterung des theoretischen Unterbaus denkbar, ebenso wie eine stärkere Beachtung von Aspekten wie Dissoziation oder Selbstverletzendem Verhalten wertvoll sein könnte. Dies würde nicht zuletzt auch den einigermaßen hohen, an das therapeutische Klientel angepassten Buchpreis eher rechtfertigen.
Fazit
Das Buch lässt sich als Fundgrube für die psychotherapeutische Arbeit mit Menschen mit einer Borderline-Persönlichkeitsstörung verstehen. Sowohl für Praktiker, wie ich auch für Therapeuten in Ausbildung – egal welcher therapeutischen Schule nahestehend - stellt das Buch eine gut lesbare und verständliche Einführung in die Schematherapie mit Menschen mit Borderlinestörung dar. Dank einer knappen, aber ausreichenden Darstellung relevanter Grundlagen erfährt der Leser alles Wesentliche auf praxisnahe und anwendungsbezogene Art. Durch die plastische Darstellung der spezifischen Interventionen ist das Buch gut für die klinische Arbeit nutzbar.
Rezension von
Dipl.-Psych. Tobias Eisenmann
Psychologischer Psychotherapeut (VT);Dipl.-Soz.päd.
Ehem. Wissenschaftlicher Mitarbeiter - Lehrstuhl für Psychologische Diagnostik, Universität Erlangen-Nürnberg
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