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Aldo Legnaro, Arnold Schmieder (Hrsg.): Rauchzeichen. Zum modernen Tabakkonsum

Rezensiert von Prof. Dr. med. Klaus-Dietrich Stumpfe, 04.11.2003

Cover Aldo Legnaro, Arnold Schmieder (Hrsg.): Rauchzeichen. Zum modernen Tabakkonsum ISBN 978-3-8258-6077-6

Aldo Legnaro, Arnold Schmieder (Hrsg.): Rauchzeichen. Zum modernen Tabakkonsum. Lit Verlag (Berlin, Münster, Wien, Zürich, London) 2003. 128 Seiten. ISBN 978-3-8258-6077-6. 20,90 EUR.
Weitere Informationen bei DNB KVK GVK.

Einführung in die Themenstellung

Der Untertitel heißt: Zum modernen Tabakkonsum. Der individuelle Tabakkonsum war und ist zu allen Zeiten gleich. Mit diesem Titel ist der Tabakkonsum in der heutigen Zeit mit den gesundheitlichen, politischen und juristischen Diskussionen und Problemen gemeint. Wegen der Gesundheitsschädlichkeit des Rauchens wird in aller Welt und in Deutschland auch so langsam, das Rauchen in Frage gestellt. Teilweise schlagen die Wogen der Diskussionen hoch. In Deutschland wehren sich die Raucher mit kräftiger Unterstützung der Tabakindustrie gegen die Argumentationen der Gegenseite. Die Initiativen für eine Einschränkung des Rauchens kommen deswegen eher aus anderen Länder und besonders der EU. Dieses Buch bezieht sich allerdings nur auf die deutsche Situation.

"Und so, das ist der Ausgangspunkt aller Aufsätze, stehen die veränderten Einstellungen gegenüber dem Rauchen und die veränderten Bewertungen dieser Verhaltensweise in einem Zusammenhang mit tiefgreifenden gesellschaftlichen Veränderungen, die die Art und Weise, wie wir mit uns selbst umgehen, sowohl beeinflussen wie sie sie auch autoritativ zu dominieren suchen" (Einleitung).

Die Ursache für diese Diskussionen sind wohl weniger "tiefgreifende gesellschaft-liche Veränderungen" sondern eher die neueren eindeutigen und genauen medizinischen Untersuchungen über die Folgen des Tabakrauchens.

Aufbau und Inhalte

Das Buch besteht aus fünf ausführlichen Kapiteln von verschiedenen Autoren.

Das erste Kapitel von Brigitta Kolte und Henning Schmidt-Semisch hat den Titel "Vom Tabakgenuss zur Nikotinsucht. Ein Plädoyer wider den therapeutisch induzierten Fatalismus." Anhand der Publikationen der WHO wird der frühere Schädlichkeitsdiskurs zum heutigen Suchtdiskurs vollzogen. Der zweite Abschnitt beinhaltet eine "Kritik der Nikotinsucht" und weist ausführlich auf die Wenigraucher (chippers ) hin. Der Abschnitt endet mit der Feststellung "Vor diesem Hintergrund erweist sich die Rede von der Nikotinsucht als gesundheitspolitisch kontraproduktiv, indem sie im Sinne einer "self fulfilling prophecy" sowohl die Kontrolle über das Rauchverhalten als auch Entwöhnungsversuche bei Rauchern erschwert." Diese These wird allerdings nicht belegt. Der dritte Abschnitt handelt über das kontrollierte Rauchen.

Das zweite Kapitel von Ralf Marquardt und Thorsten Merkel steht unter der Überschrift "Marlboro-Mann, nicht HB-Männchen: über Distinktion und Werbebotschaften" Erst wird auf die allgemeine Diskussion hingewiesen und dann gut und ausführlich das Thema der Wirkung der Werbung beim Rauchen und die diesbezüglichen Aktivitäten der Tabakindustrie analysiert. In einem Abschnitt wird die Frage "Werbung als Verführer?" diskutiert mit dem Schluss "...verführt Werbung nicht automatisch zum Rauchen". In dem Abschnitt "Rauchen als sozial erlerntes Verhalten" wird festgestellt:" Geraucht wird im Entwicklungsverlauf zunächst nur in spezifischen Situationen und Präsenz anderer Personen. Mit der Zeit findet dann ein Übertragung auf immer mehr Alltagssituationen statt, das Rauchen wird automatisiert."

Das dritte Kapitel von Eva Koppenhöfer stellt die "Ambivalenz des Rauchens bei Frauen" dar aufgrund von Befragungen im Rahmen einer Diplomarbeit. Es ist eine gute und ausführliche Bearbeitung, die u. a. die Themen Frauen in den Medien, die Funktion des Rauchens, den Gesundheitsaspekt, den Suchtaspekt und die Beendigung des Rauchens aufgreift. "Ein adäquater Umgang mit dem Phänomen Rauchen und Frauen bewegt sich meines Erachtens auf einem schmalen Grat: zwischen anti-emanzipatorischen, problemfixierten und hysterischen Tendenzen auf der einen Seite und der Tendenz zur Verklärung, Verharmlosung oder Nichtbeachtung auf der anderen Seite"( S.75 ).

Das vierte Kapitel von Burkhard Kastenbutt stellt die Zigarette in das Fadenkreuz der Seelenkundler. Es werden die Psychologie des Rauchens als Ersatzhandlung, die kommunikativen Aspekte und die Balance der Gefühle besprochen. Ebenso werden die verschiedenen psychoanalytischen Sichtweisen vorgetragen. Als Fazit schreibt er "Die schillernden psychophysischen Effekte des Nikotins und die psychosoziale Seite des Rauchens wurden weder von der klassischen noch von der modernen Psychologie eindeutig erfasst. Man begnügte sich entweder mit allgemeinen Zuschreibungen oder mit der Zuspitzung auf bestimmte Persönlichkeitsmerkmale. Viele der erwähnten Ansätze greifen zu kurz, da sie rein defizitorientiert angelegt sind und auf die stimmungshebenden und genussvollen Seiten des Rauchens kaum eingehen"( S.95 ). Der Aussage ist voll zu zustimmen.

Das letzte Kapitel von Arnold Schmieder ist überschreiben: "Verflüchtigung der Rauchzeichen: Hintergründe des Wechsels zu einem neoliberalen Paradigma." Die Abschnitte beschreiben: das Rauchen im Blätterwald, Lady Nicotine: Dame mit Vergangenheit, die Schöne und das Biest, das Andere der selbstverschuldeten Unmündigkeit. Die Ausführungen sind ein etwas konfuser Rundumschlag durch die gesamte Problematik ohne eine klare Thematik. Auf Seite 107 heißt es: "Auch stellt sich die Frage, wenn eine solche (eher priestertrugstheoretische) These zur Erklärung des Phänomens beitragen könnte, wer die säkularen Priester des Tabakexorzismus sind und welcher Sache sie dienen." Am Ende stellt er fest: "Daran ist für eine Einschätzung der ’don’t smoke-Kampagen’, der um sich greifenden Erschwernisauflagen für Raucher anzuschließen: an der Zigarette als Genuss- bis Suchtmittel exekutiert eine entmoralisierte Kontrollgesellschaft die Herstellung sozialer Ordnungen über Konformität symbolisch gegenüber ’wellness’, die anmahnt, was jeder weiß, dass nämlich Rauchen schädlich ist, was dank des intelligiblen medizinischen und wissenschaftlichen Spezialdiskurs einwandsimmun bleiben muss..."( S.123 ).

Diskussion

Das Buch ist eine ausführliche Darstellung der Diskussion über das Tabakrauchen aus pychosozialer Sicht. Leider wird nur das deutsche Schrifttum erfasst, sodass der Leser von den modernen internationalen Diskussionen und Ergebnisse nichts erfährt. Die Situation in Deutschland ist ja dadurch gekennzeichnet, dass wir in diesem Bereich den Entwicklungen in anderen Ländern deutlich hinterher hinken.

Die einzelnen Kapitel sind meist inhaltlich gut und lesbar. Das erste und das letzte Kapitel bestehen allerdings aus unklaren und allgemeinen Aussagen und enthalten keinen ernst zunehmenden Beitrag zur Diskussion. Die Argumente sind streckenweise denen der Tabakindustrie sehr ähnlich. Die meisten Autoren scheinen insgesamt geringe Kenntnisse der Gesamtproblematik des Rauchens zu haben.

Fazit

Das Buch kann als Einführung in diesen Problemkreis aus sozialpsychologischer Sicht angesehen und empfohlen werden. Die medizinischen Schäden des Rauchens werden nicht bearbeitet.

Rezension von
Prof. Dr. med. Klaus-Dietrich Stumpfe
Arzt für Psychiatrie
Fachhochschule Düsseldorf, Fachbereich Sozial- und Kulturwissenschaften, Lehrgebiet: Sozialmedizin und Sozialpsychiatrie

Es gibt 21 Rezensionen von Klaus-Dietrich Stumpfe.


Zitiervorschlag
Klaus-Dietrich Stumpfe. Rezension vom 04.11.2003 zu: Aldo Legnaro, Arnold Schmieder (Hrsg.): Rauchzeichen. Zum modernen Tabakkonsum. Lit Verlag (Berlin, Münster, Wien, Zürich, London) 2003. ISBN 978-3-8258-6077-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/929.php, Datum des Zugriffs 24.05.2022.


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