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Elisabeth Bäsch: Mein Partner ist mir entrückt, mein Partner ist ver...rückt

Cover Elisabeth Bäsch: Mein Partner ist mir entrückt, mein Partner ist ver...rückt. Von der Schwierigkeit, die Einsamkeit in einer Paarbeziehung auszuhalten, in der ein Partner eine Demenz entwickelt hat. Mabuse-Verlag GmbH (Frankfurt am Main) 2010. 100 Seiten. ISBN 978-3-940529-53-4. 19,90 EUR.
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Thema und Entstehungshintergrund

Zur Lebenssituation pflegender Angehörigen von an Demenz Erkrankten entstand in den letzten Jahren zahlreiche Literatur - von Fachliteratur über Ratgeber bis zu Berichten von betroffenen Angehörigen – mit deutlichem Fokus auf pflegende Töchter/Schwiegertöchter. Dieses Buch nimmt speziell die Lebenssituation von Ehe-/Lebenspartnern von Demenzerkrankten in den Blick, was nicht nur auf dem Hintergrund der zukünftigen demografischen Entwicklung seine Berechtigung findet, sondern vor allem weil vorliegende Befunde/Empfehlungen aus anderen Lebens-/Pflegekonstellationen von pflegenden Angehörigen alleine durch die Unterschiedlichkeit der Beziehungen von Angehörigen zum Erkrankten und den andersgearteten Kernkonflikten nicht generalisierend auf Ehe-/Lebenspartnerschaften übertragen werden können und sollten (vgl. hierzu auch die Rezension zu L. Franke „Demenz in der Ehe“). Diese Publikation wendet sich der "…Schwierigkeit, die Einsamkeit in einer Paarbeziehung auszuhalten, in der ein Partner eine Demenz entwickelt hat" zu und mit ihr hat es sich die Autorin zur Aufgabe gemacht, die Ehe- und Lebenspartner und ihre Situation „zu würdigen und bewusst zu machen“. Das Buch will dem gesunden Partner helfen, sich der Gefühle bewusst zu werden, die Bedürfnisse ernst zu nehmen und will konkrete Hilfestellung für erste Schritte bieten. Als Zielgruppe werden Menschen, die diese Situation durchleben oder erlebt haben benannt, aber auch andere, um diesen die Situation von betroffenen Paaren bewusst zu machen.

Autorin

Elisabeth Bäsch ist Diplomsozialpädagogin und Trauerbegleiterin, arbeitet im Sozial-Therapeutischen Dienst und leitet die "Sonare Trauer- und Lebensbegleitung" in der Nähe von Köln. Der Titel ist in der Bonner Schriftenreihe "Gewalt im Alter" (Band 17) erschienen. Der Herausgeber dieser Schriftenreihe ist der 1997 gegründete gemeinnützige Bonner Verein "Handeln statt Misshandeln", eine unabhängige Notruf-, Beratungs- und Informationsstelle für Betroffene sowie in Altenarbeit, Gerontopsychiatrie und Geriatrie sowie Behören und Kommunen Tätige (http://www.hsm-bonn.de), der seit mehr als 10 Jahren auch Dokumentationen von Tagungen und Fachveranstaltungen sowie wissenschaftliche Arbeiten zum Problembereich veröffentlicht. Die vorliegende Publikation kündigt der Herausgeber als "etwas besonderes" (vgl. Einführung) an.

Aufbau

Nach einer Einführung zur Schriftenreihe durch den Herausgeber und einem Vorwort der Autorin folgen sieben Kapitel, die sich mit der Situation der Betroffenen beschäftigen, ein Abschnitt über Hilfemöglichkeiten, vier Arbeitsblätter, Epilog, Adressen und Hinweise für weitergehende Informationen sowie eine Literaturempfehlung. Das Buch schließt mit dem Kurzprofil der Autorin und einem Publikationsverzeichnis der bisher erschienenen Bonner Schriftenreihe "Gewalt im Alter" ab. Das Buch besteht aus fiktiven Zitaten (vgl. Vorwort der Autorin), die aus der Beratungspraxis der Autorin stammen und Situationsbeschreibungen, Erklärungen und Anmerkungen zu einzelnen Themen sowie Ratschlägen, Sinnsprüchen/Gedichten und Merksätzen der Autorin.

Inhalt

Ehe-/Lebenspartner/Partner/Angehörige werden von der Rezensentin synonym verwendet und schließen stets beide Geschlechter ein. Es folgen Auszüge aus den Inhalten der Kapitel.

Wohin mit all der Liebe? (11 Seiten) Das Kapitel beginnt mit Zitaten zu Lebensentwürfen von Paaren für die Zeit nach dem Erwerbsleben bzw. einer gerade neu aufgeblüten Partnerschaft, als die Krankheit diese neue Lebensperspektive zerrüttet. Bäsch führt die Bedeutung der Ehe für die eigene Identität aus, die Auswirkungen einer langjährigen Ehe für die eigene Entwicklung und die Partnerschaftsbeziehung sowie die Bedeutung und Veränderung von Sexualität im Alter, einem Thema, das nicht nur in der Öffentlichkeit mit Tabus belegt ist, sondern auch in der Vertraulichkeit des Beratungsgesprächs mit Angehörigen oft ausgeklammert wird, trotz der bereits belastenden Dynamik der Krankheit auf die Partnerschaft. Bäsch macht durch offene Schilderungen der Betroffenen den Verlust an Nähe und Sexualität durch die Erkrankung eines an Demenz erkrankten Partners erfahrbar, wie der unerfüllte Wunsch nach Sexualität und Zärtlichkeit des gesunden Partners, Zurückweisungen sowie Kränkungen/Attackierung durch den Erkrankten und das damit verbundene Gefühl der Einsamkeit und Verletzung des Gesunden. Sie zeigt Schwierigkeiten im Kontakt zu Bekannten und Freunden auf, die - häufig mangels Wissen um die Erkrankung und deren Folgen sowie fehlendem Einblick in den Alltag einer so veränderten Beziehung - das Verhalten beider Partner nicht verstehen. Sie spricht über die Probleme, die durch auffälliges Sexualverhalten des Erkrankten in der Öffentlichkeit entstehen, die Reaktionen anderer Menschen und die peinlichen Folgen für den gesunden Partner sowie deren Reaktionen. Die Autorin macht die Einsamkeit des gesunden Partners wahrnehmbar. Es folgen Beispiele zu Problembereichen wie mangelnde Körperpflege, unangemessene Kleidung, Gefahr der Entfremdung der Partner, das Aufleben alter Konflikte, mangelnde oder späte Krankheitseinsicht/-akzeptanz auf beiden Seiten, Versuche des gesunden Partners, um die Defizite des Erkrankten eine Fassade des Normalen aufzubauen und der verzweifelte Versuch, den Erkrankten trainieren zu wollen sowie die Belastung und Angst des gesunden Partners, Entscheidungen mit weit reichenden Folgen für beide alleine treffen zu müssen. Sie spricht aber auch von der Liebe, die oft bis zum Ende der Pflege die Beziehung aufrechterhält und besonders dem gesunden Partner Kraft zum Durchhalten gibt. Sie schließt mit Ratschlägen für den gesunden Partner.

Alle reden, aber ich bin mittendrin (6 Seiten) In diesem Kapitel geht es erneut um die Schwierigkeit des sozialen Umfelds, die Krankheit und deren Folgen zu erkennen bzw. damit umzugehen. Die Autorin veranschaulicht dies an einer Szene eines Restaurantbesuchs mit Freunden, bei der die Situation aufgrund von Missdeutungen oder Überreaktion des betroffenen Paares eskaliert und später zum Rückzug der Freunde führt. Auch hier führt sie erneut die Probleme näher aus, die durch mangelnde Körper- und Kleiderpflege, Fehleinschätzung der vorhandenen Fähigkeiten, mangelnde Krankheitseinsicht, Orientierungsverlust, Unruhe etc. entstehen und geht auf die Kompensationsversuche des gesunden Partners sowie deren Überforderung durch die sukzessive Übernahme der Aufgaben des erkrankten Partners, die Unterstützung durch Kinder oder andere ein. Sie zeichnet ein Bild, das die Auswirkungen auf die Unabhängigkeit des gesunden Partners und die fortschreitende Veränderung des Rollengefüges verdeutlicht.

Denkt auch noch jemand an mich? (4 Seiten) Bäsch thematisiert hier die Rolle der Kinder als Stütze im Alltag und oft als Ersatzgesprächspartner. Sie zeigt aber auch die Spannungen auf, die entstehen, wenn Kinder nicht am gleichen Ort oder in eigenem Haushalt leben und so der tägliche Einblick in das Leben der Eltern und oft das Gefühl und Verständnis für das Ausmaß der Probleme fehlt. Sie erzählt von der Not und Verzweiflung des gesunden Partners, der oft von der Last erdrückt wird und sich trotzdem des Versprechens - in guten wie in schlechten Zeiten bedingungslos da zu sein - verpflichtet fühlt sowie von der Angst, die eigenen Bedürfnisse zu thematisieren sowie das wachsende Gefühl der Aussichtslosigkeit.

Über die Angst, dass das Ganze mich auffrisst (5 Seiten) Die Progredienz der Demenz und die physische und psychische Dauerbelastung führen vermehrt zu Problemen im Miteinander und die Spannungen nehmen zu, Erinnerung an alte vielfach nicht ausgetragene Konflikte kommen auf und lassen im Heute an Entscheidungen von damals zweifeln (hier im Beispiel eine Ehekrise das Bleiben der Kinder wegen). Unterdrückte und nicht ausgesprochene Gefühle nehmen vermehrt Einfluss auf die Wahrnehmung und verhindern zur Verzweiflung beider Partner oft einen positiven Umgang miteinander. Die Autorin spricht erneut das Gefühl der Einsamkeit des gesunden Partners an, die antizipierte Trauer um die Paarbeziehung sowie den Verlust des eigenen Lebens und schildert mögliche Folgen einer Überlastung. Hier leitet sie über zum Thema Gewalt in der ehelichen Pflegekonstellation und spricht offen über auslösende Momente und Formen von körperlicher und seelischer Gewalt gegenüber dem erkrankten Partner sowie Gewalttätigkeiten des erkrankten Partners gegenüber dem gesunden Partner. Sie benennt Gründe, die eine Inanspruchnahme von Hilfe behindern (können) und unterstreicht nochmals die Notwendigkeit und Bedeutung einer rechtzeitigen Intervention für jeden der Partner sowie für den Erhalt der Paarbeziehung. Sie erinnert an einen gerade in dieser heiklen Situation wichtigen, aber in der Realität schwierigen Punkt, die Aufmerksamkeit und Hilfe der Umgebung.

Wenn ich nur wüsste …(10 Seiten) Es folgt die Schilderung einer anfänglich meist privat im häuslichen Umfeld organisierten Pflege, die dann durch den Einsatz einer ambulanten Hilfe ergänzt werden muss. Die Autorin benennt einige genau mit diesem Schritt entstehende Probleme, zeigt auf, dass ambulante Pflegekräfte im Kontakt zum Pflegebedürftigen ähnliche Konfliktsituation haben (können) und ein Scheitern oft mehr situationsbedingt als durch die Person verursacht ist. Sie zeigt nochmals die Vorzüge einer ambulanten Hilfe auf, die trotz aller Bedenken und Schwierigkeiten als Möglichkeiten einer Entlastung sowie situativen Deeskalation nicht unberücksichtigt bleiben sollten und legt für das Erarbeiten einer mit allen Beteiligten zu suchenden individuellen Lösung den Kontakt zu einer Beratungsstelle nahe. Sie reißt das Vier-Faktoren-Modell und das Prinzip der dynamischen Balance der Themenzentrierten Interaktion an und bringt abschließend noch die Möglichkeit, manchmal Notwendigkeit ein, einen amtlichen Betreuer für Teilbereiche zu bestellen.

Liebling, weißt Du noch …? (16 Seiten) Sie beschreibt die zunehmenden Verluste der Erinnerung und die sicher gerade für Partner mit schmerzhafteste Entwicklung, das Nichterkennen des Partners. Sie macht Mut und zeigt Möglichkeiten auf, wie eine Ansprache auf der Gefühlsebene, durch biografische Stimuli und besonders Momente der Nähe zwischen den Partnern erfolgen kann - auch wenn Erinnerungen gehen, die Ebene der Emotionen bleibt. Sie nennt diese Möglichkeiten „Handwerkszeug“ und erklärt Methoden wie Validation (N. Feil) oder Integrative Validation (N. Richard), Musik, Kurzaktivierung, Bewegung vor allem Tanz, Humor und Erinnerungsalben. Sie thematisiert erneut die große Bedeutung eines Hilfnetzes besonders für den gesunden Partner, den Umgang mit den Erwartungen anderer sowie den eigenen Erwartungen an die Unterstützung der Kinder.

Wenn ich gehe, will ich sauber aus der Sache heraus gekommen sein (13 Seiten) Das Thema dieses Kapitels sind erneut Veränderungen der Persönlichkeit des Erkrankten, das Aufleben alter Ängste und Konflikte sowie für den gesunden Partner die zunehmend alleinige Verantwortung für das gesamte Leben. Bäsch weiß um die Belastung und ständigen Zweifel bei wichtigen Entscheidungen, die Ängste davor und den inneren Kampf mit der Rechtfertigung für schwerwiegende Entscheidungen gegen den mutmasslichen Willen des Erkrankten. Sie macht Mut, bei allen Schwierigkeiten Entscheidungen selbst zu treffen und nicht anderen zu überlassen. "Eines Tages werde ich ja auch mal sterben, und dann will ich sauber vor meinem Herrgott stehen" - dieser Satz steht für die Autorin für den Wunsch nach Integrität bis zum Ende und den Respekt und die Liebe für den Partner. Im Weiteren geht es erneut um die Veränderungen der Paarbeziehung, die Bedeutung aber auch Problematik der Selbstsorge des gesunden Partners und den Umgang mit Trauer. Bäsch schließt das Kapitel mit Merksätzen für den gesunden Partner ab.

Hilfe - Möglichkeiten /Arbeitsblätter für Sie persönlich (8 Seiten) Die Autorin greift nochmals Handlungsempfehlungen - unterteilt nach "für den betreuenden Angehörigen" und "für die demenzkranken Partner" - auf und gibt Hinweise für Unterstützungsangebote. Es folgen vier Arbeitsblätter für den gesunde Partner (Themen wie: wichtige Sätze aus dem Buch nochmals notieren oder zur Ruhe gelangen), einige Grafiken zum Hilfebedarf sowie zahlreiche Sinnsprüche, Gedichte und Fotos.

Das Buch schließt mit einem Epilog ("Liebe"), Adressen für weitergehende Informationen und Hilfen, einer auf Validation fokussierten (fünf von sieben Publikationen) Literaturliste, einem Kurzportrait der Autorin und einem Verzeichnis der Bonner Schriftenreihe.

Diskussion

Das Anliegen der Autorin, die Ehe-/Lebenspartner von Demenzerkrankten und ihre Situation "zu würdigen und bewusst zu machen" (s.u. Thema und Entstehungshintergrund) hat sie mit viel Engagement und spürbarem Herzblut umgesetzt. Sie hat dabei als Publikation für Angehörige nicht nur den gesunden und pflegenden Partner, sondern an zahlreichen Stellen Aspekte des sehr breit gefächerten und verflochtenen Problemfeldes der Paar- sowie Pflegebeziehung mit seinen vielen Facetten in den Blick genommen. Vor allem sind hier die stark tabuisierten Themen wie Sexualität und Gewalt zu erwähnen, die sehr offen geschildert wurden. Bäsch macht Mut, diese anspruchsvolle und zehrende Lebensaufgabe - langfristig mit Inanspruchnahme von Unterstützungsnetzwerken - leben zu können, ohne die Loyalität zum Partner aufzugeben. Das Buch bietet viele Handlungsempfehlungen und Hinweise für Unterstützungsangebote, der gesunde Partner findet sich in seiner Situation und seinen Gefühlen wieder, fühlt sich angenommen und verstanden und erkennt, dass es andere mit gleicher Problematik gibt. Es ist spürbar, dass es Bäsch besonders wichtig war, "mit dem Blick der Liebe zu schauen" (vgl. Vorwort) und das drückt sich auch in ihrem Sprachstil aus, der warmherzig, zugewandt, verständnisvoll und einfach ist, manchmal etwas pathetisch, vor allem bei den zahlreichen Sinnsprüchen. Das Buch zeigt - wie im Titel versprochen - die Schwierigkeit auf, die Einsamkeit auszuhalten, ist auch in weiten Teilen Ratgeber für erste Schritte im Umgang mit sich und dem erkrankten Partner. Es verschweigt auch nicht, dass die Einsamkeit nicht wirklich auflösbar ist "Natürlich wünscht man allen, dass sie die Einsamkeit in der Paarbeziehung irgendwie auflösen können. Emotional ist dies vielleicht möglich, wenn die Rahmenbedingungen gesund für beide Partner gesteckt sind" (S. 64). Bäsch hat zahlreiche Hilfestellungen und Anregungen gegeben, die zu einer Verbesserunng der gemeinsamen Lebenssituation führen können. Sie trägt mit ihrem Buch dazu bei, dass sich die Wahrnehmungsfähigkeit der gesunden Partner für ihre eigenen Gefühle und Bedürfnisse verbessern kann und das Verhalten des erkrankten Partners transparenter wird. Wenn betroffene Partner beginnen, sich für Veränderungen zu öffnen, werden sie hier durch verschiedene Handlungsoptionen gestärkt, um Einfluss auf die Gestaltung des gemeinsamen Lebens und somit auf die Erhaltung der Beziehung nehmen zu können.

Die Rezensentin möchte einige konstruktive Anmerkungen zu Struktur und Inhalten des Buches machen, die im Falle einer Neuauflage vielleicht bedenkenswert sind.

Der Dank an "Hermann und Helene sowie Jupp & Trude…" im Vorwort der Autorin lässt vermuten, dass die "fiktiven Zitate" besonders aus Arbeit mit diesen Paaren stammen. Es ist schade, dass es keine Original-Zitate für den betroffenen Leser gibt, vor allem wären nicht nur Zitate der Belastungssituation, sondern vor allem von den Augenblicken, wo diese - wie sie anfangs wertschätzend in Bezug auf die beiden Paaren äußerte - "…Ihr Leben mit der Krankheit gemeistert haben". Angehörige wollen sich hoffnungsvoll sicher auch gerade in diesen Worten finden.

Buchtitel: Bewegen wir uns nicht hinsichtlich der öffentlichen Wahrnehmung für die Erkrankten und ihre Krankheit rückwärts, wenn wir Wortspiele wie "entrückt" (Ohne zu wissen, ob mit dem Wort "entrückt" auf die mythologische Bedeutung des Wortes angespielt wird oder es nur ein Wortspiel in Verbindung mit "ver…rückt" ist, beides hält die Rezensentin für nicht glücklich) und "ver…rückt" in einem Buch wählen, das speziell Angehörige von Demenzerkrankten ansprechen will und anderen den Blick und das Verständnis für die Situation öffnen soll. Abgesehen davon, dass in dieser Publikation "ver…rückt" und "verrückt" in beiden Bedeutungen, unter anderem auch unglücklicherweise noch in einem Passus (vgl. S. 25f.) genutzt wird oder siehe ein weiteres Beispiel S. 46. Darüber hinaus wird das Wortspiel noch fehlerhaft in der Publikation wiedergegeben (siehe z.B. 1. Seite fehlerhafter Zeilenumbruch und Bindestrich suggeriert Bedeutung = verrückt; Seite nach der Einführung zur Schriftenreihe; Seite 46 "…im Umgang "…mit einer Person ver-rückten").

Zielgruppe: Die Autorin hat in ihrem Buch die geringe bzw. nicht vorhandene Veröffentlichungsbereitschaft (vor sich selbst und anderen) von Angehörigen zum Thema Gewalt in der Pflege beschrieben und auf diesem Hintergrund bleibt abzuwarten, ob das Logo des Herausgebers "Handeln statt Mißhandeln" [dominiert auf dem Buchcover alleine durch Größe und Farbigkeit im Vergleich zur restlichen schwarz-weiß-Schrift] die Bereitschaft von betroffenen Partnern zum Kauf oder Lesen hemmt.

Struktur: Leider weist das Buch keine gute innere Struktur auf. Die Textgliederung innerhalb eines Kapitels besteht nur aus Aufzählungszeichen, d.h. jeder Gedanken - manchmal sogar innerhalb eines Gedankens - oder jede Anmerkung etc. beginnt mit einem Aufzählungspunkt (dicke Punkte Kapitelüberschrift - kleine für fiktive Zitate, Gedanken, Erklärungen etc.) und liest sich oft wie eine Aneinanderreihung von Gedanken, Aufzeichnungen aus ihrer Beratungsarbeit etc., die zwar inhaltlich zum Thema passen, aber oft wenig gekonnt verbunden wurden und somit keine Lesefreundlichkeit aufweisen. Es erinnert an manchen Stellen an ein Vortragsskript nicht nur für Angehörige, sondern auch für Fachkräfte (Beispiel S. 15: spricht im gleichen Passus zuerst vom erkrankten Partner und dann vom Patienten). Das Layout wird dem Anspruch der Publikation (und auch dem Preis von 19,90 €) nicht gerecht, vor allem die zusammengewürfelten Einrahmungen (Sternchen, Kreise, Kästchen) mancher Sinnsprüche und auch so manches Arbeitsblatt (Blatt 4 weist zum Eintragen eine 1,8 cm breite Spalte auf?). Die Arbeitsblätter wären darüber hinaus gerade hinsichtlich der geringen verfübaren Zeit des Partners besser in den Text eingebunden worden, um die Möglichkeit zu nutzen, den im Text lancierten Gedanken festzuhalten bzw. für das Bearbeiten zu nutzen. Einen Ansatz dazu hat die Autorin selbst auf S. 45 gemacht, wo sie die Fragen des Arbeitsblattes in einem Kasten bereits im Text angesprochen hat, ohne aber auf das im Anhang befindliche Arbeitsblatt hinzuweisen. Darüber hinaus ist fraglich, ob eine Bearbeitung dieser Arbeitsblätter und die beiden Grafiken "Wunsch: gerät aus den Fugen" und "Realtität" ohne umsichtige Be-/Nachbearbeitung mit einer Fachkraft ihr Ziel erreicht.

Das Buch vermittelt ein wenig den Eindruck, dass es etwas zu schnell aus einem Script erstellt und aus dem Fundus der Beratungsarbeit aufgestockt wurde. Möglichst viele Aspekte dieses komplexen Themas auf knapp 80 DIN A5-Seiten darzustellen hat leider zur Folge, dass manche Themen angerissen und nicht verständlich genug aufbereitet wurden. Ein Beispiel (S. 38) ist das Einbringen eines Aspektes der Themenzentrierten Interaktion, die vier Faktoren des TZI-Modells und das Prinzip der dynamischen Balance. Abgesehen davon, dass in der Grafik die Rahmenbedingungen wie eine Überschrift über und damit abgekoppelt vom Dreieck in der Luft hängen, ist auch der Text für Angehörige sicher nicht sehr verständlich: "Jeder steht für sich, alle sind miteinander verbunden und stehen miteinander in Beziehung. Balance ist wichtig. Nicht Aufgeben, sondern sich einbringen mit der eigenen Persönlichkeit ist wichtig für Sie … Das Gefüge ist stets dem Wandel unterzogen". Es wird dem Bedarf der Angehörigen so nicht gerecht und schon gar nicht dem Konzept der Themenzentrierten Interaktion. Einen Aufzählungspunkt später springt die Autorin ohne Übergang zu dem wichtigen Thema Betreuungen: "Nicht immer kann in den Familien Einigung erreicht werden" - der Leser wird sich hier fragen, Einigung worüber. Einen Aufzählungspunkt weiter geht es verwirrend weiter: "Entmündigen Sie Ihren Angehörigen nicht. Was nach dem Gesetz inzwischen Gott sei Dank nicht mehr zulässig ist, sieht in der Praxis …dennoch so aus, dass der dementiell Veränderte keine wirklichen Rechte mehr durchsetzen kann" (vgl. S. 40f).

Im Teil Adressen: Hier wurde anscheinend das Impressum der Beratungsstellen aus dem Internet herauskopiert, was dazu führte, dass interessierte Partner beispielsweise den Namen und die Email-Adresse der Internetbeauftragten der Alzheimer Gesellschaft finden, statt zusätzlich zur Zentralnummer die Nummer des Alzheimertelefons. Weiterhin sollten als wichtige Anlaufstellen der Wohlfahrtsverbände nicht nur Caritas und Diakonie genannt werden. Weiteres Beispiel ist die über mehr als eine Seite gehende alphabetische, unübersichtlich als Fließtext dargebotene Aneinanderreihung "Angebotsverzeichnis aller Hilfestellen in NRW", die mit dem Aufruf endet: "Wählen Sie aus, wonach Sie gerade suchen" (in Fettschrift). Darunter erscheint abschließen etwas verloren die Adresse der Deutschen Hospiz Stiftung.

Für eine Neuauflage wäre ein Korrekturlesen hinsichtlich Zeilenumbrüchen, Worttrennungen und Differenzen der Überschriften in Inhaltsverzeichnis und Publikation empfehlenswert.

Die Literaturempfehlungen sind leider mit fünf von sieben Emfpehlungen einseitig auf Validation (N. Feil) bzw. Integrative Validation (N. Richard - Bemerkung: ist keine deutsche Variante der Validation, wie die Autorin schreibt, die beiden Ansätze weisen neben vielen gemeinsamen Anteilen inhaltliche Unterschiede auf) ausgerichtet. Ohne näher auf das Thema Validation und wissenschaftliche Absicherung einzugehen, halte ich es für unprofessionell, sie als "Zauberworte" zu bezeichnen (vgl. S. 46), auch wenn sie die Aussage auf ihre Erfahrung bezieht.

Fazit

Trotz einiger Einwände (s. Diskussion) handelt es sich um ein empfehlenswertes Buch, das einen wertvollen Erfahrungsschatz der Autorin aus ihrem Beratungsalltag bereithält und vor allem nicht einseitig den Blick auf die Belastungssituation des gesunden Partners lenkt, sondern auch auf wichtige Aspekte der Ehe- und Pflegebeziehung.


Rezensentin
Anna Marita Bongartz
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Zitiervorschlag
Anna Marita Bongartz. Rezension vom 19.06.2010 zu: Elisabeth Bäsch: Mein Partner ist mir entrückt, mein Partner ist ver...rückt. Von der Schwierigkeit, die Einsamkeit in einer Paarbeziehung auszuhalten, in der ein Partner eine Demenz entwickelt hat. Mabuse-Verlag GmbH (Frankfurt am Main) 2010. ISBN 978-3-940529-53-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/9290.php, Datum des Zugriffs 21.10.2019.


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ISSN 2190-9245

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