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Sabine Dörpinghaus: Was Hebammen erspüren

Cover Sabine Dörpinghaus: Was Hebammen erspüren. Ein leiborientierter Ansatz in Theorie und Praxis. Mabuse-Verlag GmbH (Frankfurt am Main) 2010. 130 Seiten. ISBN 978-3-940529-41-1. 16,90 EUR.

Reihe: Bücher für Hebammen - [7].
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Autorin

Sabine Dörpinghaus, geb. 1966, ist Hebamme, Diplom Pflegewissenschaftlerin, Master of Science und Doktorandin der Pflegewissenschaft. Sie leitet das Bildungsinstitut für Gesundheit in Bensberg der St.Vinzenz Pallotti Stiftung.

Problemexposition

Kennen Sie den Scherz von dem Mann, der verzweifelt seine Brille sucht und nicht findet, weil er vergessen hat, dass er sie auf der Nase hat? Neben einem kleinen Seitenhieb auf zerstreute Akademiker handelt die Anekdote davon, dass wir geneigt sind, dasjenige zu übersehen, was uns das Sehen erst ermöglicht. Das passiert nicht nur im Alltag, sondern gilt auch für Wissenschaften und Berufsfelder, mithin für die Schulmedizin und das Hebammenwesen, die in einem spannungsreichen Verhältnis zueinander stehen. Über Jahrhunderte haben sich hier Grundannahmen sedimentiert, die darüber entscheiden, wie die Wirklichkeit in den Blick geraten kann und welche Formen des (Be-)Handelns als gerechtfertigt gelten. Die grundlegenden Wahrnehmungs-, Forschungs- und Handlungsmodelle der Naturwissenschaften waren dabei so erfolgreich, wie etwa die Fortschritte in Technik und Medizin untermauern, dass man sie selbst kaum noch grundsätzlich zum Thema machte, bis hin zu dem Punkt, dass das alltägliche Leben und wohl auch Teile der Wissenschaft fast vergessen haben, dass es sich dabei bloß um eine Perspektive auf die Wirklichkeit handelt. Man muß jedoch keine Wanderungen im Gebirge unternommen haben, um zu wissen, dass sich Dinge je nach Perspektive anders darstellen, denn jede Perspektive erschließt und verschließt Aspekte der Wirklichkeit. Dies ist aber nicht nur ein theoretisches Problem, sondern auch ein praktisches, wie Sabine Dörpinghaus in ihrer Erkundung der Geburtshilfe unter leibphänomenologischer Hinsicht zeigen kann. Der Sinn (alternativer) geburtshilflicher Praktiken von Hebammen hängt nämlich entschieden davon ab, ob man sie mit der naturwissenschaftlich gefärbten Brille der Schulmedizin oder aus der Perspektive der Leibphänomenologie betrachtet. Was in der einen Sicht als esoterisches Wellnessprogramm ohne messbare Wirkung erscheint, gewinnt in der anderen Sicht den Charakter einer wohlbegründeten und zielführenden Maßnahme. Dabei geht es der Verfasserin weniger darum, die beiden Haltungen gegeneinander auszuspielen als vielmehr den Blick zu weiten und der originären Hebammenkunst eine theoretische Grundlage zu geben. Dies ermöglicht sowohl eine professionspolitische Trennschärfe gegenüber medizinischen Akteuren als auch eine humanere Gestaltung von Geburtssituationen zum Wohle von Kindern und Frauen.

Aufbau

Zu diesem Zweck beginnt Dörpinghaus mit einer kritischen Bestandsaufnahme zur Situation der Geburtshilfe im Fokus des naturwissenschaftlichen Paradigmas und arbeitet anschließend die ideengeschichtlichen Voraussetzungen und Grenzen dieser Sichtweise heraus. Im theoretischen Hauptteil entfaltet sie dann mit Hilfe Leibphänomenologie von Hermann Schmitz einen tragfähigen Ansatz mit hohem Erklärungs- und Orientierungswert für Kernsituationen der Hebammenarbeit, die in dem praxisnahen Schlußteil erörtert werden.

Inhalt

Der zeitkritische Blick der Autorin offenbart im Schnittfeld von Machtdiskursen, wirtschaftlichen Interessen und wissenschaftlichen Einseitigkeiten eine Medikalisierung und Technisierung der Geburt. Diese besteht nicht nur den massiven Einsatz von Geräten, Medikamenten und invasiven Praktiken, sondern auch und vor allem in einer Deutung von physiologischen Prozessen am Modell einer Maschine. Geburtswirklichkeit wird dadurch reduziert auf Messbarkeit, Interventionen dienen dazu, die Messergebnisse mit den vorgegebenen Sollwerten zur Deckung zu bringen. Wahrnehmungen und Handlungen außerhalb des Messfeldes, etwa die Schaffung einer geborgenen Atmosphäre, erscheinen höchstens als folkloristisches Beiwerk. Dörpinghaus zeigt, dass diese Sicht auf den Menschen ihren Grund u.a. im cartesianischen Dualismus von Körperdingen (res extensa) und Seelendingen (res cogitans) begründet ist, der bis heute in der schroffen Entgegensetzung von Natur- und Geisteswissenschaften wirksam ist. Im Unterschied zum gegenständlichen Körper, der bloßes Objekt des Messens und Manipulierens ist, beschreibt die Leibphänomenologie den Leib als unhintergehbaren Grund, durch den die Welt, die anderen Menschen und wir uns selbst gegeben sind. D.h. Wirklichkeit ist mehr und anders als eine Summe von Messergebnissen, sie ist leiblich gespürte Wirklichkeit. Dies wird schon daran deutlich, dass schließlich alle Geräte leiblich abgelesen werden müssen und noch gravierender: dass es Phänomene gibt, die Hebammen leiblich erspüren, obwohl die Meßgeräte nichts registrieren, wie die Autorin an einem Fallbeispiel eindruckvoll demonstriert.

Im Studium der Leibphänomenologie von Hermann Schmitz erarbeitet Dörpinghaus Grundbegriffe zur Beschreibung der leiblichen Wirklichkeit: ›Eigenleibliche Regungen‹ beschreiben die subjektiv gespürten Tatsachen, wie Hunger und Durst, die sich für uns unmittelbar bekunden. Die Aufwertungen dieser Selbstwahrnehmung gegenüber der Fremdvermessung durch CTG und US stärkt das Selbstzutrauen der gebärenden Frauen und kann eine wertvolle Informationsquelle für die Hebamme sein, mitunter verlässlicher als die ausschnitthaften Befunde, die den Apparaten abgelesen werden müssen. Mit dem ›Alphabet der Leiblichkeit‹ bietet Schmitz ein Register als leibliches Schemata des Spüren an, deren Kombination zur Beschreibung von Zuständen herangezogen werden kann: Die Polaritäten ›Weit und Enge‹, ›Spannung und Schwellung‹, ›Epikrisis und Protopathos‹ sind zu verschränken mit den Elementen von ›Richtung, Rhythmus und Intensität‹. Sie kommen beschreibend oder orientierend ins Spiel, wenn etwa Atmung unter der Geburt zum Thema wird, denn mit der Kategorie der ›leiblichen Ökonomie‹ wird die Aufgabe eines haushaltenden Ausgleichs als Prinzip der Gesundheit eingeführt: Ein Übermaß an Enge ist ebenso bedrohlich, wie ein Übermaß an Weite. In Verbindung mit dem Konzept einer Räumlichkeit der ›Gefühle‹, die im Unterschied zu den leiblichen Regungen die Sphäre des Subjekts überschreiten und so transsubjektive ›Atmosphären‹ bestimmen, gewinnt die Leibphänomenologie so Kriterien zur Beschreibung einer intimen und deshalb förderlichen Geburtssituation, deren Behaglichkeit ein ›Wohnen im umfriedeten Raum‹ ausmacht, der etwa die Balance zwischen Weite und Enge hält. Diese Einsicht hat unmittelbare Konsequenzen für die Gestaltung von Kreißsälen und anderen Geburtsräumlichkeiten. Auch die Interaktion der beteiligten Personen kann leibphänomenologisch beschrieben werden. Schmitz Begriff von der ›leiblichen Kommunikation‹ offenbart ein wesentliches Geschehen auf einer Ebene unterhalb des sprachlichen Austausches, das sich als ›Teilhabe an der Leiblichkeit anderer‹ vollzieht. Hebammen und involvierte Partner gewinnen in diesem Konzept Bedeutsamkeit, insofern sie etwa Begleitung des Wehenrhythmus (Massage, Ruhe) sich auf ein gemeinsames Thema leiblich versammeln. Brüche und Störungen dieser Quasi-Einheit werden von den Gebärenden als beeinträchtigend erlebt.

Wie weitreichend die Konsequenzen der leibphänomenologischen Hinsicht für die Geburtshilfe sind, umreißt Dörpinghaus am Beispiel von Kernsituation der geburtshilflichen Praxis: Die Divergenz von medizinischen Befunden und den leiblich gespürten Phänomenen, die Bedeutung des Raumes für eine sanfte Geburt, der Sinn des Geburtsschmerzes, die Rolle der Atmung und der Geburtsposition usf. Vieles, was Hebammen elementar spüren und intuitiv vollziehen, gewinnt hier eine theoretische Begründung und Rechtfertigung.

Diskussion und Fazit

Die begrifflichen Grundlagen der Leibphänomenologie erweisen sich als ausgesprochen erhellend und so gelingt es der Autorin nicht nur ein sachangemessenes Vokabular zur Beschreibung der Hebammentätigkeit zu erarbeiten, sondern sie schafft auch eine Grundlage zur Erklärung von Fehlverläufen und eine Orientierung in Hinblick auf gelingende Praxis zu geben, die im Denk- und Wahrnehmungsraster einer leibvergessenen Medizin nicht zu leisten ist.

Sabine Dörpinghaus leistet mit ihrem Beitrag Pionierarbeit, die in theoretischer, praktischer und in professionspolitischer Hinsicht ausgesprochen fruchtbar ist. Sie behebt einen Theoriemangel, schafft damit eine Legitimation für alternative Praxis und unterstreicht das uneingeschränkte Eigenrecht der Geburthilfe gegenüber dem mächtigen medizinischen Konkurrenten, der sich lange genug die Definitionshoheit über den Wert der Hebammenarbeit angemaßt hat. Angesichts dieses Verdienstes ist es ihr nicht anzulasten, dass sie manche Konkretisierungsmöglichkeiten des neuen Ansatzes zunächst nur andeutet. Auch gewisse Verkürzungen – etwa im theoretischen Teil zur Geschichte der Leibphänomenologie oder zur Genealogie der Leibvergessenheit – fallen kaum ins Gewicht. Anzuerkennen ist schließlich das Wagnis, sich sowohl einer sperrigen systematischen Grundlegung als auch einer anschaulichen Konkretisierung zu widmen. Wenn in Hinblick auf eine Gestaltung von Praxis noch Wünsche offenbleiben, ist das kein Mangel, sondern eine Stärke des Buches, das ein ganz neues Feld erschließt und die LeserInnen einlädt, es verantwortlich zu gestalten. Die Ergänzung des medizinischen Blicks um die Perspektive der Leibphänomenologie ist somit auch eine ethische Aufgabe.


Rezension von
Dr. Matthias Burchardt
Bildungsphilosoph der Humanwissenschaftlichen Fakultät der Uni Köln


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Zitiervorschlag
Matthias Burchardt. Rezension vom 16.04.2010 zu: Sabine Dörpinghaus: Was Hebammen erspüren. Ein leiborientierter Ansatz in Theorie und Praxis. Mabuse-Verlag GmbH (Frankfurt am Main) 2010. ISBN 978-3-940529-41-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/9291.php, Datum des Zugriffs 12.07.2020.


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