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Wilfried Schubarth: Gewalt und Mobbing an Schulen

Cover Wilfried Schubarth: Gewalt und Mobbing an Schulen. Möglichkeiten der Prävention und Intervention. Verlag W. Kohlhammer (Stuttgart) 2010. 208 Seiten. ISBN 978-3-17-020529-1. 24,00 EUR.

Reihe: Schulpädagogik.
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Thema

Aggressionen und Gewalt werden seit Jahren als erhebliches gesellschaftliches Problem diskutiert. Der wohl maßgebliche institutionelle „Schauplatz“ sind dabei die Schulen. Im Vordergrund des öffentlichen Diskurses, der immer wieder, auch in Reaktion auf spektakuläre Vorfälle, medial aufgeladen wird, stehen die Fragen der Zunahme von Aggression und Gewalt, der Entwicklung im Hinblick auf bestimmte Formen (physische, psychische Gewalt, extreme Aggressivität, Mobbing) sowie der Ursachen.

Wilfried Schubarth, Professor am Department Erziehungswissenschaft der Universität Potsdam, hat hierzu eine Grundlagenarbeit vorgelegt, die sich neben Gewalt allgemein auch spezifischer dem Problem des Mobbing widmet und in der, ausgehend von einer theoretischen und empirischen Betrachtung des Phänomens, insbesondere Ansätze und Konzepte zur Prävention und zur Intervention zusammengestellt und erörtert werden sollen. Das Buch dürfte auf der Habilitationsschrift von Schubarth aus dem Jahr 2000 basieren, die den damaligen Forschungs- und Konzeptstand hervorragend im Überblick darstellte.

Aufbau und Inhalt

Das Buch ist in drei Hauptteile gegliedert.

Im ersten Teil erfolgt eine grundlegende Betrachtung von Gewalt und Mobbing. Ausgehend von der oben angesprochenen breiten öffentlichen Debatte zu „Schule und Gewalt“ wird gefragt, inwiefern eine entsprechend bezogene Prävention Aufgabe der Schule sein könne. Auf Basis der Entwicklung eines Gewaltbegriffes werden dann verschiedene Theorien zur Erklärung diskutiert. Berücksichtigt werden zum einen psychologische, zum anderen soziologische sowie – ergänzend – integrative Erklärungsansätze. Der erste Teil wird mit einem sehr ausführlichen Überblick der empirischen Forschung zu Gewalt und Mobbing beschlossen. Als besonderer Aspekt wird dabei auch die Frage der Amokläufe an Schulen aufgenommen.

Im zweiten Teil werden Möglichkeiten der Prävention und Intervention erörtert, ausgehend von einer begrifflichen Differenzierung und der Frage einer „systemischen schulischen Gewaltprävention“. Zunächst werden verschiedene allgemeine Möglichkeiten für Schulen betrachtet. Bezogen auf spezifische Möglichkeiten wird anschließend eine recht große Fülle von existierenden Programmen zusammengetragen und erörtert. Sehr systematisch werden die Programme im Hinblick auf Ziele und Hintergrund sowie Inhalte und Methoden skizziert sowie dann hinsichtlich Evaluation und Gesamtbewertung beurteilt. Die Zusammenstellung erfolgt in fünf Hauptgruppen:

  • Präventionsprogramme gegen Gewalt: Hier werden unter anderem verschiedene recht bekannte Ansätze wie Streit-Schlichter-Programme, Faustlos, Sozialtraining in der Schule oder auch das Training mit aggressiven Kindern vorgestellt und diskutiert.
  • Interventionsprogramme gegen Gewalt: Unter anderem findet sich hier das Coolness-Training.
  • Programme gegen Mobbing: Neben dem bekannten Programm von Olweus werden verschiedene andere Verfahren erörtert.
  • Gewaltunspezifische Präventionsprojekte: Hier wird ein recht breites Spektrum berücksichtigt, auch mit unterschiedlichen Ansatzpunkten, etwa vom Buddy-Konzept über das Konstanzer Trainingsmodell bis zum „Training mit Jugendlichen“.
  • Sonstige Konzepte im Kontext der Gewaltprävention: In diesem Teil finden sich weniger konkrete Programme als vielmehr eine wiederum breite Gruppe von Ansatzpunkten: etwa Moralentwicklung, Schulinterne Lehrerfortbildung oder Konzepte der Elternarbeit und Elternbildung.

Vielleicht war es bei dieser Fülle der Konzepte nicht möglich, wirklich alles zu berücksichtigen – aber einige wenige maßgebliche Programme vermisst der Leser: etwa das ABPro von Dutschmann, das hier einen Platz verdient gehabt hätte.
Zum Abschluss der Betrachtung von Möglichkeiten der Prävention und Intervention wird die grundsätzliche Frage der Wirksamkeit diskutiert und am Beispiel der Streit-Schlichter-Modelle erläutert. Knapp widmet sich Schubarth dann noch der Frage der Prävention durch Schulentwicklung und gibt mit einem sechsphasigen Modell eine „Anleitung zum Handeln“.

Während die beiden ersten Hauptteile vom Umfang her fast gleichgewichtig ausfallen, geht es im dritten Hauptkapitel recht knapp um Perspektiven der Gewaltprävention. Dazu werden systematisch, in Form von Desideraten, zehn Leitlinien formuliert.

Zu den beiden Hauptteilen der Arbeit werden in Listenform Wiederholungsfragen für den Leser gestellt.

Diskussion

Im Gesamtbild ist Wilfried Schubarth hier ein hervorragender, aktueller und systematischer Überblick zu Gewalt und Mobbing gelungen. Alle drei Teile des Buches können überzeugen:

  • In der theoretischen Grundlegung finden maßgebliche Theorien Berücksichtigung, und der Verfasser gibt einen sehr fachkundigen Überblick zum Stand der empirischen Forschung im Hinblick auf Gewalt – was nicht einfach ist angesichts der Fülle der in den letzten 20 Jahren erschienenen Literatur sowie der Komplexität der Fragestellung zwischen erheblichen Forschungsproblemen einerseits, Emotionalisierung und Trivialisierung der Diskussion andererseits. Hier und da wäre etwas mehr Quellenbezug bereichernd gewesen.
  • Im zweiten Teil erfolgt ein gleichfalls recht gut geordneter, fachkundiger Überblick zu maßgeblichen Ansatzpunkten, Konzepten und Programmen. Bisweilen bleibt die Systematisierung dabei allerdings Fragen schuldig – so erstaunt etwa, warum das Training mit aggressiven Kindern dem Bereich Prävention zugeordnet wurde, da es hier ja schon um definiert „aggressive Kinder“ geht. Auch hätte noch etwas systematischer herausgearbeitet werden können, dass es um ganz unterschiedliche „Angriffspunkte“ geht (Funktionen wie moralisches Bewusstsein und moralgeleitetes Handeln, Verhaltensgewohnheiten – aber auch Ansätze wie Täter, Opfer, Zuschauer, Eltern, Kompetenz der Pädagogen usw.). Nichtsdestotrotz sind die Ausführungen fachkundig, breit und zugleich kritisch.
  • Der dritte Teil überzeugt durch klare Leitlinien einer erforderlichen Entwicklung. Besonders hervorzuheben ist Schubarths dezidiert pädagogischer Standpunkt: das Plädoyer für eine Erziehungsoffensive sowie für Schulentwicklung und Demokratisierung. Aber auch die hier deutlich werdende sehr kritische Perspektive auf Inhalte und Art der Diskussion kann überzeugen.

Am Rande sei folgendes angemerkt: Bei vielen Büchern ist mittlerweile ein Lehrbuchcharakter eingekehrt, und man kann eine deutliche didaktische „US-Amerikanisierung“ der wissenschaftlichen Literatur beobachten. Das mag durchaus in vielen Fällen hilfreich sein, wenn Bücher sich stark auf den Abnehmerkreis der Studierenden richten. Bei einem Grundlagenbuch wie dem vorliegenden, das in sich stimmig ist und zu überzeugen vermag, wirken die „Wiederholungsfragen“ nach beiden Hauptteilen eher wie Fremdkörper; sie wären aus Sicht des Rezensenten verzichtbar gewesen.

Fazit

Wilfried Schubarth legt ein sehr gut recherchiertes, lesbares Grundlagenbuch zu Prävention und Intervention bei Gewalt und Mobbing vor, das auf aktuellem Stand und durchweg kritisch zentrale Aspekte und Ansätze vorstellt. Es ist allen, die an einem Überblick zum Thema interessiert sind, sehr zu empfehlen: Lehrerinnen und Lehrern, Sonderpädagogen, allgemeinen Pädagoginnen und Pädagogen, Sozialpädagogen, Psychologen, Erziehern – sowie auch Studierenden und Referendaren und deren Lehrenden.


Rezension von
Prof. Dr. Roland Stein
Universität Würzburg, Institut für Sonderpädagogik - Pädagogik bei Verhaltensstörungen
Homepage www.sonderpaedagogik-v.uni-wuerzburg.de
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Zitiervorschlag
Roland Stein. Rezension vom 19.08.2010 zu: Wilfried Schubarth: Gewalt und Mobbing an Schulen. Möglichkeiten der Prävention und Intervention. Verlag W. Kohlhammer (Stuttgart) 2010. ISBN 978-3-17-020529-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/9294.php, Datum des Zugriffs 06.07.2020.


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