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Gerda Moser: Fit & Fun-Kultur [...]

Rezensiert von Prof. Dr. med. Klaus-Dietrich Stumpfe, 11.11.2003

Cover Gerda Moser: Fit & Fun-Kultur [...] ISBN 978-3-8258-6731-7

Gerda Moser: Fit & Fun-Kultur - zwischen Leistung und Freude: Kulturwissenschaftliche Analyse. Lit Verlag (Berlin, Münster, Wien, Zürich, London) 2003. 216 Seiten. ISBN 978-3-8258-6731-7. 19,90 EUR.
Publikationen zur österreichischen Kulturforschung Band 2
Weitere Informationen bei DNB KVK GVK.

Einführung in das Thema

Das Buch behandelt ein in der heutigen Zeit wichtiges Thema. Es geht um die Verknüpfung oder das gleichzeitige Erleben von Leistung oder Arbeit und Freude oder Spaß. In der Einleitung wird von der Herausgeberin der Zusammenhang von "Leistung: Freude: Körper: Geist" diskutiert. Sie schreibt: "In diesem Zusammenhang wird Leistung grundsätzlich desavouiert und jeder Anspruch darauf zurückgewiesen. Dabei wird so getan, als ob man Freude gewinnen könne, ohne selbst etwas dafür zu tun oder selbst dafür verantwortlich zu sein." Heute bestehe die Vorstellung, dass die Freude am Leben umso größer sei, je mehr man sich gegen jedes Risiko des Lebens abgesichert und versichert hat. "Und gerade weil man als Extremsportler und Extremsportlerin wisse und gerade weil man im Extremsport nicht verleugnen könne, dass es den Tod gäbe, fände man hier die Kraft und Zuversicht, voll im Leben zu stehen und das Leben mit Freude zu genießen." Dies ist auch das Motto des Buches. Anstrengung bis die Muskeln schmerzen oder völlig allein auf sich gestellt in unwirtlichen Gegenden zu sein sind wichtige Lebenserfahrungen. Die Erlebnisse bei einigen Extremsportarten werden von Ausübenden selbst beschrieben und die psychologischen Hintergründe diskutiert.

Inhalte

Im Kapitel 1 beschreibt der Unfallchirurg Gerhard Graef das Vorkommen und die Arten von Unfällen in der Freizeit allgemein und dann seine persönlichen Gefühle bei seiner Arbeit. Er hat die größte Freude, wenn bei der Operation und die Zusammenarbeit im Team gut läuft. Dies gilt ebenso für die Arbeiten im privaten Bereich.

Im 2. Kapitel stellt Luis Töchterle ein Projekt mit Jugendlichen "zur Einübung in den Genuss der Eigenverantwortung" dar. In dem Projekt "Risk & Fun" mit Klettern und Snowboarden soll ein Kontrapunkt zu der unheilvollen Fiktion von Sicherheit gesetzt werden und die Jugendlichen sollen lernen "in kritischen Situationen relativ autonom und begründet zu entscheiden". Sie sollen eigene Risikokompetenz lernen. In dem Projekt sollen die Jugendlichen genussfähig gemacht werden, dann wollen sie nicht den Schock und das Grauen

Im 3. Kapitel diskutiert Herwig Gottwald das Thema "Abenteuerreisen: Mythos und Wirklichkeit." Er differenziert den Aussteiger auf Zeit, den echten Aussteiger und eine Mischform die berufsmäßigen Globetrotter. Er charakterisiert die Abenteuerreisen als zeitlich begrenzte und begrenzbare Trennung zweier konträrer Lebensformen und das Erlebnis der Gefahr. Weiterhin unterscheidet er den Kick-Typus, die geführte Tour und individuelle Touren. In dem Bericht über seine Kanufahrten in Kanada demonstriert er die wesentliche Punkte: das Bewusstsein der Ausgesetztheit, das Nicht-mehr-Zurückkönnen, die Überwindung mentaler Barrieren, die Distanz zur bewohnten Welt und die großartige erhabene Natur mit ihrer grandiosen Gleichgültigkeit. Mut definiert er: "... etwas Gefährliches trotzdem zu tun, ohne dabei rationale Abwägung des Risikos und genaue Kalkulierung der tatsächlichen Gefahr aus den Augen zu verlieren." Er diskutiert dann die Grenzen und Illusionen der Abenteuerreisen und sagt, dass bis zu einem gewissen Grad in diesen Kontext die ausgeklügelte Simulation oder eine bewusste Selbsttäuschung gehören. Diese psychischen Hintergründe werden gut und ausführlich dargestellt.

Das 4. Kapitel von Renate Langer behandelt "Stahl statt Pudding. Bodybuilding als Weg zu Kraft, Schönheit und Erfolg". "Bodybuilding ist ein steter Kampf gegen die ureigene Neigung des Körpers zur Formlosigkeit und Schwäche." Aufgrund von Literatur der Bodybuilder werden folgende Themen abgehandelt: Vom Leib zum Body, Schmerz und Lust, Herrschaft des Geistes, Bastion der Männlichkeit, zwischen Beast und Beauty, der Körper als Objekt, unbegrenzte Machbarkeit, Hunger nach Bestätigung und Widersprüche. Die psychologischen Hintergründe werden hier ausführlich und gut dargestellt.

Das 5. Kapitel ist von der Herausgeberin Gerda E. Moser mit dem Titel: "Mehr als nur ein Auto: BMW«s Konzept ’Freude am Fahren’." Sie selbst gibt als Hobby an: Autofahren ( Kurventraining ). Mit dem Slogan "Freude am Fahren" bringt BMW die primäre Leidenschaft der Auto-Enthusiasten auf den Punkt. Die Tätigkeit des Autofahrens bietet - jenseits von Rushhour und Stau - ausgezeichnete Bedingungen für "Flow" ( nach Csikszentmihalyi ) an. Dieser Abschnitt ist wohl mehr eine Werbeschrift für diesen Autotyp, dessen Vorzüge ausführlich aufgezählt werden.

Das 6. Kapitel ebenfalls von der Herausgeberin hat die Überschrift: "Dolce Vita. Zur Popularität italienischer Lebenskunst." "Das Konzept des Dolce Vita schließt eine große Sinnenfreude und eine große Vielfalt der Bilder und der Vorstellungen ein... Die populärsten Aspekte des Dolce Vita sind der Wein und das Essen." Mit enthusiastischen Worten wird die Lebenskunst mit Beispielen aus der Mode, Küche usw. beschrieben. "Das Besondere der italienisch-mediterranen Küche ist, dass sie aus dem Kochen und Essen ein besonderes Ritual, eine Feier macht, indem sie die Vorgänge erotisiert." Im Anhang werden Kochrezepte aufgeführt. Das Kapitel ähnelt einer touristischen Werbeschrift für Italien.

Das 7. Kapitel von Helga Peskoller trägt den Titel: "Passung und Wirksamkeit. Lynn Hills rätselhafte Kletterkunst am El Capitan". Es wird beschrieben die Besteigung einer bestimmten Route an dem Berg El Capitan durch die Bergsteigerin Lynn Hill. Es soll sich dabei um ein einzigartiges Unternehmen gehandelt haben. "Wandkörper und Frauenleib werden so unablässig aufeinander bezogen und in einer Unzahl von Konfigurationen und Konstellationen gegeneinander verschoben. Klettern wird so zu einer Suche nach Mass und Form." Für einen Nicht-Bergsteiger bleiben die Ausführung auch etwas "rätselhaft".

Das 8. Kapitel von Heinz Tschachler heisst: "Ich laufe, daher bin ich. Über das Marathonlaufen, bewegt und unbewegt." Der Autor beschreibt zuerst seine Gefühle beim New York City Marathon und stellt dann die Überlegungen "Warum und zu welchem Zweck laufen wir, und wie?" an. "Am allerstärksten dürfte freilich das Bedürfnis nach Anerkennung sein... Insgesamt sind sie ein wesentliches Indiz für die Verfügbarkeit über den eigenen Körper." Diese psychologischen Beweggründe zum Laufen werden gut und ausführlich diskutiert.

Das letzte Kapitel von Armin A. Wallas trägt den Titel: "Orient und Okzident. Repräsentationsformen des ’Orientalischen’ in den ’westlichen’ Vergnügungs-kulturen. Wechselwirkungen und Widersprüche." Er beschreibt die frühere Romantisierung und die heutige Dämonisierung des Orients. Ausführlich geht er dann auf das Buch "Der parfümierte Garten" des Arabers al-Nefzavis ein, das ein paradigmatisches Buch des erotischen Vergnügens sei. Dann wird über das "Verschleiern und Enthüllen" diskutiert. Es werden ausführlich Musiker aus dem Orient vorgestellt. Am Ende wird auf die derzeitige Situation nach dem Terror-anschlag in New York eingegangen.

Zielgruppen und Fazit

Die Zielgruppen sind Menschen, die sich für Extrem-Sport aus beruflicher oder privater Sicht interessieren. Die meisten Autoren schreiben aus ihren eigenen Erfahrungen. Insgesamt sind die Kapitel gut lesbar, aber inhaltlich unterschiedlich.

Der Wert des Buches liegt in den ausführlichen Darstellungen der psychischen Beweggründe zu derartigen extremen körperlichen Leistungen bzw. Verhaltensweisen. Dadurch wird es auch für den allgemein interessierten Leser lesenswert. Die guten Kapitel überwiegen deutlich - das Buch ist empfehlenswert.

Rezension von
Prof. Dr. med. Klaus-Dietrich Stumpfe
Arzt für Psychiatrie
Fachhochschule Düsseldorf, Fachbereich Sozial- und Kulturwissenschaften, Lehrgebiet: Sozialmedizin und Sozialpsychiatrie

Es gibt 21 Rezensionen von Klaus-Dietrich Stumpfe.


Zitiervorschlag
Klaus-Dietrich Stumpfe. Rezension vom 11.11.2003 zu: Gerda Moser: Fit & Fun-Kultur - zwischen Leistung und Freude: Kulturwissenschaftliche Analyse. Lit Verlag (Berlin, Münster, Wien, Zürich, London) 2003. ISBN 978-3-8258-6731-7. Publikationen zur österreichischen Kulturforschung Band 2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/930.php, Datum des Zugriffs 08.08.2022.


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