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Jason Luoma, Steven C. Hayes u.a.: ACT-Training

Cover Jason Luoma, Steven C. Hayes, Robyn D. Walser: ACT-Training. Handbuch der Acceptance-&-commitment-Therapie ; ein Lernprogramm in 10 Schritten. Junfermann Verlag GmbH (Paderborn) 2009. 477 Seiten. ISBN 978-3-87387-700-9. D: 33,00 EUR, A: 34,00 EUR, CH: 55,90 sFr.

Reihe: Fachbuch ACT für klinische Praxis. Coaching fürs Leben.
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Autoren

  • Jason B. Luoma, Ph. D., ist klinischer Psychologe, Leiter des Forschungs- und Ausbildungszentrums der Portland Psychotherapy Clinic.
  • Steven C. Hayes, Ph. D., ist Professor an der University of Nevada. Er hat mehr als 30 Bücher verfasst, war Präsident der Association for Behavioral an Cognitive Therapies. Er hat weltweit Hunderte von ACT-Trainings geleitet.
  • Robyn D. Walser, Ph. D., ist klinische Psychologin und arbeitet als Beraterin, ACT-Workshop-Leiterin und Therapeutin in ihrem privaten Unternehmen, TL Consultation Services.

Thema und Entstehungshintergrund

Die Acceptance & Commitement Therapie (ACT) ist ein neuer psychotherapeutischer Ansatz, der der so genannten “dritten Generation” kognitiv-verhaltenstherapeutischer Therapien zuzuordnen ist. Er ist eng verwandt mit den neuen Therapieformen der „achtsamkeitsbasierten Therapie“ nach Kabatt-Zinn, die auch von der DBT nach Linehan und Bohus aufgegriffen werden. Diese Ansätze sind zunächst störungsübergreifend anwendbar, dennoch werden sie derzeit vor allem erfolgreich im Bereich Angst- und depressiven Störungen eingesetzt. In diesem Buch stellen die Entwickler dieser Therapieform die grundlegenden Ideen in Form eines Arbeitsbuches für Therapeuten dar, mit denen man einen ersten Zugang zu diesem spannenden Ansatz gewinnen kann.

Aufbau

Das Buch wurde neben Vorwort, Danksagung, Einleitung, Anhängen, Glossar, Literaturliste, Stichwort- und Autorenverzeichnis in 10 Kapitel unterteilt:

1. Die sechs zentralen ACT-Prozesse und ihr gemeinsames Ziel

Nachdem in der Einleitung die ACT und die Anwendung des Arbeitsbuchs grundlegend vorgestellt wurden, wird in diesem Kapitel vertiefend auf die konzeptuell- philosophischen Grundsätze der ACT eingegangen. Es wird zunächst das ACT-Modell der Psychopathologie, nachdem folgende sechs Prozesse „einen großen Teil des menschlichen Leidens und psychischer Erkrankungen verursachen“ (S. 29) dargestellt:

  • Kognitive Fusion
  • Erlebensvermeidung
  • Dominieren der vorgestellten Vergangenheit und Zukunft; eingeschränkte Selbstkenntnis
  • Mangel an Klarheit der Werte / Kontakt zu eigenen Werten
  • Untätigkeit, Impulsivität oder Beharrlichkeit im Vermeiden
  • Festhalten am Selbstkonzept

Insgesamt führten diese Prozesse in der Summe zu Psychischer Inflexibilität. Anschließend werden die daraus resultierenden sechs zentralen therapeutischen Prozesse der ACT dargestellt:

  • Akzeptieren
  • Präsenz
  • Definieren als wertvoll eingeschätzter Orientierungen
  • Engagiertes Handeln
  • Selbst als Kontext
  • Kognitive Defusion

Diese therapeutischen Prozesse ließen sich wiederum unterteilen in Prozesse zur Veränderung von Engagement und Verhalten, sowie Prozesse der Achtsamkeit und des Akzeptierens. Alle gemeinsam hätten einen Gewinn an psychischer Flexibilität zum Ziel.

2. Entwicklung von Bereitschaft und Akzeptieren

Nach einer kurzen Begriffsdefinition wird auf die Verbindung von Bereitschaft (zur Annahme eigenen Leidens) und Defusion eingegangen. Diese Methode komme vor allem bei deutlicher Erlebensvermeidung zum Einsatz. Sie besteht in Techniken zum untergraben von Kontrolle und der anschließenden Entwicklung und Praxis des Akzeptierens. Der Erwerb von Offenheit bzw., Bereitschaft hänge von den übrigen, in den folgenden Kapiteln beschriebenen ACT-Prozessen ab. Wie auch bei den weiteren Kapiteln endet dieses Kapitel mit so genannten „Kernkompetenzübungen“, in denen anhand vorgestellter Therapeuten-Klienten-Dialoge die zuvor beschriebenen therapeutischen Kompetenzen in Quiz-Manier durchgearbeitet werden können.

3. Untergraben der kognitiven Fusion

Kognitive Fusion, also „die Tendenz von Menschen, sich im Inhalt ihres Denkens zu verfangen, so dass andere nützliche Ressourcen der Verhaltensregulierung dominiert werden“ (S. 32) lasse sich vor allem durch Bereitschaft und Akzeptanz verändern. Diese Technik sei vor allem immer dann indiziert, wenn ein Klient sich an einen bestimmten Gedanken klammert und in der Folge das eigene Leben dadurch beeinträchtigt wird. Es werden diverse Defusionstechniken vorgestellt. Ihr Ziel ist, „die Tendenz (zu) verringern, den Gedanken als das zu verstehen, worauf er verweist (…), statt ihn als das zu behandeln als was er direkt erlebt wird“ (S. 109). An diesem Textbeispiel wird deutlich, dass die Autoren häufig auf eine sehr abstrakte Metaebene „abdriften“, die dem ungeübten Leser viel abverlangt.

4. Kontakt zum gegenwärtigen Augenblick herstellen

In der ACT wird, in Anlehnung an die therapeutischen Ansätze von Kabat-Zinn (1994), intensiver Wert auf achtsamkeitsbasierte Arbeit gelegt. Vor allem ängstlich-depressive Menschen verdrängen viele Gedanken und Emotionen, was in der Folge zu einem Teufelskreis führt. Ziel der therapeutischen Arbeit sei, Flexibilität zu gewinnen und sich vom „Kampf mit (den) Gefühlen, Gedanken und Empfindungen zu lösen und sich (dem) Leben in diesem Augenblick zu stellen“ (S. 158).

5. Unterscheidung zwischen Selbst als Konzept und Selbst als Kontext

Das Konzept-Selbst beschreibt im Grunde das Bild, dass wir von uns selbst haben. Menschen mit psychischen Störungen, hier vor allem Menschen mit posttraumatischen Belastungsstörungen, sind häufig stark mit einer Art, sich selbst zu sehen, identifiziert (z.B. Schuldig, Opfer, etc.). Das Selbst als Kontext sei „eine Perspektive aus der wir wahrnehmen, sprechen, handeln und leben“ (S. 188). Es sei „ein Kontext, der alles einschließt, was Sie erlebt haben, der aber andererseits nicht eines dieser Erlebnisse »ist«“ (S. 189). Ziel sei also, den Augenblick bewusst aus einer Beobachterperspektive heraus nicht wertend wahrzunehmen. Dies solle befreiend wirken und Leiden verringern.

6. Als wertvoll eingeschätzte Orientierungen definieren

Einen eminent wichtigen Abschnitt dieses Buches bildet das Kapitel über die Arbeit an persönlichen Werten. Häufig wird in den herkömmlichen (verhaltens-)therapeutischen Schulen vor allem an konkreten Therapiezielen gearbeitet. Dieses Vorgehen ist zwar sinnvoll, weil konkret überprüfbar, häufig jedoch auch wird jedoch aus dem Blick verloren, was den Klienten tatsächlich grundlegend wichtig ist. Grundsätzlich bietet die Arbeit an Werten den Klienten die Möglichkeit, auch nach erfolgreich abgeschlossener Therapie erfolgreich Entscheidungen bezüglich ihres Lebens zu treffen. Da konkrete Techniken zum Erarbeiten von Werten an anderer Stelle vorgestellt werden, beschränken sich die Autoren hier auf die wichtigsten therapeutischen Fertigkeiten und häufige Probleme. Die genannten Quellen sind bislang bis auf wenige Ausnahmen (Hayes et al., 2004) lediglich in der englischen Originalliteratur erhältlich.

7. Muster engagierten Handelns entwickeln

Hier wird auf die wichtige Änderungsmotivation eingegangen. In diesem Teil der ACT finden sich die meisten Anknüpfungspunkte zu den traditionellen verhaltenstherapeutischen Methoden (z.B. Expositionsverfahren, Verstärkerpläne, Therapieverträge, etc.). Dies wird i.d.R. nach der Arbeit an den Werten der Patienten durchgeführt. Da auf die konkreten Techniken verständlicherweise nicht weiter eingegangen wird, macht gerade dieser Abschnitt deutlich, dass die ACT ohne eine fundierte therapeutische Vorerfahrung (präferabel im verhaltenstherapeutischen Setting) kaum zu nutzen ist.

8. Entwickeln von Fallkonzepten mit Hilfe der ACT

In diesem Kapitel geht es an die Praxis: Die Autoren liefern ein Blankoformular zur Erstellung eines ACT-Fallkonzeptes, ein Fallbeispiel mit ausgefülltem Formular, ein Fallbeispiel zum eigenen Üben und einleitend die theoretischen Informationen, wie die Therapieplanung nach ACT zu erfolgen hat. Dieses Vorgehen ist äußert hilfreich und macht noch mal deutlich, was im theoretischen Teil zuvor evtl. unklar geblieben sein kann.

9. Die therapeutische Haltung in der ACT – ACT nutzen, um therapeutisch mit ACT zu arbeiten

Die empfohlene Haltung eines ACT-Therapeuten, gleicht zum Teil grundlegenden Anforderungen an Therapeuten, die auch von anderen modernen Therapieansätzen (z.B. Kanfer et al. 2000) gefordert wird. Deutliche Abgrenzungen finden sich vor allem bei den dynamischen Umsetzungen mittels der ACT, die während der Therapiesitzung in der Interaktion zwischen Therapeut und Klient stattfinden. Dies zeigt sich vor allem in einer so genannten „nicht-literalen, von Defusion geprägten, präsente und akzeptierenden Grundhaltung“ (S. 355). Neben erneuten erlebensbasierten Übungen, in denen der Leser im Sinne der Selbsterfahrung seine eigene Haltung im Sinne des ACT-Ansatzes überprüfen kann, wird im Folgenden auf ACT-Prozesse auf den Ebenen Klient, Therapeut und Beziehung eingegangen.

10. Zusammenfassung aller in diesem Buch beschriebenen Aspekte

Abschließend werden die chronologisch durchgearbeiteten Komponenten der ACT zu einem Muster verwoben. Hier wird deutlich, wie viel Praxiserfahrung und Ausbildung von Nöten ist, um intuitiv mit diesem anspruchsvollen Ansatz arbeiten zu können. Die Autoren vergleichen die ACT-Therapie mit einem Tanz, bei dem man zunächst einzelne Schritte erlernt, um ihn nach und nach automatisiert und fließend, mit großer Flexibilität und Reflexionsfähigkeit situationsspezifisch im Sinne des Klienten nutzen zu können. Typische „Fallen“ im Umgang werden vorgestellt. Diese machen den Ansatz in seiner Gesamtheit nochmals deutlich.

Anhang

Der Anhang bietet noch einiges lesenswertes:

      • Die Nutzung des Arbeitsbuches in Gruppen und Kursen
      • Ressourcen und Literaturangaben für die weitere Auseinandersetzung mit der ACT
      • Ein Formblatt für die Einschätzung zentraler ACT-Kernkompetenzen
      • Ein Glossar wichtiger ACT-Begriffe
      • Literatur

Diskussion

Dieses Buch ist das Buch, das jeder Therapeut, der sich mit ACT auseinandersetzen möchte, gelesen haben muss. Die Liste deutschsprachiger Quellen ist noch kurz. Das Erstwerk von Hayes et al. (2004) wird viele Leser aufgrund seines Preises eher abschrecken. Auf viele der dort beschriebenen Techniken wird in diesem Buch jedoch nur verwiesen, so dass dieses Buch nicht für sich alleine stehen kann. Eine ACT-Ausbildung oder zumindest eine Einarbeitung mithilfe dieses Buches in intervidierten Arbeitsgruppen ist unumgänglich. Bei der ACT handelt es sich um einen evidenzbasierten hoch interessanten Ansatz, der jedoch auch viel therapeutische Vorerfahrung erfordert. Daher richtet sich dieser Band auch ausschließlich an diese Zielgruppe. Andere interessierte Leser werden deutlich überfordert sein. Insgesamt liest sich dieses Buch auch sehr komplex. Bei hohem philosophischem Anspruch wird der Leser stellenweise schwer gefordert. Für Laien ist stattdessen das Selbsthilfe- und Therapiebegleitbuch „In Abstand zur inneren Wortmaschine“ von Steven Hayes (2009) zu empfehlen. Dieses eignet sich auch hervorragend als Begleitlektüre für Therapeuten, da hier viele praktische Übungen und Übungsblätter vorgestellt werden.

Fazit

Ein großes Buch für einen relativ kleinen Leserkreis. Es sollte ausschließlich Therapeuten empfohlen werden. Es regt zum Nachdenken und zum Handeln an. Und zum Lesen.


Rezension von
Dr. Alexander Tewes
Leitender Dipl.-Psychologe, Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie (KJPP) - Haus 4
Psychiatrische Klinik Lüneburg gemeinnützige GmbH im Verbund der Gesundheitsholding Lüneburg
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Zitiervorschlag
Alexander Tewes. Rezension vom 06.10.2010 zu: Jason Luoma, Steven C. Hayes, Robyn D. Walser: ACT-Training. Handbuch der Acceptance-&-commitment-Therapie ; ein Lernprogramm in 10 Schritten. Junfermann Verlag GmbH (Paderborn) 2009. ISBN 978-3-87387-700-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/9301.php, Datum des Zugriffs 18.02.2020.


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